Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1929)
- Date
- 1929-01-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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©eite 14. Nr. 1. lieblichen Stimme und seiner Freude am Gesang. Er packt die schönsten Gesänge aus, die andern stimmen im Takte mit ein. Ein dreifaches Licht strahlt in diesem herrlichen Hause: Sabbatlicht, Licht der Thora, das Licht der jüdischen Gastlichkeit. - Und von unten herauf, von der Seeseite, nähern sich bedächtige Schritte. Es raschelt auf der Veranda. Leise und unsicher klopft es an die Türe. Zwei Männer, groß, jugendlich, gut gekleidet, treten mitten in den Lichtkreis, schauen etwas verlegen und fragen höflich, ob es gestattet sei. Sie kommen, nach Kleidung und Manieren zu schließen, aus einem der vornehmsten Hotels am See, wo. Engländer und Amerikaner wohnen, vielleicht schon von einem Bar. Sie sahen die Lichter, die ganz anders leuchteten, sie hörten die Töne, die anders klangen, und es zog sie mit magnetischer Kraft hinein. Ob sie eine Weile hier sehen und hören dürften. Gewiß. Die Fremden, mit ihren Stöcken in der Hand und dem Ulster auf dem Arm doppelt fremd in diesem Kreise, werden freundlich begrüßt, zum Sitzen eingeladen, mit Wein und Tee bewirtet. Sie schauen, sie hören, sie staunen, sie lachen und einer — zieht langsam ein weißes Tuch aus der Tasche und führt es unauffällig an die Augen. Kam eins Erinnerung aus einer entlegenen Ecke der Seele zum Auge hinauf? Gemahnte was an eine kleine Sabbatstube irgendwo im Osten mit einer alten Mutter, deren Runzeln im Scheine der Sabbatkerzen leuchteten! Damals, damals bevor man noch über das große Wasser in das flutende Leben der neuen Welt hineintrieb. Eine Erinnerung ... Die Fremden verabschieden sich mit Dank und gehen. Wer kanns sagen, ob nicht des Lichtes ein Funken sich in eine halbverlorene Seele jetzt gestohlen hatte, ob nicht eine heilige Träne einen irrenden Menschen auf den Heimweg bringt? Wer kann eine jüdische Neschomo in ihren tiefsten Tiefen durchschauen und bewerten? c« In Montreux wohnen einige einheimische Juden seit undenklichen Zeiten. Versprengte Teile aus dem Elsässischen, die nicht die Zahl und vielleicht auch nicht den Willen hatten, sich zu einer Gemeinde zusammenzuschließen. Als die Jeschiwo noch in primitiver Form-unten in der Stadt hauste, sahen diese Juden mit Unbehagen und Argwohn zu ihr hin. Fremde Sachen, was werden die Andern sagen? Sie stehen jetzt zuweilen unten und horchen, wenn das Thoralied hinunterklingt. Manch einer findet den Weg hinauf, wenn er „Jahrzeit" hat, um Kaddisch zu sagen. Im nahen L a u s a w n e geben Juden, die für ihre Person dem Judentum der Thora ziemlich fremd und fern stehen, sogarrecht viel Geld für die Erhaltung der Jeschiwo. Wer kennt die Fernwirkung eines zündenden Blitzstrahls? Am Sabbatmorgen ist der Gottesdienst mit einer zündenden Musfardroscho des Leiters bereichert. Sabbats Scheidestunde ist mit einem Vortrag des Gastes ausgefüllt, und der Abend nach Sabbatausgang gehört der Geselligkeit, der frohen Gemütlichkeit, dem Gaste, den Gästen zu Ehren. Wie wir nach Mitternacht den Gipfel hinuntersteigen, stehen sie am Abhange und singen Psalmen in die blaue Alpennacht. Wie ist dieses Wunder entstanden? Von wem und wie wird dieses Wunderwerk erhalten? Ich weiß es nicht. Ich habe in die Bilanzbücher des Unternehmens nicht geschaut. Aber zwei Aktivposten sah ich, die vielleicht mehr wiegen De r Israelit Nr. 1. : ©Site 13. ... als Millionen an Gold, die'heißen: Freude und Vertrauen. Viele zweifelten, viele lachten. Ein Unternehmen ohne Aktienkapital, ohne Rentabilitätsaussichten - . - Faktoren, die zur Hilfe angerusen wurden, hielten Sitzungen und Beratungen ab, faßten Resolutionen und legten Akten an, sie liegen gut. Inzwischen ging Votschko, unterstützt von einem Weibe, das sich an jüdischen Idealen entflammt, an die Arbeit und blieb unentwegt und unbeirrt, ohne nach rechts und links zu schauen, am Bau. Er machte Reisen, hielt Vorträge und schnorrte —- um Menschengut. Sein Gründungskapital bestand — in vier Jüngern, von den besten, a u s - T e l s ch, deren einer schon seit Jahren Rabbinatsautorisation! hat. Diese ersten Bachurim und heutigen Unterdozenten, sie waren das lebendige Programm, sie zeigten das Muster eines Bachur, Hines der Thora, dem Musiar, dem Derech Erez sich ganz hingebenden jungen Menschen. Sie schufen das Milieu, die Atmosphäre, den Rahmen, in den sich dann alle und alles von selbst einreihte. Es kamen sieben aus Ungarn hinzu, zwei aus Deutschland, aus Belgien, aus England, aus dem französischen Elsaß und dann nacheinander zwanzig Schweißer. Drei von diesen Schweizern, die zum Teil ohne Änfangskenntnisse herkamen, lernen heute schon in den Obergruppen und lehren als Dozenten in den Untergruppen. - Wie dieses Wunderwerk erhalten wird? Durch mäßige, zum Teile sehr geringe Bezahlung der Schüler, soweit sie aus wohlhabenden Familien kommen: durch bescheidene Beiträge, die Mitglieder eines gegründeten Vereins mit einem Kuratorium an der Spitze entrichten: durch freiwillige Spenden. Ob es reicht? Ich weiß es nicht. Die Lernzimmer sind schön, geräumig, mit blankgescheuertem Parkettboden, in die durch die geöffneten Fenster Sonne, Licht und Luft in vollen Strömen dringen. Blitzblank die zwölf Schlafzimmer/ sauber und hübsch der große Speisesaal, in denen von einer würdigen Dame, die Mit Herz und Geschick bei der Sache ist, die reichlichen und gut zubereiteten Mahlzeiten verabreicht werden. —-- Die Thora sucht ihre alte Stätte auf, sagte einstens der greise, weise Rabbi von Radin und weilt gern da, wo sie sich -mi ftüheren Generationen wohlsühlte. Suchen, sagt der weise Lehrer, ist nicht gleichbedeutend mit Finden. Suche ich das Schutzdach auf, unter dem meine Väter Asyl gefunden, und werde doch nicht eingelassen, so ziehe ich weiter. Die Thora kam vor hundert Jahren und klopfte an die Westpforte Europas. „Habe ich doch bei euch gewohnt und unter euch so glücklich gelebt, flehte sie. Wohnten und wirkten nicht bei euch die Großen! von Mainz, von Rotenburg, von Worms. Liegen nicht jenseits der Vogesen die Tossafisten begraben?" Aber kalt und taub blieb der jüdische Westen. „Kein Platz für dich, alte Thora. Unsere Jungen müssen in die moderne Schule, müssen ins harte Leben, müssen auf Sport- und Spielplatz, müssen in die Musikstunde. Was willst du noch bei uns?" Kommt sie jetzt wieder durch das Westtor gezogen, bekommt sie Einlaß? Und sie ging, die alte Thora, und schlug ihr Zelt da und dort auf, indes der Westen verödete, und viele kostbare Keimkräfte unter dem starren Winterboden starben und verdarben. In der Schweiz, wo ebenfalls einstens große Lehrer (der alte Friedhof von Endingen-Lengnau zeugt davon) wirkten, kletterte die Thora, da sie wieder kam, 600 Meter hinauf und läßt dort ihre Stimme über Berg und Tal erschallen, daß jenseits des Genfersees im französischen Boden die großen Lehrer von Zorfath in ihren Gräbern erwachen. Weiß die Schweiz,, in der jetzt neues jüdisches Leben allen Poren entquillt, weiß der Westen, weiß das Judentum, was sie dem Regenerator des Thoralernens in der Schweiz, dem Meister und seinem Werke schulden? S.—tz. Vom Verein »Ohawe Thora". Men. Zur Veröffentlichung der nachgelassenen Werke von Rabbi Josepl Engel 7~xt aus Krankow. Als der weltbekannte Gaon Rabbi Josef Engel V'st, der schon in ganz jungen Jahren unter den i»w 'Vm als berühmt war, vor fast 10 Jahren in- Wien das Zeitliche segnete,, hinterleh er über hundert noch unveröffentlichte Werke aus allen Gebieten jüdischen Wissens, deren Veröffentlichung vonder gesamten thorakundigen Welt mit großem Interesse -erwartet , wird.'' Als erster Schritt zur Verwirklichung dieses Wunsches gründete sich in Wien kurz nach dem Heimgang des unvergeßlichen Gaon der Verein- „Ohawe Thora" mit dem Ziele, nach und nach den außerordentlich wertvollen Nachlaß herauszugeben. Es würde ein ganzes Kompendium erfordern, um die Ehibbnrim von Rabbi Josef EngelVst zu würdigen. Eine kurz skizzierende Aufzählung derselben soll einem separaten Artikel Vorbehalten bleiben. Nur angedeutet rann hinwerden der originelle 117. den dieser Gaon zur Eft-orschung und Durchdringungen der n&n einschlägt, die philosophische Tieft und Gründlichkeit, die scharssinnige Logik, mit -der er haliachische Probleme löst und ethische Gedankengänge aus dem Talmud entwickelt. Die zunächst in Aussicht genommenen Veröfftnt- Kchuygen sind: 1. ixisn fl’a. Beth Ha-Ozar, eine alphabetische Enzyklopädie des Talmud, die systematisch und tiefgründig die , trpn nraioi mwe? erklärt, durch feinsinnige fvnao erhellt und gemeinverständlich macht: 1. Giljone Ha-Schaß, ein kritisches Glossarium zum gesamten babylonischen und jerusalemischen Talmud mit Erklärungen unter Heranziehung aller synonymen und bezüglichen Talmudstellen. Beide umfassenden Werke sind wcchre F-undgrüben auf dem Gebiete rmtn na^n ipn der Erforschung von- Hwlacha und Agada. An der Spitze des Vereins „Oharve Thora" steht der einzige Schwiegersohn des Gaon ^sr« Herr Rabbiner I. M. Morgenstern, Wien, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese o’a->y7 für alle mm herauszugeben. Unter seiner aufopferungsvollen Leitung sind bisher erschienen: *,.81' mi8irr Ozroth Josef, in. 4 Bänden über Halacha und Homiletik, hiervon ein Band Homiletik aus - dem Gebiete der Kabbala, deren Quellen im Talmud nachgewiesen werden. (Cs sei bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß der Verfasser 7"xt überhaupt sämtliche Grundlehren der Kabbala des einzelnenim Talmud nachweist und hierüber ausführliche Abhandlungen geschrieben hat.) wi-Vii'i '788 v"vn 'jv7> erster Band, auf Traktat Berachoth und die Mischna-Traktate des Q’jnr no* pie Fortsetzung dieser Veröffentlichungen ist jedoch nur möglich, wenn alle niivn '8ni« dazu beitragen, die zur Drucklegung notwendigen Geldmittel zu beschaffen. Herr Rabbiner Morgenstern weilt zurzeit hier und hat bereits mit hiesigen führenden Persönlichkeiten Fühlung genommen, die sämtlich weitgehende Unterstützung und Förderung dieses segensreichen. Unternehmens zugesagt haben. Es ist nur zu wünschen und zu hoffen, daß es der Mitwirkung dieser Persönlichkeiten gelinge, eine Lösung der finanziellen Seite dieses Unternehmens zu finden, und es soll hiermit an alle Thoratreuendie Bitte gerichtet werden, an diesem erhabenen Werk teilzunehmen-, um seine Ausführung zu ermöglichen. yuaiitLt». Moriiz Wolf Zigarren Verantwortlich für de» allgemeinen Teil o«d da« Feuilleton Ä. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.r S. Tchach« aowitz, ebenda. — Mir die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann 1» Sprendlingen (8t. Offenbach). — Verlag .Israelit", V.m.h.tz., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Verlag»' SHtienaelelllibaft. Kranksurt 0. M.