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Der Israelit · 1929-01-03 · Heft 1 (3.1.1929) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 1 (3.1.1929)
Date
1929-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Z. Januar 1929 ... " Der Isra e.l >it > ' ,, Nr. 1. Seite 5. frage m Deutschland ließ sich nicht umgehen, wenn die jüdische Oeffentlichkeit, wie es -ihr gutes Recht, ja, wie es ihre Pflicht ist, zu der Frage Stellung nehmen soll, ob in unserer zu größter Sparsamkeit gezwungenen Zeit große Summe ns ü r d en judis chen Ab klatsch v on Experim enten aufgebracht werden sto l.l<em, d.e x e n Ge litt ge n n och s e h r in Z w e i f e l g^s z o g e n m e r d e n darf. Diese Stellungnahme ist nöttg, damit nicht -die einsektige Informierung durch bestimmte, aber immerhin nicht ganz unvoreingenommene Sachverständigenkreise Entscheidungen zeitigt, -die späterhin vielleicht nur unter schweren finanziellen Opfern wieder gut zu machen sind. Es scheint die Absicht zu bestehen, für Bayern, unter gleichzeitiger Auflösung der altehrwürdigen Höchberger Präparandenanstalt, «in Würzburg eine Aufbauschule zu gründen und das dortige Seminar zu einer Akademie umzugestalten. In einem Sprech- ' faalartikel des „Israelit" wurde unlängst eine phantastisch anmutende Summe für Bauzwecke genannt. Ob und in welcher Weiseneben der Akademie auch noch eine nur für Religionslehrer bestimmte Ausbildung laufen soll, ist nicht klar zu ersehen. Die tonangebenden Herren scheinen solche Absichten abzulehnen. Köln scheint den Versuch zu machen, die Jawneschule für Zwecke der Lehrervorbereitung auf den preußischen Landesverband zu übertragen: das Seminar soll dann, so wird erzählt, gleichzeitig eine Abteilung für Religionslehrer (Voraussetzung Obersekunda- Reife) und eine zur Ausbildung akademischer Lehrer enthalten. (Fortsetzung folgt.) 50 Jahre Antisemitismus. Von A. Mannheimer in Dettelbach. II. _ In Frankreich ist der Antisemitismus mit der „Dreyfus-Affäre" sozusagen vom politischen Schauplatz verschwunden. Eduard Drumoint hatte jahrelang in seiner „Libre Parole" gegen die Juden gehetzt. Die militärischen Nationalisten und die Klerikalen luden den Schandfleck auf sich, daß man dem jüdischen Offizier Alfred Dreyfus vier Jahre lang als Landesverräter auf der heißen Teüfelsinsel bei Südamerika unschuldig einkerkerte. Da veröffentlichte der berühmte Schriftsteller Emile Zola 1898 feinen wumdervollen Kampfruf „J'accuse" („ich klage an") und rief damit alle Freunde der Wahrheit und GerechtigLeit auf den Plan. In zwei großen VerhandlftngenWe die Welt in Atem hielten, wurde die UnschuldWreyfus' erwiesen und 1906 wurde dH ^MischWOffizier unter prunkhafter militärischevLFoxWroieöer öffentlich rehabilitiert. Seit- -MUng-eHhpide abwärts mit dem französischen Antisemitismus. Er hatte abgewirtschaftet. SovUt/hsm Auslande! Uns interessiert natürlich inpersterMnie-die Auswirkung des Antisemitismus direkt auf unsere Stellung als deutsche Staatsbürger, also die Vorgänge. i m P a r l a ment, i m' de u t s ch e n Re i ch s - tag. Selbstredend wagten sich die Antisemiten ' nicht so schnell hervor mit ihrem Herzenswunsch, der Aufhebung der Gleichberechtigung der deutschen Juden hervor. Die liberale Aera seit 1870 wirket doch noch respektvoll ,, -nach. Man suchte es auf Umwegen zu erreichen. Darum sammelte Dr. Bernhard Förster 1880 die berühmte Antisemitenpetition, heute würde man Volksbegehren sagen. Etwa eine viertel Million brachte man auf. Fürst Bismarck würdigte sie nicht einisial einer Antwort und im preußischen A-'goerdnetenhaus bekundete Graf Stolberg als Stäatsministerpräsident die völlige Aussichtslosigkeit des Petitiönssturmes. Der freisinnige > Abgeordnete Dr. R ickert, yebst seinem Fraktionsgenossen Eugen Richter einer der wackersten Verteidiger der Juden im Parlamente, stellte in der Sitzung vom 28. Januar 1893 den konservativen Abgeordneten v.Minnigerode mit der Frage fest: „Sie haben das Recht auf gesetzlichem Wege eine Aenderung der Verfassung anzustreben, dann sagen Sie aber auch , offen heraus, welche Rechte Sie den deutschen Juden nehmen, welche Sie ihnen lassen wollen." v. Minnigerode mußte Farbe bekennen. Der berühmte Medizinprofessor und Physiologe Rudolf Birchow hatte .schon 1885 dem Hofprediger Stöcker zugerufen: -Mas wollen Sie denn eigentlich? Möchten' Sie einen geachteten! Teil des deutschen Volkes außer Gesetz und Recht setzen? Wozu machen Sie hier die ganze Unterhaltung?" — Nebst Prof. Birchow stellte auch d'er große Historiker Theodor Mommsen seinen Mann, wenn von „Verjudung der Universitäten und Mittelschulen" die Rede war. — Andere Gegenstände von Petitionen bildeten das Verbot der Judeneinwanderund (1893) und ein Verbot des rituellen Schächtens.. Hier stand namentlich die große Zentrumspartei wachsam auf dem Posten. Hatte sie doch am eigenen Leibe durch den Kulturkampf den Schmerz religiöser Bedrückung erfahren (1873—1876). In einer groß angelegten Rede über das Schächten verteidigte 1899 der damalige Zentrumsführer Dr. Liebert unsere religiös en Belange aufs wärmste. Nicht wenig trug zu dem Siege über die Gegner bei die berühmte Gutachtensammlung von Dr. Hirsch Hildesheimer s. A. Fast 400 der ersten.damaligen Physiologen, Veterinäre, Schlachthofdirektoren usw. sprachen sich, teils m begeisterten Worten, zugunsten des Schächtens aus. Die Wucht dieser Fachgutachten, welche später auf über 600 gesteigert wurden, wirkte mächtig nach. Dennoch hatte Sachsen als einziger deutscher Bundesstaat rund 15 Jahre ein Schächtverbot eingeführt. Es wurde 1910 zum großen Schmerze der antisemitischen Tierschützler aufgehoben. — Bei der gesamten sozialen Gesetzgebung war die parlamentarische Tätigkeit der Judenfeinde, wie mehr als einer der ihrigen selbst bezeugte, sehr gering. Es herrschte bei ihnen vollständige Disziplinlosigkeit. Nur neunmal stimmten sie geschlossen. Besonders groß war der Wirrwarr unter den Antisemiten beim Toleranzantrag des Zentrums der Abstimmung fern, die andern 5 stimmten in! 1902. Sieben von den 12 Antisemiten blieben dreifacher Richtung! Lebhafter wurde sie bei der Reichsfinanzreform 1903 und der Börsengesetznovelle. Natürlich! Da konnte man gegen die jüdische Geldmacht sein Herz ausleeren. Dagegen brachten die sechs von Liebermann von Sonnenberg geführten Antisemiten seinerzeit die Erbschaftssteuer zu Fall: sie waren zugleich die Bülowstürzer. Hochsaison war für die antisemitischen Abgeordneten die Zeit der Ritualmorde. Dieses albernste, haarsträubendste aller Märchen war ein gefundener fetter Braten für sie. Dem knappen hier zur Verfügung stehenden Raum Rechnung tragend, sei für das jüngere Geschlecht chronologisch nur Folgendes registriert: \ 1882 verschwand in dem ungarischen Dorfe Tisza-Eßlar die junge Esther Solymosfi. Man beschuldigte die Juden des Ritualmordes. Die Leiche wurde aber später in der Theiß unverletzt gefunden. Die Antisemiten behaupteten, es sei gar nicht die Solymossi. Sie bearbeiteten den jungen .Moritz Scharf solange, bis dieser seinen eigenen Vater beschuldigte, er habe das Mädchen „geschlichtet". Der große, sensationelle Prozeß nahm plötzlich eine Wendung, als der Advokat Eötvös öew jungen Moritz Scharf der Lüge überführte und zum Geständnis brachte. Scharf wunderte nach Amsterdam aus und starb später dort als Diamantenschleifer. War dieser Fall im „dunklen Ungarn hinten", so hatten 1892 die Antisemiten die Genugtuung, im eignen Vaterland einen richtiggehenden Ritualmordzu sehen, In Tanten am Niederrhein fand man in einer Scheune die Leiche des fünfjährigen Johann Hagemann. Man verdächtigte den jüdischen -^Schlächtermeister Buschhoff in Tanten. . Der. Freudenrausch unserer Antisemiten endete nach der zehntägigen Verhandlung mit größter Enttäuschung. Der Staatsanwalt stand auf, gratulierte Buschhofs, indem er ihm die Hand reichte und sagte, er habe n o ch nie während seiner langjährigen Praxis einen Fall gehabt, worin die Unschuld des Angeklagten klarer zutage getreten fei. Auf dem Richtertisch hatten sich Berge antisemitischer Drohbriefe für den Staatsanwalt wie den Verteidiger getürmt, um den Gerichtshof einzufchüchtern. Das gleiche Bild beim Mord m Könitz (Westpreußen), wo der Obertertianer Ernst Winter im März 1900 zerstückelt aufgefunden wurde. Der Verdacht der Täterschaft richtete sich gegen den Juden Jsraelki. Herr v. Hertzberg-Lottin kündigte im Herrenhaus eine Interpellation an, in welcher die Regierung aufgefordert werden soll zu beweisen, daß die „iin den letzten Jahren vorgekommenen unaufgeklärten Morde an christlichen Jungfrauen und Jünglingen keine jüdischen Ritualmorde seien". Der edle Herr fand nicht die erforderlichen 20 Unterschriften. Der Mörder Winters blieb bis auf den heutigen Tag unentdeckt. Bezeichnend war aber, daß der Kriminalkommissar Wehn! im Laufe des Prozesses aussagte, er sei als Antisemit nach Könitz gekommen, habe aber dort a u f g e h ö r t e s z u s e i n. — Der Verleger der „Staatsbürgerzeitung" Wilhelm Bruhn aber wurde 1902 zu seck^ Monaten Gefängnis verurteilt, weil er anläßlich des Konitzer Mordes die Behörden und Beamten der Parteilichkeit zugunsten der Juden beschuldigt hatte. Im Vorübergehen sei noch an die „Rituälmorde" in Korfu (1891) und Polna (1899) erinnert, wobei, die Antisemiten jedesmal einen wahren Hexensabbat aufführten. Umsonst traten hohe Geistliche, Gelehrte und Historiker gegen die Blutbeschuldigung auf, umsonst, schrieb Prof. Franz Delitzsch in feuriger und feierlicher Entrüstung sein Buch „Schachmatt den Vlusiügnern". Es ist die Blutlüge die dunkelste Wolke am trüben politischen Himmel jener Tage. Und heute?- Wenn man von einem Radau-Antisemitismus spricht, so muß an zwei erste Vertreter dieser Kampfesart erinnert werden: an den Grafen Pückler, der stets mit einem Dreschflegel auftrat. Der wüste Skandal wurde schließlich den eigenen Parteigenossen zu arg. Der Dreschgraf, der in den Jahren 1902—1905 in Berlin seinen Varietee-Antisemitismus zum Besten gab, wurde wegen G e i st e s st ö r u n g schließlich interniert. Aehnlich trieb es m den neunziger Jahren der Schuldirektor a. D. („aller Deutschen"), Ahlwardt, eine der widerwärtigsten Gestalten der antisemitischen Demagogie. Er/'/ wuröö, 1892 wegen Verleumdung des P^rliDr Magistrats, von Lehrern usw. zu vier MonMM. Gefängnis verurteilt. Sodann verleumhete^r M/ feiner „Judenflinten"-Broschüre denMMMKM Ludwig Löwe, er habe der HeeresMWsfMäMb 000 Gewehre geliefert, die weniM/.M/ dfe^Feinde als für den Träger gefährlich/seien. Her aufsehenerregende „Judenflintenprozeß" ttug Ahlwardt 5 Monate Gefängnis ein. Bei den Antisemiten blieb Ahlwardt jedoch der große Märtyrer. Bemerkenswert ist ein Wort der Tochter Ahlwardts über den eigenen Vater: er sei der schlechteste Mensch, der je gelebt. (Schluß folgt.) Wochenkalender. o. 5. Dez. Bfs 12. Jan. 1929 l v. 23 Debet bis 1. Schebat 5689.. Samstag Sonntag Montag vienstag Jan, ' 5 6 8 tNv 23 24 25 26 ennn pnaa niöB»' MauledDminerstaa abends 9 Ubr 59"/,« M. naipn v"iaa myn Mittwoch 9 27 Donnerstag 10 28 •pp ->1S2 Dl’ freitag 11 29 Samstag 12 V3V 1 snn 278*1 8*181-

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