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Der Israelit · 1929-01-03 · Heft 1 (3.1.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 1 (3.1.1929)
Date
1929-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Serbe 4. Nr. 1. der mit Anfang des bürgerlichen Jahres tagende internationale Studentenverband ohne Scheu und Scham die Hand auf die Eiterwunde zu legen gedenkt, von der eine Verseuchung des Geisteslebens Gesamteuropas droht. Die internationale Konferenz im Schloß B i e r v i l l e bei Paris wird von dreißig Vertretern aus allen Weltteilen beschickt und hat den einzigen Zweck, die Vertreter der verschiedenen Anschauungen zu einer vorurteilslosen und sachlichen Aeußerung über die Motive des Hochschulantisemitismus zu Worte kommen zu lassen. Sachverständige Persönlichkeiten werden Referate über dieses und verwandte Themen halten, so über „Die jüdische Wanderung in Europa und „Die Lage der Juden in Europa". Berichte über Erlebnisse jüdischer Studierender an europäischen Universitäten folgen, und man wird über konkrete Vorschläge beraten zur Lösung all der Probleme, die sich aus der Tragik des jüdischen Studenten ergeben. Man hofft in allen beteiligten Kreisen, aus dieser Konferenz ein gegenseitiges Verständnis zu erzielen und damit im Kampfe gegen den Hochfchulantisemitismus ein gut Stück vorwärts zu kommen. Wir schließen uns aus vollem Herzen dieser Hoffnung an; im Interesse der Juden, aber nicht zuletzt im Interesse der Völker, denen allen das geistige und sittliche Niveau der Hochschule das eigentliche Barometer für den Kulturstand des Landes ist. Die Freiheit der Wissenschaft bedingt in erster Reihe persönliche, politische und bürgerliche Freiheit des Menschen. Wo eine Hochschule vom Katheder herab und durch den Korpsgeist der Kommilitonen Menschen von engherziger.Auffassung des Freiheitsgedankens erzieht, da steht es recht schlecht um die Zukunft von Land und Leuten. Die Regierungen aller Länder sollten den Verhandlungen und Beschlüssen in Dierville ein aufmerksames, williges Ohr leihen. Jüdische Lehrerbildungs-Inflation. i. Von Zeit, zu Zeit berichten die jüdischen Zeitungen von Entschließungen oder Beschlüssen der großen Verbände über die Neuregelung der Ausbildung der jüdischen Lehrer. Zwar wird in diesen offiziellen oder offiziösen Verlautbarungen dem Außenstehenden nur wenig Einblick in die Einzelheiten der zu treffenden Maßnahmen gestattet, wird sehr wahrscheinlich vieles absichtlich unklar gehalten oder verschleiert; wer aber die allgemeine Entwicklung der Lehrerbildungsfrage in Deutschland verfolgt, vermag sich doch ein einigermaßen zutreffendes Bild der zum Teil .Werter ist; als eine mehr oder weniger pilpulistische . S cha leium.' den eigentlichen irdischen Kern. Ob aber Herr' Sokolow klug daran getan hat, dem religiösen jedoch Monistisch orientierten Juden hier in Litauen so ündachnherM die Augen zu öffnen und ihnen - das wahre/ ungeschminkte Gesicht des Zkdnisiyus zu' präsentieren, möchten wir denn doch füglich bezweifeln. Djatz der Zionismus in Litauen auch bei der religiösen, älteren Generation so viel Sympathie und Freundschaft genießt, ist nur zu begreifen., wenn man in Betracht ziehtdaß der Litauer meist nur Gedankenmensch, Theoretiker ist, der von einer Idee geblendet, die Verantwortungsschwere übersieht, die er mit ihrer Verwirklichung auf sich lädt. Der talmudischen Ka-- suistlk hat nicht nur der einstige Jeschiwabochur N. Sokolow höchstwahrscheinlich seine politifchey Fähigkeiten zu. verdanken, die tolnrudlsche rein begriffsmäßige Geistesschulung hat es auch dem frommen litauischen Juden oftmals leider möglich gemacht., aus dem irdischen, Sokolowschen Zionismus „fchel mato" einen höheren, vom jüdischen Standpunkt scheinbar berechügtm Zionismus „fchel maloh" hevauszupilpulieren. Daran war zwar weder Talmud noch Jeschiwa schuld, sondern vielmehr die' charakteristische Geistesstruktur des Litauers. - Herr Sokolow hat uns einen großen Dienst erwiesen. Der Jude, der Sabbat für Sabbat, bei offener Thorarolle — im litauischen Beth hamidrasch — für den Natiynalsond Gelder spendet, wird sich hoffentlich jetzt leichter über das Absurde seiner Handlungsweise vufklären lassen. Herr. Sokolow hat dem Zionismus die Maske heruntergerissen und feinen irdischen! Kern bloßgelegt. „Schwert und Bogen" ist Trumpf! Fort mit „Pschetl" und „Pilpul"; das gebiert nur Jdeenstreit und Parteispaltung. Jedoch, diese gewiß sehr ehrliche und offene Demaskierung konnte nicht vorgenommen werden, ohne dem überli eferungstreuen Judentum eins ■■ * D e r Is r o ve I i t recht hochfliegenden Pläne zu entwerfen, W erscheint darum auch-jetzt schon als zulässig, ja geradezu geboten, ehe es zu. spät ist, die Bedenken gegen die beabsichtigten Neuerungen öffentlich vorzubringen. Es sind ja in erster Reihe nicht einmal die finanziellen Nöte, unter denen heute ausnahmslos alle vordem auf die freiwiltige Unterstützung breiter jüdischer Kreise angewiesenen, für die Allgemeinheit wirkenden Institutionen leiben, die zu der Neuordnung zwingen. Der Anlaß kommt vielmehr ausschließlich von der durch die Reichsverfassung geforderten und m der Mehrzahl der deutschen Länder bereits vollzogenen einschneidenden Aenderung des bisherigen Weges der Lehrerbildung. Grundvoraussetzung für die zukünftige Lehrerbildung ist die Reifeprüfung einer zum Universitätsstudium berechtigenden Vollanstalt. Einige Länder haben d.ie Ausbildung, wenn auch unter sich wieder m< sehr verschiedenartiger Weise, an die Universität oder die allgemeinwissenschaftliche Abteilung einer technischen Hochschule verlegt (Sachsen, Thüringen, Hessen, Hamburg, Vraunschweig). Preußen dagegen hat eine neue Art Hochschule, die pädagogische Akademie, ins Leben gerufen und ist im Begriff, die bis jetzt zur Erprobung des Planes gebildeten vier Anstalten (zwei evangelische, eine katholische und eine simultane) im nächsten Etatsjahre um vier, im übernächsten' sogar um sechs zu vermehren; das letzte Wort liegt noch beim Landtag. Inzwischen sind auch, aber nicht in ursächlichem Zusammenhang mit den Akademiegründungen, seit dem Jahre 1923 in einer Anzahl mittlerer oder kleiner Städte sogenannte Ausbauschulen eingerichtet worden, die nur wirklich gut befähigte Volksschüler nach dem siebenten Schuljahr (Preußen hat acht, Bayern, trotz Reichsverfassung, nur sieben Schuljahre), in einem sechsjährigen Lehrgang zur Reifeprüfung führen. Die meisten von ihnen sind nach einem neuen Typ der höheren Schule — deutsche Oberschule — eingerichtet; es finden sich aber auch Oberrealschulen und Realgymnasien darunter. An die geistige Mitarbeit und die Befähigung der Aufbauschüler werden sehr hohe Anforderungen gestellt; sollen sie doch in sechs Jahren das Ziel der neunjährigen höheren Schule erreichen. Man ist bestrebt, die meist auf dem platten Lande beheimateten Abiturienten der Aufbauschulen der pädagogischen Akademie zuzuführen. Vis jetzt stammen allerdings deren Besucher, darunter die Ostern 1928 erstmals entlassenen akademischen Volksschullehrer, von anderen höheren Schulen. Trotzdem war der Andrang zu den pädagogischen Akademien so groZ, daß zahlreiche Bewerber (an. einigen Anstalten über die Hälfte) zurückgewiesen werden zu versetzen. Das letztere war doch nun völlig unnötig, Herr Sokolow! Die Geschichte mit dem Lichtchen haben wir nicht sslwa -ausgeklügelt, sondern sie ist überliefert in unfern alten Urkunden, die Sie genau so gut,.kennen, lvie wir, Herr Sokolow! Bis heute glaubt noch ein MroßteK des litauischen Judentums aus das Besllmm- Mte, daß Chanuka keineswegs «ine Makkabäer-Siegesfeier bedeutet, die'ja passender und-viel sinnvoller in einem' Sportwettkampf ihren entsprechenden symbolhaften Ausdruck gfuenden hätte, sondern nur — eine „Erzählung von einem Lichtchen". Doch wir verstehen, daß es Herrn Sokolow und der allztonistifchen Konferenz ganz unbewußt, insgeheim graut vor diesen kleinen Lichtlem, .die von .heiligem Makkabäergeiste vor Jahrtausenden entzündet, Symbol waren für den überirdischen Kern des echten, unverfälschten historischen Judentums und die noch leuchten werden, wenn die jüdische Welt über alle Sokolörvs und allen Pseudonationalismus schon längst zur Tagesordnung übergegangen sein, wird. (Bibelvortrag im Rundfunks Man schreibt uns aus Königsberg: Eine religiöse Feierstunde bot Oberkantor Magnus Davidsohn aus Berlin am vergangenen Montag hier im Rundfunk. Bon der Schöpfung beginnend bis zu den Propheten sang und sprach er Werke klassischer und moderner Autoren. Der ganze Farbenreichtum der Bibel wurde durch die verschiedenen Dichtungen und musikalischen Balladen den Hörern näher gebracht. Am Schlüsse .betonte der Sprecher des Rundfunks, daß es eine'Weihe- und Feierstunde gewesen, die wunderbar von der Schwere des Alltages gelöst und den Hörern den prachtvollen Stoff der Bibel wieder einmal näher gebracht habe. - S. Januar 1929. mußten. Die Äufbaufchüler werden erst vonr nächsten Jahre an stärker in Erscheinung treten/ Nester die Ausgestaltung der pädagogischen Akademie selbst, erst recht^über ihre Bewährungist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Als sicher kann bereits heute festgestellt werden, und das ist für die Lehrerbildungsprojekte der jüdischen Verbände von Wichtigkeit, daß der auf zwei Jahre berechnete Ausbildungsgang zu kurz, ist. In einer vor kurzem-stattgehabten offiziellen Besprechung , hat der Herr Minister Becker erklärt, daß er die Ausdehnung der Studienzeit auf sechs Semester grundsätzlich für nötig halte, nur finanzielle Hindernisse ständen diesem Aufbau augenblicklich im Wege. Danach kann man mit Bestimmtheit annehmen, daß die von allen Beteiligten geforderte Erweiterung in nicht allzu ferner Zeit geschieht. Besonders schwierig ist die Besetzung der Dozentenstellen. Minister Becker nimmt es durchaus erst mit seiner Absicht, die pädagogischen Akademien zu vollwertigen, den älteren völlig gleichwertigen Hochschulen auszugestalteh. Von den Dozenten in den wissenschaftlichen Fächern wird verlangt, daß sie befähigt sein sollen in ihrem Fache, auch an jeder Universität Universität als ordentliche Hochschulprofessoren zu lesen. Ein durch Wissen und Können hervorragend ausgezeichneter Volksschullehrer mag ein erstrangiger Seminarlehrer gewesen sein, ein Studienrat sich in seinem Fache an einer höheren Schule ganz besonders bewähren, sie werden dadurch noch lange nicht als Universitätslehrer, also auch nicht als Akademieprofefforen, die zum Teil auch Titel und Bezahlung eines Universitätsprofessors erhalten, zugelassen. Die Befähigung der Akademiedozenten zum Universitätslehrer ist aber die erste Voraussetzung für die hochschulmäßige Ausgestaltung der Akademien, die sich doch die Anerkennung der älteren Schwesteranstalten erst erkämpfen müssen, namentlich da heute schon die Forderung erhoben wird, ihnen sobald als tunlich das Promotionsrecht zu verleihen, um das z. B. die , technischen Hochschulen jahrzehntelang ringen mußten. Nun ist die Frage der Ausbildung der jüdischen Volksschullehrer neuerdings dadurch stark in Fluß gekommen, daß Bayern, das bislang von Neuerungen nichts wissen wollte, im Begriffe ist, seine Lehrerbildung nach dem preußischen Muster einzurichten. Wenigstens äußerlich; denn ganz von der Hand läßt sich der Verdacht nicht weisen/ daß Bayern, wie man das in der Regel von ihm gewöhnt ist, dem norddeutschen Vorbild nur. zögernd folgt und daß zunächst einmal die bayerischen Aufbauschulen, die im Gegensatz zu Preußen für den Gesamtplan eine - notwendige Voraussetzung zu bilden scheinen, wissenschaftlich den preußischen nicht gleichkömmen werden, paß sie vielmehr eine vermehrte und^vewessexte Präparandenschule darstellen. Und noch viel mehr mag es fraglich erscheinen, ob die/bayerische Akademie selbst in ihrer Grundabsicht den hochschulmäßigen Charakter tragen soll, den her preußische Minister für seine Lieblingskinder wünscht. .Damit soll in keiner Weise ein absprechendes Werturteil über die zukünftige bayerische Lehrerbildung an sich ausgesprochen werden; denn wenn auch bei jeder Gelegenheit das Gelingen des preußischen Versuchs laut verkündet wird, so kann doch erst die v ie l fä ch'e B e w ä h r u n g der Reulehrerind e r P r a x i s den stichhältigen Beweis erbringen, obdem neuen akademischen Lehrergeschlecht nicht vieles von dem a b g e h t, was. die. alten in einem guten Seminar auegebrldeten Lehrer ausgezeichnet hat. Einstweilen dürfen noch Zweifel /gestattet sein, öb nicht ein durch Annäherung an die übrigen Bilduygsanstalten verbessertes Seminar eine brauchbarere Lösung der Lehrerbildungsfrage gebrächt hätte. Hier mußteaber auf die wenigstens für die jüdischen. Volksschullehrer recht bedeutungsvolle Möglichkeit hingewiesen werden, daß PrssUßen auch in Zukunft die bayerische Lehrerprüfung nicht anerkennt. ' Diese ausführliche, die Interessen der meisten Leser scheinbar gar nicht berührende Darstellung per allgemeinen Entwicklung der Lehrerbildüngs-

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