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Der Israelit · 1928-12-27 · Heft 52 (27.12.1928) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 52 (27.12.1928)
Date
1928-12-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton Der Israelit vr 52 192$ Die große Trommel. (Nach einer alten Schrift.) Der Tag senkte sich, als sich der Rabbi aus seinem Studierzimmer auf die Straße begab, um seinen täglichen Spaziergang bis zur Brücke zu machen. Plötzlich ein Auflauf, eine Menschenansammlung, Stimmengewirre. „Wer rettet? Wer kann schwimmen?" Rabbi Meir, großgewachsen, jugendlich und elastisch trotz der bleichen Gelehrtenfarbe, hatte, als er zum Strome einbog, den Vorgang gesehen und die Situation gleich ersaßt. Aus der engen Gasse der alten Stadt kam ein Mann, dem Aussehen nach ein Adeliger, mit zerrissenem Wams und zerzausten Haaren gelaufen. Er schwang sich blitzartig auf das Brückengeländer und sprang ins Wasser. Vor den Augen aller, die durcheinander schrieen, ohne etwas zu tun. Kurzentschlossen legte der junge Rabbi den Rock ab und sprang dem' Ertrinkenden nach. Er erreichte ihn noch kurz, bevor er von den Fluten in den Abgrund gezerrt wurde. Der Lebensmüde zeigte keine Dankbarkeit. Er schlug nach seinem Retter und rang mit ihm. Aber dieser ließ nicht nach, grub sich mit seinen Fäusten in die Haare, in den Nacken des Ertrinkenden und zog ihn mit Aufbietung aller Gewalt ans Ufer. Die Menge jubelte Veifkll. Nach einer Stunde saßen sie beide, Rabbi und Ritter, im warmen Zimmer und hatten trockene Kleider an, die man ihnen zum Wechseln gereicht hatte. Lange saßen sie schweigend. Dann ergriff der Rabbi die Hand des fremden Mannes: „Ich bin noch jung, und Du kannst zu mir, wie zu einem Bruder reden. Könnte ich erraten, was Dein Herz so tief bedrückt, daß Du den letzten Weg in den. Fluten suchtest." „Ich könnte Dir gram sein," sagte der Andere, „daß Du mich an meinem Vorhaben! verhindert hast, aber nun-bin ich es nicht mehr. Ich sehe, Du bist ein edler Mensch und willst mein. Gutes. So höre . . . Vielleicht wirst Du mich anders ansehen und anders behandeln, wenn Du meine Geschichte kennst. Vielleicht bereust Du dann die Mühe und wünschtest mich gern zurück in die Fluten . . . ' Es war vor zwanzig Jahren. Ich lagerte mst! meinen Kameraden vor.Frankfurt .Unsere Taschen waren le.er und wir darbten. Da meinte einer der jungen Ritter: „In Frankfurt laufen so viele Dickwanste von Juden herum, die volle Taschen haben. Wir sehen uns einmal bei ihnen um." Nachts waren wir im Ghetto, und ich will und kann nicht erzählen, was wir da taten. An Geld mangelte es uns jetzt nicht mehr. Und damit kam auch der Uebermut. Gegen Morgen kehrten wir in unser Lager zurück und brachten uns auch so einen Juden mit, eine lebendige Kriegsbeute. Nun . bitte ich Dich, Rabbi, schau mich nicht an. Ich kann es nicht erzählen, wenn ich Deinen Blick auf mir . ruhen sehe . . . Also es war ein Jude, ich sehe ihn noch, als wäre es heute gewesen. Häger, grauhaarig, mit kurzem Spitzbart. Schau, mich nicht so an, ich selber tat ihm nichts. Er schrie so fürchterlich unter den Händen seiner Peiniger. Die Leute in den Häusern rundherum wurden aufmerksam. Da holte ich die große Trommel, trommelte und trommelte, daß die Trommelschläge die Todesschreie des Juden übertönten. Ich trommelte ohne Aufhör, bis kein Stöhnen mehr zu hören war.- Zwanzig Jahre sind verstrichen, wir waren noch, ach so jung. Und nun höre ichi Trommelwirbel, man trommelt hier, man trommelt dort. Jemand in meinem Gehirn säsiägt. die große Pauke. Und immer sehe ich das verzerrte Gesicht des Sterbenden, seinen offenen Mund, aus dem Schreie kommen, die die große Trommel verschlingt. Der Pauken« und Trommeln wirds immer mehr. Seit einigen Monaten höre ich meine eigene Stimme nicht mehr, nicht einmal meine eigenen Gedanken vor lauter Trommelschlägen. Mir blieben nur die Fluten. Nun kommst Du und holst mich hervor, daß ich wieder die Trommeln höre. Das ist die Rache des Juden, dachte ich und setzte mich zur Wehr. — --- ■ Aber wie merkwürdig! Seitdem ich in Deinem Hause bin, höre ich nichts, es ist ruhig in meinem Kopfe und in meinem Herzen." „Du hast den Tod auf Dich genommen", sagte der Rabbi. „Der Tod sühnt". „Und wird die Trommel schweigen?" fragte der Ritter. „Sie wird schweigen, so wie Haß und Raubsucht in Deinem Herzen schweigen. Die Fluten haben Sünde und Vergangenheit von Dir gewaschen." Der Ritter ging aufrecht in den Morgen hinaus. Der verheiratete Tod. (Eine Legende fpanioüscher Inden.) Don K. Aeuvauer-Kermannsöerg. Aus irgend einem Grunde wurde der Engel des Todes seines Amts enthoben und auf diese Erde versetzt. Cr tat, was er die andern tun sah, und nahm sich ein Weib. Und gerade eines, von dem der große König Salomo, der Weise, behauptet, sie sei „bitterer als der Tod". Nichtsdestoweniger gebär sie ihm ein Kind, einen Sohn. Aber das Leben mit diesem Weib war nichts als Trübsal und Not, Bitternis und Kummer. Und der Todesengel, dessen Kommen früher selbst so viel Elend und Schrecken und Tränen verbreitete, hatte nun für sich ein gerüttelt Maß davon zu tragen. Er flehte zum Himmel, lange vergeblich, endlich wurde er erhört. Bevor er aber« diese Erde verließ, weihte er — vielleicht in einer Aufwallung väterlichen Gefühls — seinen Sohn ein und gab ihm den Rat, Arzt zu werden, indem er ihm sagte:. „Ueberall dort, wo du mich am Kopfende des Bettes erblicken werdest, gebe jede Bemühung auf, der Kranke ist mir unrettbar verfallen, andernfalls genügt das harmloseste Mittel,- jeden anscheinend noch so verzweifelten Fäll zu heilen". . Der Ruf des Arztes drang überallhin.' Bis er einst an das Bett der schwerkranken Tochter eines Großen gerufen wurde; eine fürstliche Belohnung winkte ihm. Jedoch am Kopfende des Krankenlagers gewahrte er das Bild seines gefürchteten Vaters, und mutlos wollte er den Palast verlassen. Die enttäuschten Angehörigen hielten, ihn unter allerhand Versprechungen und auch Drohungen gewaltsam zurück. Notgedrungen versuchte dev Arzt diesmal seinen Vater, Seit Tod, umzustimmen; dieser wich aber nicht. Und völlig verzweifelt gab er den Befehl, die schnellsten Pferde einzuspannen, um die Mutter herbeizuholen. Was auch geschah. Kaum hatte der Todesengel das Weib bei ihrem Eintritt erblickt, verschwand er, hastig flüchtend, und. die Kranke genas. Aber.dem Sohn erfchien er! nie wieder. ZeMalemer »Witze." Das Msrachiblatt wundert sich: stm sogen, die Ausschweifungen, Sübbatentweihung>en, Auswüchse der Mode,die Jrrwege der Universität zu demonstrieren, sind sie (die Agudaleute) mit einem Fa st ta g gleich bei der Hand, am Taanis aus Anlaß der Schandtaten an der Klagemauer beteiligen sie sich nicht. Und zuletzt noch eine hämische, man darf schon beinahe sagen pöbelhafte Bemerkung zu Ehren des achtzigjährigen Rabbi. Soweit ist bereits Misrachi. — Ein großer Rabbiner aus Litauen, der all die Jahre dem Misrachi näher stand als . der Aguda, erzählte mir einmal in Kissingen folgendes Bonmot: Ein kleiner Fuhrmann aus dem litauischen Städtchen beschloß, nach Odessa überzusiedeln und machte sich in seiner kleinen Fuhre auf den Weg. „Immer rechts", sagte man ihm, dann komme er ans Ziel. Unterwegs schlief er in der Fuhre ein und der Gaul hielt still. Ein paar Straßenjungen, die des Weges kamen, wollten dem kleinen Mann einen Schabernack spielen und drehten die Fuhre samt Pferd um, ohne daß es der Schlafende merkte. Wie er erwachte, trieb er den Gaul von neuem an und fuhr nichtsahnend immer weiter, immer weiter. „Wohin?", fragte ein Vorüberkommender. „Nach Odessa," lautete die Antwort. „Da müßt Ihr aber umdrehen und rechts fahren," sagte der andere. „O nein," beharrte der Fuhrmann, „ich fahre schon richtig". Und so fuhr er weiter, ohne zu ahnen, daß während er schlief die Gassenjungen längst sein Vehikel nach links gedreht hatten. So erzählte mir der Rabbi aus Litauen und meinte damit den Misrachikurs von heute. Weiß der Misrachifuhrnrann >des Jerusalemer „Hator", wie weit links er bereits segelt? Ainderecke. Mincha. . Von Heinrich Einstädler. Der November hat der Landschaft sein Gepräge aufgedrückt. Himmel und Erde hat er grau bemalt. Schon seit dem frühen Morgen ist der Boden naß. Solang der Tag noch nicht emporgestiegen war, hatten dicke Flocken die Richtung bezeichnet, in der der rauhe Morgenwind wehte. Besonders dort, wo eine Straßenlaterne leuchtete, waren grobe parallele Streifen zu sehen gewesen, die schräg von oben nach unten gingen, und "die Menschen, die nicht im warmen Hause bleiben konnten, hatten fröstelnd und hustend die Mantelkragen emporgeschlagen und die Köpfe eingezogen. Bei Tagesbeginn hatte sich dann der Schnee, der bald geschmolzen war, in Nebel und Dunst verwandelt, der den Boden nicht trocknen ließ und eine feuchte Dämmerung schuf, die sich über den Mittag hin ausdehnte. Jetzt geht der Tag schon wieder seiner Neige entgegen. Nachdem sich der Verkehr auf den Straßen beeilt hat, die kurze Mittagszeit auszunutzen, flaut er schon ab und scheint die Richtung „nach Hause" einzuschlagen. Die Geräusche verstummen. Auch in der Stadt scheint sich die allgemeine Tätigkeit nach und nach in die Häuser gutückzuziehen. Draußen im Freien aber senkt sich die Stille von oben herab aus die Natur, die jetzt schlafengehen will. Von oben herab weht der leise Luftzug, mit dem hier und dort ein verspätetes Blatt vom Baume wirbelt und sich nach kurzem kraftlosen Wehren leise auf den Boden legt. Von oben herab fliegen die letzten Kvähen und verschwinden in der Ferne. Von oben herab schwebt unhörbar die sternenlose Himmelsglocke, und während sie sich langsam senkt, kommen dir ihre Ränder näher und näher. Die zweite Dämmerung nimmt ihren Anfang. Du näherst dich dem Dorfe. Kaum einer kommt dir entgegen. Alle, die du siehst, streben gleich dir den Wohnstätten zu. Beinahe scheint es dir, als -ob sie eingemeinsames Ziel hätten. Du kommst in die Dorfstraße. Langsam wandelst du dahin gleich denänderen; niemand scheint Eile zu haben. In den meiste^ Häusern brennt noch kein Licht. Man kann noch die Mesusaus an den« Judenhäusern sehen. Von manchen öffnen sich die Türen, und Männer, die erst vor wenigen Mi-

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