Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1928)
- Date
- 1928-12-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 52 nuten heimgekehrt sind, verlassen jetzt in Eile ihre Wohnungen. Wohin streben sie? Warum auf einmal diese Hast." Es ist die Zeit vor M i n ch a. Der kurze Novembertag läßt nur eine knapp bemessene Spanne, in der sich Mincha und Maariw in brüderlicher Eintracht die Hände reichen können. Wir treten mit in das Gotteshaus. Die Tür ist nur halb geöffnet. Der eine Flügel kann geschlossen bleiben bis zum Schabbos; denn heute kommen nur ältere Leute, die nicht auswärts beschäftigt sind, und Knaben, die die Dorfschule oder eine höhere Anstalt in der benachbarten Stadt besuchen. Der Raum ist ungeheizt und nur spärlich beleuchtet. Aber sobald die „Tefillo-Kerze" vorn aufflammt und der Vorbeter „Aschrej" beginnt, da zieht ein warmes Gefühl in die Herzen. „Heil denen, die in deinem Haufe weilen! Auf die Dauer werden sie dich rühmen. Selah!" Ein Gefühl der Befriedigung und der Dankbarkeit ergreift und umschlingt schier unbewußt die Beter. Siehst du den Mann auf der Bank vor dir? Wie er beim Beten wiederholt langsam an seinem Kinn hmabstreicht? Während er jetzt die vertrauten Worte des Psalms spricht,, streifen seine Gedanken unbewußt das Tageswerk, das Gott gesegnet hat, der ihm bis jetzt „an jedem Tage das Tägliche" verliehen: „Jeden Tag will ich Dich preisen!" Und jener, der besonders innig flüstert: „Gut ist Gott gegen jeden und seine Barmherzigkeit erstreckt sich über all feine Geschöpfe," ich möchte behaupten, daß eh? Erlebnis den Unterton bestimmt hat. Ja, sogar der Knabe, der noch unbesorgter durchs Leben geht, empfindet mit Behagen, daß nunmehr seine Hauptpflichten für diesen Tag erledigt sind. Diese Gedanken verleihen dem Minchagebet eine ihm eigentümliche Stimmung, in der sich das Bewußtsein erfüllter Pflicht mit Dankbarkeit und behaglichem Ruhegefühl mischt. Und wenn es dann in? d.as Arwis übergeht, dann machen allmählich diese Empfindungen einem emporwachsenden Gottvertrauen Platz, das unserem Volk in allen Geschickesnächten geleuchtet hat. Der Gottesdienst ist beendigt, und wir treten den Rückweg nach der Stadt an. Die Nacht ist inzwischen hereingebrochen, wenn es auch noch nicht ganz finster ist. Unser Blick sucht nicht mehr die Gegenstände am Boden, er strebt nach dem Himmel. Die Sterne ziehen ihn an und die Lichter in der Ferne. Aus der Finsternis zum Licht! Das ist menschliches Streben. Mein Garten. Von Sali Geis in Tel Aivirv. In der steinernen Welt der deutschen Großstadt fand ich nie Gelegenheit, Gottes Walten in der Natur zu beobachten. Auch die Sonntagsausflüge in Feld und Wald, über Berg und Tal brachten nur ein Wandern; aber erst beschauliches Rasten sieht, beginnt zu beobachten und sammelt allmählich Erfahrungen-. Nun wohne ich schon drei Jahre in Palästina. Hier herrsch noch eine ruhige Wett. Der Araber sagt: „Bukra!" Das heißt: „Morgen!" Auch die heiße Sonne ruft schon: „Mein Lieber, nicht so schnell!" So lernt man es, die Hast zu verlieren. Damit ich aber noch mehr Ruhe mir angewöhne, hat mein Haus einen Garten, einen Garten mit eingesetzten Pflanzen und nicht hineingesetzten, uneingeladen gekommenen Tieren. Die Pflanzen verlangen liebevolle Obhut, die Tiere aber ein gemächliches Aufpassen, damit sie nicht schaden'. Auf solche Weise aber lerne ich Pflanzen und Tiere kennen. Ich sitze auf der Terrasse mm Frühstückstsiche. Mein Blick streift auf dem Fußboden eine Ameise. „Aha," — denke ich — „lieber Freund, du hast den Zucker in der Dose gerochen, trotzdem der Deckel auf der Dose sitzt, und trotzdem die Dose Der Israelit .'■* 27. Dezember 1928 mehr als das hundertfache Muß deiner Länge von dir entfernt ist." Die Vermutung ist tatsächlich richtig. Die Ameise durcheilt den Fußboden bis zur Wand, läuft die Wand bis zur Decke hinauf, dann bis zur Mitte der Decke, gerade dort, wo unten auf dem Tisch die Zuckerdose steht, — und stürzt sich ohne Fallschirm hinunter, ohne sich die Knochen zu zerbrechen, denn sie hat keine. Eben lag auf dem Fenster noch eine tote Fliege, — und jetzt ist sie verschwunden. Fortgeflogen kann sie natürlich nicht mehr sein. Aber fortgebracht hat man sie, und zwar waren es die Ameisen, die Sanitätspolizei der Insekten. Ein Trupp Ameisen hatte die Fliege fein säuberlich zerlegt, als seien sie geschickte Operateure, und hatte die einzelnen Teile dann in den Ameisenbau getragen. Was übrigens eine solch kleine Ameise häufig an Lasten trägt, setzt in Erstaunen. Doch genug von diesen Tieren, deren Treiben zu studieren ein ganzes Menschenleben ausfüllen kann! Es gibt bereits eine Anzahl interessanter Bücher über sie; ich erinnere mich immer noch mit Vergnügen an „Vutziwackel", der Ameisenkaiser." Surr, surr! — Kommt ein Luftschiff? — Das Luftschiff ist diesmal ein schwarzer Käfer, den die alten Aegypter angebetet haben. Er heißt: „Der heilige Skarabäus." Auch er gehört zur Sanitätspolizei der Insekten. Er hat die appetitliche Aufgabe, den Mist wegzuschaffen. Er rollt ihn zu einer großen Kugel, stellt eine schiefe Bahn von ihm aus her, macht an dem anderen Ende ein tiefes Loch, rollt die Kugel hinein, legt schnell ein Ei — oder sinds mehrere? — und schüttet dann die Erde wieder auf. Auf diese Weise haben wohl seine Jungen gleich nach dem Schlüpfen aus dem Ei Nahrung. Erschreckt nicht, zu hören, daß Tiere Mist fressen! Euer Hund frißt gelegentlich auch einmal Mist! Wann und warum? Darüber weiß wohl noch kein Mensch etwas zu sagen. Wie wenig weiß der Mensch vom Leben der Tiere! Er kann nur forschen; doch forscht er, dann lernt er vielerlei für sein eigenes Leben, bann lernt er vor allem, wie jedes Tier im Haushalte der Natur seine Bedeutung hat und wohlbedacht von einem Meister in seinen Wirkungskreis gesetzt worden ist. Dieser Meister ist Gott! Gottes Gegenwart sei dem Bewußtsein des Menschen jedem Augenblick nahe! Kein dieser Gegenwart nicht würdiges Bild trete vor das, Auge des Menschen! Deshalb befiehlt die Thora, das Wort Gottes, einen Spaten unter seinen Geräten zu haben, um den Mist zu vergraben, da die Erde dem Menschen als Wirkungsstätte Gottes heilig sein soll. Was manche Tiere gemäß dem ihnen von ihrem Schöpfer eingepflanzten Triebe tun, soll also der Mensch aus dem Erkennen seiner Pflichten gegen Gott freiwillig ausüben. Es ist bemerkenswert, wie etwas sehr nützlich und gleichzeitig sehr schädlich sein kann. In der Erde läßt z. B. der Mist die Pflanzen wachsen und wird so zur Nahrung für- Mensch und Tier. Ueber der Erde aber wirkt er gesundheitsgefährlich, und manche Seuche ist schon durch ihn verbreitet worden. Das lehrt, wie auch des Menschen Tun je nach den Grenzen, innerhalb deren es sich betätigt, gut oder schlecht sein kann. Es ist der Zweck unserer Thora, uns die Grenzen für das, was Gott als gut bestimmt hat, zu zeigen. Nun aber von der Thora zurück in den Garten. Da sonnen sich flinke Eidechsen und ihre Verwandten, die weniger flinken, aber interessanteren Chamäleons. Das Chamäleon nimmt stets die Farbe des Gegenstandes an, auf dem es sich gerade befindet, und man kann es deshalb schwer entdecken. Merkwürdig ist auch die sehr lange, schmale Zunge des Tieres, die zusammengerollt in seinem Maule liegt und mit Blitzesschnelle wie eine Papierschlange hinausflitzt, sowie eine Fliege sich zeigt. , Doch genug von den Tieren. Die Pflanzen wollen endlich auch gewürdigt sein. Wer im Orient einen Garten besitzt, den wundert es, daß jeder Monat seine bestimmten Blüten hat. Wo es einen Winter mit Schnee und Eis gibt, da ist es natürlich, daß erst die zarten, dann die immer kräftigeren' Blüten erscheinen. Aber auch im Orient ohne Winter kommt keine Blüte eher, als es ihrer Art bestimmt ist, und es geht fein im Tempo, eine nach der anderen. Kinder reißen häufig ohne Zweck Pflanzen aus. Das ist eigentlich eine Sünde, denn auch Pflanzen haben ihr Leben, und kein Mensch hat ein Recht, auf Gottes Erde -irgend etwas mutwillig zu vernichten. Auch die Pflanzen haben Sinnesorgane. Ihre Blätter und Blüten sind Augen, denn sie sind so lichtempfindlich, daß sie sich stets dem helleren Lichte zuwenden. Es gibt merkwürdiger Weise auch Blüten, die nur gegen Abend sich entfalten; sie gleichen den Nachttieren. Die Kletterpflanzen haben zudem sichtbar Taftgefühl; ihre neuen Triebe strecken sich solange suchend aus, bis sie einen Halt gefunden haben. Die Pflanzen strömen Geruch aus; also müssen sie auch die Fähigkeit haben, Geruch in sich aufzunehmen. Auch Geschmack ist den Pflanzen zuzusprechen, denn die Forderungen an die Nahrung, die die Wurzeln, der Mund der Pflanzen, aufsaugen, sind bei den verschiedenen Bilanzen ganz verschieden. So gebraucht, die eine Pflanze fettigen, die andere sandigen Boden. T'eren und Pflanzen ist eines gemeinsam. In ihren Millionen Vertretern dokumentieren sie das große Gesetz der Arten. Die Bibel lehrt in ihrem ersten Kapitel, dem Kaptiel von der Schöpfung, daß Gott jede Tier- und jede Pflanzenfamilie „nach ihrer Art" geschaffen hat, jeder also ihre bestimmte Aufgabe.zugewiesen hat, die sie durch die Zeiten zu tragen berufen ist, Gott schuf in seiner Vollkommenheit eine vollkommene Welt, es gibt in der Natur keine Entwicklung, die erst zur Vervollkommnung streben muß.. All das lehrt mich mein Garten und noch viel mehr. ♦I A N N O E y R O M i itl f. JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN LANGESIRASSE7 TEL. HANSA 4641 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE INSERJITEN- FUR FRANKFURTER GESCHÄFTS INSERATE DES »ISRAELIT«!♦ AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN.WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN 0 ANNAHME VON DRUCKSACHEN HANDEL.GESCfrfÄFTE*PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK Qu^täts; Moritz Wölf Zigarren. Verantwortlich für den allgemeine» Teil und da» Feuiüeto» 8. Schach «owttz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schach «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. ch). — Verla« Sermon Verlag» 9965