Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1928)
- Date
- 1928-12-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450546--75608-2533140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 6 Nr. 52 Der Israelit Kindererzvehung einzurichten. Dagegen verfiel der A bl e h n u n g ein Vorstandsantrag, 500 Säckchen Erez Jisroel-Erde anzuschaffen, um sie den Verstorbenen rnitzugeben. Die Re p rä st nt-antenv-ersarnrnlung der Berliner Jüdischen Gemeinde hatte für diesen uralten Minhag- Jisro-el natürlich kein Verständnis und fand, daß derartige „Geschäfte" der Gemeinde „unwürdig" seien! Längere Debatten entstanden über die Einrichtung eines zweiten Frettagabendgott-esdienstes— für die spät vom. Geschäft Kommenden — in den Reformsynagogen während der Wintermonate. Die Liberalen verlangten, daß man sich in ihre häuslichen Angelegenheiten nicht einmischen solle, auch dann, wenn der Minchagotbesdienst ganz wegfiele und nur ein Freitagabendgo tte sdienst zu ganz spater Stunde angesetzt würde. In der Tat enthielten sich so viele Mitglieder der Volkspartei der Abstimmung, daß der liberale Antrag angenommen wurde. Von der Jüdischen Wohlfahrtspflege. Berlin, 16. Dezember. Die „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" versendet die Dezembernummer ihres Nachrichtendienstes und teilt mit, daß vom nächsten Jahre an eine „Zeitschreist für jüdische Wohlfahrtspflege" zweimonatlich erscheinen wird. Aus dem Inhalte der Mitteilungen heben wir hervor: Die soziale Wohlfahrtsrente ist vom Reich, bisher 575 jüdischen Anstalten gewährt worden; die Verhandlungen über die Vorauszahlungen auf diese Wohlfahrtsrenten wurden abgeschlossen. In Marburg ist im Oktober die erste jüdische Anstalt für schwer erziehbare Kinder (neurotische Kinder, Kinder mit Schädigungen der Umweltsbedingungen, Kinder mit Mängeln auf dem Gebiete des Intellekts) eröffnet worden. Man hofft, rechtzeitig eingewiesene Kinder mit 14 Jahren zur normalen Berufsreife erziehen zu können. Ein Verzeichnis der im Wintergeöffneten Erholungsheime ist in der Nummer enthalten. Die Beilage des Rerchsausfchuffes der jüdischen I u g e n d o e r b ä n d e berichtet über die Entwicklung des Heimes in Ssefen und über die Arbeit der Landes¬ und Ortsgruppen. Vom 25. bis 31. Dezember soll in Seesen eine Zusammenkunft sozialer Arbeiter aus dem Kreise der Jugendbewegung stattfinden'. Ein „J'accuse" in der Innsbrucker Mordaffäre. Berlin, 19. Dez. Der Innsbrucker Jndizienprazeß, bei dem der aus Riga gebürtige 22jährige jüdische Student Philipp Halsmcrrm unter der Beschuldigung des Vatermordes zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, hat zu einer großen Aufregung in Innsbruck geführt, die auch nach Wien übergegriffen hat. Philipp Halsmann, der, wie gerichtlich festgestellt wurde, an seinem Vater mit schwärmerischer Verehrung hing, hatte kaum einen Grund, das Familienoberhaupt aus dem Wege zu räumen, um so weniger als sich feine eigenen materiellen Verhältnisse nach dem Verlust des Ernährers nur schwieriger gestalten konnten. Der Verteidiger Halsmanns, Dr. Preßburger, schilderte dem Korrespondenten des „Berliner Tageblatts" Heinrich Eduard Jacob, den Verlauf der Ereignisse und sagte, der Hauptschuldige an dem Fehlurteil sei der Inhaber der Dominikus-Hütte, der Gastwirt Eder, der gleichzeitig Wegeinspektor ist und aus persönlichem Interesse nicht zugeben durfte, daß der Weg zur Hütte gefährlich sei. Er spielte auch gleich den Polizisten und bezeichnete sofort den jungen Halsmann als Vatermörder. Eder sei es auch gewesen, der den faustgroßen, mit Blut befleckten Stein herbeigebracht habe, mit dem das Verbrechen seiner Behauptung nach verübt worden sei. Der Untersuchungsrichter weigerte sich, den so furchtbar Verdächtigten mit feinem Rechtsvertreter zusammenzubringen und äußerte: „Er muß zusammenbrechen und ein Geständnis «Wegen!" Der gerichtliche Lokaltermin wurde ohne Angeklagten und ohne Verteidiger vorgenommen. „Ich hoffe", sagte der Korrespondent, „Sie werden mich in den Stand fetzen können, das in Wien aufgetauchte Gerücht, das Fehlurteil habe auch antisemitische Hintergründe, zu dementieren." „Im Gegenteil!" versetzte Dr. Preßburger. „Nur der in der Atmosphäre des Gerichtssaales waltende Antisemitismus mache das Urteil überhaupt verständlich. Philipp Halsmann ist feit dem Unglückstage nicht selten als Jude beschimpft worden. Während die Frau des Toten, die Mutter des Angeklagten, sich in nächster Nähe befand, habe ein Zeuge, der Akademiker ist, einem zwölfjährigen Hirtenbuben den Rat erteilt: „Wenn du einen Juden siehst, so weiche links aus!" Auch gegenüber d-snr Anwalt selbst habe sich diese Stimmung geltend gemacht: „Eine Anzahl Innsbrucker Hon-orationen", erzählte er, „warnte mich, ohne Polizeieskorte aus dem Gerichtssaal fortzugehen. Ich konnte auch bemerken, wie mir Burschen aus dem Wege ins Hotel folgten." Pie Woche. Berlin. Am 18. ds. ist die Ausstellung: „In der Werkstatt und auf der Scholle", die von der „Ort-Gesellschaft" veranstaltet wird, feierlich eröffnst worden. Die Ausstellung zeigt Schülerarbeiten der - Fachschulen und landwirtschaftliche Erzeugnisse der jüdischen Kolonien in Rußland. — Die völkischen S tu deu ten in Berlin, die sich den pompösen Titel: „Allgemeine Studentenschaft" beigelegt haben, verlangen in einer Entschließung den Numerus clausus für „fremd-stämmige" Studenten an den deutschen Hochschulen. — Der Reichstag hat die Strafverfolgung des nationalsozialistischen- Abgeordn. Strasser wegen seiner neun antisemitischen Hetzblätter genehmigt. — Der von jüdischen Journalisten aller Richtungen gegründete Verein „Jüdische Presse" hat sich konstituiert. Amn Vorsitzenden wurde Leo Kreindler, zum Schriftführer George Goetz gewählt. Innsbruck. Der unter dem Drucke antisemitischer Strömungen wegen angeblichen Vatermordes zu 10 Jahren schweren Kerkers verurteilte jüdische Student Halsmann aus Riga bildet. je mehr die Einzelheiten des unhaltbaren Indizienbeweises bekannt werden/ den Gegenstand allgemeiner Sympathien in intellektuellen Kreisen. Es hat sich zur Aufklärung des Justizirrtums ein Komitee gebildet, dem drei Universitäts-Professoren, die Präsidentin des Roten Kreuzes und andere angesehene Persönlichkeiten angehören. Lugano. Der Völkerbundsrat hat zum Mitglied der ständigen Mandatkommission an Stelle des wegen Krankheit zurückgteretenen spanischen Mitgliedes General d'Andrade den früheren Handülsmimster Graten de Venta Graci'a ernannt. Pekach-Tikwah. Die hiesige- Polizei ist wieder einmal gegen demonstrierende iüdkfche Arbeitslose vorgeganaen. — Jüdische Einwanderung im Oktober: 205, Auswanderung: 180; im September Einwanderung: 176, Auswanderung 133. — Das Technikum -ön- Häifa hat 7 Studentenals Architekten und 10 Ingenieure nach stattgehabter Abschlußprüfung entlassen. London. Im Unterhaus ftagte Wedgwood, ob es wahr fei, daß die ungarische Regierung den Numerus clausus gegen jüdische Studenten wieder einführenwolle. Der Unterstaatssekretär antwortete, man sei bereit, den Gesandten in Budavest darüber anzufra-gen. Moskau. Neue antisemitische Exzesse werden aus dem Städtchen Mafir, aus Kostr-oma, Alexandrowka und P o l o tz gemeldet. Jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen. Lehrer und Lehrerinneir aber auch Passantenwerden verfolgt und mißhandelt. Rewyork. Jüdische Kolonisten in den JCA-Kolonien in Brasilien sind durch umh-erschweifende Räuberbanden schwer heimgesuckit morden; einige Kolonisten wurden getötet. Die Regierung entsandte eine Militarexpedition. Auf diese ungeheuerlichen Mitteilungen hin fragte der Korrespondent Dr. Preßburger, ob es denn nicht, möglich gewesen sei, stärker, als er es vielleicht getan habe, auf die typisch ethische, -aber auch typisch jüdische Geisteshaltung einzugehen, wie sie in den oft -rührenden, der Selbstvervollkommnung gewidmeten Tagebüchern des jungen Halsmann zutage -tritt. Der Anwalt erwiderte achselzuckend: D-enlet habe vor diesen Geschworenen keinen Zweck gehabt. Auch die bekannte Tatsache, daß die Krimmalstatistik aller Länder vorbedachten Vatermord unter Juden eigentlich nicht kenne, habe er in dieser Umgebung nicht anführen können. Mit der Hoffnung, daß -es gelingen werde, die zweite Verhandlung der Hakenkreuzlera-tmosphäre zu entziehen, und mit dem Hinweis daraus, daß -er jedenfalls außerstande sei, Hälsmann noch einmal in Innsbruck zu verteidigen, schloß der Anwalt seine Mitteilungen. * 27. Dezember 1928 Oesterreich. Zu den Wiener Kultuswahlen. Wien, 18. Dezember. Die in den Vorstand der Kultusgemeinde gewählten orthodoxen Vertreter, die Herren- Wolf Pappen - heim, Michael S t e i n f e l d und Moritz- Lettner sind, wie uns berichtigend mitgeteilt wird, zwar Agudisten; doch.üben sie ihr Mandat als Vertreter der Adas Jisroel (Schiffschul),, nicht der Agudas Jisroel aus, die als solche an den Kultuswahlen nicht tei-lnahm. Tschechoslowakei. Eine weltberühmte Jeschiwah in der Tschechoslowakei behördlich geschlossen. Prag, 18. Dezember. Die in der gesamten- -orthodoxen jüdischen Welt berühmte Jeschiwah in Hunsdorf bei Kesmark in der Tschechoslowakei wurde von den Behörden aus hygienischen und Baugründen geschlossen. In den Kreisen der Jeschiwah herrscht darüber Bestürzung-. Die Jeschiwah wurde im Jahre 1878 von Rabbiner Rosenberger gegründet und hat seitdem -taufende von Rabbinern herangebildet. Vor kurzem hat die Verwaltung -der Jeschiwah, deren Leiter Oberrabbiner Horovitz ist, beschlossen, ein großes modern ausgestattetes Gebäude für die Jeschiwah samt einem Internat zur Unterbringung von vorläufig 200 Hörern mit einem Kostenaufwand von 100 000 Dollar zu errichten. Die Sch>u!le zählt ständig 200 Hörer, die aus den verschiedensten Ländern Europas und Amerikas flammen. Polen. Jüdische Sejmreferenten geben die Referate zurück. Warschau, 5. Dezember. Der Deputierte SRosmaric-n' dem von der Budgetkommission das Referat über das Budget des Justizministeriums übertragenwurde, erklärte, er lege das Referat nieder, da der Klub jüdischer Deputierter wegen der > Haltung der Regierunggezwungen sei, einescharfe oppositionelle Haltung einzunehmen; hat doch der Justizminister M-einsztowjcz versucht eine Bestimmung über Gesetzwerdung der antijüdischen Zarengesetze durchzuschmuggeln. Die Budgetkommission beschloß, diese Erklärung nicht zur Kenntnis zu nehmen, da ein parlamentarischer Referent durchaus nicht inst der Regierung übereinstimmen müsse. Aus den gleichen Gründen wie Rosmarien hat Senator Schrei b e r das ihm über den Senat übertragene Budgetreferat zurückgegeben. Der jüdische Klub wird in diesen Tagen darüber beschließen-, ob Mitglieder des Klubs Referate übernehmen sollen. LeMand Zum Schutze des Sabbats. Riga, 8. Dezember. Am Sonntag, den 11. November, fand -eine Volksversammlung der Initiativ - Organisation „Schomre- Schabbos" jm großen Saale des jüdischen Speise-Hauses statt. Die Versammlung, die von 500 Personen der orthodoxen Einwohner Rigas besucht war, eröffnete Herr Oberrabbiner M. Sack. Ins Präsidium wurden folgende Herren einstimmig gewählt: Oberrabbiner M. Sack, Ehrenvorsitzender, G. Gutmann, Geschäftsvorsitzender A. Cheifetz, CH. Joffe, Beisitzer^ I. BrusteiU, Sekretär. Herr Oberrabbiner Sack hielt eine Ansprache und sagte u. a.: Cs fei die Pflicht eines jeden, dafür Sorge zu tragen-, daß. der Schabbos in allen jüdischen Häusern streng beobachtet wird. Schmiras Schabbos, das seidas goldene Band zwrfchen dem Juden und dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Die Rede machte einen -tiefen- Eindruck auf alle Anwesenden. Dann sprach Herr M. Chodak o w, Vorsitzender der Zeine Agudas Jisroel zu Riga,, und viele andere. Die Versammelten protestierten gegen die jüdischen gesellschaftlichen Banken und Kredittnstitutionen, die am Sonnabend offen sind. Die Versammeltenersuchen die Lass«»» 81« Ihre UHREN^ bei Neeser-LAPP, Allegasse2, xcparicren. sie genen gut und. die Preise sind billige Alles unter Garantie.