Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1928)
- Date
- 1928-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450546--75605-2533137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
27 . Dezember 1928 . _ Es fehlt aber auch nicht an Optimisten, Ae an den, ernstlichen Willen der Sowjets glauben und im Entschlüsse die Resignation der Himmelsstürmer sehen, die sich nun positiv auswirkt. Man wolle den leidigen, gänzlich aussichtslosen Kamps gegen die Religion ausgeben und den Juden für all die Schikanen eine gewisse Satisfaktion bieten. Hatte mar, doch jüngsthin auch der Eröffnung eines katholischen Seminars die Zustimmung gegeben. Es ist im heutigen Stadium der Dinge schwer zu sagen, welche von beiden Auffassungen die zutreffende sei. Das muß die Zukunft zeigen. Äst die Thorahochschule einmal da, dann werden Lehrplan ünd Lehrer keinen Zweifel über Geist und Struktur der Schule aufkommen lassen; es wäre» daher müßig, sich heute darüber den Kopf, zu Zerbrechen. Aber das Symptomatische an der Sache darf auf keinen Fall unbeachtet bleiben, selbst, und vielleicht erst recht dann, wenn wir es mit einer Provokation zu tun hätten. Wäre dem so, so vergesse man nicht, daß auch jede Provokation ihren festen Hintergrund hat. In diesem Falle wäre der Hintergrund: die unentwegte, durch keine Maßregel und keine Lockung zu zerstörende, kein Opfer scheuende L i e b e u n d Treue d er jüd isch e n Massen in Rußland zur Thora, zum Thoraleben und zum Thoralernen. Hielten es die „Provokateure" nach zehnjährigem wütendem Vernichtungskampf für gut und notig, bei ihrer weitern Taktik an diese Erfahrung anzuknüpfen, so, sollte sie dieser Umstand allein schon veranlassen, die Waffe definitiv aus der Hand zu legen. Leider ist damit noch lange nicht zu rechnen. Asch einmal das Wilnaer Oberrabbinak. Unser Leitartikel über den geplanten Gewaltakt der Wilnaer Gemeindeverwaltung in Sachen des Wilnaer Oberrabbinats Hut seines Eindruckes in der Welt nicht verfehlt. Während auf zionistischer Seite, wie nicht anders zu erwarten war, von „unbefugter Einmischung" gesprochen wurde, wird ansonst allerorts anerkannt, daß es hier um eine allgemeine großjüdische Sache geht, die sich nicht auf einen Interessentenkreis innerhalb der Mauern eine r Stadt oder der Grenzen eines Landes beschränken darf und kann. Müßten wir uns diese Auffassung erst begutachten lassen, wahrlich, kein Geringerer als der greise ,7Ehofez Chajim" würde für uns sprechen. Hat doch dieser jüdische Weltweise, dem Parteilichkeit vorzuwerfen, bisher wenigstens, auch die radikalste Linke nicht den Mut gehabt, hat War doch Jakob der Edle und Reine, dessen Gestalt, in den Thron Gottes gemeißelt ist" und der seinen Erstgeborenen, seinen ihm im neunten Lebensjahrzehnt geborenen Sohn als „Erstling seiner Kraft" in feinem Sterbesegen bezeichnen durfte; war doch im Gegensatz hierzu Aegypten ein Land, dessen . Verderbtheit aus sexuellem Gebiete sprichwörtlich schien und wohin der Weg auch innerlich lein Äbstieg heißen mußte. Einen Jakob selber hat längst der angeborene Höhenflug zur Gottnähe getragen, und alle die Stufen der Heiligung hat er kampflos überwunden und tief unter sich gelassen. 2. Ein solcher Jakob kann nicht freudig nach einem Lande Aegypten ziehen. Ihn umlagert das Grauen der Sünde, die seine Söhne und Enkel beschleichen und ihm Gram bereiten könnte. Da erahnt er ixen; dreifachen Rat, den die Weisen Israels gegeben, um die Anfechtungen des Bösen abzuwehren: nssra nt *>-m» *p m orr t'tj.t&v Trifft.dich jener Unholde, so ziehe ihn ins Lehrhaus"; fruchtet das nicht oder läßt es sich nicht ermöglichen, dann ns sip» lese er das Schma; versagt auch dieser Schutz, dann nn»«n an tdt» gedenke er des Todestages. So auch Jakob, ninnl> i»3si> nbis min» nsi i"»n»3 i^> »"V-i's ,rma i»as*>. In dem Aufträge an Juda, ^>en Weg nach Goschen zu lehnen, sehen unsere Weifen die Absicht Jakobs, zuerst der Lehre eine Stätte zu bereiten, bevor er die Uebersiedlung der Seinigen wagt, damit sie darin geschützt seien vor geistigem Abirren vom Erbe der Väter. Doch beruhigt ihn im Augenblicke des Einzuges auch dieser Schutz noch nicht. Im Augenblicke, da ihn Joses, der Ersehnte und Wiedergefundene, unter Freudenkränen umarmt, sieht er schweigend in die Zukunft, denn er. sinnt ®"pa pois n»n über das Qdjma. Er weiß ja noch nicht, daß auch Josef an seinem, das Vaters Sterbebette in den freudigen Ruf einstimmen wird: 'ins ", 's ", i-siv» vnv „Höre, Israel, unser Vater Israel, höre esi Kein Abgefallener ist zrvi- L t r_ 3 * r a e l t r e r. doch eine Konferenz von Rabbinern jeder politischen Einstellung (es waren auch Misrachisten dabei) einberufen, um vor ihnen seinem Schmerze und seinem Proteste über das unerhörte Attentat auf die von Gesamtisrael geheiligte „Wilnaer Tradition" Ausdruck zu verleihen. Er sieht in dem geplanten Gewaltstreich den Anfang vom Ende, den Anfang der Reformbewegung, die nach westlichem Muster nunmehr das heilige Erbe auch im Osten anzutreten sucht. Und wir können nur die Klugheit und den Weitblick, des greisen Rabbi bewundern, nicht weniger seine Kraft und Energie, dem drohenden Unheil entgegenzutretem Es darf betont werden, daß auch im Warschauer „Moment", einem nationalen Blatte, Zeitlin das Wort gegen die „Wilnaer Gefahr" ergriff und ziemlich scharf ins Feld zieht gegen eine Pietätlosigkeit, die sich anfchickt, ein 150 Jahre altes Statut unter Untergrabung der Autorität der Thora umzuwerfen. Aber der gleiche „Moment" verschmäht es nicht, in einer späteren Nummer einen Sprechsaalartikel . aufzunehmen, in dem die Lage in Wilna als rosenrot, die Einigkeit als musterhaft' geschildert und dem „Chofez Chajim", der diesen Namen bekanntlich aus seinem Meisterwerke über litten mw bezieht, so etwas wio inn pw1? vorgeworfen wird. Der Einsender läßt auch durchblicken, daß sich der „Chofez Chajim" von einer bestimmten Seite bearbeiten liehe. Demg genüber sei Rabb. Rasowsky zitiert, ein Misrachiführer, der den Auftrag hatte, in Radin zu verhandeln, daß die Proteste des -Rabbi nicht veröffentlicht werden. „Der Alte," sagt Rasowsky, „ist Stein und Eisen, er sieht nicht nach rechts noch nach links und sagt und tut nur das, was seine innerste heiligste Ueberzeugung ist." Es ist auch ohne diesen Kronzeugen allbekannt, wie peinlich überlegt und genau abgewogen jedes Wort ist, das der „Chofez Chajim" über die Lippen, oder gar aus der Feder bringt, wie ja auch von einem Manne dieser Art, (welche der Talmud mit den Worten kennzeichnet: ^2 (vn'hp mvi'.a önjn DTpraty pn auch 1 gar nicht nicht anders zu erwarten ist. Aus Wilna selbst wird uns bestätigt, daß es sich keinesfalls um die Nominierung eines „Kronrabbiners" nach altem Muster handelt, sondern es soll ein wirklicher Oberrabbiner sein«, ein Oberrabbiner mit Titel und Mittel und allen Machtbefugnissen, die ihn nach innen, wie nach außen zum obersten geistigen Führer der Gemeinde und Gemeinden in Zentrallitauen stempeln. Der Skandal hat bereits dazu geführt, daß einer der einflußreichsten Männer im Kehilorat, der Dorschen uns. Wir alle glauben NN Deinen, unseren, einzigen Gott." Noch weiß er es nicht, ob ihm das vergönnt ist. Noch ruft er nicht dankerfüllt ‘rtnssxa aus; er ahnt vielleicht das Geschick eines Mosche, dem so treue Kinder nicht beschert sind nns mvv _ und der nicht mit Dank über Erreichtes von dannen scheidet. Roch fürchtet er, im Herabsteigen zu Josef, Sünde und Seelenleid. Da greift er nach dem letzten der Rettungsanker, den die göttliche Weisheit uns zuwirft; er gedenkt des Todes und spricht vor den Ohren aller derer, für die er zittert: »n -pw »3 “j»33 »nitrn »ins D»sn nnins „Jetzt kann ich sterben, da ich dein Angesicht gesehn, daß du noch lebst." So begrüßt Jakob, der Gottnahe, die wieder versammelten Seinen. Noch als Greis wähnt er sich nicht sündenfest. So stählt er sie alle zur Nacheiferung seines Aufstieges. So und nur so, nur mit so ständiger Sündenfurcht im Herzen und doch frohen Mut ans den Lippen können wir „dem letzten Tage entgegenlächeln", können die bange Frage, ob auch uns dann ein „Höre, Elternhaus! Dein Gott ist auch der Unfrige!" erschallen wird, mit leisem Hoffen, leisem freudig bejahen. Uns Heutigen aber ist es, als könnte zu uns hinab ein Jakob niemals den Weg finden. Er,/ dem das ein Hinabsteigen war, was hoch erhaben uns als Leuchtfeuer auf dem Meere des Lebens in den Hafen reinen Menfchtums geleitet: das Heiligtum des Familienlebens, — er, der nach heilig vollbrachtem Leben den Weg zum wiedergefundenen Sohne scheute, weil er ins Land der Sünde führt, — hat >er uns zu Söhnen? In fein Lehrhaus möge unsere Jugend alle ihre Nöte und Irrungen ziehen. Wo Jakobs Geist still -lehrend das Zelt erleuchtet, wo fein Gottesiwort den Morgen weckt, wo sein Sinnen im Gesetze der Ruhestunde den Atem gibt, — da enden ihre Kämpfe, -da verstummen ihrer Sünde Lock- __Nr. 52 Seite 3 sitzende des Kaufmännischen Verbandes, Herr P o l j a k, sein Mandat niedergelegt hat. Andere, die genau wie ihr Kollege denken, können sich noch nicht entschließen, das Feld gänzlich zugunsten der Zionisten zu räumen. Wilna selbst kann sich aus eigener Kraft aus dem Dilemma nicht herauswinden. Auch für Städte und Gemeinden kann das Wort gelten: iox5?Tn?3ttmn],,K‘ Die gesamte jüdische Welt, sofern sie sich mit der Stadt des „Wilnaer Gaon" verbunden fühlt, wird zum Einschreiten aufgerufen werden müssen. Die Friedhofsschändungen und die Deukschnakionalen. Es hatte anfangs den Anschein, als verschaffte das wahre Gesicht des Antisemitismus, wie es aus den geschändeten jüdischen Friedhöfen zu uns starrt, den halbwegs Anständigen auf der rechten Seite einiges Unbehagen. Als gar Walter von Molo und andere rechtsgerichtete Männer der geistigen Führung das geharnischte Wort gegen diese Schande aller Schanden ergriffen, war man gar geneigt, darin die Meinung und das Wort aller bis zum rechten Flügel zu sehen, die sich noch einiges Gefühl für Ehre und Anstand erhalten haben. Eine der letzten Nummern der „Deutschen Tageszeitung", des Hauptorganes der Deuts ch n ationalen, belehrt uns leider eines andern. Wir wir im Nachrichtenteil mitgeteilt haben, nahmen Minister und Parlamentarier auf einer Versammlung des Centralvereins Veranlassung, ihrer Entrüstung über diesen schändlichen Vandalismus, wie ihn nicht einmal die Geschichte des Mittelalters kennt, Ausdruck zu geben. Das genannte deutschnationale Blatt nennt diese Protestkundgebung eine „zweckhafte Uebertreibung". Sie stellt die Schändung als „Ausnahmefälle" dahin und hält das Gange eine echt „jüdische Aufbauschung", der Juden würdig. Die Zahl der Friedhofsschändungen ist bereits auf 70 angestiegen. Und diese „si e b z i,g Ausnahme n" vermögen die „Deutsche Tageszeitung" nicht so sehr aufzuregen, als der Versuch des Centralvereins, dagegen öffentlich zu protestieren. So schlimm die Friedhofsfchändungen und Synagogen-besudelungen sind, diese Haltung eines Blattes, das führendes Organ einer großen, lange Zeit an der Regierung mitbeteiligten Partei ist, wirkt noch beschämender und bedrückender. rufe vor der Majestät des Gotteslichtes. Mag aber auch der Thora die Welle atemlos knapp bemessen —, mag im Lasten.des Erwerbs solches Licht erloschen sein, immer noch rufen über -Generationen hinweg die Söhne dem Ahn Israel «»3v l-siv» das ins zu: Eins sind wir mit deinem Gotte, dem Einzigen, der nur die Kraft will und das Leben, und unsere Seele wirft ihre ganze Kraft in dieses Wort ins. so daß sie nicht mehr hinabfindet zu den Tiefen des Eigennutzes und des Genusses. Einmal aber hören wir auch das ma nicht mehr. Wir sprechen es vor. Wir hören kein antworten. Der Abglanz des Himmels verläßt das Leben der Verwaisten und hat sich unhörbar für ewig verabschiedet. Auch in uns will zu dem so oft gehörten ins die Kraft nicht erwachen. on->ivs» n6n d’ki 112s niias Mit dem Leid will uns Stumpfheit, mit der Stumpfheit Sünde übermannen. Doch nein, auch wir wollen ja einstmals ins hören. Der Schnitter, der so jäh die Garbe rafft, soll uns nicht heranfreißen aus den Furchen der Sünde. Soll er uns nicht lieber fällen, indem wir zu Gottes Sonne emporgereckt standen? Auch uns soll die Freude werden, an üns der Ahnen Ausruf erfüllt zu sehen: »n *pw »3 i»w »msi »insi assn nnws Es war genug. Wir haben nicht umsonst gelebt, da wir euer Angesicht gesehen, daß ihr liebet, was uns Leben geheißen! Kleines Feuilleton. Rabbiuifche Geschichten. Rabbi Mosche Jizchak, der weltberühmte „Kelmer Maggrd", war von gewissen Kreisen wegen seiner Schärfe