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Der Israelit · 1928-12-27 · Heft 52 (27.12.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 52 (27.12.1928)
Date
1928-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 52 Der Israelit 27. Dezember 1928 unter Liebermann v. Sonnenberg, 6er „Alldeutsche Verband", der agrardemagogische „Bund der Landwirte", die in einzelnen Provinzen gegründeten „Landbünde", die gut antisemitische „Kreuzzeitung" und „Staatsbürgerzeitung,,, der „Deutsche Volksbund" mit seinem Organe die „Deutsche Hochwacht" von Hans v. Mosch, dazu kamen noch eine Menge kleinerer Provinzblätter, wie der „Rheinische Bauer" und andere, Flugblätter und Kalender, wie der „Kehrauskalender". Der jüngere Leser möge sich aus dem hier Registrierten ein Bild der antisemitischen Jahre von etwa 1878 bis 1900 machen. Die Verbreitung des Antisemitismus war nicht in allen Teilen unseres Vaterlandes die gleiche. Besonders fruchtbaren Boden fand er in Hessen und Sachsen.*) -Sie stellteneinen Großteil antisemitischer Abgeordneter. In Hessen hielt man judenreine Viehmärkte ab. In Bayern verhielt man sich nicht nur aus Abneigung gegen das" Preußentum ablehnend, man hatte in dem katholischen Lande aüch den Kulturkampf von 1873 nicht vergessen. Es gab in Bayern noch nach 1890 jüdische Offiziere. Auch in Baden, 'an dessen Spitze ein loyal denkender. Großherzog stand, konnte der offizielle Judenhaß wenig ausrichten. Dagegen waren Thüringen, Pommern und die beiden Mecklenburg sehr empfänglich für die neue Giftsaat. In der Legislaturperiode 1890 bis 1893 hatten dem Reichstage angehört die Abgeordneten Dr. Böckel, Zimmermann, Pickenbach, Werner, Liebermann v. Sonnenberg, Ahlwardt. Von 1893 bis 1898 zählte , man 16 Abgeordnete, darunter Professor Paul Förster, Gräfe, Hänichen, Bindewald, Pfarrer Jskraut und andere „Größen". Es folgte 1898 ein Rückgang auf 10 Abgeordnete. Auf dem Magdeburger Parteitage im Herbst 1900 kam es zur vollständigen Spaltung der Partei, nachdem Professor Paul Förster schon ein Jahr zuvor seinen Austritt erklärt hatte und der Partei „oberflächlichen Radau mit verbrauchten Schlagwörtern" vorwarf. Die Wahlen 1903 brachten einen weiteren Zerfall des politischen Antisemitismus. Bei den „Blockwahlen" 1907 lächelte ihm noch einmal das Glück dank einer geschickten Ausnutzung der Volksströmung und der Taktik bei den Stichwahlen. Von 14 stieg die Zahl der Mandate auf 17, die Stimmenzahl jedoch nur von 258 207 auf 267 205. Die Führer der antisemitischen Gruppen Stöcker, Zimmermann und Liebermann v. Sonneberg sanken kurz hintereinander in den Jahren 1909, 1910 und 1911 ins Grab. Im Reichstage verschwanden sowohl *) Dr. Böckel-Marburg zog 18v7 als erster „Antisemit" in den deutschen Reichstag ein. die Deutschsozialen als auch die Christlichsozialen als selbständige Parteien-. Ihr Erbe ging in die Rechtsparteien größtenteils unter. Das Uebrige gehört der neueren Zeit des Judenhasses an. Doch muß bei der Verbreitung des letzteren auch an den Antisemitismus imAuslande kurz erinnert werden. Von Deutschland, der Wiege des Antisemitismus, griff dieser rasch auf Rußland über, ebenso namentlich auf Oesterreich und Ungarn. Italien und die Weststaaten stehen hierzu im Gegensatz. Die zaristische Regierung erließ drakonische Gesetze unter dem Grafen Jgnatiess und von 1880 bis 1890 sah man Tausende und Tausende der leidbedrückten russischen Glaubensbrüder und -Schwestern nach Amerika wandern, meistens über deutsche Häfen. Man bildete Hilfskomitees, organisierte Auswanderervereinigungen, so gut es ging. Das jüngere Geschlecht kennt die Not jener Tage kaum vom Hörensagen. Man versuchte auch diplomatische Vorstellungen in Petersburg als Gegend wehr, aber ohne nennenswerten Erfolg. 1903 fand' in der südrussischen Stadt Kischineff ein Judenprogrom statt, der es an Grausamkeit und Bestialität mit jeder Verfolgung im Mittelalter aufnehmen konnte. Freilich bejubelten die deutschen Antisemiten jene Erfolge im Osten mit lautem Beifall. Eine Enttäuschung brachte ihnen jedoch das Zarentum, als es auch gegen Deutsche und Deutschtum vorging und gewaltsam die Russifizierung der Ostseeprovinzen vornahm. In Oesterreich bot sich im großen Ganzen das gleiche Bild wie in Deutschland, nur daß dort der Antisemitismus eine mehr katholische Färbung hatte. Die Studentenschaft in Wjen und Prag machte^ es den jüdischen Kommilitonen sauer genug, ihren Studien obzuliegen. Beim so sehr beliebten „Bummel" kam es oft zu Tätlichkeiten. Das „Deutschtum" vieler Professoren offenbarte sich im Judenhaß. An der Spitze stand in Oesterreich Herr v. Schönerer. Die Wiener vergötterten ihren antisemitischen Bürgermeister Lueger. Man spielte allenthalben den Lueger- Marsch, Ebenso waren in Ungarn Ausschreitungen in vielen Orten vorgekommen und der große Ritualmordprozeß in Tiszä-Eßlar (1882) ließ die Flamme des Judenhasses erst recht emporlodern.*) Von dem antisemitischen Wiener Kanonikus Prof. Rohling, der später als Fälscher entlarvt wurde, wurde eine Hetzbroschüre „Der Talmudjude" in tausenden von Exemplaren *) Loyalerweise muß betont werden, daß Ungarn in den nächsten Jahren nach dem Prozesse ein Muster religiöser Toleranz und politischer Gleichstellung bildete. __ Dies ist nach dem Targum schon im Segen Jakobs enthalten: sie sollen wie die Fische des Meeres unter den Menschen auf Erden sich vermehren. unter das Volk geworfen. — In Rumänien, has 1878 den „Berliner Vertrag" < unterschrieben hatte, kümmerte man sich keinen Deut um die verbrieften Rechte der Juden. Sie waren.als „Fremde" fast vögelfrei und die Signatarmächte schwiegen, da man in der „Balkanfrage" sich nicht die Finger verbrennen wollte. — Unter den Bauernunruhen, die natürlich in enger Verbindung. mit dem Antisemitismus standen, hatten die Juden direkt zu leiden und 1901 bis'1907 wunderten viele, namentlich jüngere Leute, nach Amerika aus. (Schluß folgt.) Zu >rm« Kurze Betrachtungen zum Wochenabschnitte.*) Von Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwtttau (Mähren). „Und er segnete Joseph und sprach.Der Engel, der mich von allem Uebel erlöst hat, segne die Knaben.und sie sollen sich den Fischen gleich auf Erden vermehren." Der Targum übersetzt den letzten Teil dieses Verses scheinbar stei: vmsv' '"111 'MX ’32 132 113V' xa' ..Und wie die Fische des Meeres sollen fie sich vermehren unter den Mensche« auf der Erde". Dieses „unter den Menschen" ist scheinbar unverständlich, da Menschen sich bekanntlich nur unter Menschen verbreiten können. Der Targum spielt aber offenbar auf eine Talmudstelle (Baba Batra 18 a) an, wo unter Bezugnahme aus Josua Kap. 17. 14—18 erzählt wird, daß Josua den Söhnen Josephs, die sehr zahlreich waren, den Rat erteilte, sich von den Menschen zu ab sentieren und sich in den Wäldern zu verstecken, um sich auf diese Weise vor dem „bösen Blicke« zu schützen. Die Söhne Josephs aber gaben darauf zur Antwort, daß ihnen der „böse Blick« nichts anhaben könne und daß sie es vorziehen trotz ihrer großen Fruchtbarkeit unter Menschen zu bleiben. *) Nach7vlin.l ölpV'» l. Teil. Es gibt nach der Maffora drei Verse in der Heiligen Schrift, die aus sieben Wörtern bestehen und deren mittleres (viertes) Wort xi.il lautet. Das erstemal kommt ein solcher Vers in unserem Wochenabschnitte vor: |rp xi.ii lan1? .iiav itpxa 'Jisra In Jesaja (Kap. 32,8) kommt der Vers vor oij?' ni2'ii V» xini *]$p nia'ia am Und zum brittenmal kommt ein solcher Vers in Job (Kap. 28,23) vor. Dort heißt es sn* xi.ii non pan O'p^x n»lj?a nx- Diese drei Verse stehen in einem gewissen Zusammenhänge miteinander und enthalten nur eine Lehre, die Lehre von der Pflicht der nj?iX' der Wohltätigkeit. Ascher, so lautet der Segen Jakobs, wird reichlich Brod haben (deshalb), weil er Leckerbissen für des Königs Tafel liefert, d. h. weil er den Armen und Hilflosen in ibrer Not beisteht und ihnen von seinem Ueberflusse gibt. Damit allein erfüllt man aber noch lange nicht die Pflicht der npTC. Wer wahrhaft wohltätig ist, muß auch andere zum Wohltun veranlassen nmm xim> (Dip’ denn, so lautet der Grundsatz unserer Weisen, nvivn ja ini' n^an ‘?vn. Nur mutz die Wohltätigkeit um ihrer selbst willen geübt werden und die höchste Stufe der Wohltätigkeit ist, daß der Spender nicht weiß, wem er spendet, und der Bedürftige den Namen seines Helfers und Wohltäters nicht erfährt. Diese Form wird moa npis genannt. Aber wenn diese Art Wohltätigkeit den Menschen lVochenrundschau. Die Sowjets wollen eine Iefchiwah. Eine überraschende Meldung kommt aus Rußland. In Charkow soll vom.sowjetrussischen Staate aus eine offizielle g r o ß e Ieschiwah errichtet und erhalten werden. Und nun beginnt das große Rätselraten. Wo wollen die Sowjets, die bislang zehn Jahre hindurch alles, was mit Cheder, Jeschiwah und Thora Zusammenhängt, zu zertreten und spurlos zu vernichten suchten, mit diesem Beschluß Hinaus? Soll das ein Köder sein? Wollen sie eine „Thora"-Lehranstalt nach ihrem -Gusto errichten, um darin die Jugend der Thora zu entfremden? Aus dem Echo, das dieses Ereignis in der östlichen Presse gefunden hat, treten zwei Stimmen hervor. Die Einen, und das sind wohl die meisten, glauben nicht an den ehrlichen Willen und ein ernstliches Einlenken der Regierung und der Jüdischen Sektion. Sie halten das Ganze für einen Bluff oder eine neue Provokation. Man wolle, des Kleinkriegs müde, das Kampfobjekt auf einen Raum konzentrieren, um ihm dort bester zu Leibe rücken zu können. Zunächst habe es die Sektion, nach dieser Auffassung, mit dem Plane darauf angelegt, die kleinen Thoralehranstalten aus dem Wege zu schaffen, mit der einen und großen werde man nachher schon' mit einem kräftigen Faustschlag fertig. Man könne sie auch von innen heraus unterminieren. Man erinnert sich an die zwei Rabbinerbildungsanstalten aus der russischen Zeit, die solch löblicher Aufgabe, nicht ganz ohne Erfolg, dienten. verborgeck bleibt, «der Herr aber kennt ihren Weg und Ihm ist der Ursprung bekannt." Die Brüder fürchteten, daß „Joseph sie hasten und ihnen alles Böse wieder vergelten werde, das sie ihm angetan haben". Zu dem doppelten Ausdruck 2'V' 2'V.il bemerkt der Midrasch: nt 2V,11 1VV nt 2'V' ioi'. Die Söhne Jakobs empfanden eine doppelte Furcht, vor Joseph, ihrem Bruder, und vor Esau, dessen Zorn ihnen zur Genüge bekannt war. Und sie fürchteten nicht mit Unrecht Der Bruderhatz unter den Söhnen Jakob-Israelskann Esau unmöglich verborgen bleiben, dafür sorgen sie schon selbst, die feindlichen Brüder, die Haffer und die Gehaßten. Und der Hatz der feindlichen Brüder bietet Esau einen willkommenen Anlaß, über alle ausnahmslos herzufallen und allen zu schaden. Jeder Bruderhaß hat ausnahmslos einen vV.i bib'N zur Folge und diesen zu vermeiden, ist Pflicht und Ausgabe aller, die sich stolz als die Söhne Jakobs bekennen. Oie Furcht und die Hoffnung des Erzvaters. Betrachtung zu ir>i von Rabbiner Dr. B. Lohen; nach Gedanken von R. I. Malincr -V-S1VN pvn -td ora Ivru«? 1. Wer den Charakter unseres Erzvaters Jakob mit aufmerkenden Sinnen der Thora abgelaufcht hat, be-' greift es, daß nach Meinung unserer Weisen seine Freuds über die Fahrt zum wiHdergefundenen Sohne Josef kerne ungetrübte gewesen sein kann und feine Furcht vor dem Herabsteigen nach Aegypten, von der ihn Gott —Nil» «VN Vs— befreite, tief innere Gründe haben mutzt». es

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