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Der Israelit · 1928-12-27 · Heft 52 (27.12.1928) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 52 (27.12.1928)
Date
1928-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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27. Dezember 1928 Nr. 52 Frankfurt a. 2TT., den u. T-b-t ssso flR9[\| Ein Centralorgan Nr das orthodoxe Judentum ((fö| Begründet von Tr. Lehmmm in Mainz. l\l i &p.<£k mark,um Tageskurs oder 7 Zloty. Schwei, 8 3*. Tschecho-SlowakeiJBKronen;Nngarn Pengö 5 ab I.Juli 1987; Dänema« 8.60«ron»;Norwegen8.80 Krön.; Schwede»8« «ron. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. . . Der Israelit erscheint jede« Donnerstag. Inserate 40 Goldvf. für die flebengespalte« Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuche» und Familienanzeigen nur 80Bf. Die 78 mm breite Reklame, eile r letzte Textsette 1.80 Mk., vorletzte T^etseite S.— Mk.: sow.durchsLmtl. Annoncen-Äved^des Sn- und Sw-lands. Alleinige JnseraLenanmfürWantf. Geschäftsanz.: Bnl. SchmidtTZangestr. 7, II, Tel. Hansa 4841. Platzvorschr. ohneBerbindlicht. direkt an den Berlaa auf Postscheckkonto Frankfurt (Matz») Nr. 19803. — Warschau Nr. 190787. - Postscheckamt Zürich Nr. Vlll 7L4 JnkafU>-Bank Rotterdam Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - Der Gerichtsstand für alle Wie» Nr. 79806. — Postsparkafsenamt Budcwest Nr. 18434. — Postscheckkonto —chmische Unionbank in Prag — Banca Mannarosch Blank & Co. hl stch erqebende» Zablunasverpstichtungen ist Frankfurt a. M. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Januar! Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. - Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit Frankfurt a.M. 50 Jahre Antisemitismus. Geschichtlicher Streifzug für das jüngere Geschlecht. Von A. Mannheimer in Dettelbach. - Jedes Geschlecht, schließlich jeder Mensch lebt in seiner Zeit. Was hinter ihm liegt ist historische Vergangenheit. Für unsere jetzt Fünfzehnbich Achtzehnjährigen ist der Weltkrieg ebenso eine „Geschichte" wie uns Aelteren der Krieg von 1866 und 1870, wenn wir etwa anfangs der siebziger Jahre uns in die Schulbank setzten. Genau so ist es mit der Geschichte des Antisemitismus. 50 Jahre sind.seit seinem Auftreten verstrichen. Männer im vollsten blühendsten Mannesalter wissen nichts von den bewegten, vergangenen Jahrzehnten,, sie kennen nur die Gegenwart. Die ältere Generation besitzt das vollkommene Bild. Wir wollen versuchen, dieses mit groben Pinselstrichen zu zeichnen. Mehr kann aus Raumökonomie an dieser Stelle nicht geboten werden. j Das Jahr 1928 ist das Jahr des goldenen Jubiläums des Antisemitismus! 1878 bildet sein Geburtsjahr und Deutschland ist seine.Geburtsstätte. Nicht, als ob es vorher keinen Judenhaß gegeben hätte; er taufte sich nur 1878 offiziell auf den Namen Antisemitismus um. Nicht nur aus Kindermund hörte man damals die uns Juden von Sem abstämmen, also „Semiten^ seien und unsere Gegner sich „Anti"-Semiten heißen. Mag man über solche Fragestellung heutzutage lächeln, sie ist aber bezeichnend für das Unerwartete und Ueberraschende der damals auftauchenden Bewegung. Wieso aber tauchte der Judenhaß gerade damals — 1878 — auf? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Deutschland lebte seit 1870, wo es nach dem ruhmreichen Kriege gegen Frankreich das Kaisertum ausrichtete, im Siegesrausch. An seiner Spitze stand der große und im Auslande geachtete Kanzler Fürst Bismarck. 'Der Boden für einen »sich blähenden Nationalismus war da. 1873 wagte man im sogenannten „Kulturkämpfe" die Kraftprobe mit dem Papsttum in Rom. Warum sollte man nicht fünf Jahre später auch Pe Juden bekämpfen? Der alte Judenhaß war ja stets latent vorhanden! Alch äußeren Anlaß nahm man einige Vorgänge innerpolitischer Natur. Die Arbeiterklasse war mit'der neuen Entwicklung unzufrieden. Die Sozialdemokratie örwachte gegen den allgewaltigen und vergötterten 'Militarismus. Als endlich 1878 die beiden ^Attentate Hödel und Nobiling" gegen Kaiser Wilhelm I. entstanden, war der Moment * gekommen, wo Fürst Bismarck die Reaktion mit -voller Kraft stützte und förderte; der Kampf gegen die Demokratie, welche die Rechte auch der jüdischen Staatsbürger verteidigte und schützte, begann. Gleichzeitig mit dem — später als verkehrt erkannten — „Sozialistengesetz" erhob sich der Antisemitismus. Dazu kam eine gewisse „Verschnupfung" in den hochkonservativen und hocharistokratischen Kreisen, da der nationalliberale jüdische Abgeordnete Eduard Laster, einer der führenden Männer im deutschen Parlamente, im preußischen Landtage den Gründerschwindel durch. eine wuchtige Rede bloßlegte. Ein Sturm durchbrauste das Haus. Ministerpräsident Herr v. Roon mußte unter der Wucht des Beweismaterials einen Rückzug antreten. Handelsminister v. Jtzenplitz saß stumm und bleich auf seinem Platze. Hohe und höchste Kreise waren kompromittiert. Für den Juden Lasker sollten nun alle Juden büßen.*) Und nun be¬ *) Für das jüngere Geschlecht sei bemerkt, daß außer Lasker noch ein Jude der damaligen Gesetzgebung den Stempel seines scharfen Geistes aufvräate: der Abgeordnete Dr. Ludwig Bamberger, __ ____ __v.w führend in der Wäyrungsfrage. Ferner: Wilhelm!. beute naiv anmi/tende §?raae° 9Unc ift denn hatte 1871 die Kaiserproklamation aus den Händen £ onmutenoe ^rage. Jisas ist oenn Das. bes späteren Reichsgerichtspräsidenten Dr. von An-tr-semi-tismus?, um zu erfahren, daß wir I Simson entgegengenommen. gann der „Antisemitismus", deren Führer der kaiserliche Hofprediger Adolf Stöcker wurde. Im Volksmunde nannte man den Kampf gegen die Juden einfach die „Berliner Bewegung"; oft auch die „Stöckersche Bewegung". Stöcker suchte die damalige politische Konjunktur mit aller Kraft gegen die Juden auszunutzen, wobei ihm seine hohe Stellung sowohl wie seine glänzende Rednergabe zustatten kam. Durch seine wüsten Hetzreden wurde er einer der gefährlichsten Demagogen. Wenn wir von den Arten des. A n t.i s e m i t i s m u s sprechen dürfen, dann ist Stöcker der Vater des „politischen" Antisemitismus. Er wollte den „allmächtigen Em-fluß der Juden auf die Politik, Wissenschaft und Parlament brechen." Als Hilfsmittel trat ihm der sogenannte wirtschaftliche Artisemitismus an die Seite, der sich namentlich an die bäuerlichen Kreise wandte, an Gewerbetreibende und an die Arbeiterklassen. Merkwürdigerweise trat der Rassenantisemitismus, wie man es nach der Neuen Benennung des Judenhasses hätte vermuten sollen, verhältnismäßig spät hervor, ebenso, der religiöse. Was die Kampfesweise der Judenfeinde jener Zeit anlangt, so unterschied sie sich in der Verlogenheit des Inhalts und in der Roheit des Tones kaum von den heutigen „Presseorganen" und „Reden". Es genügt, wenn daran erinnert wird, daß der Biograph Stöckers, Dietrich v. Oertzen, uns sagt, Stöckers intimste.Freunde seien .oft ganz entsetzt gewesen über dessen rohe Sprache. Die Gegner titulierte er „Bande", bezeichnete die „jüdische Presse" als „umgekehrte Kanalisation, die allen Unrat des Lebens in die Häuser hineinleite", bezeichnete den Protestantenverein mit „Mistbeet" usf. Das genügt. Auch die Anklagen gegen die Juden waren die gleichen wie heute: Beherrschung des Kapitals, der Presse, der Politik, der Wirtschaft, Ausbeutung der schaffenden Massen, Neigung zu Betrug, Wucher usw. Man kann hier ersehen, daß nicht erst ein verlorener Weltkrieg den Nährboden für den Antisemitismus abgibt. Auch die Jahre, des politischen und wirtschaftlichen Aufstiegs nach dem glorreichen Feldzuge 1870/71 sind dazu gut genug gewesen. Die Zahl der a n t i s e m i bi s ch e n Parteien und Presseorgane wuchs mit der oft heftigen gegenseitigen Befehdung der Führer. Zur Presse der Stöckerschen „christlich-sozialen Partei" gesellte sich Dr. Böckels „Reichsherold" in Hessen, die „Deutsche Reform" der „Wirtschaftlichen Vereinigung", ferner die „Deutsch-soziale Partei"

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