Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-12-20 · Heft 51 (20.12.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 51 (20.12.1928)
Date
1928-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450545--75587-2533118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 51 Der Israelit 20 Dezember 1928 ohne leugnen zu müssen, daß mit den größten Schwierigkeiten gerechnet werden muß. Diese Schwierigkekten selbst werden in dem Maße überwindbarer, als man sich ihnen mit Geduld anpaßt, von der alten jüdischen Psychose der Ueberstürzung — amo pesiso! — ferne hält. Werke, die Weile brauchen, nicht im Nu fertig sehen will. Für landwirtschaftliche Siedlungen, die mit Verlassen der alten Heimat verbunden sind, also Unternehmungen größeren und größten Stils, wird man mit äußerstem Verantwortlichkeitsgefühl und immer wacher Aufmerksamkeit Chancen abwarten müssen, für Siedlung in der Heimat der Ansiedler nur die günstigsten Gelegenheiten und Bürgschaften für solche billigen dürfen. -Man wird nur die Geeignetsten ansiedeln oder zur Ansiedlung veranlassen dürfen und wo das Menfchenmaterial für den ungeheuren Sprung vom Städter zum Landbebauer zu spröde ist, d. i. im Westen fast überall, Uebergangssormen und Auslesemöglichkeiten schaffen müssen. Solche können« z. B. durch Schulsiedlungen gegeben sein, in denen junge, frommer Lehre und frommem Leben ergebene Menschen eine gute praktische Ausbildung in der Landwirtschaft erhalten sollen. Ebenso durch gemeinschaftliche Niederlassung von Großstädtern in der ländlichen Nachbarschaft der Städte, in denen sie ihren« Beruf ausüben, — nicht nur, um wenigstens die Abendstunde, die Sabbate und die Festtage fern vom ablenkenden und,versuchungsreichen städtischen Getriebe zu verbringen, sondern auch in der berechtigten Erwartung, daß bei entsprechender Unterweisung der Heranwachsenden Generation« zumindest ein Teil von ihr sich für den landwirtschaftlichen Beruf entscheiden wird. Von' einer Utopie kann der nur sprechen, wem das Verständnis für eine Methode der Bedachtsamkeit und Geduld oder für die Bedeutung der Sache oder für beides abgeht. Wer einfach zu bequem ist, um die Blicke über den Horizont des Tages hinaus zu erheben, ja auch nur, was innerhalb dieses Horizontes sich abspielt, in seinem ganzen Ernste erfassen zu wollen; wer sich nicht vorstellen kann, daß es Bruchlinien der Geschichte gibt, an denen sich die Schicksale von Völkern entscheidend ändern; wer sich von den Legenden der Moderne' über die alleinseligmachende Kultur der Großstadt verführen läßt, den jammervollen Großstadtfluch der Juden als Segen zu preisen; wer nicht durch die Derbheit des Landmannes hindurch dessen Kulturwurzelhaftes zu sehen vermag; oder wer gar — auch das kommt vor! — in seiner Kaufmannsehre sich verletzt fühlt, wenn man die kaufmännische Inzucht **) ünseres Volkes, nicht etwa das Kaufmännische an sich, als eines der Hindernisse seelisch-sittlichen Ausstieges bezeichnet — der wird natürlich den Weg der Verländlichung ablehnen. Wer von alledem frei M, wird ihn annehmen. Mögen die Urheber-und Leiter der Sabbat-Aktion ihn voll zu würdigen lern-en. Und mögen vor allem auch die verantwortlichen Führer der Orthodoxie begreifen, daß gerade diese es am nötigsten hat, aus der Enge der Verhältnisse herauszukommen und in vollen Zügen Luft zu schöpfen. Mögen sie endlich inne werden, daß das Thorajudentum unter den Bedingungen, unter denen es heute lebt, mehr sicher als langsam in den' Abgrund rutscht Und daß noch ganz andere Dinge als Parteitum, fromme Mahnungen und selbst die wichtigsten ad hoc-Aktionen nötig sind, um das Unheil zu verhüten. Wochenrundschau. Zur Tagung des Bundes jüdischer Akademiker. Die bürgerlichen Feiertage der kommenden Woche werden für die gesetzestreue Jugend Deutschlands im Zeichen der Berliner Bundestagung her jüdischen Akademiker stehen.. Die Veranstaltungen sind diesesmal in größerem Maße und in festlichem Rahmen aufgezogen. Es wird aber nicht allein ein Fest gefeiert, es werden Tage schwerer, ernster Arbeit sein, von der reiche Ernte für die gesetzestreue Jugend und darüber hinaus für das Judentum insgesamt reifen wird. Wir leben in einer problemgeladenen Zeit, von der gewiß nicht allein der Akademiker im Banne gehalten wird. Fragen des Denkens und Glaubens, Bildungs- und Erziehungsprobleme stürmen auch auf eine geistige Mittelschicht und vorab auf die Heranwachsende Jugend ein, verwirrend oft und irreführend. Holt man sich in diesem inneren Ringen Rat bei den Männern der exakten und rationalistischen zünftigen Wissenschaft, so ist die Antwort auf alle die Fragen a priori gegeben, Md sie kostet uns terzres Seelengut. In Berlin tagen Jünger der Wissenschaft, die zugleich Jünger der Emunas Chachomim, **) Skfye „Im Dienste der Verheißung" (f. erste Note). Jünger der Thora sind, die die Grenzen unseres Erkennens kennen und respektieren und für' ihre Urteile auch die Maßstäüe äüs einer arideren, höheren Welt jenseits unseres Begreifens cinlegen. Man wird zu der BeNlintzr Verfümmlung der jüdischen Akademiker hinaufschauen, zu ihren Referaten und Aussprachen mit dem Interesse und der Aufmerksamkeit hinhorchen, wie sie ehrlich Ringende verdienen, die an« den Problemen der Zeit und des Lebens nicht achtlos vorübergehen, Auge und Ohr für den Tag,'seine Nöte und Fragen offen Haben, aber bei all dem den festen Boden des historisch Gegebenen kennen Und erst von dieser Fläche aus den« Start in die höheren Regionen der Gedanken und Ideen wagen. In diesem Sinne und unter diesen Voraussetzungen begrüßen wir die Berliner Tagung des V un des jüdisch er Akademiker als echte öw1? von der sich Segen ergießen möge auf weite Kreise unserer Gemeinschaft. Der Sonnkagssabbal auf dem Wege? Wenn nicht alle Zeichen trügen, haben die Sonntagsjäger der Reform bestes Jagdwetter. Noch geht es nicht darum, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen, aber neben dem Sabbat eine Sonntagsweihe mit Feftgottesdienst und Predigt für diejenigen, die den Sabbat nicht kennen oder nicht mögen, zu veranstalten, scheint Vielen eine billige Forderung der Zeit, die mit ihren Lasten und Mühen über den Sabbat hinweg geradezu auf den Sonntag Hinweise. Daß hiermit der Anfang vom E m d e gemacht sei, lehrt uns eine Geschichte von Jahrzehnten. Was machts? Vielleicht kennt-man die Geschichte nicht, vielleicht will man gerade d a s von ihr lernen. Im lokalen Teil der jüngsten Nummer veröffentlichten wir eine Rundfrage des Frankfurter „.Vereins Königftei-nerstraße" an die liberalen Gemeindemitglieder über ihre Stellung zum Sonntagsfestgottesdienste. In München hat man nicht viel gefragt und den Sonntagssabbat, wie ein Bericht in der „Bayrischem Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Dezember ausweist, eingeführt, und die Verl in« er, neidisch auf München, schlagen nun in der Presse und in der Repräsentanz Lärm gegen die „Jüdische Volkspartei", die „Mittelpartei" und die Konservativen, die in der Gemeindevertretung mit ihren 11 Stimmen gegen die 10 Stimmen der Liberalen den« Antrag auf den Sonntagsgottesdienst in den Berliner liberalen Synagogen zu Fall gebracht haben. In der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 7. Dezember wird im Anschluß Etwas über Erziehung. Aus einer Rede von Joseph Wohlfarth . Zur Jahrzelt am N2v 'T- So manches Mal habe ich über die scheinbar unnatürliche Brocho des Vaters: nrbzr nwyn 'aivrw ira nachgedacht. Das Wort 'aivsv 1112 ist ja oft genug sonst im Leben angebracht. Wenn aber ein Vater 0212 macht darüber, daß nicht mehr er, sondern nunmehr das Kind selber die Folgen seiner m->2v zu tragen hat, so ist doch das unväterlich, widernatürlich, denn in der Regel dulden Eltern gerne" für ihre Kinder. Aber die Sache verhält sich anders. In Wirklichkeit wird das Kind mit dem vollendeten 13. Jahre noch nicht straffällig. Die Straffälligkeit beginnt nach jüdischem Gesetze erst mit dem vollendeten 20. Jahre. Das Kind wird wohl nix»-i2, zu allen Vorschriften verpflichtet, aber noch nicht rww 12' noch nicht voll verantwort-, lich für die Uebertretung. Vielmehr schweben die fpri? in der Luft, sie sind in—>) nxv^i rvn< kommen vielleicht, je nach der Entwicklung, niemals zur Geltung.— Aber andererseits tritt mit dem 13. Jahre die freie Selbstbestimmung des Menschen in ihr Recht, wie aus dem Midrasch zu 21x^171: o'-nw ■fcin heroorgeht; und dem Vater kann billigerweise die Verantwortung nicht mehr aufgebürdet werden. Vielmehr sagte dort 2v«'V 7>2X “|Vsi 1«2v ,23V 2"' 257 1322 ^BOTlV D2K 1'2X : 8 '2 -221 '3'V8V 1122 „ Der Mensch hat sich mit seinem Kinde bis zu dessen 13. Jahre zu mühen, von dann ab muß er sprechen: Und nun ist auch der Sinn dieser Brochoh klar: Es gibt zwei Perioden des Mn. der religiösen Erziehung, eine mehr theoretische, vom 5. -bis 13. Jahre 0-3-7 -.2 p) N3«72^ '■> 12 /topaW wozu sich dann eine zweite der (gesetzlichen) praktischen Gewöhnung vom 13. bis 20. Jahre schließt. Die. *222 gilt also dem Abschluß des ersten Stadiums und ist darum auch, „beim Vorlesen aus der 2210" (also dem ersten Aufrufen) des Sohnes zu sprechen. In dieser zweiten Periode des -iot, erblicken wir eine Entwicklung, ganz konform dem, was unsere -22132 niua uns symbolisch vor Augen führt. Der Mensch ist T>Vi2i ej’oi», ein Licht nach dem andern geht auf, bis. mit der Siebenzahl der Jahre die 7 Geistesflammen, die unsere 2213» vergegenwärtigt, der 212 23*21 2022 212 ,-2 212 -2 718X'l 71VX rm 221231 2X57 vollzählig brennen. Es vollzieht sich wörtlich da, was lb»2 212 im v't>27i -Liede sagt: 'x nsx* x»2n rmn vn'viv bab 2it5 bytfi wenn in der ersten Periode des x^'n als Grundstock 'x 2kx-> eingepflanzt ist, so entwickelt sich in der zweiten, beim Neben der nix» die ganze Summe des i:v. der nicht on-x»i^, denen, die sie lernen, sondern Dn’PwV/ die sie durch die Tat verwirklichen, winkt. Nun zählt aber unsere 2213» 22*32, nicht 7, sondern 8 Flammen. Schon einige unserer 0^1-3. so der rwn '73, machen darauf aufmerksam, daß historisch die Siebenzahl berechtigt sei. Denn das Oelkrüglein, das sich im Tempel fand, reichte für einen Tag, und da es statt dessen 7 Tage hielt, — so lange man zur Her-, stellung neuen, reinen Oeles bedurfte — fand das 22132-83 sieben Tage lang statt. Wenn wir, nun doch 8 Tage 22132 halten, 8 Lichter brennen, so hat das gewiß keinen anderen Grund, als daß unsere Weisen in dem Umstand, daß überhaupt noch ein Krüglein 22i2v i»V gefunden wurde, ein besonderes 03 erblicken. Ja, gerade das war in ihren Augen das größte r»? nicht unsere Siege über die Macht, sondern daß in der allgemeinen Zerrissenheit noch ein Restchen von 2«2'i 2212 gesunden wurde, welches reichte, bis neues Oel bereitet war, d. h. bis die nun wieder Gemeingut in b«^v> geworden, bis ihr Bestand-gesichert war für die weitere Zukunft. — Diesem 03 gilr unser ^2 -Lied am Chanukkah '21 n*v ^22 131-5-:«: die 2212 ' schien verloren, vnVx ich war arm (an nix»), y>t?irp Cr gewährt mir neues Dasein. ' Jenes Krüglein aber trug den Stempel des längst entschlafenen es war ein von den gotkesfürchtigen Vätern hinterlasienes Gut. Und so ist die nan» einer jeden Generation, die n»-n mv-ri ist, ein Gut, das die Väter in die Kinder und Enkel verpflanzt, und ohne die keine segensreiche Geistesentwicklung denkbar ist. — Sie bewirkt, daß alle Kinder und Enkel, und gehörten sie. den verschiedensten Berufszweigen an, sich alle um unsere 2213» scharen, sich alle 2277,2 .13^2, als zugehörig zu der einen, großen Familie des 5>«2&’- wa betrachten, 01 2281 21282 2282 23P2 8'XplV» Q1J7123 2B7^S7 alle umfangen und getragen von dem Prinzips des« Hauses, dem sie entsprossen. Wie aber ein solcher Sinq gezeitigt wird, das lernen wir in einer wunderherrlichen 2218», v i In feinem Traume sieht 25722 die sieben guten Aehren auch 22» 23P2 711^157, so wie die sieben Arme der Menauroh 2282 23p2 aus dem einheitlichen, aus einem Stück getriebenen Schafte heroorgehen. Wenn sieben Jahre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.