Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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20. Dezember 1928 Nr. 51 Frankfurt a. 21T., den —t&mms WStfji Ein Centralorgan (Or du orthodoxe Judentum mSSj JJI Begründet von DL Lehmann in Mainz. Ul ä Abönnerirent ab Januar 1834: Deutschland 1 Toldmarl monaütch; A n s l and:? Bierteljahrpretse (entsprechend dem deutschen'Inlandspreis Jiu$ü(jlid) Kosten des Ttreisband-Ber» sandes) " . "" ' . Frankret slawien______, _ . „ ... . . _ mark inrm Tageskurs oder 7 Zloty. S 4wetz 6 Fr. Ttchecho-Slowakei 86 Kronen; Ungarn Pev gö 6 ab 1. Juli 1937; Dänem irk 3. nO Krön.; Norwegen 3.60 Kro«.; Schweden 8L0 «ro». Einzelnummer dreißig Eoldpfenniqe. Der Israelit.erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Eoldpf. für die flebengefpalteue Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahle« bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 80Pf. Die To mm breite Reklamezeile r letzte Tertseite 1.80 Mk., vorletzte Tertseite 8.— Mk.; Thiffregebühr in Höhe eines dopv. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende« Inserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. 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Die Aktion ist umso dankenswerter, als sie unter den schwierigsten Verhältnissen unternommen wird. Denn es kann ja keinem Zweifel unterliegen, daß die Bedingungen, unter denen wir Juden heute leben, wie überhaupt dem jüdischen Gesetzesleben, so ganz besonders dem Sabbat nicht günstig sind. Wollte man sich schon dabei beruhigen — was man doch auch nicht darf—, daß sie an den ohnehin schon Entfremdeten nichts mehr verderben können, so kann man doch sicherlich nicht leicht hinnehmen, daß sie mit erschreckender Zwangsläufigkeit noch Aufrechte zum Wanken und schon Wankende zu Falle bringen. Es ist heute, wie wenn hinter den Menschen ein Dämon stünde, der sie zu einer heillos dahinjagenden Maste zusämmendrängt. Der Einzelne kann: sich tiiur behaupten, wenn er mitlauft, im Laufe Erfolge und Genüsse schnappend. Wehe ihm, wenn'er ruhig verdienen, mäßig genießen oder gar um sein besseres Selbst sich kümmern will. Dann stürzt er, bleibt liegen und die wilde Jagd braust über ihn hin. Es ist eine Zeit, die 'keine Zeit hat — am allerwenigsten, um nach der Ewigkeit hinzuhorchen. Und wir stehen mitten in dieser Zeit' und haben noch obendrein mit ererbten Schwierigkeiten zu rechnen, die sich zu den zeitgerechten, sie komplizierend, gesellen. Kein Wunder also, daß von unfern Durchschnittsmenschen — und es gibt kein Gebot: sei kein Durchschnittsmensch!, wie es kein Mittel gibt, die Ausnahmsmenschen zu vervielfachen — Einer nach dem Ändern; der Zeit, sich anhequemt, statt dem Sabbat die Treue zu Halten. Die Frage ist nun: Wie will hie neue Sabbataktion zu Werke gehen? Will sie, das 'Unheil in seiner ganzen Breite und Tiefe ermessend, versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen, das Hebel an der Wurzel zu packen, neue günstigere Verhältnisse zu schaffen oder will sie sich an der Oberfläche halten, bloß Symptome! beseitigen, nur Tagewerk verrichten. Davon hängt sehr viel ab. Nicht als mb das Tagewerk nicht sehr verdienstlich und sogar im Augenblick höchst dringlich wäre. Es ist sicher am Plätze, d^rch kluge und warm gehaltene Aufrufe diejenigen Prinzipale, die selber die Sabbatgesetze beobachten, aufzurütteln, so daß sie fast ausschließlich Schaumrej schabbos anstellen. Es ist gewiß unerläßlich, daß der Stellennachweis für Ueberlieferungstreue in äußerst rationeller Weise interterritorial organisiert und aus die höchst erreichbare. Stufe von Leistungsfähigkeit gebracht wird. Und es mag auch ganz nützlich sein, wenn man, sich, wie es beabsichtigt ist, bemüht, eine Anzahl von liberalen jüdischen Kaufleuten und Industriellen dahin zu bringen, daß sie einen kleinen Prozentsatz der bei ihnen freien Stellen mit orthodoxen Juden besetzen. Alles dies ist richtig und wichtig. Doch genug ist es nicht. Denn das Ergebnis, aus dürrem Boden mit aller Anstrengung noch gerade herausgepreßt, kann die Dürre selbst, die Judentum und Jüdischkeit befallen hat, nicht beseitigen. Bei wiederholten Bemühungen wird der Ertrag immer spärlicher werden. Sonst aber werden im Westen nach wie vor fast alleDauf- Mäninischen und gewerblichen jüdischen Mhjriebe am Sabbat arbeiten und im Osten vy.L,Woche zu Wdche immer neue arbeitende hinziUMpien., Immer mehr junge Leute werden, im MM wie! im Westen, vom Graus der ArbeitslosMöD erschreckt, es entweder gar nicht mehr mit tzerWabbatruhe versuchen oder später in; ihrer Berzweift lung in Hellen Scharen dem Sabbat untreu werden. Und immer größer wird die Zahl jener Selbständigen und Angestellten werden, die schon vergessen haben, daß sie, wann' sie und wem sie untreu geworden sind^ Erst wenn es gelänge, neue Bedingungen zu schaffen, die . sich zu Gunsten des Sabbat und des Gesetzes überhaupt ebenso auswirkenwie die heutigen« zu deren Ungunsterh —erst dann könnte dieser ganze traurige Prozeß zum Stillstand kommen. Nun hört manja aus den Kreisen der Urheber und Leiter der Sabbat-Äktion auch Töne, die erfreulicherweise an diese Erkenntnis anklingen. Man hat manches vor, was mit der Parole der Berufsurnfchichtung zusammenhängt. Und wenn man eine andere Parole daneben hält, die im Grunde das wichtigste Moment der Berufsumschichtung betrifft und von w eiten ‘ Kreisen verschied ener Geistesrichtung heute ausgegeben wird — die Siedlung, so darf may so ziemlich zufrieden sein. Das, Siedlungsproblem ist heute in aller. Munde. Und wenn auch dis Motivierung verschieden-ist. und die Zielsetzung ^bescheiden, — Jo verbirgt sich doch hinter den verschiedenen Motiven und den anspruchslosen Zielen eine gemeinsame und anspruchsvolle Empfindung — daß es da um etwas Großes, neue Lebensgrundlagen Schaffendes, Erlösendes geht. Nur daß diese Empfindung noch nicht so anspruchsvoll ist, wie es der Gegenstand verdient. Ja, bei uns, den Ueberlieferungstreuen, müßte sie vertiefter fein und weiter reichen, als bei allen anderen. Wir müßten doch einiges Verständnis dafür besitzen, wie groß der Anteil ist, den die oft durchgängige kaufmännische Betätigung, die Unrast der Großstadt, die jahrhundertelange Naturferne an der Schwindsucht des religiösen Sinnes, an der protzig-aufklärerischen Auflehnung gegen das Gesetz, an der Schwäche gegenüber aller Versuchung haben. Wir müßten doch -aus diesem Verständnis heraus begreifen, welchen Segen es für unser Judentum bedeuten würde, wenn es wirklich gelänge, allmählich immer mehr Stätten zu schaffen, an denen Juden in rein jüdischem Gesellschaftsrahmen in freier Jüdischkeit leben und so die Verländlichung größerer Teile unseres Volksbestandes anzubahnen. Und wir müßten doch dann alle Kraft aufbieten, um diese ersten Schritte zur Schaffung einer der Häuptbürgschafteflj für Thoratreue und den seelisch-sittlichen ÄufstW des Thoravolkes zu tun. *) .. Leider sind es jedoch gerade nur unsere gesetzestreuen Kreise, die der Forderung der Verländlichung, ja, sogar, der anspruchsloser klingenden Parole Siedlung mit oft sogar unfreundlicher Kühle gegenüber stehen. Mißmutig brummt man etwas von unpraktischen Utopien. Wenn damit gesagt sein soll, daß von einer Siedlungsaktion nicht viel für die Verringerung des' augenblicklichen Notstandes zu erwarten ist, so ist dies ja eine im voraus zugegebene Tatsache und geradezu Voraussetzung für die Erkenntnis der über den Augenblick hinausreichenden Bedeutung der Sache. (Uebrigens ist nicht leinzusehen, warum die zu erwartenden Leistungen für den Augenblick, selbst wenn sie klein sind, nicht auch zu begrüßen wären.) Soll damit aber die Meinung ausgedrückt sein, daß das Ziel einer in breiteren Ausmaßen« vor sich gehenden Verländlichung unerreichbar sei, so darf man ihr wohl die entgegengesetzte Ansicht entgegenstellen, *) lieber Verländlichung -als e-i-n-e der zwei materiellen Hauptvoraussetzungen für den seelisch-sittlichen Aufstieg des jüdischen Volkes siehe meine Schrift: „Im Dienste der Berheiß-ung"'(Hermon-V-erlag, Frankfurt a. M. 1927). 1