Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1928)
- Date
- 1928-12-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13. Dezember 1928 _ Bom roten Antisemitismus. Daß Kommuniismus von rötestem Vollblut keine Versicherung gegen Antisemitismus bildet, zeigt die Entwickelung in Sowjetruß land. Liest man Äe dortige Presse, so gewinnt man den Eindruck, daß die Sowjets heute ein gut Teil ihrer Kraft und Regierungsweisheit für die Abwehr' der antisemitischen Welle in Stadt und Land, in Kommune und Unterbehörden zu verwenden haben, ohne sie merklich eindämmen zu können. Ausschreitungen zum Teil schwerer und schwerster Natur werden aus allen Teilen des weiten vereinigten Reiches gemeldet. Im Betriebe und in der Schule, im Klub und im Komitee, in der Geüossenschaft wie m der. Universität, überall von Leningrad bis Wöronjesch wuchert die Giftpflanze und findet ausgiebigen Boden im Volke, unter Gebildeten! und im subalternen Beamtentume, daß die veräniwörtlichen Leiter der Geschicke im Reiche, das Mast der Welt als das „goldene Reich der Menschheitsträume" zeigen wollte, vom Grauen gepackt sind. Hier Nur emige Aufzeichnungen! der Fieberkurve. nach russischen Preßmeldungen: Die Neue Sowjetagentur „Toß" meldet aus Minsk: Die' Kommission für nationale Minderheiten beim weißrussischen Zentralexekutrv-Komitee beschloß, eine systematische Kampagne zur Bekämpfung des Antisemitismus einguleiten. Por wMrgeni Tagen hat eine ist Minsk stattgefundene Konferenz der Kulturärbeiter Weißrußlands gegen den Antisemitismus Stellung genommen; eiste spezielle Abordnung begab sich zum Plenum deS weißrusiischeN Zentralkomitees und bot die Hilfe der Kultürkonferenz in der Bekämpfung des im Anwachsen begriffenen Antisemitismus an. Die Frage des Kampfes gegen Antisemitismus wurde auch auf dem Kongreß der Arbeiter¬ und Dorfkorresp.ond ersten ganz Rußlands, der gegenwärtig in Moskau tagt, aufgeworfen. Das Referat über Antisemitismus hielt der jüdische Delegierte Skurskiaus Kiew. Das Zentralexekutivkomitee Weißrußlands faßte den Beschluß, einen intensiven Kampf gegen den Antisemitismus verbunden mit einer Aufklärungsarbeit einzuleiten. — Die Sowjets sollten sich die Gewissensfrage stellen, ob sie nicht diesen Zustand selber mit verschuldet haben, nämlich durch die Feldzüge gegen die Religion, gegen jede positive Religion, mit denen sie Liebe, Treue und Glauben, die Grundlagen allen Kultur- und friedlichen Gemeinschaftslebens, bei der Heranwachsenden Generation zerstört haben. Ist dem so, dann muß die Abwehr und Abhilfe an der Quelle einsetzen. der Reinigung des Altars von allem Götzenkult besiegelt. — das adelt ihre Kämpfe und Siege, das stellt sie weit heraus aus der Reihe der Freiheitskämpfer. von denen die Menschheitsgeschichte zu berichten weiß — und das ist auch vorbildlich geworden für alle Zeiten. Den Mökkabärn gleich im Siegen vermochten wohl die Späteren es nicht zu tun, an ihrem Heldenmute,entzündeten sich aber all' jene, die immer wieder für die Erhaltung des ,Oelkrügleiris» ihre beste Kraft einsetzten. Sie wurden richtungweisend und zielgebend und sind es bis zum heutigen Tage geblieben. Etwas vom Makkabärgeist und vom priesterlichen H'asmonäertum zeigt sich an jedem unserer Glaubensbrüder, der opferwillig an der Väter Ueberlieferungen festhalt, mag auch noch so schwer der Kämpf des Tages und die Sorge der Stunde auf ihm lasten. Mut und Begeisterung der Chanukkohelden lebt in unverminderter Kraft im Kreise der Getreuen und Opferwilligen fort, die unbeirrt nm des Tages Stürme immer nur das eine und gleiche Ziel erstreben, rpinfi pp v'nnb in seiner segenspendenden Kraft zu erhalten unser altes Sinaierbe... Mit Rachdruck wird uns erzählt: Das Oelkrüglein wurde gesunden 7ro bv lanina mia versehen ,mit dem Siegel des Hohepriesters". Das wahre und echte Oel ist nur das, über dem die Prägung des Ptiesters ruht. Auch uns darf nur als Judentum gelten, was das Siegel des Heiligen, unserer mm und des Geistes, der aus ihr geflossen ist. trägt. Es Ist Reicht, fitz selbst fein Judentum nach Lust und Willkür zu zimmern und sich dann seines Liberalismus zu rühmen und von Freiheit und ähnlichen Dingen zu schwärmen. Ist das aber noch das wahre und echte Oelkrüglein? Zeugt es vom echten Makkabäermut, daß man fein Judentum dem Zeitgeist Der Israelit Fromme Wünsche in Amerika. Die Amerikaner sind bescheidene Leute. Auf einer Versammlung von Rabbinern in Rewyork sprach Dr. C. M en d es, dem die Zusammenkunft aus Anlaß seines 50jährigen Dienstjubiläums galt, zwei kleine Wünsche aus. Einmal soll das alte Synhedrion wieder ins Leben gerufen werden, mit der Vollmacht, in strittigen religiösen Fragen das letzte für ganz Israel bindende Wort zu sprechen. Sodann soll ein Appell an die christliche Welt erlassen werden, den Ruhetag von Sonntag auf Sabbat zu verlegen. Weiter nichts! ... Der rührende Optimismus, von dem der zweite Wunsch zeugt, hat vielleicht gerade in Amerika^ mehr realen Hintergrund als sonstwo in. der Welt. Freilich ist die Hilfe nicht von der Kirche, sondern von der Industrie und vom W i r t s ch ä f t s l e b e n zu erwarten. Setzt sich doch dort in den Betrieben immer mehr der Gedanke des auf zwei Ruhetage bemessenen W ochen endes durch. Damit wäre gerade im Lande des Dollar und der Arbeit, wo sich gar oft Utopie und Wirklichkeit berühren, der Sabbat für den jüdischen Arbeiter gerettet, ohne weitere Appelle und aussichtslose Unternehmungen gegen das '3 ‘irpiV« n ihm «hi. Ein anderes und recht kompliziertes Kapitel ist das des „ Sy n hedri on " , ein Problem, dessen Lösung, bei allen gegebenen Voraussetzunigen, die sämtlich zu schaffen gar nicht in u n s r e r Hand ist, keinesfalls in Amerikas, sondern ausschließlich in Erez Iisro e l liegt. Ober denkt Dr. Mendes an das Gebilde von Napoleons Gnaden, an» die Karikatur eines Synhedrion, wie sie der große Korse Frankreichs und Süddeutschlands Juden anno dazumal beschert hatte?. Es zeugt gerade nicht von viel KennMis der Geschichte und der Gegenwart, solche Sehnsucht zu hegen und auszusprechen. Der sehnliche Wunsch nach einer höheren und höchsten r a b b i n i s ch e n Instanz zur Entscheidung in das jüdische Leben einschneidender religiöser Fragen, macht sich in Amerika so bemerkbar wie überall in Europa. Mögen"3pn die nötigen Voraussetzungen bald dafür schaffen. „Die Aufsteigenden". Von Sali Geis in Tel Arvirv. Ich blättere in einer Zeitschrift des Jahres 1919, um jetzt nach dem Abstand einer Reihe von Jahren noch einmal dieses Revolutionsjahr zu durchdenken,. Da fällt mein Blick auf den Namen unterordnet und so die Schwierigkeiten zu überwinden lucht? Sieht man es denn nicht, daß sich die jüdische Idee verflüchtigt oder doch ihren Einfluß auf das Leben verliert, wenn'man ihre Forderung ablehnt oder doch sich mit einem Minimum unserer ThorasatzungeN begnügt? Nicht den Hellenisten, die den Ausgleich zwischen griechischer Kultur und Thoraforderung auf Kosten der letzteren suchten, verdanken wir unser ndiin- Rur die Makkabäer und alle, die ihren Spuren gefolgt sind, haben unferm Judentum und uns selbst Dauer und Bestand gesichert. So verstehen wir den Sinn unseres Festes sind wir hören nimmer auf. hhnhi DNinh zu danken und zu jubeln Ihm, der uns erwählt bat zur Wahrung des Oelkrügleins seiner heiligen Lehre. Kleines Feuilleton. „Die Pest". Drama in drei Akten von Anskr. Bearbeitet und vollendet von Arno Nadel. Uraufführung am Mannheimer Nationaltheater. Anski, in dessen Nachlaß sich Bruchstücke eines Dramas fanden, das ursprünglich den Titel „Zwischen Nacht und Tag" führen sollte, ist in Deutschland kein Unbekannter mehr, seit das hebräische Theater Habimah mit seinem Hauptwerk „Dybuk" die Welt eroberte. Arnold Nabels innere Zügehörigkeit zu der Welt Anskis, feine: enge Verbundenheit mit der jüdischen Glaubenslehre geben ihm Eignung und Berechtigung, das hinterlaffene Werk des russischen Juden Nr. 60 Seite 3 Elegante und preiswerte Schuhe in selten grosser Auswahl Palast-Schiihhaus Das Haus der vornehmen Fussbekleidung ROSSMARKT 5 SCHÄFERGASSE 17 Nathan Birnbaum, und ich lese aus seiner Feder folgende Sätze: „Das Judentum selbst ist in seinem Auftreten und Verlauf eine Revolution, sogar die einzige des Menschengeistes, die es je gegeben hat, die einzige, die diesen Namen verdient, weil sie, die einzige, den Menschen g eist tatsächlich aus ewig scheinenden! Bahnen — denjenigen der Sinnen- Untertänigkeit — zu heben unternahm. Das Judentum ist Empörung gegen eine Menschheit, die, in ihrem sinnlichen Dasein befangen, ein Leben lebt, das sich aus Eindrücken, Wünschen und Lüsten sinn- und planlos zusammen addiert, statt sich von innen heraus nach Gottes Plan aufzubauen. Das Judentum ist Aufstand gegen jenen urverexbten, urveralteten, immer wieder ausbrechenden heidnischen Größenwahn, der sich manchmal „Freiheit" nennt, ist Ruf nach Bindung, nach innerer, befreiender Gottverbundenheit und nach Verbundensein durch die gemeinsame Anerkenn nung des göttlichen Willens und Gesetzes. Das Judentum ist Absage an eine Welt, die aus ihrer vorjüdischen Kinderstube nicht herauskann und deren! immer gleiche Kindereien immer wieder als neue Offenbarungen feiert, ist Preis der Urkraft der Gewaltigen, die niemals in Neuerungen machen, aber der Menschheit ewig neu bleibende Gottesgeschenke überbringen. Das Judentum ist Auflehnung gegen jene urheidnifche Rebellionssucht, die mit ihren errechneten, Hlrzfristigen Idealen die alte leichtsinnige Gewohnheitssünderin Menschheit samt ihren Kulturen immer wieder in den Sumpf treibt, ist Wille zur Entsündrgung durch Ewigkeitssucht für den Alltag. Das Judentum ist ein mächtiges „Hände weg!" gegen die polternden Geschichtemacher aller Art und aller Titel, ist Mahnung an die Menschen, die Geschichte als Gottes zu erkennen und sich Salomon Rappaport ergänzend zu einer geschloffenen Einheit zu formen. Das Anski-Nadelsche Drama, das unter dem Titel „Die Pest" die Oeffentlichkeit betritt, ist kein Schauplatz äußerer Geschehnisse. Sünden, di« Gott nicht verzeiht, die nur eine lebenslängliche Buße sühnen können, Skrupel und Zweifel, die nur freiwilliger Tod endet, wirken sich symbolisch aus in dem Strafgericht der Pest, das das Städtchen heimsucht von den Aeltesten bis zu den Kindern. Arno Nadel umhüllt den Stoff mit somnambuler Exaktheit. Die Geheimnisse einer östlichen Mystik, die uns wie Zauberformeln anmutet, geben in visionären Bildern Aufschluß über die Seelenkämpfe und das nächtliche Doppeldasein in rein psychoanalytischer Klarheit. Die einzelnen Szenen, besonders das Mühlenbachanal, das allein der Phantasie Arno Nadels feine Entstehung verdankt, atmen einen eigenen, beklemmenden und doch unwiderstehlichen Stimmungszauber, der in die Welt des Unbewußten führt. Die Regie — Heinz Dietrich Kenter — war mit weitgehendstem Verständnis in die Eigenart der Dichtung eingedrungen. Dr. Eduard Löffler schuf dazu Bühnenbilder höchster Ausdruckskraft. Mit Leuchtenden und doch verhaltenen Farben >rn Stimmung getaucht. Die Musik von Wilhelm Groß zog aus jüdischen Motiven die je nach gegebener Notwendigkeit teils als Gebetgesänge, teils in grotesken Jazzverzerrungen sich der Handlung anpassen, die farbige Untermalung. In Helmuth Schlawing fanden beide kontrastierenden Pole einen sicheren Deuter. In den Hauptrollen Leisteten Raoul Alster (Rabbi), Jda Ehre (Mutter) und Marga Dietrich (Miriam) Vorzügliches. Der Eindruck des Werkes war tiefgehend, die Auf-