Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1928)
- Date
- 1928-12-06
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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Nr. 49 Seite 3 6. Dezember 1928___ zu können. Sie berechnen ihr Kapital, das in ihrem Unternehmen arbeitet. Aber für das Lebenskapital der Kraft, das schließlich ihr Angestellter und Arbeitnehmer in ein Unternehmen steckt, das nicht das seine ist, dafür haben sie kein Verständnis. Wo steht denn geschrieben, daß der Kapitalist niur mit hohem Nutzen arbeiten kann und der Arbeitnehmer nur mit einem winzigen Anteil des selbst erarbeiteten Wertzuwachses des Vermögens des anderen sich begnügen muß, der in gar keinem Verhältnis zu seiner Pflichterfüllung steht? Unter dem Druck der Zeit muß auch der Unternehmer sich gewöhnen, die Spanne, die er früher gewohnt war zwischen eigenem Verdienst und dem der Arbeitnehmer zu ziehen, auf ein klemeres Maß einzustellen. Will er das nicht, dann muß er seinen Betrieb entweder verstaatlichen oder m eine Reihe kleinerer Betriebe teilen, die unter sich nach dem Prinzip der fließenden Arbeit verbunden sind. In beiden Fällen wird der Staat sich seiner annehmen müssen, im letzteren, dem günstigeren im Sinne des Taurohsozialismus, wird es wieder mehr selbständige Existenzen geben, die menschlich ja doch immer das Wünschenswerteste bleiben. Denn „Meine Knechte sollt ihr sein, und nicht Knechte von Knechten". Der Unternehmer muß sich heute sagen lassen, daß er von seinen Arbeitern lebt, wenn er auch gewöhnt ist, weil er der Geldgeber ist, sich als den Brotherrn zu betrachten. Könnte er ohne seine Mitarbeiter sein Werk verrichten, könnte er ohne Einsetzung der Lebenskraft seiner Mithelfer so groß dastehen, daß er stolz auf seine Größe ist? Der Talmud meint, die Entwicklung wird dahin führen, daß während jetzt der Große von dem Kleinen lebt, in Zukunft, dem sozialen Empfinden entsprechend, der Kleine vom Großen leben wird. Wir feiern Chanukkah. Beim Chanukkahlicht darf man kein Geld zählen. Es ist für Höheres da. Wir feiern am Chanukkah den Sieg der Gerechtigkeit gegen die Gewalt. Lasten wir in diesen Tagen das jüdische Licht leuchten und jeder soll wissen, daß auch jeder andere — sei er reich, sei er arm — auch einstehen müsse für sein Haus. Und wie einst der hellenische Geist besiegt worden ist durch jüdische Reinheit, so möge auch heute das mitfühlende jüdische Herz in der jüdischen Brust wieder entdeckt werden, um das sich nur vorübergehend— um mit Jesajas zu reden —eine Fettschicht europäisch-amerikanischer nationalökonomischer Wissenschaft gelegt hat. Darum kann es nicht schlagen und pulsen, wie es ihm eigentlich in langer Kette voraufgehender Geschlechter angeboren ist. Möge das jüdische Herz sich wieder befreien und Wunder wirken wie zu jenen.Tagen zu dieser Zeit.. . ~ . Einigkeit. Man überträgt so gern Begriffe, die anderswo gang und gäbe sind, auf das Judentum, ohne in Wirklichkeit die Sache damit zu treffen. Man scheut sich, die erhabenen Begriffe des Judentums zu nennen, aus Furcht, man würde verlacht, weil jüdische Gedanken unter dem Banne der Unwissenschaftlichkeit schmachten, und wer könnte die Schmach ertragen von Zeitgenossen als „unwissenschaftlich" beiseite geschoben zu werden? Ob das Judentum dabei verflacht, ob eine realistische Anschauung dabei die ideale verdrängt, ob die Gottesidee dabei verkümmert, das Gottesbewußtsein völlig verloren geht, was kümmert das den „Wissenschaftler?" An der Hand statistischer, nationalökonomischer, hygienischer usw. Materialien will man dem Judentum Zukunft berechnen und Vergangenheit erklären und glaubt, der ewig lebende Gott werde sich von der toten Ziffer Vorschriften machen lassen, wie Er zu handeln habe, damit die Wissenschaft sich nicht, beschämt, nachträglich werde korrigieren müssen. So ist man auch bestrebt, den Kampf, den Juda und seine Brüder führten, in ein Nichts zu verflüchtigen. Einigkeit habe Juda und die Seinen stark gemacht!! Einigkeit gewiß ein hohes Gut! Doch wir fragen, warum siegte Leonidas nicht, wenn nichts als Einigkeit den Sieg erringen kann? D er Israelit_ Es gibt keinen umfassenderen Segen als Einigkeit. Das ist wahr. Aber Einigkeit muß noch auf etwas anderem fußen. E i n i g k e i t habe Judas Waffen den Sieg verliehen?! Mit der Niederstoßüng des nichtswürdigen Feiglings, der des rasenden Syrers Befehl in Modiin ausführen wollte, begann der greise Matitjahu den Rettungskampf. Wahrlich, e i n i g, aber einig nur mit sich! Ganz Israel b e b t e vor dem Wahnwitz. Einigkeit wäre es gewesen, die Judas Heldenwaffen segnete?! Wo blieb die Einigkeit im Anblick des Feindes? Seine kleine Schar verringerte sich noch mehr, als sie dem Feind unter Demetrius Aug in Aug gegenüberstand. Verzagtheit beschlich die zitternden Herzen! Juda allerdings mit seiner winzig kleinen Mannschaft blieb einig. Doch in ihr hätte Einig k eit gesiegt? Warum denn blieb denselben Waffen das Glück nicht treu, da Juda mit seinem Bruder Jonathan nach Gilead gezogen und andern Leuten, Josef und Asariah, aus anderen Familien, den Scfmtz Judäas anvertraute? Gegen Judas hinterlaffenen Befehl wagten sie einen Angriff auf die Syrer und wurden zurückgeschlagen. Sie waren einig, einig darin, es den Chasmonäersöhnen gleich zu tun; ihr e i genes Haupt auch mit Lorbeer zu umkränzen. Nicht Uneinigkeit brachte Niederlage, nicht Einigkeit den Sieg. Sie siegten, solangesieGottessacheinEhrlichkeit verfochten und ihre Waffe dem Gottesstveite weihten. Sie unterlagen, wenn es eigene Ehrsucht galt. Oder war der Sieg an das Chasmonäerschwert geheftet? War der Ehasmonäerstahl aus b e - f o n d e r e r Schmiede, war das Erz, das Chasmonäerbrust gepanzert, nur für sie gegossen? Warum erlag denn Juda und Jonathan im Kampf, fiel der Bruder Simon durch Meuchelmord des Tochtergatten? Es ist ein seltsames Zusammentreffen, das wir als deutlichen Fingerzeig auf dem Weg der jüdischen Geschichte erkennen, furchtbar in seiner Wiederholung, gewaltig in seiner Erhabenheit, lehrreich in seinem Wesen, trostspendend zugleich in seiner Wirkung. Stets siegten solange die Chasmonäerwaffen, nach dem Bericht der Makkabäerbücher, bis daß der gleiche Schritt allen drei Brüdern Juda, Jonathan, und Simon die Unbesiegbarkeit geraubt. Alle drei verläßt das Kriegsglück im Augenblick, da sie eine Gesandtschaft nach Rom beordert hatten, um die Freundschaft der hohen Roma zu erbitten. Siefallen. Juda und Jonathan im Feld. Simon kläglich durch Hinterlist. Wuchtig trifft der Schlag des göttlichen Gerichts und verfehlt nicht! den Eindruck auf uns, die Spätgeborenen. Hat Juda das Recht, die Waffen, die ihm Gott gesegnet, dem römischen Senate feil zu bieten,? Braucht Juda, der sich höherer Freundschaft rühmen durfte, um Romas nichtssagendes Bürgerrecht sklavisch sich zu bewerben? Hat Rom denn Unterstützung ihm gesandt, ja,, hat es denn ihm Sieg gegönnt, daß Juda sich ihm verpflichtet glaubt? Darf der Sieger von Emmaus und Bethzur, -der Held vom Nikanortage nicht auch gottvertrauend in die Zukunft schauen, braucht er Fleisch und Blut zum Arm der Macht zu wählen, der in, Gott untrügliches Vertrauen sich erprobt? O, tief gräbt da der Genius der jüdischen Geschichte auf den Gedenkstein der Makkabäer ein, in nimmer verwitternden Zügen: Gesegnet nur wer Gott vertraut, Verloren, wer auf Menschen baut. Das war der Erfolg des Kampfes! Er lehrte in seinem Ausgang die Welt, daß die Stärke nicht in Menschenhand besteht, daß Menscherchochmut vor Gottes Allmachtsstärke in Ohnmacht zusammenbricht. Daß auch der Chasmonäer Arm und Mut entbehrlich, wenn er nicht Priester sein will, sondern König. So legt denn auch der Dichter dem Juda die Worte in den Mund: „Er braucht den Stärken nicht; er haucht die Schwäche Mit Seinm Oden an und sie wird Sieger, Es überhebe keiner sich vor Gott". — Die n3“D über die Lichter. Von A. W. Zu den Schmerzenskindern, oder besser gesagt Stiefkindern des orthodoxen Juden zählt in erster Reihe das Gebet überhaupt. Das Judentum zeichnet sich von allen anderen Kulturen durch seine Doppelseitigkeit aus. Es ist nicht bloß die Lehre für den Verstand, sondern auch voll von Inbrunst und Gefühl. Nicht viele Gebote sind nur dem Herzen gewidmet; aber eine Mizwoh ist so voller Empfinden und tritt so oft an jeden heran, daß ein jeder jüdisch „durchfühlt" sein müßte, wenn er in diese Mizwoh ebenso viel Gefühl hineinlegen würde, wie er sich von ihr spenden lassen sollte, diese reiche Mizwoh ist die Tefiloh. Sie ist der Vermittler zwischen unserem irdischen Fühlen und zwischen unserem himmlischen Gotte. Ihr könnten wir viel Jüdischkeit entnehmen, wenn wir sie mit Sorgfalt pflegten. Selbst die Teile unserer Tefiloh, die genau so selten an uns herantreten, wie der heilige Jom Kippur, finden keine solche Liebe, wie gerade dieser Fasttag. Wir gewännen ein anderes Verständnis für Chanukkah, wenn wirn33n,?&‘u feierlicher singen würden, noch feierlicher. Vor allem darf die Brochoh mehr „Andacht" fordern, mehr Liebe. Alles, was wir als Juden sind, und alles, was wir fein sollten, dürfen wir alljährlich achtmal in so kurzer Form aussprechen; darin besteht ja die Größe des Judentums, daß seine Ideen so klar erkennbar sind, daß wir sie in einem einzigen Satz zusammenfügen können. Ein solcher präziser Satz ist die Brochoh: ♦ronn Vt? 12 p^nrtf» Wir Juden haben es gut, brauchen keinen Mittler zwischen dem segnenden Gotte und dem gesegneten Menschen. Unser Gott ist kein Tyrann, der mit barscher Strenge über seine Schwächen hinwegtäuschen muß. Unser Gott ist reich, absolut reich, allbesitzend, und darum milde. Er ist unser Freund und Berater, unser Gönner auch als Herrscher. Zu dem wir „Boruch" sprechen selbst — ohne Boten; hundert Male des Tages wenden wir uns an ihn: nr»x- Wir wissen es auf Grund persönlicher Erfahrung und des Menschheitserlebnisses, daß Er nicht bloß alles geben kann, sondern auch alles geben will, und darum gibt, was der Einzelne oder die Gesamtheit verdient. Das lehrt uns Israels Geschichte (wpVK)' das erleben wir täglich in der Gegenwart, wie Er die Politik der sich mächtig dünkenden Nationen zum Allziel, dem Wölkerfrieden, langsam aber bestimmt leitet Dieses bewußte Dasein, die Pflicht eines jeden, aber berechtigt uns zu der Hoffnung, daß Er uns sich als Allerbarmer zeigt, als „Haschern Middas horachmim". Wie beneidenswert sind wir doch, da wir hundertmal, tatäglich, so in gewisser Zuversicht uns Lebensmut erringen dürfen, das müssen wir uns erst eingehämmert haben, daß jeder der mit Aufmersamkeit betet, uns beneidenswert ist. Dann ist der erste Schritt zur Kwonoh getan. Dann folgt auf den Fuß all der Segen, die sittliche Frucht, die ein jüdisches Gottvertrauen in sich birgt. Dann sind wir auf dem Wege zur Göttlichkeit, dann streben wir schon bewußt 'danach „Kedauschim" zu sein, geworden zu sein. Wodurch haben wir den richtigen Weg gefunden? Durch die Prägung der Brocho, die uns die Weisen münzten. Wir sind dann, geheiligt worden durch Seine Gebote. Nicht ein freier Trieb und Gefühlsduselei geben uns die Sprache unserer Bitte zu Gott. Dieser Trieb wäre ja ein individualistischer, sogar ein selbstsüchtiger Trieb, eine Schwelgerei in herrlichen Vorspiegelungen. Unser Gefühl soll aber durch den Verstand, die Pflicht geadelt sein. Wir können nur heilig werden, dadurch, daß „Er uns besohlen hat", daß die Ursache aller Pflicht auch unser Empfinden, meistert. Alles, was in der Welt Gotteswerk ist, können Gottesleugner durch Entwicklungslehre oder Entstehung, Natur und andere Umschreibungen ersetzen. Eines, was der Inhalt des Menschenlebens ist, kann nur ein Gottesbewußtsein ausfüllen: das ist die Pflicht. Sie ist Aufgabe und Daseinsursache jedes Ein-