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Der Israelit · 1928-12-06 · Heft 49 (6.12.1928) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 49 (6.12.1928)
Date
1928-12-06
Page
– (sequence 30)
Language
German
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Sette 2 Nr. 49 _Ser Israelit__ 6. Dezember 1928 roh im Derech Erez"-Kreife? Warum nicht deren Erfahrung sich zu eigen machen, die vor hundert Jahren denselben Weg gemacht? Warum, wenn Rohr, das doch nicht zerbricht, als glimmender Flachshalm, den doch keiner auslöschen kann. So wird es schließlich zur Wahrheit das Recht fördern. Jawohl, Israel, scheint nicht leben und nicht sterben zu können. An diesem Bilde muß die Menschheit gesunden. An seiner Erhaltung bewährt sich vor den Augen der Menschheit mum ‘imrr die Stärke und der furchtbare Ernst des Allmächtigen, der Israels Licht nicht verdunkeln und seine Lebenskraft nicht knicken läßt, bis er Recht geschafft auf Erden und auf Seine Lehre Völker harren. Wir weigern uns aber vielfach, diese Mission anzuerkennen. Trotz aller Geschichte, die den Beweis dafür so oft erbracht hat, daß alle uns je in den Zeiten niederringenden Größen nur geborstene Säulen als Andenken an sich hinterließen und wir uns in die Zeiten immer jugendfroh hineinlebten, sind wir taub und blind geblieben. „Wer ist so blind wie Mein Diener und so taub, wie Mein Bote, den Ich sende. Du hast viel gesehen und willst nichts merken, mit offenen Ohren will auch sein Nachkomme nicht hören." Vor den Starken glauben wir zurückweichen zu müssen, weil das Vertrauen zur Sache nicht jo stark in uns lebt, daß es Mut gebiert. Beim wirtschaftlichen Zusammenbruch lassen wir zuerst die Taurohstätten in sich zerfallen, bevor wir selbst auf manche Gewohnheiten verzichten. Die Selbständigkeit der Tauroh geben wir preis und überliefern sie der Bevormundung durch solche, denen Tauroh nicht einzige, nicht einmal erste Lebensbedingung ist. Es wäre das erwachende Interesse auf der andern Seite zu begrüßen, wenn es sich darin ausdrückte, daß es der Wahrheit Anerkennung zollte und vorbehaltlos die Institutionen der Pflege jüdischen Geistes und jüdischen Lebens der Leitung derer anvertrauen würde, deren Sein und Wollen unzertrennlich mit den jüdischen Pflichterfüllungen verwoben ist. Wer aber vorgibt, an der Tatsache der äußeren Zensitenstellung zu einer Gemeinde, die auf Grund des Zwangsjudengesetzes von 1847 konstituiert ist, seine Sympathie messen zu müssen, der hält die Hand vor die Augen, um nicht zu sehen, auf welcher Seite der Anlaß und die Fortdauer dieses Anlasses liegt, daß — leider zu wenige — aber doch manche die Erlösungsmöglichkeit vom 28. Juli 1876 ergriffen, um den Geist der Tauroh in die Freiheit zu flüchten. Gewiß ist der Austritt nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel. Aber solange der Patient das Mittel zu seiner Gesundung nicht gebraucht, kann er nicht genesen. Die Gemeindeorthodoxie, die ihren Gesinnungsgenossen nicht Gefolgschaft leistet — gleichviel ob sie es aus bester Absicht in ihrer Meinung tut — unterstützt die Neologie und stärkt ihre Stellung nicht nur gegen die Orthodoxie, sondern auch für den Abfall. Dasselbe Bild in den Gemeinden. Dasselbe Bild in den Verbänden. Dasselbe Bild in den Weltorganisationen. Kein Pflicht- und Selbstbewußtsein, keine Willensstärke — nur eine Furcht: es könnte Geld kosten. Da soll uns lieber die Neologie unsere Institutionen zahlen, als daß wir um sie ein Opfer bringen. Das ist fast der einzige Gesichtspunkt. Mit viel Aufwand von Worten und Gedanken wird dieses Rezept schmackhaft gemacht, damit die Unselbständigeren die Bitterkeit der Pillenicht schmecken. Und wiederum die Neologie. Ihre Jugend, nicht ihre alten, in Materiellem ergrauten, Führer, fühlen die geistige Leere. Sind hineingestoßen in brandende Fluten des Lebenskampfes, in Wogen des Hasses und schäumender Leidenschaft. Sie können nicht schwimmen. Sie sehen kein Ziel, zu dem sie hinstreben könnten, um sich zu retten. Mit allem haben ihre Eltern sie ausgerüstet, sich lebenskräftig zu erhalten, nur nicht mit dem Lebenswichtigsten. Als Juden müssen sie doch jüdisches Lebenselement kennen. Dem Versinken nahe, zum Rettungsgedanken zu greifen, wäre doch natürlich. Ihnen, denen jüdisches Milieu fremd geworden ist, die jüdische Kultur nicht kennen, die es nicht verstehen, den modernen Menschen mit dem. jüdischen Geist zu vereinen — und die lernen, wissen wollen: warum nicht hinein in diese „Tauwir lernen wollen, nicht dort lernen, wo unverfälschte Tauroh geboten wird? Die Jugend möchte schon. Aber die Alten, die Führer, die sich ihr als solche anbieten, halten sie zurück — und so werden sie zurückkehren, doch nicht zur Höhe, und sie werden wieder ein Zerrbild vom Judentum erhalten und sich nicht loslösen von Vorurteilen der Gehässigkeit gegen die, welche im Innern durch eigene Brüder dasselbe Los der Verkennung ertragen, wie Israel in seiner Gesamtheit seitens der Welt leidvolle Erfahrung macht. Unsere Weisen waren klüger. Sie raten, dem Unglücklichen sich als Freund anizuschließen, denn er hat Anteil an der kommenden Welt. Der Verfolgte erhält Ge? legenheit, sich zu läutern und zu vervollkommnen. Der Weltkluge wählt ihn zu seinem Freund und Lehrer. Merkwürdig! Mitten im Erleben können wir vergessen und denken nicht so weit, daß das Lebensprinzip gleich ist. Dort steht es gegen uns auf, weil wir es hier selbst unterdrücken. Wohl ist es leichter, mit dem Starken durchs Leben zu wandern, denn er hat die Vielen auf feiner Seite. Aber Brand sagt in Ibsens gleichnamigem Drama, was das Judentum als solches ja stets im Leben darstellte: Die Meisten sind auf Deiner Seite, die Besten folgen meiner Fahne. Noch nie hat das Judentum auf die Maste rechnen können und rechnen wollen. Und in dem Augenblick, in dem es wirtschaftlich und sozial so tief gesunken ist, sollen solche unbeständige Faktoren der äußeren Einschätzung seine Größe ausmachen und seine Zukunft bestimmen? Wir sind das Gehirn der Menschheit. Der Körper mit seinen Organen tritt in Erscheinung, das Gehirn nicht, das Herz nicht. Sie sind die Motoren. Die Leistungen sind nicht unsere Sache. Dazu fehlen uns die Organe, dazu fehlt Geld und Macht, Ansehen und Kraft. Und doch haben wir all das ins Leben gerufen, was es an Gutem und Wahrem in der Welt gab und gibt. Das Taurohwort hat es geschaffen. Mag immer andern es vergönnt sein, große Häuser aufzuführen der Erbauung oder des Wohltuns, der Wissenschaft oder der Erziehung, wir müssen uns bescheiden mit unserem Anteil, die Lehre zu erteilen. Der Lehrer ist darum nicht minderwertig, weil er in seinen vier Wänden die Kinder erzieht und nicht auf der Börse des Lebens im Verein, mit den Herren dieser Welt große Transaktionen vollführt. Sebulun trägt nur darum seine Erzeugnisse durch die Lande, weil Jssachar daheim sitzt und lernt. Nach der ganzen Konstellation, wie sie sich gerade heute gebildet hat, sind wir ja gezwungen, uns auf unsere eigentliche Bestimmung zurückzuziehen. Und wahrlich ,wir nützen der Welt mehr dadurch, daß wir suchen, m uns eine Hochkultur an Sitte und Taurohwisten, an jüdisch-menschlichen Werten zu fördern, als wenn wir uns mit ungenügenden Mitteln in Unternehmungen stürzen wollten, die von vornherein lebensunfähig sind. Das gliche dem Kaufmann, der es den Größten seiner Zeit gleichtun wollte, dem aber die Unterlagen dazu fehlten. Ein kleiner Kaufmann aber, der bescheiden, aber ehrlich, fein Geschäft führt, mag die Werte der Weltwirtschaft nicht beeinflussen, aber er gibt ein unentbehrliches Beispiel und ehrenwertes Vorbild eines — „bekoweten Baalboos". Wie segensreich solche bescheidene Stellung eines Menschen und eines Kreises wirkt, erkennen wir im Familienleben. Schon seine Pflege ist es wert, daß wir unsere Interessen nicht so zersplittern! können, wie manche Streber nach Glücksgütern dieser Welt es wünschen. Denn schließlich ist in der Menschheit doch der Mensch die Hauptsache und nicht das, was an ihm hängt und um ihn glänzt. Wie wichtig ist das Vorhandensein reiner Familientradition und glücklich zufriedenen Zusammenseins in der heutigen Zeit gerade, in der leider auch in den jüdischen Kreis manchmal ein Geist der Straße einzuziehen droht, die ein buntes Bild des vorüberrauschenden Wechsels bietet, in dem kein Gefühl beständig und kein Gedanke dauernden Wert besitzt. Es ist sehr weit gekommen in deutschen Landen, die eine straffe Organisation der jüdischen Gemeinden nicht kennen.. Eine Matrikelführung täte uns sehr not, damit die reinen Familien wissen, mit welchen Familien sie sich verbinden dürfen. Gewiß wäre es denkbar und zu begrüßen, einen Gegenstand jenseits der Parteiemftellung als verbindendes Band der gesamten deutschen Judenheit zu besitzen. Aber wenn die Führer von drüben alles als vollgültige Autorisation ansehen, was als solche sich ihnen darbietet und wenn die Unparteilichkeit so weit, geht, daß schließlich das Taurohgesetz auch Partei ist, dann ist ein solches Band nicht zu schlingen. Aber allen denen muß und wird die gemeinsame Jichussache heilig und ernst sein, die auf Grundlage des Schulchan Aruch ihr hohes Amt versehen. Alle Jereim müssen gemeinschaftlich für die Reinheit der jüdischen Familien Deutschlands mit sorgen, damit die Jereiim unter sich wenigstens die Reinheit der Ehen gewährleisten können, die erste und heiligste Grundlage jüdischen Volkslebens. Wir sollen am Chanukkah wenigstens gedenken und nicht vergessen, was den Sieg der Chasmonäer herbeiführte. Die Sieger waren die Wenigen, die Schwachen — denn sie waren die Reinen. Soziale Assimilation. „Sozial" ist ein Wort, das in die Republik nicht hineinzupassen scheint. Denn die ganze wirtschaftliche Entwicklung ist antisozial. Nun braucht man der Staatsform keine Schuld zu geben. Jedenfalls sehen wir, daß die Staatsform das Wirtschaftsleben nicht zu beeinflussen scheint. Der besiegte Staat und die entkräfteten Siegerstaaten, alle zusammen seufzen sie unter dem Elend, das sie sich selbst geschaffen haben und schauen nur durch eine für Kurzsichtige geschliffene Brille der Gegenwart, die sie den vermeintlichen kleinen Vorteil für ihr eigenes Volk sehen läßt, in Wirklichkeit sie alle über das wahre Heil täuscht. Vor lauter Zerfällung in Bruchteilen sinkt das Barometer der Hoffnnung für die Menschheit immer tiefer. Diese engherzige Sorge für den engsten Kreis, ohne Verantwortungsgefühl für das Ganze hat sich auf das Wirtschaftsleben übertragen und wirkt sich dort verheerend aus. Das Wort „Abbau" enthält die ganze Furchtbarkeit des visa-vis de rien, die sich nur vorstellen läßt. Die Redn zierung der Gehälter ist das zweite Schreckensgespenst, das die Familien der Arbeitnehmer meistens bereits heimgesucht hat. Diese Reduzierung pflegt meistens ohne Rücksicht auf das Existenz- Minimum zu geschehen. Wie zum Hohne wird der Angestellte zu seiner „Beruhigung" auf Kreise hingewiesen, die mit noch kleineren Einkommen sich begnügen müssen. Abgesehen! davon, daß der Lohnzahler für sich die größere Bescheidenheit der Lebensführung nicht in Frage zieht, verfügt auch der Arbeitgeber über Vermögensstücke im Inland und Ausland. Seit der Stabilisierung hat sich wieder Kapital gebildet und es ist wieder Substanz vorhanden. Nur der Angestellte und Beamte, der früher auch ein kleines Kapital besessen hatte, das ihm verloren ging, hat bei der allgemeinen Teuerung keine Möglichkeit mehr, einen Zehrpfennig zurückzulegen. Wie er in der Inflation der Träger der Lasten war, in der sich jeder Kaufmann neu einrichtete und ausstattete, wobei der kleine Mann in fester Stellung Zuschauer spielen durfte, so ist er heute wieder der Benachteiligte. Sein Haushalt ist zusammengeschmolzen und an Nachschaffung ist nicht zu denken. Das rührt die Großen nicht, und kaltes Hohnlachen ist zumeist die Antwort auf die Erinnerung an soziale Pflichten. Daß der Lebenskampf schwer ist, daß die Lasten drückend find, wer wollte das leugnen? Und doch kann man sich nicht in der Not mit einer abweisenden Geste dem Bruder entziehen. Die Unternehmer, die auf ihre soziale Wirksamkeit so sehr pochen und denen das Verdienst nicht geschmälert werden soll, daß sie vielen Familien Brot geben, tun doch nicht in schweren Zeiten genug, wenn sie glauben, unter einen gewissen Prozentsatz des Verdienstes nicht herunter gehen

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