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Der Israelit · 1928-12-06 · Heft 49 (6.12.1928) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 49 (6.12.1928)
Date
1928-12-06
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Die Woche. Aus dem Gemeinderat der Synagogengemeinde «Israelitische Religionsgefellschafl". . In den vergangenen Monaten hatte sich der Gemeinderat mit budgetären und sonstigen Gemeindeangelegenheiten zu befassen. Trotz der schlechten materiellen Verhältnisse war der Steuereingang im ersten Halbjahr befriedigend und entsprach dem Voranschlag. — Von der Anstellung des Herrn Direktor Dr. Elias als Leiter unserer Unterrichtsanstaliten wurde genehmigend Kenntnis genommen, ebenso von der besonderen Befriedigung, die die Vorgesetzte Schulbehörde unserem Schulrat zu dieser Wahl ausdrückte. — Die Bemühungen'um die Lösung der Rabbinerfrage nehmen ihren Fortgang. Eine Kommission, bestehend aus Mitgliedern des Vorstandes und des Gemeinderates hat mit einem in Betracht kommenden Kandidaten Persönlich Fühlung genommen. — Es werden Schritte erwogen, um die' Söhne unserer Mitglieder restlos für unsere Gemeinde zu erfassen, sowie andere gesinnungsmäßig zu uns gehörige Personen für die Gemeinde zu interessieren. — In die Kommissionen wurden zum Teil neue Mitglieder gewählt, u. a. auch mehrere Ostjuden und damit der berechtigten Forderung nicht nur ostjüdischer Kreise Rechnung getragen. Man nimmt in Aussicht, bei nächster Gelegenheit auch einen oder mehrere Gemeinderatssitze für ostjüdische Mitglieder freizuhalten. Bekanntlich ist die Gemeinde vor kurzem durch Gesetz als Körperschaft des öffentlichen Rechtes ausdrücklich anerkannt worden, wodurch ihr auch das Recht der Zwangsbesteuerung zusteht. Wann und wie dieses Recht praktisch angewandt wird, bildet noch Gegenstand der Beratung der Gemeindebehörden. '.. U. a. wurde der Etat der Volksschule beraten. Zur Zeit wird die Schule von 645 Kindern, — 321 Knaben und 324 Mädchen — besucht. Die 4 Grundschuljahrgänge verteilen sich aus 13 Klassen, im neuen Schuljahr auf 14 Klassen. Ab 1932 ist wieder mit Anmeldungen in normalem Ausmaße zu rechnen, d. h. mit 3 Aufnahme- . klaffen. — Die Unterbringung der gegenwärtig 13, ab April 14 Klaffen macht die Bereitstellung neuer Räum« erforderlich. Da weder im Volksschulnoch Realschulgebäude Platz vorhanden ist, ist eventl. Umbau fonsttger der Gemeinde gehöriger Gebäude ins Auge gefaßt. — Da die Volksschule infolge der Inflation ihr Kapital verloren hat, ist sie auf Spenden angewiesen. Der städtische Zuschuß beträgt nur Mk. 20.000 jährlich, daher muß in nächster Zeit wieder eine Sammlung in die Wege geleitet werden. — Der Vorstand wird ersucht, die beiden Anstalten Vorgesetzte Gemeindeschulkommission einzuberufen, damit sie in methodischer Beziehung die Einheit unseres Schulwesens fördere. — Die Lehrmittelbestände der Volksschule bedürfen der Ergänzung, weshalb für nächstes Jahr die Einstellung eines entsprechenden Betrages in den Etat vorgesehen wird. Die Schulspeisung in der Volksschule hat mit materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, dg die Stadt zu den Mehrkosten der rituellen Zubereitung nichts beisteuert. — Die fakultativen Thora-Kurse, die nachmittags in der Volksschule stattfindest, werden rühmend hervorgehoben, auch ihre Anziehungskraft auf die ostjüdifchen Kreise. -— Der Gesamt-Etat für das Jahr 1928, der mit etwa Mk. 620.000 balanziert, wurde einstimmig angenommen. In Erfüllung seiner Aufgabe, die verschiedensten Gebiete des Gemeindelebens in den Bereich seiner Betrachtungen zu ziehen, stellte der Gemeinderat eine Anzahl von Anträgen an den Vorstand. Es wird mit Befriedigung festgestellt, daß der Vorstand auf die meisten Anträge und Anregungen des Gememderates eingegangen ist. Erez Jisroel Gesellschaftsreise. Wie bereits kurz mitgeteilt, beabsichtigt die Palästina- Centrale der Agudas Jisroel im kommenden Frühjahr eine Erez Jisro el-Gefellschaftsreise zu veranstalten. Die Leitung der Reise liegt in Händen des Herrn Julius Schwabacher, Frankfurt a. M., Hölderlinstraße 5, an welchen alle Anfragen und Anmeldungen direkt zu richten sind. Prospekte werden Interessenten zur Verfügung gestellt. Um am Purim bereits, in Erez Jisroel zu sein, wird voraussichtlich das am 14. März in Triest abgehende Schiff benutzt werden. Um den Frankfurter Teilnehmern Gelegenheit zu geben, sich vor der Reise mit den nötigen Vorkenntnissen über Land und Leute vertraut zu machen, wird ein Reisevorbereitungskurs eingerichtet. Anmeldungen zu diesem Kurse sind ebenfalls zu richten an Herrn Julius Schwabacher, Frankfurt a. M. Das Chanukafest der Jüdischen Frauenvereinigung. Das Fest findet am 40. Dezember im Zoologischen Garten statt. Die Vorbereitungen versprechen einen genußreichen Abend. Aus dem Programm sei der von Alfred Auerbach eingeübte Sprechchor genannt. Neben Auerbach, der die Gesamtleitung in Händen hat, betätigt sich der Kunstmaler Fritz Schäme s an der künstlerischen Ausgestaltung des Festes. Ferner wird Max Koni ns ky vom Schauspielhause rezitieren. Der Kartenabsatz ist stark. Wer sich noch Platz sichern will, beeile sich, Einzelplätze oder Tische bei der „Jüdischen Frauenoeveinigung" zu bestellen. Das Fest beginnt präzis 8 Uhr, um welche Zeit die Türen geschlossen werden. Chanukafeier im Hort für jüdische Mädchen. Der Hort für jüdische Mädchen lädt feine Freunde und Gönner zu einer Chanukafeier ein, die am Mittwoch, den 12. Februar um ^5 Uhr in der Turnhalle der Israelitischen Volksschule, Bärenstr., stattsmdet. Besonderes Interesse verdienen die dort zur Ausstellung gelangenden Handarbeiten, die die Kinder im Hort angefertigt haben. Bund geseheslreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Der Bund verschickt eine Einladung zu der am 1. Januar 1929, 10,45 Uhr vormittags in Frankfurt a. M. im Hörsaal der Synagogengemeinde „Jsraelittsche Reli-- gionsgeseUschafk, Friedberger Anlage 5 stattfindenden Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Rechenschaftbericht, 2. Kassenbericht, 3. Referat des Herrn Realschuldirektors Dr. Elias: Vom Wiener Kongreß bis zum Weltkrieg. Rückblick und Ausblick; 4. Anträge. Anträge zur Generalversammlung müssen bis zum 20. Dezember eingereicht werden. Freunde unserer Bestrebungen sind herzlich eingeladen. Zuschüsse zur Reife (25 Prozent) werden unfern Mitgliedern gewährt. «Moderne Großstadtjugend". Die Agudas Jisroel-Jugendgruppe hatte zu einem Aussprache-Abend über das genannte Thema geladen, ein zahlreiches Publikum war der Einladung gefolgt, so daß der Saal 2 des Volksbildungsheims stark überfüllt war. Das einleitende Referat hielt Dr. Arnold Merzb a ch, Er stellte sich zur Aufgabe, die Wesensart der., heutigen jüdischen Jugend, besonders in ihrem Gegensatz zur älteren Generation, aufzuzeigen und bot so — in Ergänzung des im Vorjahre auf dem Bundestag der A. I. I. O. gehaltenen Vortrages — eine scharfe, in manchem vielleicht überscharfe Analyse der modernen Jugendlichen. Ws charakteristisch sieht der Referent die Unsicherheit der Jugend, hervorgerufen durch die Erschütterung der wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen Grundlagen. Der Blickkreis ist durch die Ansprüche des Berufslebens verengt, der. junge Mensch haftet nur mehr im Endlichen, die Probleme der ideellen, rein geistigen Sphäre interessieren ihn nicht. Und gerade sie waren es doch, die früher der Jugend die Spannkraft, den Idealismus verliehen. Die Lebensauffassung ist egozentrisch-realistisch, das Weltbild sinnlich-räumlich „Ehen werde« im Himmel geschloffen." -'n^>2vn ’ia^a Vaa Man schreibt uns: Cs ist eine bis tief in die Kreise der Orthodoxie hin-., ein verbreitete jüdische Eigentümlichkeit, jüdische Ged-ankengänge eher anzüerkennen-, wenn diese auch gelegentlich von nichtjüdischer Seite bestätigt werden. Es dürfte deshalb nicht uninteressant sein, den Leitartikel des ersten Morgenblattes der „Frankfurter Zeitung" vom Donnerstag den 29. November in seinem Grundgedanken zu würdigen. Es handelt sich in diesem Leitartikel um eine Stellungnahme zu Hasenclevers neuer Komödie: „Ehen werden im Himmel geschlossen", welche bereits bei der Erstaufführung im hiesigen Schauspielhaus durch ihre gotteslästerliche Tendenz mit Recht große Entrüstung hervorrief, die sich dann zu einem Antrag im hiesigen Stadtparlament aus Streichung dieses Stückes vom Spielplan der städtischen Bühnen verdichtete. (Siehe Wochenrundschau im Hauptteil.) Diese Tatsache gibt der „Frankfurter Zeitung" Veranlassung, sich mit der Frage der Verhöhnung religiöser Ansichten von breiten Bevölkerungsschichten' zu befassen. Mit Recht erblickt die „Frankfurter Zeitung" darin einen Akt der Intoleranz, der Roheit und der Taktlosigkeit, wenn sie, sich auch gegen abwehrende gesetzliche Maßnahmen wendet. Als Kronzeugen für ihre Auffassung zittert die „Frankfurter. Zeitung" Herrn Pfarrer und Professor Erich Förster, welcher wörtlich folgendes schreibt: „Man muß doch sehen, daß alle Volksgemeinschaft unmöglich wird, wenn ein Teil der Empfindungen des underen Teiles schonungslos verletzt, begeifert, zertrampelt ... Ich weiß auch, daß Gottes Ehre durch solche Streiche nicht angerührt wird und daß schließlich auch der Fromme, der Gottgläubige, er fei Jude, Katholik oder Protestant, ganz gewiß in seinem Glauben dadurch nicht erschüttert werden kann. Rein, meine Frage ist, ob es sich mit dem Gedanken der Demokratte verträgt ob das Gebot der Achtung, um nicht zu sagen der Liebe zu dem Mitbürger nicht verlangt, seine Pietätsgesühle zu schonen, ob es wirklich zu viel verlangt, ist, daß sich die allgemeine Meinung gegen die alberne Verhöhnung einer Idee wendet, die vielleicht nur -einigen teuer und heilig ist. Und vor allem, wo es sich doch um ein städtisches Theater handelt. Um ein Theater, das ich gesetzlich gezwungen werde, mit meiner Steuerzahlung mit zu unterhalten, ohne daß ich mich dieser Pflicht entziehen kann,, wie meiner Verpflichtung gegen die Kirche, wenn sie sich gegen meine Ueberzeugungen vergeht. Es ist schon an sich eine sehr schwierige Frage, o b nichtdieTrennungvonStaatundKirche, konsequent weiterverfolgt, auch die Trennung von Staat und Kulturaufgabe nnach sich ziehen müßte, jedenfalls aber muß doch mindestens gefordert werden, daß die staatliche oder städtische Kulturpolitik nicht geradezu in der Richtung eines feindseligen Angriffes auf das Herz der Bürgerschaft geführt werde." Die Ausführungen Försters sprechen für sich selbst und es wird wohl niemand auf die törichte Idee kommen, daß die von ihm zitierten Steuerzahler für die städttschen Theater sich dadurch beruhigt fühlen, daß ab und zu auch religiösfreundliche Stücke aufgeführt werden. Dieses Argument wird sicherlich wegen feiner absoluten Unzulänglichkeit von keiner Seite ins Treffen geführt. werden. In Wahrheit aber haben wir hier ein kleines Spiegelbild der weltanschaulichen Gegensätze, welche die selbständige Orthodoxie von ihren Gegnern trennen. Nach jüdischer Auffassung gehört zur tiefen Verletzung religiöser Gefühle nicht bloß ein gotteslästerliches Theaterstück, sondern jede ostentative, von einer jüdischen Gemeinschaft, offenkundig vorgenommene Verletzung des einem anderen Teil der jüdischen Bevölkerung heiligen Religionsgesetzes. Der Rabbiner, welcher die Wahrheit der göttlichen Offenbarung leugnet, der jüdische Schullehrer, welcher die Speisegesetze verletzt, die Synagoge, welche Kircheninstrumente zur Begleitung eines verkürzten Gebetbuches in deutscher Sprache verwendet, sind ostentative Verhöhnungen der Thora. Die Gemeinde, welche sich diese Verhöhnungen leistet, begeht eine Intoleranz gegenüber den Gefühlen derjenigen, welche aus anderem Standpunkte stehen, ebenso wie die jüdische Organisation, welche keinen Anstand nimmt, in Erez Jisroel m ihren Schulen Bibelkritik zu -lehren und in ihren Kolonien offizielle Sabbatentweihung zu sanktionieren. Das Theater, welches Stücke wie diejenigen von Hafenclever ausführt, zu subventionieren, ist vorläufig jeder Staatsbürger gezwungen. Nicht aber ist der Staatsbürger gezwungen» religiöse Organisationen zu unterstützen, welche seiner religiösen Ueberzeugung ins Gesicht schlagen. Es bedeutet eine unbegreifliche Gedankenlosigkeit, die nur durch die Gewohnheit erklärlich ist, etwa die offizielle Verletzung der religiösen Gefühle durch eine jüdische Organisation damit zu entschuldigen, daß von der nämlichen Organisation auch Institutionen geschaffen und unterhalten werden, in welchen diese religiösen Gefühle geschont sind. Kein -ernsthafter Kulturpollttker wird diesen Kuhhandel mit der Würde der religiösen Ueberzeugung vereinbar erachten. Wenn das Publikum eines Privattheaters sich an den Hafencleverfchen Geschmacklosigkeiten ergötzen will, -so mag ihm das unbenommen bleiben. Wenn aber die Frankfurter städtische Bühne sich dazu hergibt, so empfindet jeder wahrhaft tolerant Denkende dieses als eine unerträgliche Gewisfenbelastung. Im Sinne der Pirke Aboth heißt derjenige ein Ehochom, welcher es nicht verschmäht von jedem eine Lehre anzunehmen. Lernen wir Juden auch in diesem Falle von Förster, mit aller Entschiedenheit die Forderung auszustellen, die Verletzung religiöser Gefühle Privatzirkeln zu überlassen, organisierte Gemeinden aber als unjüdisch zu betrachten, solange sie sich dazu hergeben, die religiösen Gefühle eines Teiles ihrer Mitglieder in flagranti zu verletzen. E.

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