Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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29. November 1928 Der 6•r o e 1 it Nr. 48 Seite 3 ler, das Leben der Gemeinde wurde voller, größer, sicherer. Selbst die politischen Wechselfälle in der Verwaltung Surinams konnten der jüdischen Siedlung nichts anhaben. Es gab allerlei lokale Seegefechte, die letzten» Ausläufer der holländischenglischen Kriege, die Karl H. führte, und schließlich kam Surinam in holländische Hände. Durch den Vertrag von Breda tauschte England Surinam für eine winzige Kolonie in Nordamerika ein — Neu-Amsterdam. Vermutlich war Holland jene Kolonie lieber, die unternehmende, wohlhabende, intelligente jüdische Siedler angezogen hatt. Wer konnte damals wissen, ob Neu-Amsterdam je Juden beherbergen würde? Zehn Jahre lang bemühte sich Holland hartnäckig, die englischen Siedler loszuwerden. Den Juden aber bestätigte es die englischen Privilegien und lud sie ein, zu bleiben. Den Juden war es ziemlich gleichgültig, ob sie unter holländischer oder unter englischer Herrschaft standen. Das Land aber war ihnen teuer geworden» und sie blieben. Nun kommt ein Rätsel. Was zwischen 1664 und 1680 vorfiel, weiß ich nichtt Vielleicht werden einst Dokumente gefunden, die es uns erzählen. Uns ist es unerklärlich, warum die Juden brauchte. Samuel Nässt schenkte seinen Leuten die Insel und führte sie im Jahre 1680 dahin». Von nun ab hieß die Gegend die Judensavannah. 1 Menschen anderen Kalibers wären wohl vor Einsamkeit und vor Erschöpfung im Kampfe mit idem feindlichen Dschungel umgekommen. In einem Umkreis von fünfzig Meilen gab es keine .lebende Seele, einige scheue karibische Indianer : vielleicht ausgenommen,, die in geschützten, versteckten Rodungen ihre Dörfer hatten. Aber die Juden von Paramaribo waren ihrem Moses in die Wüste gefolgt, ohne fremde Gesellschaft zu -suchen. Sie ließen sich nieder und begannen den! Kampf gegen den Dschungel. Bald dehnte sich ] bie Kolonie über die kleine Insel hinaus, an, das östliche Ufer des Flusses, wo die ersten großen Rodungen zu Pflanzungszwecken entstanden.! So tüchtig und widerstandsfähig sie waren, konnten die Juden der Savannah doch nicht mit eigenen Händen extensive Wirtschaft treiben. Sie brauchten Arbeitskräfte, und wie alle tropischen!und subtropischen Kolonisten der Zeit, halfen sie sich mit Sklaver.'arbeit. Der Sklavenhandel blühte damals an der Küste von Guyana, und „schwarzes Elfenbein" war die einfachste Lösung aller Arbeitsfragen. Die reicheren Juden der Savannah Die neue Synagoge in Amsterdam Oft (Außenanstcht). den Gedanken faßten, Paramaribo zu verlassen. Die Nässt, Pardo, Pereira wurden wohlhabend, Samuel Nässt wurde steinreich. Er besaß ungeheure Kaffee- und Zuckerplantagen, seine Rumfabriken brachten reichen Gewinn, er war Herr über ungezählte Scharen von, Sklaven und galt für den mächtigsten Mann in Guyana unter Juden und Christen. Andere Siedler waren fast ebenso wohlhabend. Keiner war arm. Warum blieben sie nicht in Paramaribo? War es die Angst, Holland könne ihnen ihre Schätze entreißen? War es ein Gerücht, daß die traditionelle holländische Politik der Toleranz ein Ende haben solle? War es ein Traum in der Seele eines Herzl jener Tage, einen jüdischen Staat zu gründen, wenn auch nur in den Dschungeln Südamerikas? Genug an dem, die Juden verließen Paramaribo! Zwei Tage entfernt, in Bootfahrten gerechnet, befand sich eine kleine Insel, die Samuel Nässt gehörte, Savannah geheißen, ein steiles. Stück Land mit freier Aussicht nach Süd und Südwest, wo der Strom einen großen Bogen beschrieb. Die Insel war eine prächtige natürliche Festung inmitten ungeheurer fruchtbarer Landstrecken', die man nur in Besitz zu nehmen Tonnen gerechnet), so brauchten die Schiffer für die Fahrt nach dem Westen Ballast. Hierfür eigneten sich am besten die ausgezeichneten, flachen, holländischen Ziegel, für die in ganz Guyana ein flotter Markt bestand. Besonders in der Savannah war rege Nachfrage, und bald brachten die Schiffer auch behauene Marmorblöcke, kunstvolle Mosaiken und anderes Baumaterial. Die provisorischen Häuser' 'wurden niedergerissen und schöne Gebäude im europäischen Stil an ihrer Stelle errichtet. Im Jahre 1685, bloß fünf Jahre nach der Gründung der Kolonie, errichteten die Siedler die erste Synagoge in Amerika und nannten ihre Gemeinde Kehillat Brachah we Schalom. Eine breite Freitreppe führte zum Tempel hinauf, so schön geschmückt als es das- Gesetz gestattete. Rundumher wurde ein kleiner Park angelegt, mit den ausgesuchtesten tropischen Blumen . und Sträuchern bepflanzt. Am 12. Oktober 1685 (8. Eheschwan 5546) wurde er eingeweiht und David Pardo aus London zum Rabbi ernannt. Der Wohlstand der Siedler wuchs. Bald waren alle provisorischen Gebäude verschwunden, und die Farmer konnten von den breiten Veranden ihrer neuen Häuser aus die goldenen Wellen des trägen Surinam hinabblicken, oder über die pfrS&if Die neue Synagoge in Amsterdam Ost (Innenansicht). meilenweiten Felder des Zuckerrohrs, wo die Sklaven in der heißen Sonne arbeiteten,. Straßen führten durch die Felder, bequeme Fahrdämme waren angelegt. Aus Europa kamen Bücher, Möbel, Kleider, alle Paraphernalia eines luxuriösen kolonialen Lebens. *• Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zählte die Judensavannah mehr als 10 000 Einwohner. Eine zweite fephardische Synagoge wurde an der Küste vdn Paramaribo gegründet und im Jahre 1719 eingeweiht. Der gelbe Fluß war beständig von Schiffen belebt. Der Urwald hatte seine Stille eingebüßt. Mühlen klapperten, Aexte krachten, Peitschen knallten, Musik und Lachen störte den einstigen Frieden. Auch nachts war es nicht immer ruhig in Paddoh Savannah. Immer häufiger wurden die Fälle, daß Sklaven der Peitsche müde wurden und m das Unterholz flohen. Hier fühlten sie sich zu Hause, ganz wie in ihrer wahren Heimat, und allmählich sammelten sie sich in Stämmen, lebten ihr wildes Leben wie einst in einem anderen Erdteil, und sahen finster zurück, wo sich in der Ferne der Rauch aus den Häusern der Savannah kräuselte. Und immer häufiger hörte man aus den dunklen» Wäldern jenseits der letzten Felder ein wurden die größten Sklavenhalter ihrer Gegend. Wie andere Herren auch, waren sie streng gegen die Schwarzen, die sie gekauft hatten. Vielleicht konnten angesichts der Dschungelprobleme nur gestrenge Herren vorwärts kommen. Vermutlich hieß es hier wie anderwärts: „Du mußt schwitzen oder ich muß sterben". Die Juden der Savannah kamen auf alle Fälle vorwärts. Im ersten Jahre hatten sie in den allerprimitivsten Behausungen gewohnt, ihre Sklaven in Erdhütten. Die Arbeit war ungeheuerlich. Riesige Strecken Hartholzwaldes mußten gefällt werden, bei einer Durchschnittshöhe von 50 Metern. Dabei ist das Unterholz so dicht und knorrig, daß das Anlegen eines Fußpfades genau so viel heißt wie einen Tunnel aushauen. Diese Bäume mußten getrocknet und verbrannt werden. Meilen über Meilen von Kanälen zur Aufnahme des Regenwassers, von Bewässerungsgräben, von Straßen, mußten gebaut werden. Und schließlich mußte das Zuckerrohr gepflanzt werden. Im zweiten Jahre kamen Schiffe aus Amsterdam den Fluß herauf, um mit der Paddo Savannah Geschäfte zu machen. Die Zuckerpflanzer kauften wenig und verkauften viel (in