Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 48 Der I s raelit 29 November 1928 wenn auch halb im Busch verborgen. lieber allem liegt noch eine weihevolle Stimmung, der Geist einer stolzen, starken Stadt, die tapfer zu ihrem Gotte emporstrebte. Das ist alles — das, und die leere, sandige Rebellenstraße. Darüber hinaus herrscht der Dschungel, ungestört, unbezwungen. Die Geschichte erzählt nur wenig von der Judensavan!- nah, der toten Dschungelstadt. Verborgen im tiefen Schatten des Dschungels ruht eine farbige Sage, die fesselnde Geschichte wandernder Pioniere, die Neues schufen und über die feindliche Natur triumphierten — aber das Ende ist die leere sandige Rebellenstraße. Die Geschichte der Siedlung geht in gewissem Sinne bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurück, da Emanüel l. von Portugal die Tochter des Spaniers liebte, jenes Ferdinand,, der zusammen mit seiner Gemahlin Jsabella die iberische Halbinsel von Ketzern zu reinigen unternahm. Die Mauren waren aufs Meer hinausgetrieben worden, die Juden im Jahre 1492 verbannt, nun, wandten sich ihre katholischen Majestäten nach Portugal. Wenn Emanuel ihre Tochter haben wollte, mußte er zuerst seine Untertanen christianisieren. Die portugiesischen Juden, die von all ihren j Volksgenossen in Europa den größten, Wohlstand und die höchste Kultur erreicht hatten, waren seit langem in intellektueller wie finanzieller Hinsicht das Rückgrat des Landes. Emanuel wußte, wie seine Vorfahren, ihren Wert sehr wohl zu schätzen, Holland zufrieden. Das Leben in den feuchten, nebligen Küstenstrichen war so ganz anders als das des warmen, luxuriösen, farbenprächtigen Portugal. Der dicke, gemütliche Holländer war dem feurigen Südländer nicht sympathisch. Wohl wurden die Neuankömmlinge bald reich; aber der Wohlstand allein genügte ihnen nicht. . In diese unruhige, unzufriedene Stimmung hinein kamen die ersten Nachrichten von dem Reichtum der Neuen Welt. Als man schließlich hörte, daß Portugal Brasilien zu besiedeln gedachte, ja daß schon der erste Transport christlicher Emigranten von Lissabon ausgefahren sei, segelten einige wenige Juden von Amsterdam nach Amerika. Don diesen ersten Pionieren weiß man wenig. Sie ließen sich zwischen dem Amazonenstrom und den Tumak Humak-Vergen in der Provinz Para nieder. Durch ihre verwachsenen Vorgärten hindurch lief der Aequator, und an ihm entlang krochen Hungersnot, Seuchen und Tod. Noch schlimmer, der Antisemitismus blieb der Fahne treu, und in einer Reihe von Streitigkeiten zwischen Holland und Portugal wegen der Hoheitsrechte über den Para-Distrikt waren die Juoen, wie gewöhnlich, die Sündenböcke. Ein Teil der Kolonisten zerstreute sich, manche kehrten nach Europa zurück. Die brasilianische Niederlassung war ein Mißerfolg. Eine Gruppe dieser Kolonisten aber kämpfte sich durch dichten Dschungel, über Berge und Meeresbuchten durch und erreichte, im Jahre 1644 Man kann sich kaum ein ungeeigneteres Menschenmaterial denken als diese Ansiedler, und selten wohl wird eine Kolonie unter solchen Amständen, gegründet worden sein. Die ersten Juden an der Küste von Guyana waren Patrizier. Sie waren das städtische Leben gewöhnt, die Synagoge, lange Gesprächche im Singsang, die sich bis tief in die Nacht hinein erstreckten, Pergamentrollen und Bücher, das Klirren der Münzen im. Kontor. Die kurze Liste der Kolonisten führt eine Reihe von Namen an, die jahrhundertlang in, der jüdischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten, Namen, die noch heute einen guten Klang haben: Nassi (oder Nasci), nach dem. die Insel genannt wurde, da Costa, de Silva, Pereira, Arias, Mera, Cid, Naar, Pardo. Wie solche Männer das komplizierte und schwierige Geschäft lernten, tropische Landwirtschaft zu treiben, bleibt ein Rätsel. Aber sie müssen es wohl erlernt haben, denn sie gerieten nicht in Derrvzeiflung und sie verhungerten nicht. Sie rodeten den Wald, pflanzten, ernteten, bauten, ihre Heimstätten und fanden noch reichlich Zeit, ihrem Gotte zu dienen. Nach fünf Jahren vollkommenster Einsamkeit kamen wieder Menschen. Ermuntert durch diese portugiesischen Juden, oder besser gesagt durch ihr Ausharren, kam Lord Willoughby mit Leuten und allerlei Material aus England und ließ sich in der Nähe der jüdischen Kolonie nieder. Das war im Jahre 1650. Dreizehn Jahre später erlangte er mit seinem Partner Lawrence Hyde. K Mi«ttw»ky: Jüdische imnuitii MinkoWrky: Erinnerung. und er war-nicht-gewillt, ihre treue Unterstützung zu entbehren. Die-Spanier aber gaben, niche nach, und schließlich ließ er sich bestimmen, mehx als 20 000 seiner jüdischen Untertanen gewaltsam der Taufe zuzuführen. Seine eigenen Interessen glaubte er am besten zu vertreten, indem er den neuen Christen verbot, im Laufe der nächsten zehn Jahre sein Land zu verlassen. Die Neuerung bewährte sich nicht. Die fortgesetzten Versuche, die Juden zur Taufe zu zwingen, führten zu beständigen Reibungen. Die eifersüchtige Bevölkerung steigerte die antisemitische Politik bis zum Aeußersten, und im Jahre 1506 waren die Gemüter derartig erhitzt, daß in einem Pogrom mehr als 2000 Juden getötet wurden. Emanuel wurde des vergeblichen Kampfes müde — es war ihm nicht gelungen, die spanischen Majestäten zufrieden zu stellen und gleichzeitig eine wohlhabende, treue jüdische Bevölkerung zu erhalten. Er ließ die Juden ziehen. So begann die Entdeckung der Umwelt durch die portugiesischen Juden. Viele von ihnen zerstreuten sich in Nordafrika und in den östlichen Küstenländern, des Mittelmeeres. Eine zahlreiche Gruppe ging nach Holland. Die Niederlassung in Amsterdam (Kehillat Veth Jaakow) war der Same, aus dem die großen sephardischen Gemeinden des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts entstanden. Aber nicht alle Sephardim waren in kleine . Stadt Paramaribo, eine englische Niederlassilng wenige Meilen landeinwärts an der Mündung des Surinam-Flusses, an der Nordküste von Südamerika. Dort machten sie halt, und dort sind sie bis auf den heutigen Tag geblieben, trotz seltfckmer und furchtbarer Abenteuer. Das erste Unglück kam ein Jahr nach ihrer Landung. Damals war Paramaribo erst fünfzehn Jahre alt. Die englischen Kolonisten, die die Stadt gegründet hatten — nämlich soweit sie das Fieber nicht dahingerafft hatte — verließen das Land, teils weil der Kampf gegen Klima und Dschungel zu aufreibend war, teils weil sie im Bürgerkriege daheim gebraucht wurden. Die wenigen Felder, die sie bebaut hatten, überließen sie dem Dschungel und den Juden. Sie luden ihr Hab und Gut auf ein hochgebautes Schiff, das im Flusse verankert war, dann knarrten die Ziehtaue und die einsamen Neuankömmlinge mußten zusehen, wie ihre Nachbarn mit der Strömung dahinsegelten, nach England, nach Europa zurück. Allein standen sie nun der Stille einer jungfräulichen Welt gegenüber, allein in einer Million Quadratkilometer brütenden, leeren Urwalds. Für sie war das jüdische Problem vereinfacht — wenn sie Hungersnot, Fieber, Indianer und Hitze überwanden, war alles gut — Antisemitismus hatten sie nicht mehr zu fürchten. dem Sohne Lord Clarend-ens, einen richtigere Charter von Karl n., der die Kolonie als englische Besitzung bestätigte. Der Charter stellt fast, daß, die schon in Surinam angesiedelten Juden sowie alle etwa später hinzukommenden dieselben Rechte und Freiheiten genießensollten, wie die Engländer. Außerdem sollten sie das Recht haben^ ihren eigenen Gerichtshof oder Senat zu bilden,, der Zivilsachen .bis zu zehntausend Pfund Sterling erledigen konnte.. Ferner durften sie Erbschaftssachen, Heiraten, ihren Gottesdienst und ihre häuslichen Angelegenheiten ganz nach ihren: eigenen Gesetzen führen. In solch großzügiger Art erkannten die Engländer den Wert der jüdischen Siedlung für die Entwicklung Surinams an. Und da die kleine Kolonie weiter gedieh, kam im Iahte 1664 Zugug von weiteren portugiesischen Juden, die sich früher in einer anderen Gegend, an der Mündung: des Cayenne, angesiedelt und dort Unglück gehabt hatten. Mit der Ankunft dieser, neuen Gruppe hörte das Unternehmen auf, ein Abenteuer zu sein. Die Kolonie schien nach menschlichem Ermessen gesichert. Die Kolonisten rodeten Land, bebauten es und errichteten neue Gebäude. Sie begannen auch, ausländische Waren zu beziehen und waren bald recht behaglich eingerichtet. Kinder würden geboren, vermutlich kamen auch ständig neue Sied--