Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Preisausschreiben! In der nächsten Nummer veröffentlichen wir die Bedingungen eines v Wettbewerbs mit Preisausschreiben, bei dem etwa 40 wertvolle Preise zur Verteilung gelangen. Zugelassen sind alle Abonnenten des „Israelit in Groß-Frankfurt“, die Abonnenients- Quittung für Dezember vorlegen. Man erneuere rechtzeitig für Dezember! Verlag des Israelit G. m. b.H.,Frankfurt a. M. Anzeigen-Abteilung, Das Lhanuckafest der Jüdischen Frauenvereinigung. Die Jüdische Frauenvereintgung bittet uns nochmals zur Kenntnis zu bringen, daß sie infolge der großen Nachfrage nach Karten für ihre C'h a nucka- Fe i e r und auf vielfache Anregungen aus Interessentenkreisen sich entschlossen hat, noch einige Tische einzuschieben, für welche der Preis per Karte auf Mk. 5.— festgesetzt worden ist. Anmeldungen baldigst erbeten. Vortrag in der Jüdischen Frauenvereinigung. Von der I ü d i scheu Fra üenv ereinigung wird uns mitgeteilt, daß. der zweite Tolstoi-Vortrag des Herrn Redakteurs S. Schachnowitz diesen Sonntag, 25. November, abends 6 Uhr im Hörsaale Friedberger Anlage 'stattfindet. .Der Redner spricht über Züdenkonvenk in DarrNstadk und Gießen. Lin kulturgeschichtlicher Beitrag von L. Horwitz in Kassel. Unter der Bekehrungssucht der Kirchen hatten die Juden im Mittelalter schwer zu leiden. Wo in allen Weltteilen Jude wohnen, treten Missionare an uns in verschiedener Gestalt heran, uns „selig" zu machen. Was in dem letzten Jahrhundert Privatsache der einzelnen Kirchengemeinden wurde, war im ehemalig ungeteilten Hessen Aufgabe 'des Staates. Durch Testament Phliipp des Großmütigen erhielt Landgraf Georg ein Achtel des Hessenlandes mit der Hauptstadt Darmstadt und dieser und seine Nachkommen bis zu Ernst Ludwig in der Zeit des Pietismus waren bemüht, die Juden zu bekehren. Ueber diesen Gegenstand hat D. Dr. Wilhelm Diehl, Prälat der evangelischen Kirche in Hessen, im Band II der Hassia sacra unter dem Titel „Arbeiten hessischer Theologen auf dem Gebiet der Bekehrung Andersgläubiger" nach urkundlichem Material eingehend berichtet. Dieser^Quellschrift sind die nachstehenden Ausführungen entnommen: Die Judenordnung von 1543 ergänzte die von 1539 und griff das Bekehrungswerk schärfer an; sie bestimmte: „Es sollen die Juden.sambt ihren Weihern und Kindern, so über acht Jare alt sein, in alle Predige gehen und das Wort Gots fleißig hören, und - sollen Pfarher, Helffer und Opfermann an deyr Orte, da die.Juden wonen, bei ihren Gewissen Ächtung daraus geben- und als oft die Juden ire Weiber und Kinder die Predig versäumen, dasfelbig aufzeichnen und es fürter den Amptleuten anzeigen, auf. däß sich dieselben laut vorigen Ordnung und dieses unsers Bevehk zu halten wissen." Aus verbürgter zeit- „Tolstoi in direkter Berührung mit Juden und Judentum". Gäste, Damen, willkommen!. Von der Agudas Jisroel-Jugendgruppe Frankfurt a. 2ft. Das Programm für den Monat Kislew weist wiederum folgende Kurse auf:. Jüdische Klassiker, Deutsche Literatur, Sanitätskurs und Stenographie. Die Kurse finden vierzehntägig — für Damen und Herren —statt. Die Einrichtung weiterer Kurse erfolgt je nach Wunsch und Beteiligung der Mitglieder. Die Schiurim werden allwöchentlich im Vereinskalender angegeben. Von den ge s e ll i ge n Vera nst a l tung en sind zunächst die Freitagabend-Zusammenkünfte für Herren im Aguda-Heim Schwanenstr. 12, allwöchentlich 8,15 Uhr zu nennen, deren Redner durch Zeitung und Anschlag bekanntgegeben werden. Sodann sind.Ausflüge und Wanderungen vorgesehen. Die Channcka - Feier wird am Montag, den 10. Dezember gemeinsam mit der Jüdischen Frauenvereinigung veranstaltet werden. Ein Chanucka-Spielabend findet am Donnerstag, den 13. Dezember ’ statt. Die Lehrkurse und Veranstaltungen der A r b e i t s g e m e i n s ch a f t e n gehen in fünf Gruppen vor sich. Heimabende werden nach vorheriger Bekanntgabe abgehalten. Neuestes aus der Agudas Jisroel-Jugendgruppe. . Im Rahmen der gemütlichen Freitag-Abend-Deranstaltungen spricht diese Woche Herr Hermann Frankenthal. Wir planen aus vielfachen Wunsch die Neueinrichtung eines hebräischen Sprachkursus für Damen und Herren, und können zur Leitung hierfür eine bewährte Kraft gewinnen- Um jedoch einen genügenden?Ueberblick über sie Zahl der Interessenten zu gewinnen, bitten wir all diejenigen, die sich ernsthaft um einen diesbezüglichen Kursus interessieren, dies umgehend der Jugendgruppe (Schwanenstr. 12) mitzuteilen. Wir weisen darauf hin, daß am Mauzoe Schabbos den 1. Dezember a. c. abends 8.30 Uhr der Vortrag des Herrn Dr. Arnold Merzbach über „Moderne Jugend" M Volksbildungsheim, Saal 2, stattfindet mit anschließender freier Aussprache. Am Mittwoch den 28. November a. c., abends 8.45 Uhr beginnen die beliebten Geschichtsvorträge des Herrn Redakteurs S ch a ch n o w i tz wieder. Thema: „Die Juden auf der pyrenäischen Halbinsel". Rege Beteiligung erwünscht. v; . Kijum In der v"2?'Chewroh. In der v"v -Chewroh, der ältesten unserer Stadt, wurde Sonntag ein Sijum auf mna’ gefeiert, und «aa 'oa Ksrsa; leingeleitet. Die kleine Feier fand im Hause eines genössischer Quelle erfahren wir, daß diese Anordnung chie auch,,eine spätere, nicht befolgt wurde, wenngleich uns Ejnzeffälle': bekannt sind. (Diehl S. 04 unten). Landgraf -Georg II.> bettachtete es als Regentpflicht, die Zwangsbekehrung fortzusetzen. Was bisher dem einzel- Mn Pfarrer überlassen war, sollte in „Jüdenkonventen"- — Versammlungen — geschehen, über die erste am 31. Juli 1642verfügt. Die Verhandlungen aus dieser sind nicht bekannt. 1643 fanden Konvente in Darmstadt und Gießen statt. Selbstredend wehrten sich die Juden gegen die ihnen aufgezwungene Seligkeit in „einer weitläufigen Supplication" an den Landgrafen, welcher von seinen Räten hierüber Bericht haben wollte. Nachdem die Gutachten des Geheimen Rates und des Hofpredigers Haberkorn, der in seinem Eifer in der Judensache nicht genug tun konnte, erstattet waren, wurde am 31. Januar 1643 auf landgräflichen Befehl Kovente in Darmstadt und Gießen abgehalten. Diehl nennt die Namen der Teilnehmre aus den Aemtern Darmstadt, Dornburg, Rüsielsheim, Gerau, Umstadt, Eppstein. Ausgeblieben waren' nur: „des Juden Veit zu Rüsselsheim Weib, so in den Wochen lag", die Frau des Juden Samuel von Utnstadt, „so. krank", und die des Juden Jsaa zu Rohrheim, „so baufällig". Der Gießener Konvent. fand etwas später statt, worüber Prälat Diehl einen Bericht vom 2. Februar 1643 wiedergibt, der die Namen der Männer und Frauen aus den einzelnen Ortfchaftesi enthält wie die Ursachen der Fehlenden. Aus dem Amte Kleeberg erschien, niemand,! „weil es keine Juden hatte". Nur 26 Zllyörer harrten der. Erleuchtung,' die über sie kommen sollte.. Superintendent Haberkorn redete ihnen freundlich' zu? ließ sie niedersetzen und „führte mit ihnen einen freundlichen Diskurs", was später im Privatgespräch fortgesetzt wurdde. Da man keinen Ernst vernahm, wurde die Sache abgebrochen, was auch Fürstl. Gnaden geraten wurde. — Der Mißerfolg des 2. Gießener Konvents Mitlernenden ftätt und nahm bei guter Bewirtung und geistvollen Reden recht schönen Verlauf. Boykott gegen die Juden. Im Verein Montefiore e. V., hier, Goetheplatz 5, sprach Mttwoch, den 7. cr., abends 9 Uhr, Herr Dr. Marx, hier, Syndikus des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, über das Thema: „Boykott gegen die Juden". Der Vortrag reihte sich ein in das Programm der Winterabende, das sich vornehmlich mit der Not der Mischen. Jugend und dem Versuch ihrer Ueberwindung besaht. Nöte der Gegenwart der Jugend.aufzuzeigen sind nicht.schwer, denn wohin wir jetzt blicken, überall zeigen sich recht finstere Schatten einer katastrophalen Vergangenheit, des verlorenen Krieges, mit seinen krisenhaften Erscheinungen auf allen Gebieten desLebens, sei es Wirtschaft Gesellschaft, Geist oder Religion. Und gerade, weil sich in der heutigen, modernen Wirtschaftsform die Nachwehen des Krieges besonders' -empfindlich für jeden Einzelnen auswirken, so gilt es, den Ursachen nachzugehen und Wege zur Lösung der Jugendfräge zu zeigen, mitten aus der konkreten Wirklichkeit heraus für das Berufsleben des einzelnen jüdischen Menschen.. Dieser,-seiner Aufgabe hat sich Herr Dr. Marx in glänzender Meise entledigt. Herr Dr. Marx betonte einleitend, daß es der „Montefiore" war, der dem bisherigen „C. V." das erste Heim zur Verfügung stellte: Alsdann zeigte der Referent, wie die Stellung des Problems „Boykott gegen die Juden" und ihre Lösung gegenwärtig deswegen so bedeutungsvoll lei, weil die „Judenfrage" noch nie so akut war, wie heute. An Hand sehr zahlreicher Beispiele aus den verschiedensten Berufszweigen brachte Herr Dr. Marx recht viel interessantes Tatsachenmaterial und erläuterte die rechtlichen Grundlagen dieser Vorgänge. Zielen ja die Karikierungen jüdischen Wesens und jüdischer Art alle dahin, die nichtjüdische Umwelt in den Glauben zu versetzen, der Jude sei minderwertig; mit allen erdenklichen Mitteln appellieren die Judengegner an den Verstand, das Gemüt und das Gefühl, um die Minderwertigkeit der Juden zu beweisen. Der Außenstehende habe gar keine Ahnung, welche primitiven Mittel schon genügen, um die Masse des Volkes, besonders die unteren Schichten, und die Bevölkerung des Landes in dieser Weise irre zu führen. Um dieser Agitation entgegenzuarbeiten, gibt es nur das Mittel der Aufklärung über das wahre Wesen des Judentums. In vielen Fällen haßt der Nichtjude lediglich aus Unwissenheit. Aus dem Boykott gegen Juden erklärt sich auch manche Veränderung im Wirtschaftsleben der Juden. Die starke Zentralisation der jüdischen Menschen.in den schien die weiteren in Frage zu stellen. Aber Haberkorns. Einfluß auf den Landesherrn brachte es fertig," für den 2. November 1643 einen dritten einzuberufen, zu welchem 24 Personen aus dem Gießener Landesteil erschienen. Auch Liese Versammlung erfüllte nicht, den- Zweck: In aller Stille hörten die Juden die verlesene Landesordnung an und bejahten die 'Frage über'deren Erfüllung. Ms Superintendent Haberkorn ein „christlich Gespräch" anfing, wurde er durch den Tumult unterbrochen; sie eilten zur Tür hinaus, was durch, den Ortsdiener verhindert wurde. Die Juden beruhigten sich auch nicht, als Haberkorn erklärtesie seien keine Gefangenen; er könne drei Tage predigen, und sie wollten nicht zuhören; lieber verließen sie das Land. Für diese Untaten wurden die Hochelheimer Juden mit 10 Reichsthaler Strafe belegt und noch mit Arrest von 1—4 Tagen. Im Jahre 1650 wurden die Juden von Alsfeld, Romrod, Storndorf, Angerod, Rülfenrod, Babenhausen, Rastrach, Homberg und Gleimenhain nach erstgenanntem Ort berufen. Wiederholte Bmühungen der Geistlichkeit, in den Jahren 1668, 1693 und 1716 Konvente ins Leben zu rufen, hatten nicht den geringsten Erfolg, auch nicht eine im Jahre 1792, die der Gießener Professor Hegel in feiner Schrift „Die allgemeine Judenbekehrung" anregte. — Was die Konvente nicht fertig brachten, sollten öte Darmstädter Proselytenanstalten vollbringen, über welche noch berichtet werden soll. — Wir müssen uns als jüdische Menschen nur in die Seelen jener Juden versetzen, die dem landesherrlichen Gebot folgen mußten, ihre Ueberzeugung so — gelinde gesagt — mißachtet zu sehen. Jene Konventsbesucher waren starke Menschen, Glaubenshelden als schlichte Handelsleute. In diesem Sinn können sie heute noch vorbildlich sein. Daher sei ihr Andenken in Ehren gehatlen.