Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-11-22 · Heft 47 (22.11.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 47 (22.11.1928)
Date
1928-11-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450541--75482-2533009
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

■ 2^ Atovember 1928 Der« » t a tut Nr. 47 Lene 5 diesen Umständen wird die Frage, was wird aus diesen rund drei Millionen russischen Juden, besonders ernst. An eme Lösung des Problems durch Massenauswanderung ist ernsthaft nicht zu denken. Das Problem muß im Lande selbst gelöst werden, und die riesengroße Aufgabe ist: die Berufsumschichtung der Millionen in Rußland selbst vorzünehmen. Diese Arbeit ist bereits in Angriff genommen und sie wird zunächst einmal vom russischen Staat getragen. Die Bestrebungen gehen dahin, die Juden systematisch und in Massen der Landwirtschaft zuzuführen und zu industrialisieren. Denkt man daran, daß beispielsweise in Moskau allein heute bereits 10 000 jüdische Fabrikarbeiter vorhanden sind, so begreift man, was das Problem der Industrialisierung der Juden in Rußland bedeutet. Auch für das Handwerk liegen die Dinge in Rußland grundsätzlich anders als bei uns. In einer Stadt wie Minsk treffen wir an die 30 000 jüdisch- Handwerker. Das jüdische Handwerk muß aber durch zweckmäßige Methoden erst existenzfähig gemacht werden.- Reben dem Handwerk ist es schließlich noch der jüdische Heimarbeiter, der im heutigen Rußland eine Existenzmöglichkeit findet, vorausgesetzt, daß es durch zweckmäßige Methoden gelingt, ihn existenzfähig zu machen. Das ist der Kreis der wirtschaftlichen Aufgaben. Der Verfasser gibt nun einen Ueberblick über das, was auf dem landwirtschaftlichen Gebiete für die Juden geleistet worden ist. Der Staat, der durch den Komzet arbeitet, stellt Kolonisationsland zur Verfügung und beteiligt sich darüber hinaus an einer Kreditgewährung für die Neusiedler. Reben dem Komzet arbeiten die Jca, vor allem der Joint, der sich mit großer Verve in das russische Aufbauwerk eingeschaltet hat, endlich der. Ort, der auf den verschiedensten Gebieten der Aufbautätigkeit, so auch in der Lcmidwirtschast, sich betätigt. Alle diese Organisationen haben mit der Regierung Staatsverträge abgeschlossen, wobei die Regierung weitgehende Konzessionen eingeräumt hat, wie freie Einfuhr von Maschinen aller Art, Bauuntensilien usw. Die Zahl der bereits in Rußland vorhandenen landwirtschaftlichen jüdischen Siedlungen beträgt zurzeit zwischen 200 und 300. Die Möglichkeiten der Weiterentwicklung sind scheinbar unbegrenzt. Summarisch läßt sich sagen: die Ueberführung der Juden in die Landwirtschaft als Maßnahme großen Stils ist durchaus hoffnungsreich. Was die Industrialisierung der Juden betrifft, so dienen ihr die professionalen Schulen, in denen junge Leute zu Arbeitern ausgebildet werden. Die Leistungen dieser Schulen sind erstaunlich und herzerhebend. Mit Unterstützung dieser Arbeit paßt man sich im eininentesten Sinne den Entwicklungsmöglichkeiten Sowjetrußlands an, wo ein Hunger nach qualifizierten Arbeitern für die gigantischen Aufgaben^ die Rußland sich in industrieller Hinsicht gesetzt hat, besteht. Run zu den Heimarbeitern und Handwerkern: Kommt man in eine der -von Ort betreuten Berufsgenossenschaften. jüdischer Heimarbeiter in Leningrad oder Moskau hinein, so stößt man dort auf ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. 400, 500, 600 Menschen kommen an einem Vormittag, um sich ihre Wolle abzuholen und ihre Strümpfe abzuliefern. Sie bekommen von der Genossenschaft das Rohmaterial und liefern an sie das fertige Produkt, für welches es vorläufig unbegrenzten Absatz gibt. Es fehlt noch an Rohmaterial und Maschinen. Hier kann man mit geringen Mitteln und in verhältnismäßig kurzer Zeit Wertvolles leisten.. Mit 300 . Mark kann man eine Familie existenzfähig machen. Der geringe Betrag von.300 000 Mark jährlich, drei Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den '„Israelit“ für den Monat Dezember I Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung. der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a.M. Jahre hintereinander investiert, würde die Möglichkeit geben, in jedem Jahr auf unabsehbare Zeit 1000. Maschinen zu beschaffen und 1000 Familien mit 5000 Köpfen existenzfähig zu machen. Denn im vierten Jahr würden bereits die im ersten Jahr investierten Summen zurückfließen, im fünften Jahre die aus dem zweiten und so fort. Von der Größe der Mittel, die dem Aufbauwerk zugeführt werden, hängt es ab, in welchem Umfange Ersprießliches geleistet werden kann. Korrespondenzen « Dachricbten. Deutsches Reich. Delegierkentag des deutschen Misrachi. . Frankfurt a. M., ,18. November. Der Delegiertentag des deutschen „Misrachi", über dessen Hauptergebnis in der letzten Nummer des Frankfurter Israelit bereits kurz berichtet wurde, brachte leine lebhafte Auseinandersetzung über einen Antrag Dr. A. Barths, wonach der deutsche „Misrachi" die U m - bildung der zionistischen V e r e i n rgu n g für Deutschland in eine territoriale Arbeitsgemeinschaft als dringendes Erfordernis erklärt. Der Referent, Dr. Barth, legte dar, daß es auf die Dauer ein unerträglicher Widerspruch sei, wenn die zionistische Organisation als Ganzes über alle Ländergrenzen hinweg weltanschaulich geeinte Gruppen als Föderationen anerkennt, auf der anderen Seite aber innerhalb der einzelnen Länder diese Föderationen organisatorisch als Luft betrachtet und sie landsmannschaftlich ij mit den Vertretern gegensätzlicher Weltanschauungen?! zu einer straffen Einheit zusammenfaßt. Auf diese Weise wird der deutsche Misrachi gehindert, feine religiöse Weltanschauung mit der nötigen Bestimmtheit offenzulegen, weil die Rücksicht auf links hemmend wirkt. Das erschwere auch die Propaganda für den Zionismus in religiösen Kreisen. Ebenso wie die Poale Zion lediglich ein Glied der zionistischen Gesamtörganisation ist, nicht aber der deutschen Landesorganisation, so müsse auch der Misrachi erstreben, daß er als selb st ä n M g innerhalb Deutschlands anerkannt wird, so daß alsdann von selbst die „Zionistische Vereinigung für Deutschland" zu einer von Fall zu Fall zusammenwirkenden Arbeitsgemeinschaft selbständiger weltanschaulicher Verbände wird. Die Ausführungen des Referenten fanden zum Teil Widerspruch, zum Teil Zustimmung. Sein Antrag wurde schließlich mit 16 gegen 8 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen angenommen. Im übrigen erstreckt sich die Verhandlung hauptsächlich auf das Verhältnis zu Poel Ha misrachi und zur Devise Th o r a W eawo d a. In der Debatte polemisierte Rabbiner Dr. H offmann -Frankfurt gegen den vom „Israelit" erhobenen-Vorwurf, daß die jüngere- Generation des „Misrachi" teilweise zur Orthopraxie neige. Der Misrachi als Weltanschauung stehe in Lehre und Leben auf dem Boden des überlieferten- und gesetzestreuen Judentums. Er sei nicht weniger g-esetzestreu und nicht weniger orthodox als irgend eine gesetzestreue Organisation. Wenn es einzelne Misrachisten geben sollte, die das Attribut „orthoprax" verdienten, so sei hierfür der Misrachi nicht verantwortlich, dessen Weltanschauung von der Einstellung solcher Einzelpersonen unberührt bleibe. Vom preußischen Landesverband. Berlin, 18. Novemben Aus der letzten Sitzung des Rates vom 4. November, über die wir in unserer Nummer vom 8. November kurz Bericht erstatteten, werden uns noch folgende Einzelheiten mitgeteilt: In der Beratung über die Gründung einer jüdischen A r b e i t e r k o l o n i e , deren Führung die „Hauptstelle für , jüdische Wanderfürsorge" übernehmen soll, machte Herr Moritz A. L ö b Bedenken dagegen geltend, daß man dieser Stelle die Leitung einer auf strengste Unparteilichkeit angewiesenen Institution überlassen wolle. Er weist darauf hin, daß die Zeitschrift der Wanderfürsorgestelle, sowie sie früher schon den Interessen des gesetzestreuen Judentums zu nahe getreten ist, jüngst.aus der Feder des Herrn Dr. Lubinski einen Aufsatz brachte, der von den religiösen Kreisen als sachlich unberechtigte die jüdische Solidarität aufs schwerste verletzende Attacke empfunden werden mußte. 'Die Aussprache ergab, daß der erwähnte Artikel, der im Israelit seinerzeit gebührend gewürdigt wurde, b e i -allen Parteien schärfste Mißbilligung fand. Der Referent Prof. Türk versicherte, man werde zur Verhütung von parteiischen Uebergriffen in. die Leitung der Kolonie auch einen Rabbiner wählen. In Sachen der Lehrerbildung wandten sich die Liberalen sehr energisch gegen die Erhaltung und den Ausbau der Jawne in Köln als Vorbereitungsschüle für konservative Lehrer. Rabbiner Dr. R o s e n t h a l - Köln trat für die Erhaltung des gesamten Kölner Schulsystems durch den Landesverband ein, ebenso Dr. K a h n- Jasfa. Auf Vorschlag von Dr. Freund wurde ein Ausschuß zur nochmaligen Prüfung der Bedürfnisfrage eingesetzt, der am andern Tage beschloß, dem Rat die Ausgestaltung der „Jawne" zur Vorbereitungsanstalt für jüdische Lehrer zu empfehlen. Rabbinerwahleu in Berlin. Berlin, 14. November. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat beschlossen, den Oberrabbiner von Posen, Dr. Jacob F r e i m a n n , als G e m e i n de r a b b i ne r nach Berlin zu berufen. Herr Dr. Freimann hat den Ruf nach Berlin angenommen. Die Berliner Gemeinde hatte ihn schon vor einigen Jahren für einen B-abbinerposten in Aussicht genommen, damals aber hatte Herr Dr. Freimann mit Rücksicht auf die Lage der Gemeinde Posen in der Nachkriegszeit, die sich erst später nach und nach konsolidiert hat, gebeten, von seiner Wahl Abstand zu nehmen. Herr Dr. Freimann wird seinen Amtssitz in der ältesten Synagoge Berlins, der Synagoge in der Heidereuthergaffe, erhalten, in der in früheren Jahren Dr. Michael Sachs amtiert hat. Weiter werden zu Gemeinderabbinern ernannt die Herren Dr. Freier und Dr. L e o i - Mainz. Dr Freier, bisher Prediger der Gemeinde, bekleidete das Rabbinat in Eschwege und das Großrabbinat von Bulgarien in Sofia. Er vertrat den verstorbenen Berliner Gemeinderabbiner Dr. Petuchowski während dessen Krankheit und übernahm nach dessen Tode das Amt eines Predigers bei der Gemeinde. Dr. Le v i -Mainz hat im Kriege als jiir.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.