Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 47 Der 6f raelit 22. November 1928 ilscher Genauigkeit und Authentizität zu erhalten und zu vergegenwärtigen ist, damit der Mensch es studieren und daraus die von Gott darin niedergelegten Gedanken schöpfen und sich aneignen könne. Wer daher z. B. im jüdischen Kreise die Schöpfung der Welt von Gott mit Worten geleugnet, wurde noch nicht von dem Strahle der Strafgerechtigkeit der Thora getroffen; denn auch wenn er sie mit Worten bekannt, in Predigten verkündet und in lyrischen Gedichten gefeiert, hätte er noch seiner Thorapflicht nicht genügt. Beides erschiene nur eben als „Religion" ,als Gedanken und Vorstellung, als „Glaube" wie die Welt spricht, als momentanes Dafürhalten eines Menschengeistes. Der Geist des Menschen und sein Dafürhalten aber wechselt und wandelt. Der Gottesleugner von heute kann sich morgen zur Gotteshymne begeistern. Der Hymnendichter von gestern kann heute durch die indes fortgeschrittene „Naturkenntnis" zu der „Ueberzeugung" kommen, feine Hymne von gestern sei kindische Torheit gewesen. Wer den Sabbath in der symbolischen Gottessprache des iiv'rr gefeiert, hat eben diese Wahrheit der Weltschäpsung nicht als ein Dafürhalten der Menschen, sondern als eine Offenbarung dieses Weltschöpfers an den Menschen dokumentiert, und somit sich und der Menschheit eine Denksäule erhalten, auf welche noch die Söhne und Enkel sich zur freudigsten Gottinnigkeit! empor zu retten vermögen, wenn ringsum der Irrtum und der Wahn einer die Grenzen ihres eigentümlichen Gebietes verkennenden Forschung in trostlose Versunkenheit ihre Opfer begraben. Und hinwieder wer diese symbolische Sabbathfeier verletzt, hat sich und andern das Gottesdenkmal zertrümmert, das Gottesdokument zerrissen, das den Gottesgedanken nicht als „Religion" nicht als ein menschlich Dafürhalten, sondern als „Thora" als faktische ' Gottesoffenbarung an den Menschen zu verewigen bestimmt ist. Gerade diese „Formen" der Thora sind es daher, die ihre Wahrheiten als Gottesoffenbarungen, als „Thora" bewahren, und sie vor ihrem Umschlagen in ihr gerades Gegenteil, vor ihrem Verflüchtigen in „Religion" schützen; und da sie nicht die Zeichen sind, in welchen der Mensch seine wandelnde Gedanken und Gefühle ausdrückt, sondern die Zeichenschrift sind, in welche Gott seine welterlösenden und weltbauenden Wahrheiten für den Menschen niedergelegt, darum ist nichts so gerechfertigt als die treueste, gewissenhafteste Erhaltung und Vergegenwärtigung dieser „Formen", damit Geschlecht nach Geschlecht deren noch nimmer ganz erschöpfte Jnhaltsfülle sich zu immer vollerem Bewußtsein bringe — und darum ist nirgends die Willkür verderblicher, als eben dort, da ein Nichtbeachten des *pow Vn und hinsichtlich der Bestandteile dieser Formen '"nvo "121 ps 2"N mstw 'n als Fälschung :iZ5 heiligsten Gottesvermächtnisses an den Menschen dastehen würde." (Ges. Schrift. I, Seite 87 u. f.) Wir glauben, daß diese Stellen mehr als genügend beweisen, daß der Meister sich die Frage über die Bedeutsamkeit der symbolischen Handlung allenfalls gestellt und sie auch zu beantworten sich bestrebt hat. Nun wendet Bf. ein, daß das B ewußts ein von der Bedeutung einer (symbolischen) Handlung keine unbedingte Forderung des Gesetzes ist. (S. 139.) — Diesem Einwand gegenüber brauchen wir nur auf die bereits von uns in unserer Arbeit „Ueber den geistigen Nachlaß S. R. Hirschs" (Der Jsr. 1927, 39, S. 4) zitierte Stelle im Kommentar zu m. B. M. 23, 23 zu verweisen, wo es heißt: „Wenn selbst nach der rezipierten Halacha man* ms» navn sich dies mit nrrsi, ni», auf Pflichterfüllungsabsicht beschränkt, ein Durchdrungensein von der Bedeutung der Mizwah im Momente der Erfül- Darstellung der Nebensächlichkeiten, sondern tiefe Innerlichkeit in der Wiedergabe einer, heilig-ernsten Handlung. In dem Bild seiner Braut.Adelheid hat auch Moritz Oppenheim viel mehr von dem gegeben, was wir als psychologisches Kunstschaffen bezeichnen, und steht uns hier wesenhaft näher als in seinen Genreszenen. Der Redner ließ dann Darstellungen von Familienangehörigen der bedeutendsten jüdischen Künstler, wie Clkan. Budko und Zadikow in Bildern erscheinen und zeichnete ein mn(hneruiert rrmrhpn ist fn kann dock» sväter aueindrucksvolles Bild jenes Geistes, der das Judentum von wacygerusen woroen ijl, jo rann oocy jparer zu Urbeginn beseelte und der sich in dem 6. Gebot als heiliges Vermächtnis ausspricht: die Eltern und die Kinder, das Weib, die treu sorgende Mutter — das sind die Symbole der jüdischen Familie, die die Liebe und der hohe Kunstsinn der jüdischen Künstler in gemütstiefen Werken darzustellen vermag. In der darauf folgenden Diskussion wurde besonders der neu gegründete Verein „Gemeinnützige jüdische Eheanbahnungsstelle", Sitz Frankfurt a. M., erwähnt, dem die Gesellschaft für jüdische Familienforschung sich demnächst als korporatives Mitglie anschließen wird. Besonders lebhaft beteiligten sich an diesen Erörterungen: Herr Prof. Dr. Kolbe, Frau Johanna Meyer, Frau Falkenberg (v. Jüd. Frauenbund), Dr. Jacobson (v. Gesamtarchiv d. deutschen Juden). lung aber das Erfüllthaben der Pflicht nicht be dingt: so dürfte dies eben in der hohen Bedeut samkeit unserer Mizwoth liegen, die weit über den be schränkten Moment der. Erfüllung hinüberreicht. Mit der Erfüllung der Mizwah ist dieselbe konkret in den Kreis unseres denkenden und ja auch gedenkenden Bewußtseins eingefügt. Zur rechten Zelt kann uns die Erinnerung an die begangene Mizwahhandlung und deren Bedeutung fassen und eine Retterin in der Stunde der Versuchung oder eine Trösterin in der Leidensstund«, oder eine Mahnung in der Stunde der Glückserhebung werden. Die Mazza und Maror, die einer am Pessäch gedankenlos genossen, die Hütte, in der er am Sukkoth gedankenlos gesessen, mögen zur rechten Zeit, wenn der Wechsel des Geschickes das Brot des Elends mit aller Bitterkeit, das Vrot der Armut mit aller schutzberaubten Heimatlosigkeit, oder das große Los prunkvollster Opulenz in den Schoß der Lebensaufgaben wirft, ihre Besinnung, Ermannung und Besonnenheit bringende Kraft bewähren. Der von welchem die Baraitha (Menachoth 44a) erzählt, hat vielleicht, als er die Zizith an sein Gewand knüpfte und sich darin kleidete, nicht sich die Bedeutung derselben zum Bewußtsein gebracht. Aber in der heißen Stunde sinnlicher Versuchung traf ihn plötzlich deren mahnender und warnender Sinn und sie wurden die Retter seiner Sittlichkeit." Und hiermit ist auch der Einwand erledigt dem der Vf. bezüglich der Erörterung Hirschs über die nan ninaiv betreffenden Gesetze erhebt. Hirsch schreibt (IV. B. M. 19, 22): „Sittliche Freiheit" meinten wir, sei die erste und unerläßlichste Grundbedingung der Lebensheiligung, zu deren Anstreben das göttliche Gesetz uns verpflichtet, und eben diese allererste Grundwahrheit aller zur Gestaltung unserer Lebenstätigkeit bestimmten Wahrheiten glaubten wir durch alles das gefähriDet, was das Erliegen des Menschen dem Tode, was eine Menschenleiche der oberflächlichen Bechränktheit von einer, alles und auch den Meuchen zwingend beherrschenden Naturnotwendigkeit durch ein so vor Augen liegendes Faktum demonstrieren möchte.-steht demnach der Mensch-unter dem Banne einer alles bezwingenden Notwendigkeit: so gibt es überall neben diesem physischen „Muß" keinen Raum ür das sittliche „Soll", so ist sittliche Freiheit eine Täuschung-. Demgegenüber tritt die nxaiv und nnnv-Gesetzgebung-und setzt dem entsittlichenden Wahn physischer Unfreiheit das göttlich verbriefte Faktum der sittlichen Freiheit gegenüber usw." (Siehe auch Komm, zu HI, 11, 6 u. 47; daselbst. — Ilias 21, 5 ) Hingegen wendet nun der Bf. (S. 135) ein: „Wenn die Einwirkung auf das' Bewußtsein den Zustand der Unreinheit veranlaßt, so müßte der Gedanke an die Unfreiheit des Menschen, der durch die Nähe des Toten geredet wird, auch wenn es ohne die Nähe der Leiche auftritt, die Formen der Reinigung nach sich ziehen. Und sie müßten unterbleiben, wenn der dem Toten Nahe von diesem Gedanken frei blieb. Andererseits ist der Eintritt der Unreinheit von Wissen des so betroffenen Menschen unabhängig." Das von H. in bezug auf die Mizwah Gesagte: „Zur rechten Zeit kann uns die E r i n n e'rü n g an die begangene Mizwahhandlung ustd deren Bedeutung fasten und eine Retterin in der Stunde der Versuchung usw sein"—' kann auch^'wn^ auf na nrwiv angewandt werden. Wenn auch Moment am der Betreffende kein Wissen vom Eintritt der Unreinheit hat, oder in demselben momentan der Gedanke an die Unfreiheit des Menschen durch die Nähe des Toten nicht Qualitäts- Zigarren Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 9C^ folge der erfolgten Kenntnisnahme'des eingetretenen nxaiv-Zustandes oder der Erinnerung an die stattgefundene Nähe des Toten dieser Gedanke in dem Betroffenen auftauchen und dessen Weltanschauung in unrichtiger Weise beeinflussen. Was aber die Frage angeht, warum denn nach H. dieser Gedanke, auch wenn er ohne die Nähe der Leiche auftritt, nicht die Formen der Reinigung nach sich zieht, — so ist hierauf zu entgegnen, daß eben infolge der Nähe des Töten durch sm oder h.irr dieser Gedanke in derartig v e rst ä r k t e r Potenz auftreten kann, daß die Thora hiergegen zur Maßregel der mnp -Institution greifen muß. Wir sehen also, daß alle diese Einwendungen keinesfalls so stichhaltig sind, wie es der Autor meint. (Fortsetzung folgt.) Das Iudenproblem in Sowjekrutzland. Dr. Jsmar Freund weilte, wie in anderem Zusammenhänge bereits berichtet, mehrere Wochen in Rußland und widmete sich dort dem Studium des Gesamtproblems der Juden im Sowjetreich; seine besondere Aufmerksamkeit galt dem neuen jüdischen Kolonisationswerk. Herr Dr. Freund hat nun die Ergebnisse seiner Studien in einer Reihe von Aufsätzen niedergelegt, denen wir folgendes entnehmen: Das Schicksal der Juden in Sowjetrußland ist von einer besonderen Tragik. Auf der einen Seite hat es vielleicht noch nie eine Revolution gegeben, die für die Juden eine solche Umwälzung zum Guten gebracht hätte, wie die russische. Gegenüber dem Helotentum, in dem sie sich unter dem zaristischen Regime befunden hatten, hat diese Revolution nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis damit Ernst gemacht, ihnen die absolute politische, wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung zu geben. Die Tragik liegt nun darin, daß dieselbe Revolution wie ein Sturmwind über die Juden Rußlands hingefegt ist, sie niedergeworfen und entwurzelt hat, und zwar in einem Ausmaß, wie es vielleicht die ganze neuere Judengeschichte nicht ein einziges Mal aufweist. Die Ideologie des Sowjetismus, in die Tat umgesetzt, hat sich eben anders gegen iüe Juden und anders gegen die übrigen Rüsten geltend gemacht. Die russische Revolution war eine antikapitalistische, und sie war eine Agrarrevolution. Ihre Nutznießer waren die Arbeiter und Bauern. Unter beiden Berufsschichten beenden sich die Juden nur ausnahmsweise. Sie gehörten vielmehr in hervorragendem Maße zu den Kreisen der freien Wirtschaft, die die Revolution entwurzelt und im Kern getroffen hat. Aus dieser Situation ergibt sich eines der wichtigsten Hauptprobleme der russischen Judenfrage. Rußland steht vor der ungeheuren Aufgabe, durch eine vollkommene Umschichtung der Berufe diese Millionen von existenzlos Gewordenen wieder existenzfähig zu machen. Auch nach Abtrennung der Randstaaten zählt Sowjetrußland noch 2 600 000 Juden. Um das Schicksal dieser Millionen geht es. Es handelt sich um eiiNe Aufgabe, der wir nicht aus der Vogelperspektive zuchauen können, sondern hier gilt das Wort: „Tua res agitur?. Es handelt sich um unsere ureigensten Angelegenheiten. Nicht nur, daß für -einen Juden der Welt das Schicksal dieser Millionen gleichgültig sein kann; für uns deutsche Juden bedeutet dieses russische Judentum doch etwas anderes. Wenn der nicht nur zahlenmäßige Niedergang des deutschen Judentums in den letzten Jahrzehnten pessimistisch e stimmte, dann richteten wir die Augen nach dem Osten und dachten an das unerschöpfliche Reservoir, das mit immer neuem Zustrom! uns speiste und unseren Bestand zu verbürgen -schien. Unter Wochenkalender. v. 24. Nov bis 1. Dez. 1928. ,'v. 11. — 18. Kislew 5659, Samstag Nov 24 ii-v2 11 Sonntag 25 12 Montag 26 13 Dienstag 27 14 Mittwoch 28 15 Donnerstag 29 / 16 'reitag 30 17 Samstaq Dez. 1 18 ni>V'i Man weise Pa ckungs n ach ahmungen zurück!