Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450541--75480-2533007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
22. November 1928 D e r I s r a e l i t Nr. 47 Sette 3 SCHOKOLADE-PRALINEN^ ten Mahnungen eines W alte r v o n Molo, die wir vor kurzem hier abdruckten, dürfen wir auch die Worte von Otto Baumgarten als von Freundesherzen kommend erkennen und anerkennen. Er schreibt im „Berliner Tageblatt" :!. fl.: „Es mehren sich in den letzten Wochen die Zeichen einer verhängnisvollen Wirkung der antisemitischen Hetzerei auf die Volkssittlichkeit. Niemand freilich konnte sich wundern, wenn in Bremen wie in Oppenheim im Zusammenhang mit antisemitischen Radauversammlungen Mißhandlungen von Juden oder jüdisch aussehenden Menschen sich wiederholen. Denn wenn einmal die ganze Schuld an unserem nationalen und wirtschaftlichen Elend aus diese „elende Rasse" gehäuft wird, die die Gutmüttgk»ir des deutschen Herren., und Wirtsvolkes mißbraucht und sein Blut verdirbt, seine Sitten und seine nationale Selbstachtung herabzieht, dann ist es kein Wunder, daß von Geschrei und Alkohol umnebelte Gesellen die deutsche Schmach an ihren „Urhebern" rächen. Aber wenn nun gar 64.jüdische Gräber in kurzer Frist geschändet werden, so übersteigt solch tollwütiges, jedes menschliche Empfinden verleugnende Gebaren alles, was ein deutscher Mensch begreifen kann . . . Es ist die d e n k b a r g r ö ß t e Schmach des Deutschen, des Christmannes, daß solche Dinge in deutschen Landen ooekommrn. Nur das vermag ick mir nicht anzueignen, daß wir solche tollwütigen Seelen vernichten sollen. Denn diese unreifen, jungen Burschen handeln im Fanatismus, der durch die Fülle flammender, aufreizender Reden und Schriften entzündet ist.. Wer durch die Pflicht der Abwehr des Anttsenrittsmus verurteilt ist, jene Reden und Schriften zu lesen, der kann in solchen Roheitsakten nur zwangsläufige Folgewirkungen einer Aufhetzung erkennen, die im unentwegten Suchen, der Schuldigen an unserem „Untergang" die jüdischen Volksgenossen, deren tiefste, letzte Absichten die „Protokolle der Weisen von Ziom enthüllt haben, dem Verdammungsurteil der Deutschen und Christen preisgegeben: ecrasez l'infäme I Es sollen diese schändlichen Verirrungen für uns Fanal werden zum Kampf gegen die undeutscheste, unchristlichste Erscheinung unseres öffentlichen Lebens: die anttsemittsche Tollwut. Wenn demgegenüber der wohlbekannte Graf Reventlow in seinem „Reichswart" einen Brandartikel unter dem aufstachelnden Titel „Der Jude, der einzige Nutznießer der Revolution" mit den bezeichnenden Worten beschließt, der Jude allein habe inmitten des allgemeinen Elends Reichtum, Einfluß und Herrschaft an sich gerissen auf Kosten des deutschen Volkes und seiner Zukunft; es gelte, die Erkenntnis und den Willen zur Beseitigung der jüdischen Pest in der deutschen Bevölkerung zu verbreiten — sEwissen wir gleich, woran wir bei ihm sind und können uns danach einrrchten. Klare Verhältnisse können nie gefährlich werden. Eine weit größere Gefahr droht von einer anderen Seite, wo man sich zu einem sogenannten „Völkerversöhnun'gsbund" zusammengetan hat. An der Spitze steht ein gewisser Herr A. S ch i m t k o , der sich gelegentlich, um den Namen seiner Mission anzupassen, auch Elia nennt; und was er will, ist, recht besehen, nichts anderes als I u d e n m i s s i o n, die von der anderen berüchtigten Seelenfängerei sich nur durch ihr krasse, plumpe Form unterscheidet. Besagter Schimtko alias Elia macht sich an im öffentlichen jüdischen Leben bekannte Persönlichkeiten heran, mit seinen Plänen und Versuchen, die Judenfrage in adventistischem Sinne zu lösen. Die Methode ist wohlbekannt: „Ist der Kopf einmal ab, dann ist allem Zahnweh für ewige Zeiten ein Ende gemacht." Wo er auf Abweisung stößt, da kann der fromme Herr auch weidlich schimpfen. Zu diesem Zwecke leitet er ein eigenes Organ, für das er keinen geringeren Namen gewählt hat, als „Höre Israel". Zwischen Liebe und Haß werden in diesem recht zweifelhaften Preßerzeugnis die Bekehrungsversuche gemacht, und dahinter soll ein großer, aus Christen und Juden bestehender „Versöhnungsbund" stehen. Nun, Israel wird nicht hören, es wird diese falschen Freunde in ihre Schranken zu weisen wissen. Zum Problem einer jüdischen Symbolik. IV. Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospakak. Ungarn. Die Bedeutsamkeit symbolischer Haudlungen. Der Verfasser des Aufsatzes „Zum Problem einer jüdischen Symbolik" meint (S. 139), daß H. sich nicht die Frage stellte, ob denn der Gedanke des Symbols wirklich ausreicht, um auch die Bedeutsamkeit der symbolischen Handlung als solcher zu gewährte i st e n usw. Hiergegen haben wir bloß folgende Stellen anzuführen: „. . . und die Sorgfalt um sogenannte Kleinigkeiten (nämlich in den symbolischen nna) nicht mehr lächerlich und nicht weniger vernünftig, als deine Sorgfalt um klare, verständliche Sprache und leserlich zierliche Schrift", (19 Briefe, Seite 161*). „Außer dem Vorzug, den das Symbol und die symbolische Handlung vor dem Ausdruck in der Tonsprache dann haben, daß sie zu ihrer Verwirklichung den ganzen Menschen und diesen länger in Anspruch nehmen als sonst das zu sprechende Wort erfordern würde, haben Symbol und symbolische Handlung als Mittel der Erkenntnis und Anerkenntnis einer Gesamtheit noch das voraus, daß: a) das Symbol gleichzeitig von Hunderttausenden gehandhabt, die Handlung gleichzeitig von Hunderttausenden begangen und in dieser Gleichzeitigkeit um so prägnanter die Gleichheit und Einheit der Gesamtheit in dieser Erkenntnis und Anerkenntnis zum Bewußtsein gebracht worden; daß b) namentlich das Symbol uns ein ganzes Leben hindurch unter den verschiedensten Beschäftigungen begleiten und uns so immer wiederholt seinen Inhalt zur.Erkenntnis und Anerkenntnis entgegentragen kann, ein Vorzug, auf welchen der Ausdruck in Wort, und meistens auch in Schrift verzichten muß." (Ges. Schr. III, S. 219.) „Und endlich gerade diejenigen Gesetze dieser Thora, die sich selbst als Ausdruck eines Gedankens somit als Symbol, oder mit der Zeit zu sprechen als „Form" ankündigen wie z. B. Sabbat, Feste, Opfer usw. . . . Wie ist gerade ihnen der offensteezklarste Gegensatz zu allem aufgedrückt, was der Name Religion bezeichnet, wie steht gerade da die Anwendung dieses Namens auf die Thora in ihrer vollen Nichtigkeit da! Wie steht gerade da die „Form" in ihrer Wesenheit, Ursprünglichkeit, Ewigkeit! Weil „Religion" der Gedanke des Menschen ist, der in symbolischer Handlung seinen Ausdruck findet, darum ist in der „Religion" dieser Gedanke das Erste, Ursprüngliche, Wesentlichste, und die äußere symbolische Handlung das Spätere, Erzeugte, Untergeordnete, Gleichzeitige. Weil aber die Thora in diesen Gesetzen der Gedanke Gottes ist, den Gott dem Menschen in der von Ihm angeordneten symbolischen Handlung zur innigsten Aneignung darreicht, der also durch die symbolische Handlung das Erste, Ursprünglichste, Wichtigste ist, darum ist in der Thora diese symbolische Handlung eine Gottessprache an den Menschen, ist ein Gottesdokument, das mit diploma- *) Ich zittere nach der Ahronsohnschen Ausgabe. einer hochstehenden katholischen Buchhandlung mit großen literarischen. Zielen, den nachfolgenden Brief: „Von der Geschäftsstelle des Organs „Der Israelit", Frankfurt a. M. ist uns die Nr. 23/1928 zugegangen, worin Sie zu dem in unserem Verlage erschienenen Werke von Anwander „Die Religionen der Menschheit" Stellung nehmen. Wir gestatten uns mitzuteilen, daß wir diesen Ihren Artikel dem Herrn Verfasser eingesandt und ihn gebeten haben, die Seiten 445 und 446 zu revidieren, worauf wir diese Seiten neu drucken und die noch vorhandenen Stücke mit der neuen Fassung versehen werden. Wir werden uns erlauben, Ihnen seinerzeit ein Belegstück der neu gedruckten Seiten zu übersenden, und zeichnen inzwischen" usw. Ich erwiderte darauf: „Ich will nicht versäumen, Ihnen für die großzügige Auffassung, die sich in Ihrem Schreiben dokumentiert, meine Hochachtung zum Ausdruck zu bringen. Ich würde die dort angekündigte Richtigstellung als einen hohen Beweis der^ Gerechtigkeit und Sachlichkeit ebenso Ihres Verlages wie des ehrwürdigen Herrn Anwander betrachten und gewiß nicht verfehlen, davon der Oeffentüchkeit Mitteilung zu machen." Jetzt erhältlich zu meiner Freude wirklich einen Neudruck jener Seiten, unter Weglassung der harten Vorkurse, die im Erstdruck noch standen. Ich bringe dieses hiermit mit ausgesprochener Freude zur allgemeinen Kenntnis. Nicht etwa, als ob ich den Auffassungen des Verfassers über das Judentum, wie sie sich jetzt darstellen, beipflichten könnte, aber es verdient doch hervorgehoben zu werden, daß wir in dem Vorgehen des Verfassers den Willen zur Objektivität und die Bereitschaft, «men Irrtum betreff des Judentums aus der Welt zu schaffen, dankbar erblicken dürfen. Es fei dem Herrn Verfasser sowie dem Verlag unsere Anerkennung dafür ausgesprochen. (Es gibt noch Richter in München!) Man schreibt uns: Wie die. „Münch. Post" berichtet rief der berüchtigte Anführer der Nationalsozialisten Hermann Esser bei Gelegenheit der Vereidigung der Abgeordneten zum Kreistag, als der Abdgeordnete R.-A. Nußbaum den Cid leistete: „Jetzt kommt ein Judeneid!" R.-A. Nußbaum ließ diese. Aeußerung zu Protokoll nehmen, um eine Klage zu erheben, die auch trotz des inzwischen erfolgten Todes des R.-A. Nußbaum als Offizialsache durchgeführt wurde. Esser wurde zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, die er, wie die „Münch. Post" hinzufügt, auch absitzen muh, da die Strafe nicht in eine Geldstrafe umgewandelt werden kann. („Graf Zeppelin" im Dienste der jüdischen Wohlfahrt.) Der amerikanische „Ort" hat dem Verbände „Ort" in Berlin durch die Post des deutschen Luftschiffes „Graf Zeppelin" ein Schreiben samt Scheck über 1000 Dollar nebst einem Gruß der amerikanischen Freunde des „Ort" an die „Ort"-Mitarbeiter in Europa übermittelt. (Die jüdische Familie in der Kunst.) Am 30. Oktober fand im Brüdervereinshause zu Berlin eine Versammlung der Gesellschaft für jüdische Familienforfchung statt, die sehr zahlreich besucht war. Zum Beginn gedachte der Vorsitzende, Herr Dr. Czellitzer, in warmen Worten der jüngst verstorbenen Vorstandsmitglieder, des Herrn Rabbiner Dr. Abraham Löwenthal, sowie der Frau Henriette May. Herr Dr. Karl Schwarz, Leiter der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin, hielt einen, mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag (mit Lichtbildern) über das Thema: „Die jüdische Familie in der Kunst". Er führte folgendes aus: Bei dem sozial-ethischen Charakter des Judentums ist bereits in der Bibel und zu Zeiten, da andere Völker noch weit von solchen Anschauungen standen, die Familie, die Grundlage der ganzen sozialen Ordnung. Obwohl patriarchisch eingestellt, werden bereits die Erzmütter neben den Erzvätern, hervorgehoben. Die Frau spielt eine wichtige Rolle im gesamten Leben: Mirjam, Deborah, die Prophetin Hulda, die tapfere Judith und die Königin Salome Alexandra. Die Kunst hat das jüdische Familienleben an Szenen aus der Bibel zu allen Zeiten und in allen Ländern dargestellt. Als Beispiele wurden Rembrandts Werke zur Abrahamsgeschichte u. a. hevangezogen, da dieser Meister, wie wohl kaum ein anderer, in die jüdisch-alttestamentarische Psyche eingedrungen ist. — In den mittelalterlichen Miniaturen, vornehmlich in den von Juden illuminierten Haggadas, finden sich viele Darstellungen jüdischen Familienlebens. Die interessantesten Dokumente früherer Zeit sind aber Trauszenen, herrlich illustrierte Ehekontrakte, Memorbücher der Gemeinden. Thorawimpel mit volkstümlichen Darstellungen und verschiedene Ritualgeräte. Besonders dokumentiert sich der Familiensinn in der Grabmalkunst, die als eine der bedeutendsten und charakteristischsten Kunstleistungen der Juden zu gelten hat und in der sich eine eigene Beobachtungsgabe, Stilistik und sinnvolle Ausgestaltung dieser stets heilig gehaltenen Stätten offenbart. — Der Eintritt der Juden in die bildende Kunst mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zeitigt auch die ersten bildkünstlerischen Darstellungen, in denen in verschiedener Form das Familienleben wiederzugeben versucht wird. Moritz Oppenheim gibt in seinen berühmt gewordenen Darstellungen aus dem Familienleben nicht mehr als süßliche Genrebilder; auch Hirszenberg kommt über dieses Niveau noch nicht hinaus. Erst in Jozef Israels Hochzeitsbild offenbart sich der neue Geist hoher Kunst. Nichts mehr von Pose und Fabuliererei, keine