Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 47 1 Der Israelit 22. November 1928 wunden und, daß die veralteten Zarengesetze auch de jure abgeschafft und damit die letzten Steine aus dem Wege der Verständigung,weggeräumr werden. Mit der Regierung Pilsudskis eröffnet sic? der polnischen Judenheit die günstigste politische Perspektive, — das t)at gerade der orthodoxe Teil der Judenheit am ehesten erfaßt und er handelt danach. Daß diese Taktik durchdringe und alle Teile der Bevölkerung erfasse, das ist unser Wunsch zum zehnjährigen Staatsjubiläum, — für die Polen sowohl, wie für die Juden. Von etwas anderer und eigener Art ist die Festesfreude in P a l ä st i n a. Auch dem Lande unserer Hoffnung brachte der November vor zehn Jahren die Waffenruhe und das englische Weltreich als Vormund. Palästinas Judenheit trifft der Festesruf in einer Zeit tiefster Depression infolge der an der Klagemauer erlittenen Schmach In seiner äußeren geräuschvollen Aufmachung hat das Fest in den Straßen Jerusalems darunter nicht gelitten. I a b o t i n s k i, ein Säbelraßler von Beruf und Passion, ist wieder im Lande; kam gerade zur rechten Zeit, um an den Vorgängen vor der Klagemauer zu demonstrieren, wie recht er mit seinen „langjährigen Forderungen nach einer starken jüdischen Macht" hatte, und um am Jubiläumstage ein paar hundert frühere jüdische Legionäre und Soldaten mit gutem militärischen Drill in geschlossener Formation durch die Straßen zu führen. Dem stellvertretenden Oberkommissar und den andern Vertretern der englischen Behörden machte dieses jüdische Soldatenspiel Spaß und sie begrüßten es mit hübschen Reden. Als Spiel wollen auch wir es gelten lassen; wo es aber nicht mehr Spiel ist, müßten wir die ernstlichsten Bedenken hegen. Daß von jüdischer Seite aus diesem Anlaß nach bekanntem Muster gar ein Denkmal für den unbekannten Soldaten errichtet werden soll, lasen wir in palästinensischen Zeitungen, ohne ernstlich glauben zu wollen, daß europäische Geschmacklosigkeiten auch schon so weit auf das jüdische Palästina hinübergegriffen haben sollten. Wir haben eine gar große gewaltige Reihe von „u n b e k a n n t e n S o l d a t e n" in der Geschichte des alten Palästinas, von Nachmanides bis zum „Scheloh" und von ihm bis zu den Frommen und den Männern der Palästinaarbeit unserer Tage, die, ungenannt und ungekannt, ohne viel Geschrei und Aufhebens, den geistigen wie den wirklichen Acker bebauten. Diesen „unbekannten Soldaten", die leben, und Leben, geistiges und materielles, aus dem steinigen Boden holen für Generationen, ihnen gehören unsere Kraft, unser Interesse und unsere Mittel! Schaffen wir Schulen für die Tausende von Kindern, die, wenn sie nicht der Mission oder den jüdischen Schulen der riTaa in die Fangnetze gegangen sind, auf der Straße herumlungern. Schaffen wir Siedlungen für fromme sabbathaltende Chaluzim. Vesser könnten wir den Jahrestag der Friedensverkündung in Palästina gar nicht begehen. Rabbi Chaim Sonnenfeld und seine Freunde haben in Jerusalem die Zehnjahrfeier der T s ch e ch o s l o w a k is che n R epublik in herzlichster Weise begangen. Sie, die Tschechoslowakische Republik und ihr begnadeter Führer Prof. Masaryk, sie verdienen es wahrlich, daß ihrer an heiligster jüdischer Stätte in Verehrung und Dankbarkeit gedacht wird. Dementsprechend war auch die lebhafte Teilnahme der Juden in Prag und Preßburg ckm Freudentage des Staates. Möge unser Erez Jisroel und all das, was sich dort für uns um den Namen Rabbi Chaim Sonnenfeld gruppiert, im zweiten Jahrzehnt der neuen Welt in eine neue Aera der Entwicklung treten, die wir ganz als jüdische Entwicklung ansprechen dürfen; eine jüdische Aera, die alles, was bisher von jüdischen Händen in Palästina erbaut und geschaffen wurde, in ihren Strahlenkreis zieht. Das kann auch zugleich einen Glückwunsch für alle Staaten und Völker bedeuten, die heute den zehnten Jahrestag ihrer Erstehung oder Wiederauferstehung feiern. wochenrundschau. Eine offiziöse Äutzerung über die Ankunft palöftluas? Die Londoner Zeitschrift „Near East and Judia", die häufig als offiziöses Sprachrohr des Colonial Office benutzt wird, schreibt in ihrer Nummer-vom 25. Oktober folgendes: „Allmählich, widerstrebend, aber mutig lernen die Juden, sowohl innerhalb als auch außerhalb des heiligen Landes die Wahrheit über die -Möglichkeit in Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Phenyldimethylp., kJ | nn Acetylsai., Coff. Hl» I •CU in allen Apotheken Helen Palästina als Ansiedlungsort für 'Glieder ihrer Raffe. Wenn sonst nichts die äußerste Unausführbarkeit des politischen Zionismus oder der Politik eines jüdischen Nationalstaates erweisen konnte, so würden hierzu zwei Tatsachen genügen; die Tatsache, daß seit Mitte 1926 mehr Juden Palästina verlassen mußten, als in das heilige Land einwandern konnten und die Tatsache, daß vor einigen Tagen Dr. Weizmann nach Amerika kam, um Arrangements zu treffen, damit Nichtziomsten zu den in trauriger Weise dahinschwindenden Fonds zur Unterstützung eines jüdischen Narionalheimes in Palästina beitragen können. Es dämmert in der Tat langsam jedem, der ain diesem Problem der Ansiedlung von Juden in Palästina interessiert ist, Juden sowohl, als Nichtjuden, daß das heilige Land, weit davon entfernt jemals eine Majorität von Juden zu enthalten, niemals mehr sein kann, als eine Stätte geistiger Regeneration für die Raffe, ein Land, in welchem die religiösen, die kulturellen, die historischen Gefühle der Juden vertieft und aufgefrischt werden können. Träume von jüdischer Regierung, von jüdischer Oberhoheit sind jetzt in die Sphäre der unausführbaren, wenn nicht gänzlich vergessenen Dinge hinab gesunken. Denn es gibt eine Grenze für Palästina, eine Grenze für jüdische Einwanderer. Nichts kann andererseits die natürliche Bevölkerungsvermehrung der Araber aufhalten. Zu behaupten, daß das Gegenteil wahr sei, heißt, sich in eine Welt der Einbildung verlieren, eine Einbildung, die sowohl Juden als Arabern nur Schaden tun-kann. Aber das, was in Palästina möglich fem wird, ist vom jüdischen Gesichtspunkte aus genügend für die Bestrebungen ihrer Rasse. Eine Macht wie Großbritannien kann jedenfalls die Tatsache nicht außer acht lassen, daß die Lage Palästinas niemals wieder sein kann, wie sie vor 2000 Jahren war, mag man diese Lage vom religiösen, sozialen, politischen oder ökonomischen Gesichtspunkte aus betrachten." Die Ausführungen des ernst zu nehmenden Blattes wirken einigermaßen sensationell und sind mit der offiziellen englischen Politik schwer in Einklang zu bringen. Auch sachlich läßt sich gegen die Argumentation mancherlei Vorbringen, sogar dann, wenn» man von jeder tieferen, nicht bloß am Aeußerlichen haftenden weltgeschichtlichen Betrachtung ganz absieht. „Behüte mich Gott vor meinen Freunden, denn..."— Im Wechselspiel von Angriff und Abwehr ist es uns Juden bald nicht mehr so leicht, Freund von Feind zu unterscheiden. Nach den geharnisch- Zum Gedächtnis des Studiendirektors Rabbiner Dr. Emanuel Carlebach V" XT' Köln. Anläßlich des ersten Jahrzeitstages am 10. Kislew von Lehrer A. Bayer, Köln. Als ehemaligrr Schüler unseres hochverehrteu Meisters und Lehrers yxt, möchte ich einige Erklärungen zu verschiedenen trpiDa, die ich von dem Verblichenen in Unterrichtsstunden hörte, hiermit der Nachwelt inawi erbalten. Im fünften Buch Mosis. im Abschnitte n*n lesen wir folgenden Vers: 122!? jn» rr^i iV fmi pm* ."*771713 (Geben sollst Du ihm (dem Armen) und laß es deinem Herzen nicht verdrießen, indem du ihm gibst.) Hierzu bemerkt die Gemoroh 1^ pm pni v'Lvs nxa 1^'SX (Geben sollst Du ihm auch hundertmal). Der Dahingeschiedene erklärte den Sinn dieses Verses folgendermaßen: Wie man sich eine gute Eigenschaft durch ständige Uebung anerziehen kann, so. ist es auch mit der Ausübung der großen npiL 71128« Die Finger des Menschen müssen, eben durch die häufige Erfüllung dieser großen Mizwoh, gelenkig gemacht werden, so daß sie mit der größten Leichtigkeit in den Geldbeutel greifen können, und dem Armen sein ihm gebührender Teil überreicht wird. Sind die Finger schon soweit trainiert, um modern zu sprechen, dann kann man deffen sicher sein, daß die Ausübung dieser Mizwoh einem leicht fallen wird und man mit einer echt jüdischen Mizwoh-Wärme und Herzlichkeit seiner Pflicht genügt. Denn V3v (Die Gewohnheit wird dem Menschen zur zweiten Natur). In a’^71 Kapitel 146, Vers 3, lesen wir: Vx" "nvwn t> ijw cnrr pa a’a’Tia inv37i (Verlasset euch nicht aus Fürsten, aus den Menschen, bei dem nicht Hilfe ist). Herr Dr. Carlebach brachte hierzu folgende Bemerkung: Reiche Menschen finden für das Leid der Hilfslosen und der durchreisenden Armen oft keine Worte des Trostes, da sie das Leid und Wehe der Armen vielfach an sich selber noch nicht werspürt haben. Die Begüterten können sich daher nicht in die Not der Bedürftigen versetzen, sie können — um mit dem Wort der Gemoroh zu sprechen — den Armen nicht d"L8 sein, sie können ihn eben nicht besänftigen. — Mit Recht wird des Oefteren der Ausspruch der Gemoroh, der da lautet: «ri'ivrn inas*. (Der Lohn des Fasttages, gewissermaßen der sittliche Erfolg, ist die Erfüllung der Mizwas Zedokoh) wie folgt erklärt. Dem Begüterten trit, grade an Fasttagen, ins Bewustsein, wie dem Mittellosen zu Mute ist, der wenig oder garnichts zu essen hat. Und dadurch kommt der mit Glücksgütern Gesegnete mehr als sonst eher zur Erfüllung der »ipiL-Pflicht. — Die nicht mit irdischen Gütern beglückten Menschen besitzen die seelische Verwandtschaft mit dem Dürftigen, fühlen fein Leid und versuchen es, wenn auch nicht mit großen Geldmitteln, an denen es ihnen mangelt, so doch mit zu Herzen dringenden, wohltuenden Worten zu lindern. — Diesen ethischen Gedanken legt der Verbliche dem angeführten Verse q*7K m tronaa inv37i bK nsntzm — bei: Verlasset euch nicht aus Begüterte, bei Menschen, die nicht s an materiellen Wertenbesitzen, dort findet man Hilfe. Kleines Feuilleton. Die Religionen der Menschheit. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. Vor einiger Zeit berichtete ich in Ihrem geschätzten Organ über das Werk von Anton Anwander „Die Religionen der Menschheit", ein Buch, dem ich weitgehendst Anerkennung zollen mußte, weil es in Form und Gehalt durch die umfassende Perspektive der Betrachtung wie durch die besonnene und zurückhaltende Kritik des Verfassers als wertvoll bezeichnet werden kann. Um so mehr bedauerte ich den Standpunkt des Verfassers gegenüber dem Judentum. Ich fand es unbegreiflich, daß ein Mann, der von höherer Warte aus alle Religionen der Welt zu erkennen sich bemüht hat und in allen das hohe Streben des Menschen nach dem Unendlichen herausfühlt, daß er dem Judentum so schwer Unrecht tun konnte, sogar vor Vorwürfen nicht zurückschreckte, die wir ein für allemal für abgetan hätten erwarten dürfen. Cs ist mir eine Freude, heute zu berichten, daß die scharfe Kritik, die ich damals geübt habe, einen Erfolg gezeitigt hat. Ich erhielt kurz darauf von dem Verlag Herder u. Co. G. rü. b. H. in Freiburg im Breisgau,