Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-11-22 · Heft 47 (22.11.1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 47 (22.11.1928)
Date
1928-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450541--75478-2533005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22. November 1928 Nr. 47 O* 2TT*, 9. Aislew 6689 Ein Centraloraan fördas orthodoxe Judenfnm ll( Lffj Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. AKK J Avonnement ab ^Januar 1934: Deutschland I.Goldmark monattich; Anslandr Bierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuMaNch Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lfterreich: Schilling 6^-; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich 88 Fr.; Belgien ab 1.7.27. BelgaS; Holland 8 fl.; Italien ab l.i 38.18 Lire; Jugoslawien 86 Di«.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 160 Lei; Pole» 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tfchecho-Slowaket 88 Kronen; Ungarn Pengö 6 ab 1.Juli 1837; Dänemark 8.60 Krön.; Norwegen8.60 «ron.; Schweden 3.50 Krön. ' Einzelnummer dreißig Goldpfennige.~' Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldvf. für die stebengespalte«« RonpareUle-Zeile. Abonnenten z«chle»bet Stellengesuchen und Faunlienanzeige« nur80-Pf. Die 76 nun breite Reklamezeile: letzte Textsette 1.80 ML, vorletzte Textseite 2.— SRI.; - — . :nt{,rfefp0tt0Si Rabatt nach Tarif. Bei laufende» Vorbehalt. Jnseratenannahme durch de» rveriag oes Äsraenr w. m. o. srannurr a. an., Rechneigrabenstraße 7, Tel. Hansa 6848 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Alleinige Jnseratenan«. für Frankf. Geschäftsanz.: Dul. Schmidt, Langestr. 7, H, Tel. Hansa 4841. Platzvorphr.ohneBerbindlichk. Sir. 18434. - __ direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) «r. 19808. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79M6. - PostsparkassenamtBudMest -. . ... _ Warschau Nr. 190787. — Postscheckamt Zürich Nr. Vin 7B4 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Sir. 34889 — Böhmische Unionbanktn Prag - L Lo^n Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram, — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder ans Inserate« sich ergebende» Zahlungsverpflichtungen tst^rauksurt^a^w». Zehnjähriges Jubiläum der Welkerneuerung. Der November ist der Monat der Styatsjubiläen in ganz Europa und darüber hinaus in den Ländern, die vor zehn Jahren aus dem Hexenkessel des Weltkrieges in neuer Gestalt zu neuem selbständigem Leben emporgestiegen sind. In Großstaaten und Kleinstaaten, in Mitteleuropa, auf dem Balkan, in den östlichen Nandstaaten wie in Palästina wird der Tag festlich begangen, an dem vor einem Jahrzehnt die Fahnen Stillegung des Blutvergießens, ein rotes Banner den republikanischen Staat oder ein aus dem Staube der Zeiten hervorgeholtes Wappen Wiedererlangung seit Jahrhunderten verlorengegangener Selbständigkeit kündeten. Die Juden all dieser Länder sind heute bei weitem besser daran, als damals, da in Europa die Kriegsfackel aufleuchtete und sich eiserne Türen an den Völkergrenzen zwischen Brüdern eines Glaubens schlossen. Heute erschallen fast überall Friedensklänge, in die der Jude, der überall für die Erwerbung des Friedensgutes genug der blutigen Opfer gebracht, dankbaren Herzens mit einstimmt. Immerhin spiegelt sich in der Art, wie in den einzelnen Ländern dieser Festanlaß gefeiert wird, auch deutlich genug die kulturelle Errungenschaft, die geistige Ernte der zehn Friedensjahre wieder. Und auch hier bewahrheitet sich das tiefe Wort Sangoris im „Kusari": „Der Jude'ist das Herz im Organismus der Welt und reagiert auf den Schmerz am ehesten- In dem Grade, wie es um dieses Organ im Zentralpunkte bestellt ist, liegt der Maßstab für den Gesundheitsstatus des ganzen Volksorganismus." In Deutschland hat man es in den zehn Jahren des Friedens bis zu vierundfechszig Schändungen auf jüdischen Friedhöfen gebracht, und der Hakenkreuzzug gegen die Juden unter Führung eines Generals, der gegen die wahren Feinde des Vaterlandes versagte, dauert fort. Und dennoch! Wir Juden in Deutschland habentrotz Ludendorff, Hitler und München, keinen Grund, uns die Freude am Jubiläum der.Republik irgendwie trüben zu lassen- Die Männer in der Wilhelmstraße' bis hinauf zu Hindenburg sind Männer der eisernen Pflicht und deutschen Treue. Und der Innenminister Severing ließ zpm. F^ste ein paar, Worte hinausfnnken- .für deren Verbreitung allein schon die technische Errungenschaft des Rundfunks gelohnt hätte: „Wir halten zur Verfassung und kennen keine Rücksichten der Rasse und des Glaubens!" „Wir kennen nur einen Krieg und einen Haß, es ist der Krieg gegen den Krieg, der Haß gegen den Haß!" Severing ist der Mann, der in Gemeinschaft mit seinen Kollegen im Kabinette diesen Worten im politischen und sozialen Leben Geltung zu verschaffen vermag, er hat ihnen auch schon nach Möglichkeit Nachachtung verschafft. Die scharfe und strenge Verordnung des Justizministeriums gegen die Schmach der Friedhofsschändungen, die Reden der Minister und Ministerialbeamten in der großen Berliner öffentlichen Kundgebung des Zentralvereins, all dieses zeigt,, daß man an höherer Stelle entschlossen ist, den Kampf gegen die dunklen Mächte, die sich noch begreiflicherweise hie und da aus Nacht und Sumpf hervorwagen, mit allem Ernst und mit aller Entschiedenheit zu führen. Tritt die deutsche Republik unter diesem Zeichen das zweite Jahrzehnt ihres Bestehens an, so kann dies nur ein gutes Omen für die politische wie für die wirtschaftliche Entwicklung und Erstarkung des deutschen Volkes fein. In O e st e r r e i ch konnte die Feier nicht ohne Brüskierung jüdischer Studenten, die vom Rektorat zur Teilnahme herangezogen wurden, abgehen. Daß gewisse Elemente aus der nunmehr Geschichte gewordenen Synthese „Oesterreich-Ungarn" nichts Besseres für die Gegenwart herübergerettet haben, als die Orientierung nach Budapest und den dort fast nach rumänischem Muster herrschenden akademischen Antisemitismus, ist tief bedauerlich. Es gibt wahrlich schönere Erinnerungen an die Zeit der Einheit zwischen den beiden „Reichshälften". War doch gerade Ungarn damals ein Hort des Friedens und der Freiheit und der lückenlosen Toleranz. Es darf aber auch hiex wahrheitsgemäß konstatiert werden, daß die Maats- und Universitätsbehörden in Wien an diesem studentischen Treiben keinen Anteil hatten, es überall mißbilligten und verhinderten, und Oesterreichs Judenheit Gelegenheit hatte, durch offizielle Vertretungen bei allen Feierlichkeiten und in eigenen Festakten ihre Verbundenheit mit der österreichischen Republik auf Verderb und Gedeih in wirksamster Weise zu dokumentieren. In Polen und Litauen wird über Fälle engherziger Kränkung und Ausschließung geklagt. Immerhin scheint die Feier der jüdischen Großge^einde - zu. W a r s ch a u .einen solchen imposanten Verlauf genommen zu haben, daß Behörden und Stadtbevölkerung ganz in den Bann dieser patriotischen Kundgebungen hineingezogen wurden. Leider ging im jüdischen Polen die Sache nicht ohne einen inneren schweren Konflikt ab, der wieder einmal zeigt, wer die Schuld daran trägt, wenn auch nach außen ein Bild jüdischer Zerrissenheit gezeigt wird. Farbstein, der derzeitige Präses der Kehilaverwaltung, konnte nicht darauf verzichten, aus der Nationalfeier etwas Kapital für die zionistische Parteisache zu schlagen, und so beschloß er, der jüdischen Jugend beim Umzüge nationaljüdische Fahnen in die Hand zu geben. Aus einer Huldigung für Polen sollte lediglich eine z i o n i st i - sche Demonstration werden, von der „Juden im Kaftan wegzubleiben hätten". Daß die Orthodoxie das Spiel mit Blauweiß bei diesem denkbar unpassendsten Anlaß nicht mitmachen würde, wußten die Herren um Farbstein ganz genau. Aber man konnte und wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die jüdische Bevölkerung als eine „nationale Minorität in Opposition" neben den andern nationalen Minoritäten der Straße zu zeigen. Da war es gewiß keine Eigenbrödelei von den orthodoxen Führern, die wahre Gesinnung der Masten zu zeigen. Die zehntausend festlich gekleideten jüdischen Kinder, die unter Anführung ihrer Melamdim durch die Straßen zogen und Psalmgebete für das Heil und die Zukunft Polens verrichteten, waren die aufrichtigsten und ergreifendsten Dolmetscher der jüdischen Gefühle im polnischen Lande. Polen befindet sich im Zeichen des wachsenden politischen und wirtschaftlichen Aufbaus, und in keinem Lande ist das Zusammengehen von christlicher und jüdischer Bevölkerung so historisch gegeben und durch die Tatsachen der Gegenwart geboten, wie im Lande an der Weichsel- Bei allen Befreiungskämpfen des Volkes gingen Polen und Juden Schulter an Schulter. Ein polnischer Nationalheld jüdischen Glaubens, Jostel V e r e k o w, wurde vom polnischen Volke mit einem Denkmal geehrt. Jahrhunderte hindurch seufzten Polen und Juden in gleicher Weise unter der russischen Knute; für die einen wie für die anderen zeigte sich nach dem Weltgewitter. der Regenbogen des Friedens am Horizonte und es folgte die Sonne der nationalen Selbständigkeit. Man darf hoffen, daß die Widerstände der Uebergangsjähre^ restlos über-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.