Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1928)
- Date
- 1928-11-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jsr aelit Mtzi Ehrenfeld liefert Beweise... Don Gkie Watrsfen. *) Die'Menschen machen sich gerne Symbole, um Dinge und Menschen leichter zu verstehen. Die Begriffskomplexe sind viel zu groß, um sie mit menschlichem Auge leicht überblicken zu können. Darum nimmt man die Zuflucht zum Symbol. Cs werden Beispiele ausgesucht, die eine gewisse Begriffsgruppe darstellen. Diese werden dann zu sogenannten Symbolen. In ganz besonderer Weise wurde auch unser N a t z i C H r e nf e l d "zu solch einem Symbol unseres jüdischen Daseins 'und LMms '. . . ' Der lange EistzNbahnzug, der von Bodenbach bis zur , SÜdgrenze der tschechoslowakischen Republik den Perkehr in einem einzigen längen Atemzug. abwickelt, fuhr mit Eisenbahnpünktlichkeit aus ^demPreßburger Bahnhof ab, um den verhältnismäßig kurzen Weg bis zur ungarischen Grenze zu beenden. Wir sahen auf den Bänken der dritten Klasse aneinander gedrängt. Sonntag wars und' viele, die ihre Wochentage in der Fremde verbringen, eilten jetzt zu ihren Familien, um die paar Stünden der Ruhe im heimischen Kreise - zu verleben. Eisenbahner, Arbeiter, ausgedörrte Kleinbeamten füllten das armselige Interieur des Eisenbahnwagens und ein wirklicher Armengeruch der dritten Klasse beschwerte die Luft. Es sah so aus, als wäre in diesem Kreis ein jeder Gesellschaftsunterschied ausgeschaltet. Doch war es nicht so. Diese armen Leute, die mit dem bitteren Schweiß ihres Angesichtes das tägliche Brot verdienen, fanden ein Thema, wo sie sich überlegen fühlten: die Judenfrage. Man sprach vom Juden, der Reichtum hat, Weltmacht hat, nicht arbeitet und die übrige Menschheit bluten und rackern läßt, um den Nutzen der Poduktivität feiner Mitmenschen einzuheimsen. „Was haben die Juden im Kriege getan?" stöhnt eine bierheisere Stimme in das Gespräch hinein, „sie, haben den ganzen Krieg hinter der Front verbracht und während wir bluteten, haben sich die Juden Reichtümer geschafft... . Und auch rjetzt. nach dem Kriege sind sie die Herren^. /, - Dicht MM. Fenster sitzt ein Mann, Stillschweigend, in. sich gekehrt. Er ist schön und stattlich .ausgestchtet pon-der Natur; nur die Physiogüontie, j die -ijaWaGendelange Klagen und Plagen einer Rpsse v^rrätj;scheint Zeugenschaft dafür abzulegen, daß die Apostrophierung' seiner Nachbatn sich auf ihn bezieht/ Er-sitzt mit verbitterten Mienen auf der Bank; er sagt nichts, aber ein klägliches Lächeln. überläuft hie und da fein Antlitz. Die Leute schwatzen und sprechen weiter, immer wieder wildere und wildere Ausbrüche donnern in dien Luft, einige steigen aus, ändere kommen hinzu . . . Die Streiikrgst des Gesprächsstoffes, wird'bei einer jeden Station aufgefrischt ... Nur der Jude sitzt unbeweglich am Fenster, inseinen Reiseplaid gehüllt. ‘ Plötzlich wendet er sich an mich, der ich ebenso stumm dem Geschwätz der anderen zuhöre: , „Könnten Sie mir nicht sagen, bitte, wann ich Anschluß nach Komornhabe?" Ich gebe ihm die gewünschte Aufklärung. Der Mann dankt und im nächsten Moment''sind wir auch schon, im Gespräch; > -?I:; „Seit gestern Abend > fahre > ich/" bDnnt;er. „Jch war in Prag beiMäsarchk." >' i! Ich schaue mit natürlicher Verwunderung auf den Mann. * . _ *) Aus der Sonderfestnummer der „Jüdischen Presse'. „Was haben Sie bei Masaryk gemacht?" ,-Jch war wegen meiner Jnvastdenpension. Man hat sie nur mit 20 Prozent festgesetzt und das ist doch viel zu wenig, um eine Familie erhalten zu können." Ich schaue mir den Mann erstaunt an . . . Breite Schultern, die einen Berg ertragen würden, die Muskulatur springt hervor, Hände, die geeignet wären, einen wilden Stier zu bändigen . . . Und dieser Athlet, dieser Riese will ^Jnvalidenpension . . . Vielleicht hatten die Spötter doch recht ... Hier ist dieser Jude, das Gegenteil von Gebrechlichkeit, ja, die Verkörperung eines gesunden, starken Mannes, wie er auf der Bank da sitztmit einem ganzen Kopf höher, an den Schultern um vieles breiter als alle Reisegefährten . . . und verlangt Jnvälidenpension ... Er will, ohne zu arbeiten, mühelos auf Kosten des Staates leben. Mit einer gewissen Zurückhaltung und Verdacht schöpfend wende ich mich an ihn.-■i -; „Was fehlt Ihnen denn eigentlich, Hkrv . . ." „ ... Ignatz EhreNfekd," beendete er meine Frage . . . und im nächsten Moment erstarre ich vor einem Schrecken, der meinen ganzen Körper erbeben macht. Ignatz Ehrenfeld hat den Plaid, in den sein Körper eingewickelt war, emporgehoben und siehe da: der schöne, rüstige Körper hat keine Fortsetzung Nach unten . . . Beide Füße sind amputiert, bis über die Knie. . . Aber nicht nur ich, auch die anderen sehen es und alles wird in einem Augenblick still ... Ignatz Ehrenfeld hat Beweise geliefert, die die Spötter und Schwätzer still gemacht haben . . . Natzi Ehrenfeld hat seine jüdischen Brüder gerechtfertigt ... ♦nzrVenT Hleiseerleörrisse und erste Hindrücke. Von Oberlehrerin Karokine Wachmann in Jerusalem. (Schluß.) Dort beglückt eine weißgekleidete Dame mit unerwünschtem Serum. Zuerst schmiert sie allerhand Schmutzzeug — Geld und bergt. —in ihren ärztlichen Händen herum; dann greift sie zu Messer und Spritze. Irgendwelche Einwände gegen dieses hygienische Verfahren würden gewiß nutzlos verhallen; denn dieser mittelalterliche Operationsraum besitzt keine Wasserleitung. So würben . wir denn geimpft, reinliche' < Deutsche; und ischmutzbedeckte Angehörige anderer Lätidet'— alle mit denselben ungewaschenen keimbedeckten cHäyden. Als später, ein ■ AW in"Tel-Attriw' sah, wie mein Arm zugerichtet war, schimpfte^ er nicht wenig, über; btefe „elende Schweinerei". .Unter den armen Opfern befand sich als Passagier 1. Klasse eine vornehme Dame, Gattin eines Wiener Konsuls, die, wie sie sagte, nie und nimmer diese Reise unternommen hätte, wenn sie um diese unerhörten Schikanen und gesundheitlichen Schädigungen gewußt hätte. ' Endlich, endlich fertig! Nun rasch ein Wagen! Fort aus dem ekelhaften, stinkenden, arabischen Jaffa! Fort nach Tel-Awiw, der jüdischen Stadt! Der Wanderer, der nach langem Irren, halbtot vor Durst und' Ermüdung, in der Wüste eine Oase findet, kann nie empfunden haben, was ich empfand, als ich nach den Leiden des Weges im gottgesegneten Tel-Awiw Heim und Heimat fand. Der erste Eindruck war der bleibende: „Hier bist du daheim! Hier gehörst du hin! Das ist max px, das mVian!“ Tel-Awiw, du jüdische Stadt! Geliebt, gesegnet, gepriesett für alle Zeiten! Du schönste aller Städte! Läßt etwa die Riviera mit all ihrer Pracht mit dir sich vergleichen?! Ist d ein Meer nicht tiefer blau noch und reiner, dein Himmel nicht klarer noch und höher, dein Sand so viel feiner ßr. 46 im und zarter, deine Häuser so viel lieber und trauter! Ewig selig der Mensch, der in dir leben, in dir sterben darf! Glücklich auch ich, die ich wenige Tage in deinen linden, starken Armen Trost und Seligkeit schöpfen durfte! Es ist nicht recht, Freunde, daß Ihr Tel-Awiw schmäht! Besser wäre es, mit aller Kraft daran zu arbeiten, aus Tel-Awiw der hebräischen auch die jüdische Stadt zu machen. So schwer kann das doch nicht fein! Eine Stadt, in der j e d e r Laden ark mw geschlossen ist, in der selbst Post und Amt und Fabrik mit raw -Anfang ihre Pforten schließen — sollen wir auf s i e nicht mehr hoffen und die Erneuerung nicht erwarten?! . O, wenn Ihr wüßtet, wie heimelig sie ist, diese erste jüdische Stadt auf Erden nach endlos langem Golus! Diese einzige Stadt, die nur von I ud en berührt, nur von Juden gebaut worden! Deren Steine Juden gehauen, deren Pfähle Juden gerammt, deren HäuserJuden errichtet! Deren Wasser u n [ ex, deren Licht unser, deren schöne, brette Straßen, deren palastene Billen und gepflegte Gärten von uns, von uns geschaffen! * Mit Beschämung muß ich es gestehen: nie hätte ich unferm armen, geknechteten Volke solche Leistung zugetraut! Wie gebannt war ich, als ich diese herrliche Frühlingsstadt erblickte! Alles neu und sauber und geschmackvoll! Und alles klappt, wie in Deutschland! Das Wasser versiegt nicht, und das versagt nicht, und der Autobus ist immer da, wenn man ihn braucht, nicht wie in Berlin, wo er einem immer davon fährt. Und der Chauffeur spricht mit Dir hebräisch, und die Fahrtgenossen sprechen hebräisch, und das Fräulein im Postamt spricht hebräisch, und auf den Liegestühlen draußen am Strand steht und im Kino beglückt hebräischer; Text, wenn auch nur geschrieben vorerst; denn Juden haben doch nebbich kein Geld; „Geld haben die Araber; sie nehmen viel ein und geben nichts aus, und das ist unser Unglück!" sagte mir ein Autogenosse auf der Fahrt nach Jerusalem. Kurz: wer nm haben will von seinem Leben, der mache sich auf und komme m die Frühlingsstadt! Frühlingsstadt! Wie sehr zu Recht trägt sie diesen ihren Namen! Die Stadt ohne Winter, die Stadt der ewigen Sonne, des steten, tiefblauen Himmels, der herrlichen kühlen Brise vom Meer her, der reinen staubfreien Luft, der gänzlich moskitofreien Atmosphäre! .. . •.:•••<' - Und kommt nur ohne Sorgen! i Im Hotel ^vx rnijin direkt-.am Strande und gewiß in-noch vielen andern Hotels findet Ihrwas Euer Herz begehrt. Strenges. deutsche Sauberkeit und liebevolle Bewirtung.;- Nicht s zahlende Maschinen 'seid Ihr da,, sondern geliebte, geschätzte/teureBrüder! Und day, Herz geht Euch auf^ und Jhr^ seid! glücklich, restlos glücklich! Die Sünden, die man 2'2X nachsagt, finden sich leider Gottes in andern jüdischen Siedlungen ebenso. Gebe Gott, daß es in Deutschland nicht schlimmer sei!. Man behauptet, man könne am rnw in den Straßen brennende Zigarren sehen. Das muß ich ganz entschieden bestreiten. Selbst mit meiner Brille SlKrke 4 war nichts derartiges zu entdecken. Ich schwöre Euch: nick^ eine einzige Zigarre konnte ich erblicken, ja, nicht einmal ein unschuldweißes Zigarettchtzn. Allerdings habe ich. N2V krank zu Bettgelegen — Folge von Hungerkur, Impfung ürid dergl. — aber das soll kein. Gegenbeweis fein. Fünf Tage lang war mir Tel-Awiw gegönnt! Fünf unvergeßliche, selige Tage! Dann fuhren wir nach tr?pm . landlose Felswüsten dehnen sich vor uns, Wüsten aus Steinen, Steinfelder, Steinhügel — Steine — Steine, wohin das Auge schaut. Nach außen reiht man sich zusammen; aber, das Herz weint. Das ist aus unferm gesegneten Lande geworden?! Nichts als Steine, Wüste, Ms? Nicht