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Der Israelit · 1928-11-15 · Heft 46 (15.11.1928) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 46 (15.11.1928)
Date
1928-11-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 14 Nr. 46 Der Israelit Steine, wie auch wir sie kennen, nein, einer am andern, überm andern, dicht gesät wie große Hagelkörner. Solche Steinwüsten haben unsre Brüder urbar gemacht!! Stein für Stein, kleine und große, hinweggetragen, hinweggewälzt, hinweggeschleppt! Und du hast behaglich daheim gesessen, im Klubsofa, bei der elektrischen Lampe, an der warmen Heizung, Leckerbissen vor dir und einen törichten Schmöker in der Hand! Zu Tode schämt man sich in solchen Augenblicken! Armselige Araberdörfer, die „Städte" Ludd und Ramleh, alle grau und gelb wie die Wüste der Steine, die Kolonien Ben-Schemen, Kirjat Anawim und Moza als kleine Lichtblicke — sonst nichts als Steine, Steine . . . jd!?ipit Bergauf, bergab «uf ungebahnten Wegen! Steine, Geröll, Abhänge! Das Auto schüttelt, rüttelt wie wild. Hinauf den Abhang, hinunter drüben, hinauf, hinunter — nimmt es kein Ende? Jetzt, am Tage nach meiner Ankunft, bin ich so weit, daß ich lieber selbst die schwierigsten Wege zu Fuß mache. Obwohl es schwer ist, sehr schwer für asphaltgewohnte Füße. Aber das Schütteln ist noch schlimmer. Was ich bis jetzt von der Stadt gesehen, ist trostlos, unbeschreiblich trostlos! Steine, Steine, nichts als Steinet Geröll, steinige Abhänge — trostlos, völlig trostlos! Dann aber führt mich Reb Maische Porusch über trostloses Steingeröll in lichtere Sphären. Zum rra ax geht es, zu Rabbi Rubin. Zuerst mag der Rabbi nicht recht mit mir reden. Bald aber wird es anders. Diese verehrungswürdige Persönlichkeit, der edle, vornehme Greis, der talmudumwebte Jerusalemer Gelehrte und das junge Weltkind, die deutsche Großstädterin, die moderne Europäerin — sie spüren, daß sie sich verstehen. Selig, beglückend ist das! Besonders für mich. Und wir sprechen über die schönsten und tiefsten Dinge, Und ich verstehe plötzlich Jiddisch, die mir sonst so fremde Sprache, und es ist auch hier schön, wunderschön —nni Ueber die hebräische Sprache sprechen wir, die mir so sehr am Herzen liegt. Und. ich erwähne einen Ausspruch von der ’narn naan nixa feiert: nx w x^i aaiz; nx i-iff xbw bv"- Der verehrte Meister bringt einen Gegenbeweis. Aus xap xaa, wenn ich nicht irre. Da steht, wir Juden sollen hebräisch reden oder griechisch. Warum hebräisch oder griechisch? Soll man sagen: „Hebräisch!", soll man sagen: „griechisch!". Warum „oder"? (d. h. warum beide?) Dieses „oder" lehrt, daß unsere Väter stets in zwei Sprachen gesprochen haben, in yn über ann mzmpaiz; und in profaner Sprache über die Dinge des täglichen Lebens. Es tut wohl, ihm zuzuhören. Und der Rabbi geht zum Spinde und holt die xaa} und schlägt sie auf und — gibt sie mir. Das danke ich ihm mein Leben lang! Ich weiß es zu schätzen, ich weiß, was es bedeutet, wenn dieser ehrwürdige Jerusalemer Talmudmeister, dieser Mann aus einer ganz andern Welt mir, der Frau, die xaai hinlegt wie einem Kameraden. Rührung ergreift mich, wenn ich daran zurückdenke. Erst kurz vorher nämlich haben wir über diesen Punkt gesprochen, über die Stellung der Frau hier und bei uns, über die Gefahren des Studiums und Nichtstudiums der Frau. Ueber jenen, besonders bei den H e r^r e n der Schöpfung so beliebten Ausspruch".in^ im nx Ta^an b>'- Der Rabbi findet, daß die Frauen, die nichts gelernt haben, frömmer, edler und besser sind als jene, die ja gelernt haben. Und als ich ihm erwidere, ich glaube, fromm, edel und gut seien sowohl die, welche nichts gelernt haben, als auch jene, die viel gelernt haben, zunva mann hinaus aber gehen jene, die wenig, oberflächlich, spielerisch gelernt haben — da verklärt ein Leuchten sein Antlitz. Dieser Ausspruch freut ihn. Das ist ganz gewiß richtig. Das ist so wahr! — Der Raw und die Weltflädterin, Jerusalem und Berlin, Weltanschauung und Weltanschauung haben über alle Schranken der Zeiten und Welten hinweg - sich gefunden. Ich verehre ihn, diesen vornehmen, stillen, edlen, ruhigen Gelehrten. Und wenn ich Trost brauche, Trost in d^vt* 5' weiß ich, wo ihn suchen. Von der Stadt selbst aber habe ich bis jetzt, wie man mir sagt, nur die Schattenseiten gesehen die den ersten Eindruck jedes Neuankömmlings bilden. Das Schöne und Große, das Hehre, und Beglückende steht noch bevor. Darüber ein andermal! Nikolaus l. und MosesMonlefiore. Line Volkslegende, nacherzählt von S. An-fki. Ms Ergänzung zu der neulich an dieser Stelle veröffentlichten Skizze „M. Montefiore in Rußland" sei hier nachstehende Legende rviedergegeben: Als die Königin von England den Thron bestieg, wurde am Königshof ein großes Fest veranstaltet, zu dem alle Könige und Fürsten der Welt geladen waren. Außerdem erhielten zu dem Festmahl die englische Aristokratie, die Männer der Regierung sowie alle angesehenen Persönlichkeiten, die als Ratgeber der Krone und der Regierung bekannt waren, eine Einladung. Unter ihnen befand sich auch Moses Montefiore. Während des Festmahles herrschte gehobene Stimmung. Der gute alte Wein machte die Gäste gesprächig und die Monarchen begannen Geschichten aus ihren Reichen zu erzählen. Der eine brüstete sich mit der Größe und der Ausdehnung seines Landes, der andere prahlte mit seinem Gold und Silber, der dritte sprach hochmütig von seiner Macht und seinen Kriegsmitteln und der vierte verriet, daß er stolz sei — auf seine Weisheit. Da sprach Nikolaus der Erste von Rußland: „Mein Reich ist das größte der Welt. Das Volk, das ich beherrsche, ist zahlreich wie der Sand am Meere und ich bin reich an allen Gütern der Welt. Nur einen Mangel hat mein Land: es sind zu viel Juden darin und ich weiß nicht, wie ich mich ihrer entledigen soll." Moses Montefiore hörte die Worte des Kaisers aller Reußen, trat auf Nikolaus zu, verbeugte sich vor ihm und sprach: „Wie ich Eurer Majestät Worten entnehme, sind Sie unzufrieden, weil sich in Ihrem Reiche so viele Juden finden. Trifft das zu, so ist nichts leichter, als sich von ihnen zu befreien." „Wie wäre das möglich?" fragte Nikolaus. „Ganz einfach: verkaufen Sie mir Ihre Juden! Ich bezahle Ihnen für jede jüdische Seele, jung oder alt, männlich oder weiblich, drei Rubel in baren Assignaten." „Und Sie nehmen die Juden auch aus meinem Land?" „Natürlich, bis auf den letzten Mann." ' Nikolaus schien überglücklich, denn es war in der Tat ein glänzendes Geschäft, das sich ihm da bot: alle Juden los zu werden und dafür' noch eine schöne Summe Geldes zu bekommen. Der Zar willigte sofort ein, das Geschäft wurde abgeschlossen, und es wurde vereinbart, daß Montefiore binnen drei Monaten mach. Rußland kommen, den Kaufschilling für die Juden erlegen und sämtliche Juden, aus Rußland mitnehmen werde. Als Nikolaus wieder heimkehrte, berief er alle seine Minister und Ratgeber und teilte ihnen die frohe Botschaft mit. „Ich habe ein glänzendes Geschäft abgeschlossen. Sämtliche Juden habe ich zu drei Rubel Assignaten bar pro Kopf verkauft." Als die Minister und Ratgeber diesen Bericht des Kaisers, hörten, griffen sie sich an den Kopf und riefen unisono: „Um des Himmels willen, Herr, was hast du da angerichtet?! Heute haben wir von jedem Juden, ob Mann, ob Kind oder Frau durchschnittlich jährlich einen reinen Nutzen von zwanzig Rubeln. Du mußt verarmen, wenn du deine Juden so billig hergibst." Nikolaus sah ein, daß er eine Dummheit gemacht hatte, und fragte seine Ratgeber, wie die Sache rückgängig gemacht werden könnte. Die 15. November 1928 Minister sannen nach einem Ausweg, wie man die Juden für den Kaiser retten könnte, ohne daß der Zar vertragsbrüchig werden müßte. Da rief plötzlich einer der Minister: „Majestät! ich hab's! Bekanntlich kann man den Juden daran erkennen, daß er Bart und Pajes und lange Kleidung trägt. Der Kaiser möge einen Befehl erlassen, daß alle Juden Bärte und Pajes scheren lassen und fortab kurze Kleider tragen sollen. So wird sie niemand als Juden erkennen. Kommt dann Montefiore; sich seine Juden holen, so. lieferst du ihm die Karäer aus und erklärst ganz einfach, daß es keine Juden mehr im Lande gäbe." Dieser Rat gefiel dem Kaiser und er erließ sofort den Befehl, daß alle Juden Bart und' Stirnlocken scheren lassen und kurze Kleider tragen müßten. Als Moses Montefiore innerhalb der vereinbarten Frist in Petersburg ankam und im kaiserlichen Schloß seinen Vertrag präsentierte, wurde er von Einern Minister, mit der Mitteilung empfangen: „Für uns gelten die Karäer als die wirklichen Juden, willst du, so nimm sie dir und bezahle für sie den vereinbarten Preis." Montefiore begrifft sofort, daß man ihm die Juden nicht mehr ausliefern wolle. Erzürnt über den Wortbruch, trat er sofort, ohne Abschied, die Rückreise an. Vor Sabbateingang hielt er in Wilna. Zu jener Zeit war Graf Potocki Herr von Wilna. Als dieser erfuhr, daß Moses Montefiore in Wilna angekommen, stattete er ihm in seinem Gasthof einen Besuch ab. Während sie so saßen und miteinander sprachen, erschien ein Kurier aus Petersburg und überreichte Moses Montefiore ein geschloffenes Handschreiben des Zaren Nikolaus. Montefiore übernahm den. Brief, betrachtete ihm von allen Seiten und legte ihn auf den Tisch. Da meinte Graf Potocki: „Warum öffnen Sie nicht das Kuvert und lesen das kaiserliche Handschreiben? Die Ehrfurcht vor der Krone gebietet es, ein kaiserliches' Handschreiben gleich nach Empfang zu öffnen und zu lesen." Moses Montefiore antwortete: „Ich kann das kaiserliche Handschreiben nicht öffnen, weil heute Sabbat ist und am Sabbat ist es verboten, eine Arbeit zu verrichten." Nun schickte sich Graf Potocki an, selbst das Siegel zu lösen, aber Montefiore hält ihn davon ab, indem er sagt: „Sie sind ein zu hochstehender Herr und dazu noch mein Gast, ich kann es also unmöglich zugeben, daß Sie sich dazu herablaffen, meine Briefe zu öffnen." Graf Potocki ruft hierauf seinen Diener herein und befiehlt ihm, das Kuvert zu öffnen. Kaum hatte der Diener dem Kuvert den kaiserlichen Brief entnommen, als er sofort tot zusammenstürzte. Das Innere des Kuverts und das Briefpapier waren mit starkem, sofort tötendem Gift gefüllt. Moses Montefiore, erschrocken über den ihm zugedachten Anschlag, ließ, sobald es Nacht war, anspannen und fuhr weiter. Zu Hause angekommen, ließ er sich sogleich bei der Königin von England melden, und erzählte ihr alles, was ihm in Rußland widerfahren war. Die Regierung der Königin von England fühlte sich durch dieses Vorgehen des Kaisers Nikolaus des Ersten tief beleidigt; daraus entstand zwischen England und Rußland ein Konflikt, der schließlich — zur Schlacht bei Sebastopol führte. vusUiLt-. Moritz Wolf Zigarren Verantwortlich für den allgemeine« Teil und da» Feutlletoi S, Schach nowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: L Schach «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage:Lehrer L Kaufmann ln Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berka, .Israelit". G.m.b.«., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Brrlag» Aktiengesellschaft. Frankfurt a. SR.

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