Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-11-15 · Heft 46 (15.11.1928) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 46 (15.11.1928)
Date
1928-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450540--75464-2532990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 Nr. 46 Der Israelit i5. November 1928 anläßlich des 60. Geburtstages von Landrabbiner Dr. Freund -Hannover. Sodann hielt Herr Rabbiner Dr. de Haas -Oldenburg einen Vortrag über das Thema: mim inirwi mpi» prr Im Anschluß an die ersten neun Kapitel von Bamidbar legte er dar, daß die pentateuchischen Berichte in der Regel chronologisch geordnet seien, daß jedoch die chronologische Ordnung ausgegeben werde, wenn sachliche Gesichtspunkte rs erforderlich machten. Das zweite Referat erstattete Herr Rabbiner Dr. Freund über das Thema: „Recht und Ethik im Talmud". In der Bibel überbrücke das Gottesbewuhtfein den Gegensatz zwischen Recht und Liebe. Im praktischen Leben sei für die Gesamtheit die Hebung des Rechtes Gebot der Selbsterhaltung, hier fei p'wwvw die strenge Richtschnur des Rechtes maßgebend, während der einzelne ]-nnn-wa o’jibV über das strenge Recht hinauszugehen habe. Ueberall dort, wo man über der nun, der rechtlichen Verpflichtung rm» die sittliche Verpflichtung befolge, würde 'n ®vpj? Heiligung des göttlichen Namens geübt. Nachdem nach der Mittagspause die sozialen Einrichtungen der Synagogengemeinde Hannover, insbesondere das Gertrudenhaus mit seinem vorbildlichen Kindergarten, das Waisenhaus und das Krankenhaus sowie die Mikwa unter freundlicher Führung von Herrn Kommerzienrat Berliner und Herrn Fürst besichtigt worden waren, fand die Tagung ihren Abschluß mit einem Referate von Herrn Rabbiner Dr. Schörsch über das Thema: „Der Rabbiner als Jugendpfleger", in dem ausgeführt wurde, daß neben der Jugendbewegung und Jugendfürsorge der Rabbiner sich der Aufgabe der Jugendnachfolg« widmen müsse, d. h. bestrebt sein müsse, durch Lehre und Beispiel die Erhaltung des jüdischen Kulturgutes in der kommenden Generation sicher zu stellen. Ein Festtag der Israelitischen Religionsgesellschaft Stuttgart. Stuttgart, 12. Nov. Die Israelitische Religionsgesellschaft feierte am 11. November ds. Js. die 50. Wiederkehr ihrer Gründung. Sie wurde am 15. Juni 1878 gegründet. Die Gründer waren die Herren Berlinger, Max Carlebach, Nathan Carlebach, Hermann Gutmann, Haas, F. M. Kahn, I. Landauer, D. Levi, M. Loew«, H. Loewe, zu denen bald darnach die Herren Moritz Carlebach und Veit Merzbacher hinzukamen. Der erste Gottesdienst wurde am Schabbos nach Schowuaus in einem Betlokal in der Holzstraße abgehalten, das sich nach kurzer Zeit als zu klein erwies und nach Olgastraße 68 verlegt wurde. Bald wurde auch ein Lehrer angestellt, dem der Unterricht, das Vorbeten und die Schechitoh übertragen wurden. Erst späteren Zeiten war es Vorbehalten, durch die Anstellung eines Rabbiners für die geistigen Bedürfnisse der Gemeinde in erhöhtem Maße zu sorgen. Rabbiner Dr. Ansbacher (z. Zt. Wiesbaden) war von 1919 bis 1925 der erste geistige Führer der Gemeinde; seine segensreiche Tätigkeit steht heute noch in dankbarer Erinnerung. Seit August 1925 wirkt Rabbiner Dr. Bamberger an seiner Stelle. Erster Vorstand des Vereins war Hermann G u t m a n n, dessen hingebendes Wirken ihm ein dauerndes dankbares Gedenken sichert. Ihm folgten in der Vorstandschaft Emanuel Kaufmann (z. Zt. Frankfurt a. M.), F. M. Kahn, Gustav Schloß, Leo Feinberg, Oskar Weinschel. Der derzeitige Vorsitzende, Siegfried Kahn-Kannstatt, führt die Geschäfte mit unermüdlicher Hingabe. Als Lehrer erwarben sich besondere Verdienste um den Verein Salomon Abraham und I. Sulzbacher (z. Zt. Hanau). Die Religionsgesellschaft umfaßt heute etwa 50 Familien der Stuttgarter Gemeinde. Ihr Betlokal befindet sich im Hinterhaus, Rosenstraße 35, das jedoch infolge der wachsenden Zahl ihrer Mitglieder nicht mehr ausreicht. Seit einiger Zeit wird ernstlich daran gearbeitet, ein eigenes Heim zu erwerben. Das Jubiläumsfest wurde Sonntag früh mit einem F e st g o t t e s d i e n st in der Synagoge und abends mit einem Festessen, verbunden mit vielen Attraktionen, u. a. einem Vortrag des Herrn Rabb. Dr. Munk, Berlin, begangen. Indisches und Ankijüdifches im Vraunschweiger Landtag. Braunschweig, 13. Nov. . Wie bereits kurz gemeldet, entfachte die Ernennung des Herrn Dr. Kopfstein, (Sohn des vor einigen Jahren verstorbenen Beuthener Rabbiners), zum La ndgerichtsrat einen Sturm der Entrüstung im Lager der Völkischen und auch der Deutschnationalen. Dieser fand nun in der letzten Sitzung. des Landtages sein Echo. Der Abgeordnete Brand e s machte der Regierung den Vorwurf, daß sie die besten Elemente aus der Justizverwaltung Hinausstotze und dagegen plötzlich einen „jüdischen Herrn aus dem Anwaltsstand" mit hohem Richteramt betraut. Andere Redner von der rechten Fakultät entrüsteten sich in ähnlicher Weise. In seiner Antwort führte Minister Sieverts u. a. aus, die Ernennung des Landgerichtsrates Dr. Kopfstein sei lediglich unter dem Gesichtspunkte der besseren Befähigung, ohne Rassenrücksichten mitspielen zu lassen, erfolgt. Er verliest ein Gutachten des Preußischen Justizministers über K., das die unbedingte Eignung des Kandidaten für dashöhere Richteramt bekundet. Der einzige Grund für den Feldzug der Rechtspresse und die Auswühlung der Oeffentlichkeit gegen K. sei sein Judentum, wofür >er aber nichts kann. Sein Judentum schade auch nicht im geringsten. War doch sein Vater, der Oberrabbiner von Beuchen, bis zu seinem Tode Führer des Deutschtums auf exponiertestem Posten, was ihm sogar eine rechtsgerichtete Zeitung, „Der Oberschlesier", mit lohenden Worten in einem Nachruf bekundete, besonders wurde in diesem Nachruf die aufopfernde Tätigkeit des Rabbiners in den Kriegsjahren im Interesse der Wohlfahrt und für die deutsche Sache hervorgehoben. Berlin. Die Deutschnationalen laufen seit langem Sturm gegen den Ministerialdirektor Dr. Hermann B a d t. In der gestrigen Sitzung des Verfasfungsausschusses des Landtages hatten nun die Deutschnationalen den Antrag gestellt, Badt von feinem Posten abzüberufen, weil er für die vom Staatsgerichtshof abgelehnte Flaggenverordnung verantwortlich fei. Ministerialdirektor Dr. A b e g g stellte fest, daß Badt gar nicht der Urheber der Flaggennotverordnung sei, sondern sie nur vor dem Staatsgerichtshof namens der Regierung ausgezeichnet vertreten habe. Der deutschnationale Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. — Der Landesverband Rheinland-Westfalen des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens kann demnächst auf eine 25jährige Tätigkeit zurücksehn. Er ist der erste der C. V.- Landesverbände, der dieses Jubiläum begehen kann. Zum Jubiläum fand in Essen am Sonntag den 11. November eine feierliche Kundgebung statt -mit einer Festrede von Professor Dr. Go Idstein (Darmstadt). Hamburg. Friedhofsschänder haben auf dem israelitischen Friedhof in Harburg große Verwüstungen ungerichtet. Sie haben eine große Anzahl Grabsteine umgeworfen und zum Teil zertrümmert. Auf die Ergreifung der Täter hat die Israelitische Gemeinde eine größere Belohnung ausgesetzt. Dies ist der 64. jüdische Friedhof, den die Antisemiten in Deutschland seit November 1923 geschändet haben! Posen. Am vergangenen Freitag kam es in Verbindung mrt Demonstrationen von Studenten gegen die Einfuhr von Auslandswaren zu schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Kaufmannschaft und die Wischen Geschäftsläden. In der Woszna-Gaffe wandte sich ein Teil der Demonstranten, hauptsächlich Studenten, gegen die jüdischen Geschäftsläden. Die Demonstranten zerstörten zahlreiche Schaufenster und demolierten einige Geschäftsläden, auch die gesamte Inneneinrichtung. Lodz.' Bei einem Streik der jüdischen Metzger infolge von Differenzen mit der Gemeindeverwaltung erklärten sich die Gemeindeschächter soldiarisch mit den Metzgern und legten ebenfalls die Arbeit nieder . Es wird von einer Gemeindedelegation mit ihnen verhandelt. Sein Judentum und zugleich feine demokratische Einstellung, sagte der Minister auf Landgerichtsrat K. zurückkommend, seien für ihn eher ein Grund besonderen Vertrauens. Die Rede des Ministers machte großen Eindruck und wird in der gesamten braunschweigischen Presse, je nach der politischen Einstellung, lebhaft glossiert. Oesterreich. Aus der Wahlbewegung. Wien, 2. Nov. Die Wahlbewegung für die am 2. Dezember stattfindenden Neuwahlen zur Kultusgemeinde ist in vollem Gange. Bekanntlich stehen sich die Jüdisch-Nationalen einerseits, die „Union" mit der Orthodoxie gemeinsam andererseits gegenüber. Der greise Führer der Wiener Orthodoxie, Wolf Pappenheim, läßt es sich trotz seines hohen Alters nicht nehmen, in den Wahlv,ersammlungen aufzutreten und den Standpunktder im Gemeindevorstand mitarbeitenden Orthodoxen darzulegen. In einer der letzten von der Union einberusenen Wähler- Versammlung ergriff für die Agudas Jisroel-Jugendgruppe Herr S. Stern das Wort. Er betonte,,daß bei allen Gegensätzen, die zwischen der Orthodoxie und den assimilatorischen Kreisen der Union bestehen, die Kampfgemeinschaft gegenüber dem Nationalismus doch eine Notwendigkeit sek; denn während es aus der Gleichgültigkeit der Afsimilanten immerhin eine Rückkehr zum wahren Judentum gäbe, gefährde der Nationalismus das Ganze. Auch die mit den Zionisten verbündeten sogenannten „werktätigen Juden" seien als Sozialdemokraten, wie unzählige Beispiele beweisen, geschworene Feinde der jüdischen Religion. Ueher den Ausgang der Wahl läßt sich natürlich noch nichts Voraussagen. Die österreichische Republik-Feier und die Juden. Wi e n, 11. Nov. Die jüdische Bevölkerung Oesterreichs nahm lebhaften Anteil an den Feierlichkeiten aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Republik Oesterreichs. Zu allen offiziellen Feierlichkeiten wurden die führenden jüdischen Organisationen mit eingeladen. Zu dem vom Bundespräsidenten Hämisch am nationalen Feiertag veranstalteten 5 Uhr-Tee wurden-Vertreter einzelner jüdischer Zeitungen eingeladen. ' Der Per b a n d d e r j ü d i s che n G e m e inöe n Oesterreichs, die Wiener Israelitische Kultusgemeinde und zahlreiche jüdische Organisationen' waren bei den Feierlichkeiten offiziell vertreten. Auch die Wiener Universität veranstaltete eine offizielle Republikfeier. Zu einer Vorbesprechung über dieselbe hat der Rektor der Universität auch drei jüdische Studentenvertreter eingeladen. Als dann am Sonnabend die jüdischen Studenten sich zur Teilnahme an der Feier in der Universität einfanden, wurden sie von den völkischen Studenten,mit dem Ruf „Juden hinaus" empfangen und aus der Austl hinausgedrängi. Die Feier fand ohne Teilnahme der jüdischen Studenten statt. In der jüdischen Bevölkerung herrscht wegen der Hinausdrängung der jüdischen Studenten starke Empörung. Der Rektor der Universität erklärte, daß-er das Vorgehen der völkischen Studenten scharf mißbillige. pole«. Die Warschauer Jüdische Gemeinde.und das Staalsjubiläum. Warfchau, 6. Nov. Die- Warschauer jüdische Gemeinde-Repräsentanz hat sich in einer Sondersitzung mit der Aufstellung eines Programms für die Feier des 10jährigen Jubiläums der Befreiung Polens befaßt und Folgendes beschlossen: 1. Zum Andenken an Polens Befreiung wird auf einem Platze der- Stadt eine große Synagoge erbaut. 2. Am Freitag marschieren alle Warschauer jüdischen Schulkinder zum Grabe des unbekannten Soldaten, auf welchem ein silberner Kranz mit polnischer, hebräischer und jiddischer Aufschrift niedergelegt wird; ein gleicher Kranz 'wird von den Kindern auf dem jüdischen Friedhof niedergelegt. Hieraus marschieren die Kinder zum Schloß, um dem Präsidenten der Republik ihre Huldigung darzubringen. Präsident Mosoicki wird die Kinder an sich vorbeidefilieren lassen. Von dort begeben sich die Kinder nach dem Belvedere, um dem ersten polnischen Marschall Josef Pilsudski zu huldigen? Litauen. . Ein „kronrabbiner" für Wilna! Wilna, 6. Nov. In allen thoratreuen Kreisen Wilnas herrscht größte Aufregung wegen eines Beschlusses, den am Sonntag der Gemeinderat der Wilnaer Kehilla mit einer Mehrheit von einer Stimme (12 gegen 11) gefaßt hat. Die Regierung verlangt die Wahl eines Oberrabbiners. Demgegenüber sind die zionistischen Ratmänner seit langem dafür eingetreten; daß man das alte zaristische System der „Kronrabbiner" erneuern, zum Kronrabbiner den bekannten Senator Rabbiner Rubinstein und außerdem als religiösen Rabbiner eine durch Thorakenntnis Hervoragende Persönlichkeit des Rabbinats wählen solle. Die Orthodoxie stellte sich diesem Plan mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.