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Der Israelit · 1928-11-08 · Heft 45 (8.11.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 45 (8.11.1928)
Date
1928-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 Seile 3 g. November *928 Der Israelit SCHO KO LAD E PfiÄLl NEN> es bis zur Eviöenzödar, wie weit hier die Grenzen gesteckt sind. W ü r t t e m b e r g will nicht nachstehend In Nummer 12 der „Gemeindezeitung für oie Israelitischen Gemeinden Württembergs" heißt der die ganze' erste Seite deckende Leitartikel „Versöhnung", und ist im Ganzen ein Nachwort zur Berliner liberalen Weltkonferenz. Ein unbedingtes und rückhaltloses Bekenntnis zum Berliner radikalen Liberalismus, aber auch eine kleine M o r a l p r e d i g t, nämlich an uns, den bösen „Israelit", der in seiner Berichterstattung über die liberale Heeresschau gewagt hatte, anderer Meinung zu sein und ihr Ausdruck zu geben. Wir werden sie mit Würde — und auch mit einigem Humor — ertragen. Wenn sich aber der Leitartikler gar erkühnt, ohne unsere Feststellung von den „zehn bezahlten Minjanleuten" in der Reformsynagoge zu bestreiten, solchen Söldnergotiesdienst über den gut und freiwillig besuchten orthodoxen Gottesdienst zu stellen, dem er „geschäftige Würdelosigkeit ohne innere Anteilnahme" ein'„traditionelles einwandfreies Abbeten" nachsagt, so kann man doch eine solche empörende Unterstellung höchstens mit der Tatsache entschuldigendaß der Schreiber nie in seinem Leben einem orthodoxen Gottesdien st eb e i g e w oh n t hat, weder einem solchen von östlich-chassidischer Observanz mit seiner ergreifenden spontanen Inbrunst, noch in einer deutschen gesetzestreuen Synagoge, wo stille vornehme Innigkeit, unbeschadet des uralten Ritus, auch der ästhetischen Seite im Rahmen des religiös Erlaubten gerecht zu werden weiß. Der Schriftleiter in Stuttgart wünscht, daß „im Stübchen, der greisen Mutter sich die Brüder zusammenfinden" und hält wohl diesen Wunsch für Neutralität. Wie wollen aber d i e Kinder im alten Stübchen der greisen Mutter vor Augen treten, die sie so schmählich beleidigt haben und immer weiter beleidigen? Haben die Herren einmal das Weisheitsbuch Salomos gelesen, wo es geschrieben steht: -jax rupt '2 mn? Haben sie einmal, und wäre es auch nur aus zweiter und dritter Hand, die letzte Mischna im ersten Abschnitt von Traktat „Berachot" sich zu Gemüte geführt, wo in jenem salomonischen Satze die dringende Mahnung erblickt wird, a n d e n a l t - g e heil igten Bräuche n in S y na g o g e, Familie und Gesellschaftsleben n i ch t s zu ändern? Wer '-darf also danach im alten Stübchen der greisen Mütter ins Auge schauen und wer nicht? . . . In diesem Zusammenhänge mutet schon das vn trpV« nm mit der auch dieser Leitartikel seine Neutralität besiegelt, wie ein Hohn an/- Als ob SDmai und Hisiel über Feststehenkonnte "'sie''"ihre' ' glänzenden Vorzüge' weiter ■ und weiter bis auf Wer vererben, die trotz der Gefahren. welche Schönheit immer bedeuten an ihrer Seele keinen Schäden nahm sind so Königin würde, vor der 127 Lander , sich sierMgten,-"dank Israels erster Ahnsraü/ die" nach' einem gottgeweihten ErdenwaWN mit 127 Jahren in den ewigen Frieden einging. ’ ' Ob der Gemeinde der Zusammenhang auf den ersten Blick auch klar wurde? Es ist Nicht anzunehmen.'^- Aber "Rabbi Akiöa war' zweistllds ausführlicher und weniger rÄselhäft als der is-ilv. der seine improyifierte Predigt in nucs übermittelte Es wird dem versammelten Volke der Zusammenhang zwischen EstersThronbesteigung usid cher bewährten Tugend von rnio in einer allen faßlichen'Form deutlich gemacht worden fein. " Rabbi Aktba, dem. dasForschender :' Lehre ^Äbet^ Alles ging, der der Todesgefahr trotzend, in der jeder geschwebt der'gegen das Verbot der Römer handelnd Thyrä lehrte, Alt und Jung im Gesetz unterwies, er belehrt nun die politische Gemeinde, daß, wie Ester nur dank der von ihrer Urahnin ererbten Vorzüge und Tugenden auf den Thron gelangte, so auch das Judentum blos dann auf dem Thron, auf der Höhe erhalten bleiben kann, wenn ein lebendiger, wacher Geist für das Erbe der Väter, npsp nV’np mm» für dieUeberlieferungen der Plten, für Gesetz und Lehre bei Söhnen und Enkelmherrscht und nicht die schläfrige Gleichgültigkeit, durch« die Israels) kostbarster Schatz, die min und damit auch Israels Bestand selbst gefährdet ist. ','mmi-tlü l^ K'N?2, denn.sie, die L.ebre ist unsere-Mach tdie-vns jede Bedrängnis/ alle Gefahr überdauern läßt, sie ist unser Schmuck, glänzender und strahlender als Königskrone und Herrscherthron. des, über Grundlagen und Grundbegriffe. des Glaubens je gestritten hätten, und nicht lediglich über die Interpretation eines von beiden als göttlich anerkannten Schriftwortes, woraus sich kleine Nuancierungen in der Handhabe eines Gebotes ergeben konnten! Was soll diese ' irreführende Wendung bei tiefgehenden Gegensätzen, wie sie heute zwischen Thorajudentum und den religiösen Anschauungen jüdischen Menschen, die die Göttlichkeit der Thora negieren und bestreit e n , wie zwischen Tag und Nacht trennen? Aber auch hier soll nicht diese alte Erbgegnerschaft zum Austrag gebracht werden. Nicht ungesagt bleibe aber dies: Der „Verband der Israelitischen Gemeinden Württembergs" hat den Ehrgeiz, auch gesetzestreue Gemeindenin Stadt und Land zu umschließen, er gibt sich neutral. Woher bezieht er aber das moralische Recht, in einem Organe, das, wie in Württemberg nun einmal die Dinge liegen, auch von Gesetzestreuen finanziert wird, seinen Lesern zu Jom Kippur mit einer Apotheose auf Geiger aufzuwarten, das Lob des Berliner Liberalismus in fortisiimo hinauszusingen und noch darüber hinaus den orthodoxen Gottesdienst als „geschäftig würdelos" und „schaudererregend" zu beschimpfen?! Es wäre an der Zeit, daß die Leser und Geldgeber in Hessen wie Württemberg zu dieser Art von Länderneutralität entschieden Stellung nehmen. Selbsttäuschungen. , Von Amitkl. Es ist jetzt gerade ein Jahr her, daß ein befreundeter Kollege einen Brjef an mich in den Schluß ausklingen ließ: „Ich hoffe bestimmt, daß Du in' den Weihnachtsferien zur Lehrerverbandstagung nach München kommst/ Dort wollen wir dann ein paar gemütliche Tage verbringen." Uleines Heuilleton. PaulLehmaim>s,zum Gedächtnis. Hrairerfeier der Adaß Aeschururr i« Dresden. [ In den Vormittagsstunden des letzten Oktobersonntägs veksamUelte^ sich ^im Künstlethaüs.' einer Einladung der Religionsgemeinschaft Adaß Ieschurun folgend, eine große Träuergemeinde, um ihres fäh aus dem Leben geschiedenen Führers Paul Lehmann in schlichter, feierlicher Weise zu gedenken. Herr Saul Weinreich. der namens der Adaß Jefchurun und der Volksvereinigung für jüdische Interessen die Gedächtnisrede hielt, würdigte den Verstorbenen als Förderer des positiven Judentums, als überragende Persönlichkeit. Mit heiligem Elfer sei Paul Lehmann bemüht gewesen, der Wahrheit zu dienen, durch seine sprach« häbenen, gemütäufrühreNdesiSchrlften die Freude an Gott zu wecken, Frieden' zu 'stiften ÜNd' seine Mitmenschen zur Betätigung guter Eigenschaften anzüspornen. Schwerste Schicksglsschläge haben ihn nicht beugen können. Sonne ging selbst dort noch von seinem Wesen aus, wo andere' in Ohnmacht versunken wären. Der Redner schloß mit ergreifenden Worten des Dankes für alle Freundschaft, die ihm Paul Lehmann' durch Rüt und Tat entgegengebrächt habe. Rabbiner Professor Dr. Winter führte aus, daß ihm hie TräUerfeier/Anlätz biete, einem der würdigsten Mitälieder der Dresdner Gemeindevertretung, and essen Bsihre in Frankfurt a. M. zu sprechen ih m "versagt war, Worte des Gedenkens zu widmen. In meiner Erwiderung mußte ich zu diesem Punkte einen negativen Bescheid geben. Ich schrieb ihm: „Du kannst Dir denken, daß ich sehr gerne wieder einmal nach München ginge. Aber ich habe keine Lust, mich dort „über die jüdische Schule in ihrer Bedeutung für das jüdische Leben in Deutschland" von einem Manne belehren zu lassen, der von jüdischer Schule und jüdischem Leben eine ganz andere Auffassung hat als ich." Darauf postwendend eine geharnischte Epistel: „Ich kann Deinen Standpunkt überhaupt nicht verstehen. Gerade Du bist immer mit aller«Entschiedenheit für ein geschlossenes Zusammenwirken der Lehrerorganisationen im Interesse des Standes und zur Förderung aller seiner Bestrebungen eingetreten. Und jetzt gehst Du unter die Separatisten. Der Verband hat Referenten aus jedem Lager bestellt, die sicher jedem etwas bringen werden. Ist das tolerant, sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen, weil ein anders gerichteter Berichterstatter vom Verband für die Tagung berufen wurde? Wohl ist der größte Teil der Redner aus dem liberalen Lager. Aber das liegt wohl daran, daß diese Herren als Sachkundige für die zur Beratung stehenden Fragen in erster Linie in Betracht kommen. Damit hat sich der Verband an seiner Neutralität garnichts vergeben. Und noch eins! Ich weiß wohl, daß einige gesetzestreue Kollegen in Sachen des Reichsschulgesetzes unendlich viel Zeit und Kraft im Interesse der jüdischen Sache aufgewendet haben, daß sie mit Sachkenntnis und Geschick bei Reichsbehörden und Abgeordneten gearbeitet Habens um zu retten, was zu'retten ist. Aber — sie haben es im stillen, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit getan, und die große Mäste' weiß garnichts davon. UebrigeNs will ich Dir nur einen Kronzeugen, der nach jeder Hinsich' einwandfrei ist, anführen, den Würzburger' Raw, der die Gefahren der „Trennung" vor fünfzig Jahren schon erkannt hat und deshalb Paul Lehmann habe das Gebot Abrahams zu erfüllen gesucht: Wandle vor Gott Und sei untadelig! Seine Frömmigkeit verdiene um so größere Verehrung, weil wir ste bei einem Manne hohen Geistes antteffen, der in seinen Schriften offenbare, daß ryahre Geistigkeit in die Tiefe dringe, Geisteskraft sind Hetzenseinfalt einander nicht ausschlietzen. Paul Lirhmanns Seele fei eine jüdische Seele, sein Wirken in Wort und Tat eine Mahnung zur Besinnung auf die Ausgaben, die der Jude zu erfüllen hat. Vorsteher Max Levi sprach namens der Gemeindekollegien, die durch das plötzliche Ableben Paul Lehmanns tiefbewegt feien. GemeinderabbMer Dr. Kahlberg aus Halle hob hervor, daß dem Freundeskreise Paul Lehmanns die wundervollen Stunden, die ste in feinem als vorbildlich zu bezeichnenden Familienkreise in Halle verbringen dursten, noch jetzt» da schon so viele Jahre seit der Ueberstedlung nach Dresden vergangen find, in lebendigster Erinnerung wären. Im Geiste der Thora, nach dem Willen des Talmud, im Sinne der Propheten wollte Paul Lehmann durch feine Schriften wirken, von denen jede Zeile von dem jüdischen Geiste der Jahrtausende durchtränkt sei. Der Verstorbene habe Strenge gegen sich selbst geübt. Duldsamkeit indes gegen andere. Er war bemüht, alle Menschen mit umfassender Liebe zu verstehen. Lehrer Bernhard Isaak vom Vorstand der Vereinigung »Esra* bezetchnete Paul Lehmann als den Erben altjüdischer Familientradition, der in ihrem Sinne sich bemüht habe, den Armen und Bedrängten zu helfen. Ihm als Dichter zu lauschen sei ein Erlebnis gewesen, bei dem sich den Hörern die Welt des Guten, Heiligen und Erhabensten erschloß. Paul Lehmanns Name werde wegweisend, richtunggebend bei allen, die ihn kannten, fortleben.

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