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Der Israelit · 1928-11-01 · Heft 44 (1.11.1928) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 44 (1.11.1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Der kaddisch. Aus dem Englischen von Samuel Kordon. Zwei Stunden lang wartete die alte Rahel an der Straßenecke auf ihren Bezalel. Endlich erschien er. Sie lief auf ihn zu und bestürmte ihn mit Fragen um sein Wohlergehen. Wehe, der Hausiererpacken war schwer. NiM die Last drückte ihn so sehr, aber der Umstand, daß er n o ch s o schwer war wie am Montag morgen, da ex mit der Ware ins Land hinausging. Und nun war es Freitag, kurz vor'Sabbat. Fast nichts verkauft. „Warum ich so spät komme?" antwortete Bezalel mit einer Frage und räusperte sich ein wenig. „Ich mußte doch zuerst zum Feldscher, daß er mir das Bein verbinde." Er hinkte auch ganz bedenklich. „Ja", seufzte er, „der Bauer hetzte seinen Hund auf mich." „Daß ihn die Gluten des Gehinnom verzehren, diese Bösewichte", schimpfte und fluchte die Frau. „Und verkauft hast Du, wie ich sehe, auch nicht viel." „Na etwas doch, einige Wollentücher, ein paar Päckchen Streichhölzer, zwei Kämme. Was machts? Ich habe ja die Ware. Ware ist Vermögen. Also warum verzagen? Ich bin keineswegs ärmer heimgekommen, als ich ausgezogen bin." Und so gingen sie still nach Hause. Sie versuchte an der Last mitzutragen und beschwerte ihn noch mehr. Aber er sagte es nicht. Noch nie war ein ernstlich Widerwort gefallen zwischen Bezalel und seiner Frau Rahel. Er brach zuerst das Schweigen. „Nein, liebste Rahel, nie und nimmer werden wir aufhören, für Kaddisch zu sparen." Sie antwortete nicht, obwohl sie wußte, wohin er zielte. Sie war zufrieden. Hätten Bezalels alte Augen mehr Kraft besessen, sie hätten leicht merken können, daß sein Weib etwas auf dem Herzen hatte, ein freudiges Geheimnis, mit dem sie nicht vorzeitig herausrücken wollte. Aber er sah nichts und sprach weiter. „Diese Woche werden wir nicht mehr als zehn Kopeken dazulegen können. Viel mehr ersparen wir uns ja sonst auch, nicht. Immerhin, es sind bereits zehn Rubel, ein guter Anfang für die zweihundert." Rahel hätte weinen können, aber sie hatte so viel geweint in ihrem Leben, daß es nicht mehr reichte. Auch ein Brunnen wird mit der Zeit ausgeschöpft. Bezalel redete weiter: „Ich kann es ihnen nicht übelnehmen, daß sie soviel verlangen. Eine arme Gemeinde. Wäre ich der Vorsteher, und ich käme zu mir selber und sagte, Reb Bezalel, laß doch ein wenig vom Preise fürs Kaddifchsagen ab, ich würde mir selber.die Antwort geben: „Nein, mein Teurer, es geht nicht. Wir sind in größter Not. Kein Mensch will die Fleischsteuer in Pacht nehmen. Der Schächter bekommt seinen Lohn einmal in drei Wochen und darbt.- Der Rabbiner bekommt überhaupt nichts. Kein Mensch weiß, wovon er lebt, wenn ihn nicht der Prophet Elijahu heimlich ernährt. Zwei heilige Thorarollen sind beschädigt, man kann sie nicht instand setzen. Das Tauchbad ist baufällig, hat unten ein tiefes Loch, daß eine Frau vorige Mache beinahe ertrunken wäre. Wo foll die Gemeinde das alles hernehmen?" Wir sind zwei Menschen, jeder von uns hat eine NeschoMo, und für jede soll von Gemeindewegen Kaddisch gesagt werden. Hundert Rubel für die Neschomo ist gar nicht zu viel.' Und wachen sie es uns billiger, dann kommen Berel und Schmerel und viele andere und wollen es ebenfalls billiger haben. Für was arbeitet denn ein Mensch, wenn nicht für seine Neschomo? Wir werden es schon packen." Die alten Leute unterhielten sich noch weiter und vergaßen die Müdigkeit. Am besten, scherzte der Mann, man stürbe'gar nicht und brauchte keinen Kaddisch. „Nein", ging die Frau auf den Spaß ein, „ewig leben? Ich bin heute schon so müde, wie sollte es erst im Alter von tausend Jahren sein?" „Es ist hart", sagte Bezalel, „wenn man keinen Kaddisch hat, noch härter, wenn man schon einen hatte, und er ging in jungen Jahren von dannen." „Aber es kann ein Wunder geschehen", sagte dre Frau mit vielsagendem Lächeln. „Wunder? Ein Kaddisch durch ein Wunder?" „Bei Gott ist alles möglich." So gelangten sie in ihr kleines Häuschen. Rahel führte ihren Mann gleich in die Küche, wo er seine Kleider wechselte und etwas zu sich nahm. Im anderen Zimmer war alles bereits für Sabbat gerichtet. Dort stand auch eine große Wachskerze bereit, eine J'a h r z e i t s k e r z e für vierundzwanzig Stunden berechnet. Diese Kerze versetzte die Alten in tiefes Nachdenken. Es war die Kerze zur Jahrzeit ihres verstorbenen einzigen Kindes. Im vorgerückten Alter hatte sie Gott mit einem Sohne beschenkt. Mendel hiel es nicht im Städtchen. Er ging nach Amerika, und vor drei Jahren kam die Nachricht von seinem Tode. Es war ihm gut gegangen in Amerika., Er kam auf einen grünen Zweig und schrieb von seinen Plänen, die alten Eltern zu sich kommen zu lassen, damit sie den Rest ihrer Tage in Ruhe und Ehre bei ihm verbringen. Da kam das Unglück. Der Freund, der den Alten die Unglücksbotschaft überbrachte, unterließ es zu sagen, daß der Sohn in seinem Auto verunglückte, als er am Sabbathmor.gen ins Geschäft fuhr. Warum den Alten noch wehtun und ihre Wunde vergrößern? Es sei schon besser, daß ihnen dieser Schmerz erspart blieb und man, sie in dem Glauben ließ, ihr Sohn, ihr frommer Mendel, sei am Sabbat von Gott zu sich berufen worden. Es ist ein besonderer Vorzug, am Sabbat zu sterben, ein Vorrecht der ganz Frommen. Bald stand Bezalel und strahlte in seinem Atlaskaftan, den Pelzstreimel auf dem Kopfe. „Es ist bald Zeit, Rahel", sagte er mit zitternder Stimme, „die Sabbathlichter anzuzünden." Erst jetzt erblickte Bezalel z w e i große Jahrzeitskerzeir in je einem Topf,-der vollgefüllt mit Erde war: Er Verstands nicht. Warum zwei Kerzen für einen Toten? Wollte feine Frau neue Sachen einführen?: Wie er aber weiter schaute, vermehrte sich sein Staunen. Der Tisch war mit schneeweißem Tuche bedeckt und darauf prangten 'o i e r Sabbatkerzen statt der zwei üblichen. Es war ein herrlicher Anblick, obwohl die anderen zwei nicht in Leuchtern, sondern in zwei ausgehöhlten Kartoffeln steckten. Ob seine Frau vor Leid und Kummer die Sinne verloren hätte, bangte sich Bezalel. Auch das könnte zum Guten sein, eine Betäubung für ihr schweres Herzeleid. Nun aber trat Rahel ganz leise an ihren Mann heran. In ihrem Gesichte spielte ein schlaues Lächeln. „Verstehst Du denn nicht? Eine arme Frau kam her mit zwei Kindern, und Hat um Aufnahme für den Sabbat. Auch sie hat heute zufällig Jahrzeit; und dann ihre Sabbatlichter." Bezalel sprang auf vor Freude. Gäste, das war von jeher fein Fall. Dann aber verfinsterte sich fein Gesicht: „Hast Du auch genug zu essen für fün-f Münder?" Dr. 44 192$ „Genug", sagte die Alte, „die Fremde hatte auch etwas Geld, es wird für uns alle reichen." „Wir werden einen schönen Sabbat haben", freute sich Bezalel. — ,Mo sind die Gäste jetzt?" „Sie haben sich ein wenig aufs Bett gelegt, sind so müde von der Reise." Da kam schon aus dem Schlafzimmer die Frau mit zwei Jungen an der Hand, eine schöne, gesunde, stattliche Frau, mit klugen lebhaften Augen. Weder sie noch die Kinder sahen sonderlich müde aus. Sie mußten gut und bequem gereist fein. Das war keine arme Frau. Sie, wie die Kinder waren angezogen wie die reichsten Leute, die er je gesehen. Er, der Hausierr mit Ellenwaren, verstand sich etwas auf Kleiderstoffe. „Ihr kommt aus Deutschland?" fragt er fast gedankenlos. „Nicht gerade. Wir kommen aus Amerika." j,Und Ihr sprechet unsere Sprache?" „Ja, die in Amerika reden alle so, ähnlich wie Ihr hier." „Ein Wunder Gottes", staunte Bezalel, „zwei Wochen Weg und man redet wie man hier redet." Auf einmal ging ihm etwas blitzartig durch den Kopf. Bezalel war keiner von den Dummen. „Aus Amerika? Da kanntet Ihr vielleicht meinen Mendel?" Da hielt die junge Amerikanerin nicht mehr an sich, warf sich dem Alten um den Hals und gab sich zu erkennen: „Ich bin Mendels Frau und hier meine Kinder, Eure Enkel. Samuel, Aron, kommt her, Großvater und Großmutter." Da Bezalel wie abwesend dastand, setzte die vornehme Frau fort: „Es ist so, Mendel hätte es mir auf dem Sterbebette auferlegt, daß bei der Barmizwohfeier des Aeltesten die Großeltern zugegen sein müssen. In zwei Wochen wird Samuel Barmizwoh. Ich kann Euch nicht zumuten, die Reise über das große Meer zu machen, so kam ich mit den Kindern hierher, gerade zur Jahrzeit. -Wir werden die Barmizwoh hier feiern." Bezalel mußte sich hinsetzen, und Rahel saß an seiner Seite. Das Wunder, das er eben erlebt hatte, überwältigte ihn. Er mußte sich erst fassen. Dann aber zog er die Jungen ganz an sich, sah ihnen ins Auge und zitternd kam die Frage: „Und nun, Jungens, saget doch, habt Ihr auch schon etwas gelernt? Ich meine Jüdisches, im Cheder, aus der heiligen Thora. " Der; Aeltere antwortete mit Stolz: „Ich lerne Gemoroj Bobo Kamo." „Und i ch habe Raschi begonnen", stimmte der zweite ein.! Das Gesicht des Alten, umrahmt von der riesigen Zobelmütze, strahlte in Glück und Freude. Ein K a d dn s ch, war der Gedanke, der beide Ehegatten im Augenblick vereinte, Kaddisch für ihn und für sie. „Werdet Ihr nach uns Kaddisch sagen?" fragte Bezalel. „Natürlich", sprang der Jüngere auf, „mit großem Vergnügen." Da bekam er aber einen gut amerikanischen Boxerstoß von seinem älteren Bruder. „Man sagt nicht Kaddisch mit Vergnügen." Dann lachten sie alle fünf in höchstem Glücke. Und nun zündeten sie die Lichter an, die beiden Jahrzeitslichter und auch die Sabbathkerzen. - Bezalel schaute eine Zeitlang ins Licht. Er sah das Licht der Schechina, und sie spiegelte sich in seinem sabbatlichen Gesichte. Dann griff er beide Jungens an der Hand. , „So kommet Kaddeischem, wir gehen in die Schul . 7 ." 1 V; s

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