Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 44 Im Beshamidrasch. Skizze von Isaac Schönöerg. Spätherbst. Eisig fegt der Wind über die nächtliche Straße. Vereinzelte Schneeflocken, Herolde des heranziehenden Winters, wirbeln bereits durch die Luft, lustig tummeln sie sich und glitzern hell im Scheinender weißen Lichtkegel, die hohe Lampen grell auf das Pflaster werfen. Doch ist ihnen noch kein Sein befchieden. Nachdem der Wind fein übermütiges Spiel mit ihnen getrieben, fallen sie zur Erde, um dort, in einen kleinen Wassertropfen aufgelöst, ihr kurzes Glück zu enden. Erst das millionenfache Auftreten sichert ihnen Bestand und läßt sie, eng verbündet, als eine gefestigte, umspannerde Macht erscheinen ... Müde gähnt der weite Schlund der öden Straße. Starr und leblos stehen die schwarzen Gerippe der toten Bäume an ihrem Rande und ragen gespenstig gegen den finstern, fast sternenlosen Himmel. Der Wind hat ihnen die letzten gokdnen Blätter, Zeugen einstiger Pracht, grausam entrissen; nun liegen sie auf dev Erdezertreten, vom peitschenden Winde gehetzt und in alle Richtung zerstreut. Einige Menschen, bis zu den Ohren in wärmendes Kleidwerk gehüllt, durchschreiten hastenden Schrittes die Straße. Keuchend geht ihr fliehender Atem und erzeugt einen sichtbaren, sich schnell verflüchtigenden Hauch. Da auch mich mittlerweile fröstelt, beflügle ich, durch einige etwas unsanfte Rippenstöße, die mir die stürmische Windesbraut versetzt, zur Eile angespornt, meine Schritte und ersetze mir als schützendes Dach das Bes-Hamidrasch, eines von den etlichen, die sich in einer Großstadt, in der echtes jüdisches Leben pulsiert, befinden. Dumpfe, doch wohltuende Wärme, die ein kleiner Ofen aussirahlt, empfängt die stets willkommenen Besucher. Ein fast nüchterner Raum, dessen einziges Schmuckstück der, einen Teil der östlichen Wand einnehmende, mit Zieraten reich versehene Thoraschrein, bildet. An der gegenüberliegenden Wand befindet sich ein hohes Bücherregal, aus dem die Exemplare sich nur so hervordrängen, als wollte eines dem andern den Vorrang des Benutztwerdens streitig machen. Zur Rechten wie zur Linken stehen in paralleler Anordnung einige rohgezimmerte, primitive Tische und Bänke, die bereits deutliche Spuren des an ihnen nicht achtlos vorübergegangenen Zahnes der Zeit tragen. An einem der Tische sitzen, über dickleibige Folianten gebeugt, mehrere bärtige, vorwiegend ältere Männer. Weltfern sind ihre Blicke an das vergilbte Blatt geheftet, welches die Augen schon mehrerer Generationen auf sich gerichtet sah, um noch kommenden Geschlechtern Mittel der Erbauung zu sein. Melodiös anheimelnd tönt die eigenartige Lernmelodie durch den Raum, bald gedämpft, bald anschwellend, beherrscht von einem oft müden, wehen Klang, und es ist, als sei sie die Resonanz der tausendjährigen Lerdensklage ihrer Träger. In rhythmischer Bewegung wiegen sich die Oberkörper, gleichschaukelnden Schiffen auf den hohen Wellen des brandenden Meeres. Draußen tobt heulend der Sturm; zornig rütteln seine Arme an den lose gefügten Beschlägen des Fensters, ängstlich erzittern die Scheiben unter den heftigen Stößen seines Atems. Knisternd frißt der Ofen seine Beute; blutiger Feuerschein fällt flackernd durch den Rost, rote, Reflexe auf den Boden zaubernd. Indessen sind einige der Lernenden vor ihren Folianten eingenickt;, schützend breitet sich ihr Bart über die offene Textseite, als wollte er sie vor unberufenen, fremden Blicken bewahren. Die übrigen haben sich, über eine schwierige Talmudstelle disputierend, erhoben, strecken ihre vom langen Sitzen „eingeschlafenen" Glieder und schreiten auf den Ofen zu, wo der, auf dsr glühenden Herdplatte stehende Samowar brodelnd ihrer harrt. Eifrig wird dem sowohl obligaten, wie beliebten „Glesel" Tee zugefprochen, man schlüuft den heißen Trank mit Wohlbehagen, gruppiert sich Der Israeli t 1. November 1928 um den wärmenden Saum des Ofens und tauscht Heimaterinnerungen aus der Jugendzeit aus, in der die Welt noch nicht der Frevel voll ward, seufzt über die modernen Anschauungen der Söhne, verwirft die sittenlose Mode der Töchter und hält schließlich, auf Grund dieses Sündenbabels, einstimmig, die Zeit des-Moschiach für gekommen. Auch die Politik muß oft daran glauben und sich mehr oder minder treffende Glossen gefallen lassen. Leuchtenden Auges jedoch ruft man sich die Wundertaten dieses und jenes „Rebbe" ins Gedächtnis zurück, wobei ein jeder die Partei „seines" Rebbe ergrefit, um lediglich ihm die größte göttliche Wunderkraft zuzuschreiben. Nachdem auf diese Weise auch geistigem Kurzweil Genüge getan, begibt man sich ungeachtet der vorgerückten Stunde erneut an den Tisch, um abermals sich in schwierige Probleme zu stürzen, aufs Neue zu versuchen, unter Konzentrierung der geistigen Kräfte, den dichten Knäuel des Fragen- und Antwortenkomplexes, entwirrend, zu lichten. Und wieder^ erfüllen die sich wiederholenden Motive des Lerngesanges die Stube, dringen hinaus in die friedliche Nacht, siegreich die wüsten Akkorde des grausigen Sturmlieds übertönend . . Als Alonkefiore i« Rußland war. Ein groß« Reihe von Reminiszenzen und Legenden weiß die russische Judenheit von Sir Moses Montef i o r e , und besonders seiner Reise durch Litauen, die Ostseeprovmzen und Rußland zu erzählen. Das Interesse Montefiores auf Rußland wurde zuerst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, so um 1845, gelenkt, da er mit Briefen und Notrufen bestürmt wurde, der russischen Judenheit in ihrer bitteren Lage beizustehen. Auch Sendboten aus Kowno und Wilna gelangten zu ihm und schilderten die Lage in den schwärzesten Farben. So beschloß denn Montefiore, zunächst inkognito nach Rußland zu reisen, ohne unnötig die Aufmerksamkeit und den Unwillen von Behörden und Volk zu erregen. * Das Inkognito wurde aber schon gleich nach lieberschreitung der lettländischen, damals kurländischen Grenze, gebrochen. Aus einer Station vor M i t a u begrüßte ihn eine Deputation aus der kurländischen Hauptstadt und teilte ihm mit, daß in Mitau alles auf den Beinen sei, um dem hohen Gaste einen feierlichen Empfang zu bereiten. Montefiore konnte sich der Ovationen in der Stadt wirklich nicht erwehren und er vermied es möglichst, während seines ganzen Aufenthaltes in Mitau, sich aus der Straße zu zeigen. Wo er nur sichibar wurde, war im Nu die Straße schwarz von Menschen. Als er die Rechnung in feinem Quartier begleichen wollte, rief die Wirtin, eine Frau I. Dawidow: „Ich bin reichlich belohnt durch die Ehre, einen solchen Mann bewirten zu dürfen." . Just damals herrschten in Westrußland grimmige Fröste. Ws Montefiore von Mitau nach Riga fuhr, war die Dwina festgefroren und auch die Straßen waren mit Eis bedeckt. Der Fahrweg über die gefrorene Dwina wies aber ein paar dünne und brüchige Stellen auf. Soldaten hielten Wache und machten auf die gefährlichen Stellen aufmerksam. Es war aber 'keine Zeit zu verlieren und es gab keinen andern Weg, so erlangte Montefiore durch Bakschis die Erlaubnis, auf eigene Verantwortung über den Fluß zu fahren. Ein Fuhrmann war gegen schweres Geld gefunden. Es war zwei Uhr nachts, alssich der schwer beladene Schlitten über das dünne Eis in Bewegung setzte. Mitten im Strome brach das Eis und einer der Begleiter Montefiores sank ins Waffe rund hätte beinahe Montefiore mit hineingezogen. Mit knapper Not konnte der Ertrinkende noch herausgezogen werden. Sie kamen glücklich-über den Fluß. Er mußte weiter, da die Audienzen bei dem Zaren und den Regierungsstellen alle festgelegt waren, und er dürfte sie ohne Gefahr für seine Mission, nicht versäumen. Aus diesem Grunde hielt sich Montefiore auch in Riga nur kurze Zeit auf. Auch dort wurde er von einer Deputation begrüßt und von der Bevölkerung mit rau-' schenden Ovationen gefeiert. In Wilkomir kam.ihm die jüdische Bevölkerung mit Wein und Brot entgegen; eine Ehrung, wie sie sonst nur bei der Durchfahrt des Kaisers oder der allerhöchsten Persönlichkeiten üblich war. In Kowno, das sich bei feinem Einzüge in fieberhafter Erregung befand, wurde ihm sogar ein regelrechter F a ck e l z u g gebracht und die Fenster der jüdischen Häuser waren illuminiert wie bei' der Krönungsfeier des Zaren. Dort führte Montefiore lange Verhandlungen mit dem vielgefürchteien Gouverneur über die Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Lage der Juden in Litauen. Er bemühte sich darum, daß jüdische Arbeiter, -die sich besonders in Kowno in reicher Zahl befinden und die bestbewährten sind, bei den städtischen undstaatlichen Bauten, auch bei den Festungsbauten, mit be-. fchäftigt werden. Gerade in Kowno war feine Mission, wie es scheint, vollkommen gescheitert. Eine Besserung¬ oder eine Aenderüng im Verhalten der lokalen Behörden gegen die Juden war nicht zu merken. " Bei der Abreise Montefiores war die gesamte jüdische Bevölkerung mit Kind und Kegel am Bahnhof., Da trat einer von den ganz Klugen an ihn heran, zog bescheidentlich den Hut und wagte die Frage: „Teuerer Reb Maüfche, wieviel hat eure-Reise über die Länder und Städte gekostet?" Lachend und sichtlich amüsiert über die naive Frage, nannte Montefiore eine Summe,, die sich auf Hunderttaesende belief. . . ' „Hätten wir," sagte der Alte kundig, „so viel Geld, um von Fall zu Fall die nötigen Bestechungssummen für die kleinen und hohen Beamten aufzübringen, unserem Elend wäre abgeholfen, die Juvenfrage in Rußland wäre glatt gelöst, ohne kostspielige RBsen und Intervention." Grundsteinlegung der neuen Synagoge zu Bad Nauheim. Eine ansehnliche Festg«meinde und zahlreiche Auschauer hatten sich Mittwoch am Bauplatz der neuen Synagoge Am Bethaus und in der Karlstraße zur Grundsteinlegung der neuen- Synagoge eingefunden, zu der der Vorstand der hiesigen ReligionsgMeinde eingelckden hatte. Die Weihestunde begann mit der Verlesung einer Urkunde durch den Vorsitzenden der israelitischen Religionsgemeinde Bad Nauheim, Stadtverordneten Emil Rosenthal, die folgenden Wortlaut'hat: „Heute, am 3. Oktober 1928, wird der Grundstein zu diesem Gotteshaus gelegt. Die frühere Synagoge einer etwa 160 Jahre alten Kultusgemein.de wurde im Jahre 1865 Alicenstrahe 12 errichtet. Der stets zunehmende Fremdenverkehr brachte auch immer mehr unserer Glaubensgenossen nach Bad Nauheim, die hier Genesung suchten. Schon lange Jahre konnte die alte Synagoge dem Zustrom glaubenstreuer Juden nicht mehr genügenden Platz bieten. Im Jahre 1908, unter der Vorstandschaft von I. Loeb und I. Baumblatt wudre ein Fond gegründet, um Mittel für den Neubau anzusammeln. Durch den Weltkrieg 1914/18 und die nachfolgende Inflation wurden die Gelder aber entwerett und. der Neubau mußte verschoben werden. Im Juni 1920 kaufte der damÄige Vorstand,, L. Loeb, I. Baumblatt und B. Rosenthal, den Platz, auf dem die Synagoge jetzt erbaut wird. Durch die großherzige Tat des Herrn A. Kaufmann, München, unserer Gemeinde 40000 Mark auf fünf Jahre ohne Zinsen zu leihen, konnte dem Projekt unter Zuhilfenahme von vorhandenen Mitteln und Anleihen näher getreten werden. Pläne und Berechnungen wurden entworfen, und nachdem der Vorstand die ungefähre Vausumme festgestellt hatte, wurde der Diplom- Ingenieur R. Kaufmann, Frankfurt a. M., beauftragt, die Pläne auszuarbeiten, nach denen nunmehr mit Gottes Hilfe der Rohbau durch den Maurermeister J^ B. Hofmann, Bad Nauheim, ausgesührt wird." Provinzial-Rabbiner Dr. H ir s ch f e ld- Gießen hielt daraus eine tief ergreifende Festansprache, in der er ausführte, alle Völker und Stämme strebten nach dem einen großen Gott, zu dessen Ruhm und Ehre auch dieses Haus erbaut werde. Der Red per sprach zum Schluß dem Vorstand der Israelitischen Gemeinde und der Israelitischen Gemeinde selbst Dank dafür aus, daß sie diesen Bau ermöglicht hätten. Er dankte weiter den Vertretern von Staat und Stadt, in deren Obhut das Haus nach feiner Fertigstellung komme. Herr Rabb. Dr. Hirschfeld vollzog dann die drei Hammerschläge, ebenso Religionslehrer Op p e n h e i m e r und Maurermeister I. B. H o f m a n n, unter dessen Leitung der Vau ausgeführt wird. Von den Gästen führten zum Schluß noch Hammerschläge aus: Bürgermeister Dr. A h l, Bad- und Kurdirektor v. B o e hmer, Regierungsrat Dr. Gro sho lz> Pfarrer Schäfer als Vertreter der evangelischen Gemeinde und Beigeordneter Kissel im Namen der kacholischen Relrgionsgemeinde und der Vertreter der Friedberger Israelitischen Gemeinde, Seligmann. Damit schloß der weihevolle Festakt. Briefkasten. Aehudo. Wir sind zur Zeit mit Beiträgen reichich versehen. Besten Dank. Wetz. Betrag erhalten. Ariedrichsheim in Hattingen. Sie müssen UNS den Zeitpunkt, in dem der Bericht erschienen sein soll, näher bezeichnen. Kerr Moritz Kanan, Irankfurt. Wir, nehmen und geben zur Kenntnis, daß das in Umlauf gefetzte Gerücht, wonach Sie Beschäftigung in einem am ras? offenen Geschäft angenommen hätten, frei erfunden sei. Iamiliennachrichien. Barmizwo: RudolfChitz(Rosenfeld), Halberstadt— Harzburg. : Qualitäts- Moritz Wolf , Zeil 49 Telefon Römer 903 Verantwortlich für den allgemeine« Teil »nd da» Leuilleto« S. Schachnorvitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S.Schach« «owig, ebenda. — Uör die pädagogische Beilager LetzrerL. ft attf’Bw*;« in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Herlag .Israelit". «.m b.«., Frankfurt a.Ä. — Druck Sermon Verlag«« Mttengesellschaft, Fraukfurt a. SR.