Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1. November 1928 ' . . ' . '"D e r Srraeltt Nr. 44 Seite 8 Rabbinersemmar zu Berlin. Berlin, 28. Okt. Am „Rabbmersemrn-av zu Berlin" Hut die Eröffnung des Wintersemesters um vergangenen Montag in Anwesenheit der gegenwärtigen und zahlreicher ehemaliger -Schüler in der üblichen Weife stattgesunden. Den Erösfnungsvortrag hielt Herr, Dozent Dr. Samuel Grünberg über das Thema „Die ursprüngliche Schrift des Pentateuchs". .Hieran schloß der Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Herr Dr. Josef Wohlgemuth, Worte der Begrüßung, zumal an die neu eingetretenen Hörer. Neu ausgenommen wurden zehn ordentliche Hörer, die sämtlich im Besitze eines Reifezeugnisses sind. Am Dienstag hielt Herr Doz. Dr. I. Weinberg einen halachifchen Vortrag als Einleitung zu feinen Talmudoorlesungen. Die Tagungen des Jüdischen Frauenbundes. Breslau, 24. Okt. Am 22. und 23. Oktober fanden in Breslau die Tagungen des Gesamtvorstandes des Jüdischen Frauenbundes und des. Provinzialverbandes für Nieder- und Oberschlesien statt. In der Vormittagsversammkung würden Fragen des Kinder-, Mädchen- und Frauenschutzes eingehend behandelt und deren rechtliche Grundlagen besprochen Frau Jda A u e r b a ch, Köln, wies in ihrem Referate über Berufsberatung eindringlich daraus hin, Daß viel größerer Wert auf die hauswirtschaftliche Ausbildung der Mädchen gelegt werden müsse, daß Hauswirtfchüftliche Schulen zu errichten seien, die von ausgebildeten Gewerbelehrerinnen geleitet werden. Durch die Konzentration in der Industrie, die allmähliche Ausschaltung des Zwischenhandels wird immer weniger kaufmännisches Personal benötigt. Die technischen Berufe, sowie die der Hortnerin, der Kindergärtnerin und der Gymnastiklehrerin sind Frauenberufe der Zukunft. Frau Dr. Reichenstein, Lemberg, gab zu verstehen, daß die sozialen Verhältnisse in Ostpolen besonders große Schwierigkeiten bieten. Noch heute herrscht dort kein Schulzwang. Von neu errichteten Gewerbeschulen verspricht man sich eine gründlichere Ausbildung der Heranwachsenden Jugend. Frau von Goldberger, Budapest, sprach über den Lehrlingsschutz. Schon im Jahre 1842 ist in Budapest ein israelitischer Handwerkerverein gegründet worden. Die Fürsorge für männliche jüdische Handwerker ist dort hoch entwickelt, doch ist die Betreuung weiblicher Handwerker in Ungarn noch durchaus ungenügend. Frau Kling er, Czernowktz (Rumänien) gab ein Bild von den dortigen Verhältnissen. Auch Fragen des Mädchenhandels und Mittel zu seiner Bekämpfung wurden besprochen. Rechtsanwalt Dr. Margaret Be re nt, Berlin, wies darauf hin, daß die Tendenz bestehe, die ausländischen Kinder armenrechtlich den einheimischen immer mehr gleichzustellen. Ueber Bahnhofshilfe sprachen Frau Maria O l - l e n d o r f s, Berlin, und Frau D w e r l s, Budapest. In der Tagung am Nachmittag wurden die Themen: „überparteiliche, interkonfessionelle, internationale jüdische Frauenarbeit" behandelt. Am Abend behandelte Frau Ernestine E s che l b a che r, Berlin^ Fragen der A g u - noth, der geschiedenen Frauen, und Ausblicke auf eine Möglichkeit der Verbesserung ihrer Lage. Roch ist^ kein Ausweg gefunden, um den nach jüdischem Recht getrauten, eheverlassenen Frauen wider Willen und bei Verschollenheit des Mannes die Freiheit wiederzugeben. Noch sind die Meinungen verschieden, sagt die Referentin, ob überhaupt ein Ausweg gefunden, am Gesetze gerüttelt werden darf. Am Dienstag vormittag referierte in der Jüdischen Gemeinde in geschlossener Gesamtvorstandssitzung Frau Dr. Else Rab in, Breslau, über das Frauenwahlrecht in der Gemeinde. Von jüdisch-religiöser und von rechtlicher Seite, sagte sie, bestehe kein Einwand gegen das aktive, noch gegen das passive Frauenwahlrecht in der Gemeinde. Dennoch ist das Frauenwahlrecht in verschiedenen Gemeinden noch nicht durchgeführt. (Siehe Wochenrundschau.) Der Verein jüdischer Hotelbesitzer und , Restaurateure. Köln-, 21. Okt. Die 7. Generalv ersann rlung des „Vereins jüdischer Hotelbesitzer und Restaurateure E. V.". fand am 9. und 10. Oktober in den Räumen der Rheinland-Loge zu Köln statt. Infolge der schlechten wirtschaftlichen Lage war der Besuch nicht so zahlreich tbie sonst. Der „Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser E. V. in Hamburg" hatte Herrn Arnold Cohn als Vertreter entsandt. Der Vorsitzende gab Bericht über die Tätigkeit im vergangenen Berichtsjahre und wies insbesondere aus die Vermittlung von Stellen für jüdische Angestellte hin. Zu dem Punkt „Preispolitik" wies der Vorsitzende auf die besondere Lage der jüdischen Hotelbesitzer hin, die, ohne auch nur teurer sein zu dürfen, ganz besonders hohe Spesen haben. Schon Die Woche. Berlin. Walter von Molo, dessen i flammenden Appell zum Kampfe gegen die Unmenschen der Friedhofsschändungen wir neulich brachten und glossierten, wurde zum Präsidenten der deutschen Dicht er akademie gewählt. Bekanntlich wurde Molo, der Verfasser des „Fridericus", zuerst von den V ö l k i s ch en in Beschlag genommen. Er verstand es aber, die nette Gesellschaft gründlich von sich abzuschütteln. — Am Sonntag den 22. Oktober kam es in der Lothring erstrahe zu ernstlichen Ausschreitungen von Hakenkreuzlern, die Schaufenster einschlugen und jüdische Passanten -mißhandelten. Polizei schritt zeitig ein. — Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jü- < : ' bischer Gemeinden gibt bekannt, daß das erste jüdische Heilerz-rehungsheim für schwer erziehbare Knaben in Marburg a. d. L. im Oktober d. I. eröffnet worden ist. Aachen. Die „Israelitische Kultusgemeinde bezahlt Mörder" überfchreibt der „Westdeutsche Beobachter" eine Meldung aus Aachen, in der davon die Rede ist, daß die Aachener Kultusgemeinde die „Rotfront" für einen Ueberfall auf Nationalsozialisten während einer Versammlung bezahlt und daß ein jüdischer Bürger als Beauftragter des Gemeindevorstandes an dem Ueberfall teilgenommen habe. -Der Vorstand der Jsraslitlschen Kultusgemeinde in Aachen hat sofort Strafantrag wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft gestellt. Paris. Justin Seligmann, Präsident der Zivilkammer des Kassationsfonds, ist im. Alter von 68 Jahren gestorben. Seligmann stammte aus dem Elsaß, blieb sich seines Judentums stets bewußt und nahm regen Anteil an den Gemeinde- und philantropischen Angelegenheiten der französischen Judenheit. — In den französischen Generalräten haben nach den neuen Wahlen neun Juden Sitz und Stimme, unter ihnen Senator L. Klotz und der Bürgermeister von Earpentras Dreyfus. Baron Maurice de Rot hschild unterlag bei den Wahlen in Oran gegen einen antisemitischen Kandidaten. — Theodor Re i nach, der bekannte Historiker und Archäologe, ist im Alter von 68 Jahren gestorben. Theodor hatte wie sein Bruder Salomon Reinach für die jüdische Tradition wenig Verständnis. Budapest. In Mateszalka bei Zzarmar starb im Alter von 106 Jahren Jakob Kuhn, der an den Ungar. Freiheitskämpfen 1848 teilnahm. Moskau. Der „Emeß" erhebt schwere Beschuldigungen gegen lokale Behörden, die unter Mißbrauch der Gesetze rücksichtslosen Wohnung s raub an unzähligen jüdischen Familien begangen hätten und , noch begehen. — In Rußland wird der z e h n tc Jahrestag der „Jervsektia" (jüdische Sektion) gefeiert. Sie sollte an ihrem „Jahrzeitstag" ein wenig. in. sich gehen. Bewyork. Der Kandidat der republikanischen Partei für den Gouverneurposten im Staate Newyork ist Oberstaatsanwalt Albert Ottinger, ein Schwager von Louis Marshall. Sein Stammbaum geht bis auf Rabbi M e i r (Maharam) von Rothenburg zurück. Tel-Awiw. Hier verstarb im Alter von 85 Jahren der allbekannte und allverehrte Oberrabbiner von- Kairo, Rafael ben Schimon. Der greife Talmudist genoß im gesamten Orient ungeheure Verehrung. die Anlage muß ja eine doppelte sein wie in jedem anderen Betrieb; man braucht getrennte Fleisch- und Milchküche, dazu natürlich doppelte Arbeitsräume, doppeltes Geschirr, doppeltes Besteck, doppelte Wäsche und doppeltes Personal. Man darf nur unter Pabbinatsaufsicht hergestellte Waren gebrauchen, die meistens unter großen Unkosten von auswärts bezogen werden müssen. Für koscher eingemolkene Milch muß man 25 Proz. bis 100 Proz. mehr bezahlen. Die jüdischen Restaurateure müssen das Gehalt und die Verpflegung für die Aufsichtspersonen und die. Spesen. für dis Kaschruth-Jnspizierung zahlen^ ie werden ganz .besonders von wohltätigen Vereinen und bedürftigen Personen in Anspruch genommen. Und doch liegen die Preise nicht über denen gleichrangiger christlicher Häuser, und wenn bei den Verhandlungen der großen Fachverbände einmütig sestgestellt worden ist, daß die meisten Häussr von ihrer Substanz leben, so trifft das ganz besonders auf die jüdischen Häuser zu. — Die Mitgliederzahl hat sich — besonders durch den Beitritt ausländischer Hoteliers — gehoben; es soll eine großzügige Propaganda zur Gewinnung weiterer Mitglieder erfolgen. Nach Beratung verschiedener Programmpunkte, wie Nachwuchs, Rabattgewährung, Mittelstandskuren, Reichsversicherung, Logenheime ufw. wurde der alte Vorstand (Blum - Oberhof, Hoffmann - Norderney, Koehler-Vaden- Baden) einstimmig wiedergewählt, und die Herren Rückersberg-Wiesbäden und Hemmerdinger-Bad Ems neu in den Vorstand gewählt. Als nächster Tagungsort wurde Wiesbaden festgesetzt. Angarn. Der Widerhall der Unruhen im Parlamente. Budapest, 23. Oktober. Im Abgeordnetenhause kamen heute die von der Opposition angemeldeten Beschwerden wegen der seit einigen Tagen andauernden antisemitischen Ausschreitungen der Studenten und der mangelhaften Vorkehrungen der Behörden zur Behandlung. Diese Beschwerden gaben Anlaß zu großen Sturmszenen und leidenschaftlichen Zusämmenstößen zwischen Opposition und Regierungspartei. Die Redner der Sozialdemokratie bewiesen, daß die Polizei sehr milde gegen die randalierenden Studenten vorging, dafür aber zahlreiche Arbeiter und bürgerliche Elemente verhaftete, die sich für die Aufrechterhaltung der staatlichen Sicherheit einsetzten. Die verhafteten Arbeiter und jüdischen Bürger wurden durch Mißhandlungen gezwungen, Geständnisse abzulegen und auf jede Appellation gegen die verhängten Urteile zu verzichten. Die Redner erklärten, es müssen irgend welche geheimnisvollen Gründe fein, die die Regierung abhatten, endlich Ordnung zu schaffen. Während der Rede des Sozialdemokraten Farkas rief der demokratische Abgeornete Dr. Fabian dem Staatssekretär im Ministerium des Innern Dr. Sztranyawszky zu: „Sie sind es, Herr Staatssekretär, der in diesem Lande jedes Verbrechen vertuscht. Sie sind der Nachfolger Nmerich Naoossys (der in die Frankenfälscheraffäre verwickelt gewesene Polizeichef, der sich in der Zeit des weißen Terrors scharf antisemitisch hervorgetan hat). Sie sind der Verteidiger aller Mörder." Dieser Ausruf hatte auf der Seite der Regierungspartei scharfe Proteste hervorgerufen, der Lärm. dauerte minutenlang an. Die sozialdemokratischen Redner warfen dem Staatssekretär Sztranyawszky vor, er habe feit mehr als einem Jahre Kenntnis davon, wer die Personen waren, die im Jahre 1923 in ben Ballsaal eines Hotels in Csongrad, wo ein Gesellschästsabend des jüdischen Frauenwohltätigkeitsvereins stattfand, eine Bombe warfen, durch die drei Personen getötet und 25 schwer verletzt und zum Teil fürs Leben verkrüppelt wurden.. Der Staatssekretär weigert« sich «ber, das Verfahren «inzuleiten, weil es sich um Personen aus völkischen Kreisen handle. Der Minister des Innern Szrtovszky erklärte, er stehe mit seiner Person dafür ein, daß die Ordnung wiederhergestellt werde. Auch ein Redner der Regierungspartei, Abg. Ludwig Szrlagy, erhob schwere Anschuldigungen gegen die Polizei, weil sie gegen die exzedierenden Studenten saumselig vorgegangen sei. Zum Schluß sprach Unterrichtsminister Graf Kl ebelsberg, der die größte Strenge gegen die Studenten in Aussicht stellte, worauf die Beratung über die Demonstrationen auf die nächste Sitzung vertagt wurde. * * * Budapest, 23. Oktober. Am Montag vormittag hielt der Landesverband der Israelitischen Hochschüler im großen Saal des „Pester Lloyd "Palastes eine Versammlung ab, in der Dr. H e - v esi die Studenten zur Geduld und zum Ausharren ermahnte. Der Chefredakteur des „Egyenlöfeg" Dr. Szabol.sci versicherte die Studenten der Solidarität des ungarischen Judentums. In dem gleichen Sinne prachen noch Abg. Dr. Paul Sandor u. a. m.. Während der Versammlung rief ein Universitätshörer in den Saal, daß das Gebäude von den nationalsozialistischen Studenten umstellt sei. Es entstand Unruhe. Die sofort benachrichtigte Polizei säuberte die Umgebung