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Der Israelit · 1928-11-01 · Heft 44 (1.11.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 44 (1.11.1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 44 Der Keraelit 1. November 1928 Ein Frommer der nichtjüdischen Umwelt. Von H. Neubauer in Hermannsberg. Es würde weit über den Rahmen der ge stellten Aufgabe hinausgehen, aus der reichen Schatzgrube Herfordscher Dialektik die glühende Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe darzutun, mt:: der Herford unentwegt und unerbittlich seinen Weg verfolgt. Bevor ich zu weiterem komme möchte ich noch eines Passus aus einem in London 1919 gehaltenen öffentlichen Vortrag*) Erwäh nung tun, in dem er sagt: „Das Judentum hat zu allen Zeiten Zeug nis abgelegt für den uneingeschränkten Mono theismus, für die Einheit Gottes im vollkom mensten und unbedingten Sinne des Wortes Der Monotheismus der orthodoxen Christen war aber immer ein sehr eingeengter, vuc> wenn sie stets betonen, strikte an der Einheit Gottes festzuhalten. Aber, wenn sie weiter lehren, daß der eine Gott in drei Personen ver ehrt werden soll (mag das bedeuten was es wolle), so kommt man nicht über die Tatsache hinaus, daß ein solcher Monotheismus sehr stark eingeschränkt ist. Ja, man kommt der Wahrheit noch näher, wenn man ihn, als einen seines Wesens entkleideten Monotheismus be zeichnet. Und daß die Juden sich stets schrof weigerten, sich auf einen Akkord bezüglich jener griechischen Spekulation von der Dreieinigkeit je einzulassen, hat immer den orthodoxen Christen an einem wunden Punkt getroffen. Die Fahne des reinen, unverwäsierten Monotheis mus hochzuhalten, das war immer ein Teil und kein geringer Teil des Zeugnisses, welches das Judentum durch alle die Jahrhunderte abgelegt hat, und wer will behaupten, daß solches Zeugnis nicht heute noch vonnöten sei?" Und man glaubt kaum einen Christen,, geschweige christlichen Geistlichen zu hören, wenn man (S. 11 und 17 ebenda) liest: „Durch die Anstrengungen, mit welchen die christlichen Schriftsteller die Juden zu bekehren trachteten, erkannten sie mit mehr Eifer als Folgerichtigkeit die Lebensfähigkeit des Judentums an. Die Methoden, welche sie zu diesem Zwecke anwandten, waren wirklich sonderbar: Päpstliche Dekrete, Verfolgungen, Autodafes, öffentliche Disputationen, bürgerliche Entrechtung usw., die ganze Liste von Bemühungen perverser Staatsmänner,, die grotesk wären, .wenn sie nicht so beschämendwären . . . Das goldene Zeitalter für das Judentum in der christlichen Aera war die Blüteperiode in Spanien, als die Juden nicht unter christlichem, sondern unter mohammedanischem Schutze standen. Die Mohammedaner waren in dieser Hinsicht wie in mancher anderen weiser als diejenigen, die sich die Kinder des Lichts nannten. . . . Und wenn sie (die Kirche) ein, Ende mit ihnen (den Juden) hätte machen können, so hätte sie es aller Wahrscheinlichkeit nach getam" Man sieht, diese Sucht geradezu, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, ihr zum Siege zu verhelfen, ist Herford zur zweiten Natur geworden, und seine klare, trotz aller Schärfe kaum verletzend wirkende Sprache ist der beste Hand- *) What the „World owes to the Pharisees." Allne and Unwin, London. Deutsch: Was verdan-kt die Welt den Pharisäern?" Uebertragen in gewohnter Sorgfalt und Wärme von Rosakie Perles. (Gustav Engel, Leipzig. 1920.) Nicht uninteressant ist der Umstand, worauf auch der das Geleitwort schreibende Sohn der Uebersetzerin, Prof. Dr. Perles. mit Recht hinweist, daß die Begrüßungsrede zu diesem Vortrag Herfords der Generalleutnant Sir John M o n a s h hielt. Monash hat im Kriege eine australische Armee in Frankreich kommandiert. Hierzu meint Perles, daß mancher deutscher Leser davon überrascht sein dürfte, zu hören, daß es jüdische Offiziere so hohen Ranges in der britischen Armee gibt, und noch mehr, daß diese sich derartig als Juden Herausstellen. , Bekanntlich hat beispielsweise Rathenau seine Verbundenheit mit einem Judentum nur insoweit dokumentiert, als er die von Juden verfaßten Evangelien hoch schätzte, da ihm das Alte Testa-' ment zu wenig transzendent schien. (S. dessen Schreiben an Rabb. Dr. Daniel Fink-Berlin, „Israelit" v. 30.12.26.) langer dazu. So lehnt Herford in einem Schreiben an mich jedes Lob entschieden ab, da er nichts anderes anstrebt, „als Gerechtigkeit für den Talmud und für das Volk, das den Talmud verehrt."*) Ich habe bisher in den beiden vorhergehenden Abschnitten, die in diesen Blättern erschienen, eigentlich nur vereinzelte Züge der Herfordschen Einstellung zu dem Judentum im allgemeinen und den Juden im besonderen zu zeigen vermocht, nichts aber über die Haltung^gebracht, die ev zu den meisten alten und brennenden Fragen jüdisch-religiöser Natur einZUnehmen weiß. Insbesondere verstehe ich darunter jenes gewaltige Phänomen, demzufolge die heilige Lehre unsrem Volke Schuß und Stab, Leben und Licht, Hoffnung und.Erlösung durch die Jahrtausende geworden ist; ich meine jenes Axiom von der korrelativen Zwiefältigkeit unsrer Thora, jener Doppelfazette eines und desselben Edelsteines, der schriftlichen und mündlichen Lehre mini nnsrn? nun ns tew* Die mehr oder weniger bewußte Verkennung, Nichtachtung, oder gar Verneinung dieses fundamentalen Grundsatzes hat unzählige unsrer mißleiteten Brüder aus dunkle Pfade geführt, von denen keiner zu Gott zurückwies, und sie zu dem gemacht, was sie heute leider find: Verzweifelnde, Irrende, Abtrünnige. Versuchen sie es noch so oft, mit dem rationalistischen Spinngewebe ihres „kleinkalibrigen Hirns" (Birnbaum) die argen Blößen religiöser Nacktheit und Armut zu verhüllen; wie schlecht gelingt es ihnen. Herford ist Christ; auch er wandelt nicht in unsren Wegen und teilt nicht alle unsre Glaubensanschauungen, wie er so manches mal bemerkt, aber nichts gesto weniger sind ihm unsre Weisen Heilige und unsre Heiligen Weise, zu denen er sich „über die Jahrhunderte hingezogen fühlt weil sie ihm „Gefährte, Freunde und Lehrer gewesen". Und selbst da, wo er sich von Liebgewordenem zu trennen scheint, durchzittert — behutsam über die Schwelle des Bewußtseins tretend — tiefes Bedauern seine Worte; nicht so bei unseren hochmütig einherschreitenden Brüdern aus dem liberalen Lager, die unsrem hehren Glauben, einen Afterglauben, unsren Ewigkeitswerten Nichtigkeiten, unsrer erhabenen Thora ephemere Erfolge.menschlicher Unvollkommenheit entgegensetzen. Was ist diesen Leuten Halacha oder Haggada? Und wie redet Herford von diesen Dingen und was weiß er von ihnen zu agen (S. 76 ff. a. a. £).): „Sie (Halacha und Haggada) waren keineswegs ein rein menschlicher Zusatz zur Thora, der im Gegensatz zur göttlichen Autorität stand. Sie waren eine allmähliche Herausschälung dessen, was von Anfang an in der Thora verborgen lag. Der einzelne Lehrer, der diese oder jene ^Auslegung gegeben hatte, sprach damit nur in Worten aus, was bis dahin unausgesprochen in der Thora enthalten war.; Die Thora war nicht bloß das geschriebene Wort des Pentateuchs, sondern der in ihrem Hintergrund stehende .göttliche Gedanke. Und Thora auslegen hieß nicht, etwas neues in das geschriebene Wort hineinzulesen, sondern etwas neues aus ihm herauszulesen. Wenn ein Pharisäer gefragt würde: „Wo ist die Thora zu finden?", so würde er antworten: „Das geschriebene Wort und die ungeschriebene Tradition machen zusammen die Thora aus". Er würde ferner sagen, daß das ungeschriebene wichtiger als das geschriebene sei, weil das ungeschriebene enthüllte, was in dem geschriebenen verborgen lag und seine Anwendung erweiterte. Und wie weit auch das Verfahren ausgedehnt, wie umständlich und ins kleinste gehend die Auslegung auch werden mochte, es blieb doch alles immer Thora. Denn die Thora war in sich unerschöpflich, da sie die vollständige Offenbarung Gottes war. Und alles Herausschälen und Entfalten ihres Sinnes brachte nur den Menschen zu Bewußtsein,, was hie Thora von allem Anfangan gewesen war. Das ist die Theorie der Thora, wie sie von dem Pharisäern verstanden und im Talmud verkörpert ist." ‘ - Herford sieht in dem starren Festhalten der Rabbinen.an dieser Richtung, wie es im Talmud zum Ausdruck kommt, deren verdienstlichstes Werk, dessen Gründlichkeit von niemand bestritten werden kann. Denn das gestellte Ziel war, aus dem was Gott offenbart hatte, seinen Willen in bezug auf die geringfügigste Handlung eines Menschen zu erkennen, daher war keine Summe von Studium zu groß. „Jede neue Auslegung der einmal in ihrer Geltung anerkannten Thora war eine Erweiterung ihres Sinnes aus dem Bereich des Unbekannten in das Bereich des Bekannten". Infolgedessen, so führt Herford aus, war das Resultat dieses Verfahrens die genaue Angabe, daß die und die Handlungen von jedem äusgeführt werden wüsten, die in rechter Weise Gott dienen wollen, weil Gott selbst sie in der Thora als seinen Willen gelehrt habe. Und diese Regelung des rechten Verhaltens ist es, die man mit dem Namen Halacha bezeichnet. Dabei weiß Herford ganz wohl, daß es nicht etwa der Willkür einzelner überlassen war, Halacha zu formen, oder zu sagen: „Das ist Halacha", d. h. der erschlossene Sinn der Thora über diesen und diesen Gegenstand. „Was als Halacha angesehen werden sollte, wurde erst nach sorgfältigster Ueberprüfung bestimmt, die sich, soweit dieselbe noch bekannt war, auf die überlieferte Meinung früherer Lehrer und auch auf anerkannte Auslegungsregeln stützte." Alle Handlungen des Lebens hatten sich dem Maßstab der Thora anzupassen, weil darin der göttliche Wille sich auswirkte. Und wenn die Halacha mit ihrer sicheren Methode bestätigte, daß dies oder jenes der Sinn der Thora war, dann durfte nicht mehr anders über diesen Punkt entschieden werden, denn niemand durfte gegen eine Autorität auftreten, die er selber als die höchste betrachtete. (Fortsetzung folgt.) #*) .... that what J have written has been for the sake of obtaining justice for the Talmud and the people who revere the Talmud.” Deutsches Reich. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Berlin, 26. Okt. Die vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eingeleitete Aktion zur Ansiedlung von jüdischen Landarbeitern und Gärtnern auf deutschem Boden nimmt einen guten Fortgang. Vor kurzer Zeit ist von ihm die jüdische Landarbeit G. m. b. H. als gemeinnützige Siedlungsgesellschaft geschass-en und zu ihren Geschäftsführern find die ' Herren Rittergutsbesitzer^ Rudolf S. Mosse und Domänendirektor S. Dyk bestellt worden. Die Wahl des Aufsichtsrates wird demnächst erfolgen. Mit der ersten Siedlung sehr gut geeigneter Siedlungsanwärter wird in Kürze begonnen und damit die Verwirklichung des großen Siedlungswerkes ihren Anfang nehmen. Zur weiteren Propagierung der Idee wird ein Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland ins Leben gerufen werden, dem alle Kreise des deutschen Judentums angehören sollen. Die Gründungsversammlung des neuen, für den Bestand des deutschen Judentums so eminent wichtigen Bundes wird im ehemaligen Herrenhaus stattfinden. Zu ihr werden sämtliche jüdische Organisationen sowie die prominenten Führer des deutschen Judentums geladen werden. Die Versammlung ist auf den 24. November, den Vorabend der Hauptversammlung des R. j. F., festgesetzt worden, zu der die Vertreter von 800 Ortsgruppen aus dem ganzen Reiche nach Berlin kom- ' men. Die Liste der Redner wird in Bälde veröffentlicht werden. Es steht fest, daß die Führer des deutschen Judentums das Wort ergreifen werden.

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