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Der Israelit · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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mm: Die erlöste Schul. Em Bildchen aus Sowjetrußland von W. W. Das Städtchen B. im Gouvernement Charkow ist längst in tiefen Schlaf versunken. Draußen sickert ein kalter, dünner Regen und klopft unheimlich an Fenster und Läden. Es ist herbstlich, fast winterlich. Dort in dem schönen weißgetünchten Steinhause in der Hauptstraße, die nach Lenin genannt wird, gegenüber der großen Schul wohnt der angesehenste Mann der Gemeinde, Jakob Abrask i. Auch hier ist kein Licht mehr ZU sehen, aber der Hausherr wälzt sich seit Stunden im Bette herum und kann keinen Schlaf finden. Sein Herz ist übervoll und das Gehirn arbeitet unablässig. Er ist mit den Gedanken ins Bett gegangen, die ihm den ganzen Tag, ja alle Tage seit Wochen beschäftigten: Wie entreißt man den Räubern die heilige Beute? Wie rettet man die Schul, auf die es die rohe Bande von der „Sektion" abge- -> sehen hatte, um sie in einen Arbeiterklub zu verwandeln? Es lag diesen Subjekten weniger am Raume, als mehr daran, den alten und frommen Juden im Städtchen ein Schnippchen zu spielen, sie in ihren heiligsten Gefühlen zu treffen, ihnen, die von der neuen „roten Religion" der Rowdies nichts wissen wollten, einen Schlag zu versetzen, der saß. Die Genehmigung aus Charkow hatten sie bereits und damit die- Macht in der Hand. Aber der Schlag mußte pariert werden. Jakob Abraski, der die Gemeinde seit vielen Jahren führte und unter dessen Leitung sie immer gut gefahren, ist nicht einer von denen, die leicht die Waffe strecken. Mit einer solchen Lumpenbande sollte man doch fertig werden können, wenn man so das Recht auf seiner Seite hat, denkt Abraski und kann nicht einfchlafen. ' Erinnerungen steigen ihm aus dem Gedächtnis auf und erhalten die plastischem Formen von Gegenwartserlebnissen. Er denkt an das große Einweihungsfest, das man vor fünfzehn Jahren in der neuerbauten schönen Schul gefeiert hatte. Es war ein Fest für die gesamte Gemeinde, und sogar Nichtjuden nahmen Teil an der großem Freude. Er, der reichste und angesehenste Mann des Städtchens, war an der Spitze und leitete alle Feierlichkeiten. Er ließ sich auch was kosten. Was machte das im Vergleich zum ungeheuren Glücke, als er dem Zuge voran' die e r st e Thorarolle ins Heiligtum unter einem Baldachin durch die Straßen trug! Wieviel wurde seitdem in dieser Schul gebetet-, gelernt! Eine Jeschiwa und ein Cheder waren da un-tergebracht, bis die roten Spürhunde kamen und sie heimjagten. Täglich abends wurde das „Blatt" gelernt, und er, Abraski, lernte vor. Drei oder viermal wechselte morgens vom Sonnenaufgang bis in die späteren Morgenstunden das „Minjan". Zwischen Mincho und Maariw saßen die kleineren Leute, Schuster, Schneider, Träger und Droschkenkutscher, die älteren natürlich, die von Klub und Sektion nichts wissen wollten, zu beiden Seiten des langen Tisches vor der grünen, warmen Ofenwand und labten sich am Vortrage aus „Cm Jakob". Auch diese Vorträge hielt er, Jakob Abraski. Auch jetzt noch, wie er das „Blatt" vorlernte, und mochten die draußen, die Gassenjungen, platzen. Und nun sollte da alles aus sein?! Was waren das für Leute, die der Gemeinde ihr Heiligtum rauben wollten? Auch welche! Jude! Spak, der Einäugige, der bereits dreimal wegen Diebstahls im Gefängnis gesessen hatte. Fischke, der Schuster, der als erster an seinem Kinde die Miloh nicht vollziehen ließ. Motke Chapper, vor dem nichts sicher war, und mehr von der Sorte. Mit solchem Gesindel mußte man sich herumschlagen! Sie brauchten einen Arbeiterklub, und ausgerechnet die große Schul sollte es sein! Abraski fand keimen Schlaf. Der Regen hörte inzwischen auf, der Wind zerstreute die Wolken und verzog sich selber irgendwohin.lautlos. Vom Nachthimmel herab schaute jetzt der blasse Mond in voller Rundung auf das schlafende Städtchen. Ein kleines, liebes, jüdisches Städtchen: zählte kaum fünfzig Häuser, alle klein und einstöckig, manche sogar windschiefe Holzbaracken mit Strohdach. Und in der Mitte, wie ein Schäfer in seiner- Herde, der monumentale, reichverzierte Kuppelbau der Schul, mit hohen bunten Fenstern, in denen sich jetzt der Mond nächtig spiegelte. Es schien noch der Mond, war noch Nacht, und schon wurde es lebendig im Städtchen. In den Häusern und Häuschen erstrahlten einige zittrige Lichter. Es ging eine Türe auf und noch eine. Menschen schlurften auf der Straße, seufzten, sagten was und gingen aneinander vorbei, auf den Schulplatz und in die Schul. Diese war jetzt ganz hell beleuchtet. Es war der erste Slichausmorgen. Schon nach einigen Minuten drang lautes hundertstimmiges Beten, Schreien und Weinen aus der Schul. Jakob Abraski stand am Vorbeterpult und betete schluchzend: „Siehe unseren Stand, arm und leer. — Die Seele ist dir und der Leib dein Werk, schone deiner Hände Werk!" Jakob Abraski dachte an die Schul, an die Fülle von Mühe, Arbeit und Geld, die sie gekostet, an die viele Liebe, die sie in die Grundmauern hineingesenkt haben; wie jeder, auch der Aermste, seine Opfergroschen mit Freude dazugebracht hatte. Und nun dieses Gesindel, eine Bande von Räubern! Noch vor Beginn der heiligen Feiertage wolltensie ihnen die Schul nehmen. Und aus tiefstem Herzensgründe entrang sich ihm das Gebet: „Vor unfern Augen rauben sie unsere Mühe. — Knechte herrschen über uns, keiner, der uns aus ihrer Hand erlöst.-" Nach Slichaus beschlossen sie, daß Jakob Abraski heute noch nach Charkow reise, um an höherer Stelle für Abwendung des Verhängnisses vorstellig zu werden. Der Gottesdienst war noch nicht zu Ende, da ging die Türe auf und hinein drang Judel Spak, der Einäugige, mit dem großen Stecken in der Hand. Er wollte sich weiden an dem Schmerz der „Klerikalen", die bald aus ihrer Schul verjagt werden. Als er die gedrückte Stimmung sah, blinzelte, er mit dem einen Auge. Haß und Schadenfreude verzerrten sein Gesicht und machten es noch häßlicher und teuflischer, als es schon ohnehin war. Jakob Abraski wandte sich jetzt ganz sachlich und ruhig, fast freundlich, an den Führer der „Sektion": „So sage doch, Genosse Spak, was wollt Ihr eigentlich von uns? Was hat Euch die Schul getan? Ihr müßt einen Klub haben, gut, Ihr sollt einen haben, es gibt Räumlichkeiten genug außer der Schul. Es soll uns auf Geld nicht ankommen." „Nichts zu machen", lachte Spak dämonisch. „Die. S chm l muß es sein. Wir dulden keinen Sammelplatz für Klerikalismus und fanatische Barbarei:- Wir lassen es nicht zu, daß die junge Genetation, die in Freiheit geboren ist, mit dem Opiurn des. finsteren Aberglaubens vergiftet wird. Eure Schul wird morgen uns gehören." Da riß dem geduldigen Abraski der Geduldfaden. Seine Hand setzte sich fast von selbst in Bewegung und sie saß mit kräftigem Schlag auf dem Gesichte/ des mißgestalteten Burschen. Er setzte sich zur Wehr. Aber da hatte er schon alle Betenden gegen sich, die so kräftig zuschlugen, als gelte es, in ihm die ganze verhaßte „Sektion" niederzuschlagen. Mit knapper Not konnte er sich noch, mit zerschundenem Gesicht und zerrissenen Kleidern, durch einen Sprung aus dem Fenster retten. Br.« 1928 Noch am gleichen Tage begab sich Jakob Abraski, begleitet von den guten Wünschen des ganzen Städtchens, nach Charkow. Er blieb dort drei Tage. Am Rüstetag zu Roschhaschono kam er freudestrahlend zurück. Zwei Stunden vor seiner Ankunft war aber von höherer Amtsstelle ein Telegramm andie Artsbehörde und die Sektion gelangt: „Man lasse den Juden ihre Synagoge." Als die Gemeinde am ersten Roschhaschonotag voll Dank und Inbrunst das Gebet betete vom „Unrecht, das den Mund schließen möge, da Gott die Herrschaft des Uebermutes vom Erdboden tilgt," lag Jude! Spak daheim im Bette. Es war nicht allein aus Opposition gegen Gott und dessen, „klerikale Freunde", sondern einfach, weil er stark zerschunden und voller Wunden nicht aufstehen konnte. Er fluchte wütend, aber von einer Klage sah er ab, aus Scham vor der Oeffentlichkeit und seinen Genossen in der „Sektion". Im jüdischen Vurgenland. Don L. Woses. HI. 1. Oedenburg. dtowen L8t Owen. Der einst so belebte Bahnhof dieser uralten Stadt liegt öde und verlassen da und während der halben Stunde, die wir da am Fenster des plombierten Waggons stehen, spaziert auf dem Bahnsteig, der früher, in den Jahren der Vorkriegszeit von Offizieren und sonstigem eleganten Reisepublikum nicht minder belebt war als von ungarischem, Landvolk mit seinen unvermeidlichen Tragkörben —ein Hahn auf und ab und ein Grenzfinanzwächter gähnt ein paar Dienstminuten herunter. Der Bahnhof sieht in seiner Absperrung aus, als läge er im Kriegsgebiet unseligen Angedenkens, und wenn mir auch um die Offiziere der alten Armee nicht leid ist, deutet doch seine Verödung nur zu sehr darauf hin, daß auch aus der von ihrer reichen Umgebung abgeschnittenen Stadt alles Leben geschwunden ist. Das Schicksal dieser Hauptstadt ohne Land beweist deutlicher als ein Dutzend Abhandlungen die Schädlichkeit aller absperrenden- Grenzen für Wirtschaft und Freundschaft unter den Menschen. Die Natur kennt keine scharfen Grenzen und wenn man schon von natürlichen Grenzen spricht, so sollte man der Natur wenigstens nicht menschliche Engherzigkeit unterlegen, da sie über alle „natürlichen Grenzen" hinaus zeigt, daß in ihr in Europa und Asien, in Deutschland und Südafrika alles Leben denselben Gesetzen gehorchen muß. Leider mußten etliche Arbeiter und Juden, die schon jahrelang in Oedenburg gewohnt hatten, da sie rein ungarische Abstammung nicht Nachweisen konnten, dafür büßen, daß die sogenannte Völkerabstimmung zugunsten Ungarns entschied. Viele von diesen Vertriebenen haben in den nahen Orten des Burgen-landes ein neues Heim und, was man so eine Existenz nennt, gefunden. Der Zug nimmt auch beim Betreten und Verlassen des ungarischen Gebiets längeren Aufenthalt, da alle Waggonfenster ^untersucht werden müssen. Sollte, nämlich eines als beschädigt befundenwerden, so müßte noch vor dem Uebergang auf fremdes Staatsgebiet ein diplomatischer Akt eingeleitet werden und so etwas gehört — wie überhaupt die ganze Reise durchs Burgenland — zu den Dingen, die Weile haben wollen. 2. Eisenstadt. Vom Gebirge her winkt als Wahrzeichen der Landschaft die wohlbekannte Burg Forchtenstein und wir nähern uns langsam Eisenstadt, das malerisch auf Hügeln mit weinbewachsenen Hängen gelagert ist. Auch diese alte Stadt, die schon zur Römerzeit bestand und jetzt sogar Landeshauptstadt des Vurgenlandes ist, beherrscht ein Schloß des Fürsten Esterhazy. Westlich von diesem Schlosse erhebt sich eine große Wallfahrtskirche

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