Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 43 . und zwischen diesen Repräsentanten öer. Hauptmächte früherer Zeiten, der Kirche und des Feudaladels, eingebettet liegt das Judenstädtchen, einst die führende unter den Gemeinden des Landes, jetzt aber in vollem Niedergang begriffen. Es ist jammerschade um diese alte Gemeinde mit ihren stillen Häuschen, die oft über dem Haustor als Wahrzeichen ein Waschbecken und einen Krug eingemeißelt aufweisen, wenn einmal ein Levite, dessen Funktion im jüdischen Gottesdienst noch heute darin besteht, daß er dem Priester beim Händewaschen bedient, in diesem Hause gewohnt hatte, ähnlich den auch in dem rechts vom Schlosse gelegenen eigentlichen Eisenstadt an vielen Häusern in den Stein gehauenen Handwerks- und sonstigen Hauszeichen. Ueberhaupt macht dieses Judenstädtchen mit der Kette an seinem Eingang, die bei Eintritt des Sabbat geschloffen wird, und den leerstehenden Lehrhäusern den Eindruck eines Museums und es besitzt auch ein solches. In diesem durch die Privatinitiative eines großzügigen Sammlers entstandenen Museum, dem sich jetzt auch ein fachmännisch geleitetes burgenländisches Landesmuseum angliedert, ist von Funden aus der prähistorischen und der Römerzeit, die in Eisenstadt gemacht wurden, angefangen bis zu einer Sabbatstube und künstlerisch ausgeführten hebräischen Heiratskontrakten so ziemlich alles enthalten, was mit Eisenstadt oder mit seiner jüdischen Gemeinde in irgendeiner Beziehung steht. Aber es ist denn doch etwas eigentümlich, daß hier überhaupt ein Museum entstand, als sollte noch rasch möglichst viel von dem konserviert werden, was draußen bereits dem Untergang geweiht scheint. Denn mit dem letzten Talmudjünger hat Eisenstadt, wo einst ein Maharam Asch und ein Esriel Hildesheimer gewirkt hatten, vor einigen Jahrzehnten der altjüdische Geist verlassen . . . Da stehe ich nun an der Straße, die an der Judenstadt vorüber die innere Stadt mit der Vorstadt Oberberg verbindet, und betrachte die Ghettohäuser von der Rückseite. Wenige Fenster nur gehen nach dieser Straße heraus, da sogar das Recht, hier herauszublicken, nicht immer unbestritten war. Zu allen Zeiten aber ragte über alle Häuser des Ghettos die Synagoge mit der großen Fahne auf dem Dache hoch hinaus und erst der neuesten Zeit blieb es Vorbehalten, ihr diesen Rang durch eine auf dem Hause gegenüber angebrachte Antenne steitig zu machen. Kirche und Schloß repräsentieren auch in Eisenstadt die Mächte, die einst alles Leben im Lande beherrschten, und zu diesen die ganze Stadt überragenden Gebäuden gesellt sich am anderen, dem Ostende, die ehemalige MMär-Unterrealschule. Zuerst kam die Kirche und zivilisierte das Land in dem Ausmaße und nach den Begriffen, die zur Zeit der karolingischen Kaiser in West- und Mitteleuropa herrschten. Dann mußten die Waffen der Ritter, da die Menschen ja nur äußerlich Christen geworden waren, den Schutz der Schwachen übernehmen; dieser Schutz wuchs sich zur Adelsherrschaft aus und schließlich wurde dieser individuelle Feudalismus durch die zentralistische Herrschaft der kaiserlichen Militärmacht abgelöst. Diese Militärrealschule ist durch die österreichische Verwaltung des Burgenlandes bereits in eine bürgerliche Mittelschule umgewandelt worden und vielleicht ist das der erste Schritt zu einer Entwicklung in umgekehrt^ Reihenfolge, die in stetigem Wachsen menschlicher Einsicht und Güte an die Stelle der Schulen, in denen das Waffenhandwerk gelehrt wird, Schulen der Erkenntnis, an die Stelle des Adels freien Edelsinn und in die Gotteshäuser wieder wahre Religion pflanzen wird. 3. Eine werdende Stadt. Knapp vor den Toren Wiens, da wo das Wiener Becken mit seiner ausnehmend günstigen Lage, seinen bequemen Verkehrswegen und einer intelligenten, leichter als in den anderen Gegenden anpaffungsbererten Bevölkerung schon in den ersten Versuchsstadien zur Schaffung einer österreichischen Industrie besonders geeignet erschien, liegt die Stadt Liesing. Diese Stadt, die, wie sie heute ist, diese offizielle Bezeichnung noch gar Der Israelit_• > nicht recht verdient, soll mit den benachbarten,! gleich ihr schon lange überwiegend industrialisierten Gemeinde Atzgersdorf, Alt-' und Neu-Erlaa und Siebenhirten in absehbarer Zeit zu einem neuen städtischen Gemeinwesen zusammengeschlossen werden. Die vier Gemeinden, die auch jetzt schon miteinander Zusammenhängen, werden sich dann zu einer organischen Einheit verbinden und, während sie schon jetzt knit ihren 30 000 Einwohnern Städte wie Wiener-Neustadt überflügeln, sich bei Verbauung ihrer großen freien Flächen zu einer Großstadt. entwickeln. Jndustrieorte haben selten eine Geschichte. — Wenigstens sucht man in ihnen in der Regel alles andere eher als historische Denkwürdigkeiten. Die vier Orte aber, die, wenn auch nicht mit amerikanischer Schnelligkeit, so doch in einem über den österreichischen Durchschnitt etwas hinausgehenden Tempo sich zu einem Groß-Liesing zusammenschließen, um vielleicht in einigen Jahrzehnten in Groß- Wien aufzugehen, haben eine Geschichte. Sie sind zumindest im 15. Jahrhundert schon längst bekannt und verdanken es nur den Türken-Jnvasionen, daß sie keine älteren Bauten aufzuweisen haben. Bei Atzgersdorf, das früher Ottokarsdorf hieß, hat man sogar Reste einer römischen Wasserleitung gefunden, die nach Vindobona führte, wie ja auch steute wieder in unmittelbarer Nähe des Ortes das Wiener Hochquellenwasser einen Aquädukt passiert. Die zweite Seite des Fünfecks, das das werdende Groß-Liesing bildet, ist Erlag, dessen Name (ursprünglich Erlenau und Erlach) schon auf frühmittelalterlichen Ursprung deutet. Schloß Erlaa freilich trägt den Charakter seiner theresianischen Gründungszeit deutlich zur Schau und sein Park war auch vor 100 Jahren eine Sehenswürdigkeit. Dieses Schloß gehörte einst einem Grafen Starhemberg, später Jerome Bonaparte und dem Herzog Elimax von Oldenburg, jetzt aber dem Baron Brenner und der Park,' der lange vernachlässigt gewesen war, bildet heute wieder eine wundervolle Oase in der Staubwüste ringsum. Die alte Feudalherrlichkeit ist natürlich längst verschwunden- und mit ihr — auch der Milchhandel als Haupterwerb der Dorfbewohner von Erlaa. An eine durch die Triester Reichsstraße gebildete, bisher noch offene Seite unseres Fünfecks schließt sich als vierte im langgestreckten Zuge des Straßendorfes langsam nach dem im Westen liegenden Liesing hinüberleitend Siebenhirten. Auch diese Ansiedlung von sieben Hirten, die lebhaft an Beerseba, die Stadt der sieben Brunnen im biblischen Palästina erinnert, ist, trotzdem sie außer der „Teufelsmühle" charakteristische oder historisch denkwürdige Gebäude nicht aufweist, schon im zwölften Jahrhundert bekannt. Die Herren von Siebenhirten sind im 15. Jahrhundert ausgestorben> und der Ort kam unter die Obrigkeit der Herrschaft Rodaun, während die Gerichtsbarkeit teils der Magistrat von Wien, teils der von Perchtoldsdorf ausübte. Heute ist auch Siebenhirten ein Jndustrieort und Liesing, das mit Atzgersdorf schon jetzt förmlich verwachsen, das Fünfeck schließt, ist mit seinen staubigen schlackenbesäten Straßen, den vielen Mietkasernen, dem mehr übel riechende Abwässer als Wasser führenden Liesingbach und seinen vielen Fabriksschloten das Urbild eines Fabriksstädtchens neuester Marke. Nur in den westlich gelegenen Teilen, in den nach Perchtoldsdorf und Rodaun führenden Gaffen besitzt Liesing Landhäuschen mit Vorgarten und einen größeren Park; dort steht auch an der Stelle einer aus dem 15. Jahrhundert stammenden Mühle das schöne Rathaus und das im Jahre 1876 von der Gemeinde Wien erworbene und in eine Versorgungsanstalt umgebaute Schloß. In den Jahren 1529 und 1683 wurde Liesing gleich allen anderen Ortschaften der Gegend durch die Türken verheert. Auch die Kirche, die dem Stifte St. Dorothea in Wien unterstand, war niedergebrannt und notdürftig wieder aufgebaut worden, wurde im Jahre 1849 aber durch eine Windhose zum größten Teil abermals zerstört. Es ist nur ein kleines, sehr bescheidenes Kirchlein mit einem unscheinbaren- Turm, das da mit der Stirnseite dem Osten zugewandt steht und mit seinen drei- oder vierhundert Plätzen für eine Be- __25 Oktober 1928 I völkerung von mehr als 10 000 Seelen gewiß nicht genügt. Dieses Kirchlein steht in der Nähe der Stelle, an der sich einst eine Kapelle befand, in deren Stiftsbrief Albrecht V. am 12. September 1432' den Einnehmern der Jüdensteuern zu Ober¬ und Niederliesing mitteilt, daß er die Judenfchulden, so ihm die genannten Leute (sämtlich Christen), gesessen daselbst zu Ober- und Niederliesing, schuldig sind, durch Gottes Willen zum Bau einer Kapelle bestimmt habe, und ihnen aufträgt, sich um dieselbe Geldschuld nicht zu bekümmern und sie aus dem Judenbuch zu tun. Es waren also, wie aus dieser einzigen Quelle hervorgeht, nicht nur in Perchtoldsdorf und Mödling (worüber andere Berichte vorliegen), sondern auch in Liesing bis zu ihrer allgemeinen Vernichtung und Vertreibung im Jahre 1420 Juden, und zwar m größerer Anzahl als heute ansässig gewesen, deren Vermögen der Herzog einzog, und unweit dem Liesinger Kirchlein, dessen Vorgängerin zum Teil aus Judengeld erbaut worden, befand sich — zwischen Liesing und Siebenhirten — nach Grund, „Die Verändreungen der Topographie im Wiener Wald und Wiener Becken" eine „Judenwiese". Es wird dunkel und ich gehe am Friedhofe von Erlaa vorüber. Ihm gegenüber liegt ein neuer Sportplatz und neben diesem ein Gasthaus, aus dessen Fenstern Tanzmusik dringt. Dieses Gasthaus nun trägt das vielsagende Schild „Zum Mittelpunkt der Welt", und tatsächlich fühle ich mich hier ein wenig am Webstuhl der Zeit. Welche Möglichkeiten birgt der Schoß dieser werdenden und wachsenden Stadt und welche Geheimnisse, sind, in dem nur halb für unser Auge gelüfteten Schleier ihrer Vergangenheit verborgen? Im „Mittelpunkt der Welt" vermeinen sie alle zu stehen, die Menschenkinder, die da in Tanz und Spiel ihre Jugend genießen und ein neues, größeres und freieres Gemeinwesen schaffen werden, - um dann einmal da drüben auf dem Kirchhofe den ewigen Schlummer der Resignation zu schlafen. Gespenstisch sehe ich auf dem großen freien Felde in der Mitte des Fünfecks zwischen Liesing und Siebenhirten die Flammen eines Hausens dürren Kartoffelkrauts aufflackern und da scheint es mir, als lebten in diesem Feuer noch die Seelen jener Juden, die vor 500 Jahren als Opfer eines mit Aberglauben gepaarten Fiskalismus auf dieser Judenwiese gelitten und deren Gräber sich dort befunden haben mochten. Vielleicht liegt nur in diesem Gedanken an die Vergangenheit mitten im Uebergang zu froher Zukunft, im Schauen des Gewesenen und des Kommenden zugleich der Mittelpunkt der Welt! Wochenkalender. v. 27. Ott, bis 3. Nov. 1928. ‘ v. 13. - 20. Marcheschwan 5889. Samstag Ott 27 13 Sonntag 28 14 Montag 29 15 Dienstag 30 16 Mittwoch 31 17 Donnerstag Nov 1 18 Freitag 2 19 Samstag 3 20 a"fn pa-ü» 8->'i Briefkasten. «£. M. in W. Mitteilungen über den Brauch, am nnw eine Jomkippurkerze in der Synagoge brennen zu laffen, gehen uns von vielen Seiten zu. Besten Dank. M. A. in -Lika«. Betrag eingegangen und für Abonnement verbucht. Zahlung erst ab 1. 12. nötig. K. O. Straßönrgj, Betrag eingegangen und für Abonnement verbucht. -L. St. in W. Das hat mit dem Trauerjahre, sofern kein Konzert im Lokale ist, nichts zu tun. S. K. in K. Nach unserer neuesten Notiz über Gelatine ist hierbei größte Vorsicht geboten. Aamiliennachrichle«. B» arm izwo: Erich, Sohn des Herrn Dr. L. Hausmann. Basel, Leimenstraße 69. *]V 's. Silberne Hochzeit feiern Herr und Frau Müller, geb. Frieda Kaufmann, Straßburg, den 28. Oktober.