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Der Israelit · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 43 Der Israelit 23. Oktober 1929 jüdische Sonderfchau ihre Tore geschlossen. Kurz vorher hatte Herr Justizrat Dr. Vodenheimer, der erste Vorsitzende der „Jsop", den Vorsitz niedergelegt und sich nur auf dringende Vorstellungen hin bewegen lassen,, seinen' Entschluß vorerst wieder rückgängig zu machen. Dieser auffallende vielfach kritisierte Schritt hat feine Ursache in der finanziellen Katastrophe, die beinahe einem regelrechten Konkurse gleichkam. Zur Zeit schweben Verhandlungen zur Deckung des Defizits zwischen der Kölner Synagogengemeinde und der Berliner Gemeinde einerseits und dem Landesverbände andrerseits, deren Ergebnis abzuwarten ist. Betrachtet man noch abschließend die vielfach im internen Kreise vor sich gegangenen Differenzen, so ist die ganze Aktion — finanziell wie ideell —als ein Fiasko zu werten, dessen gewaltige Aufwendungen einer besseren Sache zur Ehre gereichten. Oesterreich. Der Mampf um hie Kultusgemeinde. Wien, 19. Okt. Die „Jüdische Presse" veröffentlicht folgende interessanten Ausführungen, die die bevorstehenden Neuwahlen in der Kultusgemeinde-Wien behandeln: Am 2. Dezember d-s. Js. findet die Neuwahl des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien statt. Knappe sechs Wochen trennen uns von einem Ereignis, das tief bedeutsam für die Entwicklung und Gestaltung der Verhältnisse in der zweitgrößten Judengemeinde Europas sein kann. Seit ungefähr zwanzig Jahren wird um die Wiener Kultusgemeinde ein heftiger Kampf geführt. Die Zionisten waren es, die von der berühmten Parole Herzels: „Erobert die Kultusgemeinden" geleitet, ins Feld gezogen waren, um von dieser berühmten Gemeinde Besitz zu ergreifen. Besonders gefährlich war die Situation unmittelbar nach dem Weltkriege, wo einerseits die innere Zerrüttung, andererseits die Hochflut zionistischer Begehrlichkeit befürchten ließen, daß die Wiener Kultusgemeinde — deren zu jener Zeit neugewähltes rabbinifches Oberhaupt ebenfalls ein eifervoller Zionist war — restlos zionistische Domäne werde. Die Befürchtung einer radikalen Zionisierung der Kultusgemeinde veranlaßte seinerzeit die bisher aus religiösen Gründen abseits stehenden Führer der Orthodoxie, sich um das Schicksal und um die Zukunft der Wiener Kultusgemeinde zu kümmern. Es war damals nur selbstverständlich, daß die kleine orthodoxe Gruppe in der Kultusstube an jene große Partei sich anlehnte, die vom orthodoxen Standpunkte aus am wenigsten zu fürchten war. Diese Partei war die Gruppe der „Union". Die alten „Liberalen", die einst so heftig gegen die Orthodoxie gewettert haben, haben nachher angesichts der zionistischen Gefahr entdeckt, daß gegen die Politisierung und Nationalisierung der Gemeinde, a l s o g eg e n die Volksgemeinde, als einziges Schutzmittel Pflege d te r religiösen Tradition u n d das Betonen des Kultus charakters der jüdischen Gemeinde anzusehen sei. Nun ist es aber unvereinbar, den religiösen Charakter der jüdischen Gemeinde zu betonen und gleichzeitig mit jenen in Feindschaft zu leben, die die einzigen wirklich opferfähigen Träger der jüdischen Religion und Tradition sind. Also kam im Jahre 1920 zwischen der Union und den Vertretern der vereinigten orthodoxen Wahlgruppen eine Arbeitsgemeinschaft zustande. Diese Koalition wurde anläßlich der Wahlen im Jahre 1924 durch diö Gruppe der Jüdischnationalen ergänzt, die es damals vorgezogen haben, der seinerzeit zum erstenmal auftauchenden „roten" Gefahr durch einen Zusammenschluß aller bürgerlichen Parteien zu begegnen. Als nun während der Amtsperiode des Vorstandes klar zutage trat, daß die „rote" Gefahr gar nicht so bedrohlich sei, da lockerte sich allmählich das Gefüge der Majorität, und die Zionisten, die gerne zu den Vorzügen des Regierens auch die Popularität der Opposition gesellten, schufen hiermit die eigenartige Situation, daß nach außen hin die bedrohlich fuchtelnde Linke gezeigt wurde, während im Innern die Rechte die Regierungsgeschäfte miterledigen half. Also wurstelte man sich bis zu Ende der gegenwärtigen Funktionsperiode durch und nun stehen wieder , die Neuwahlen vor der Tür. Soviel steht bereits fest, daß die Union, die Zionisten und die Sozialisten! in drei verschiedenen Wahlgruppen auftreten werden. Unbestimmt aber ist bis zum heutigen Tage die Stellungnahme der Orthodoxie, deren Stellungnahme für uns orthodoxe Juden von größtem Interesse ist. Es müßte wohlerwogen werden, ob es für die Orthodoxie vorteilhafetr ist, mit änderen Gruppen gemeinsam aufzutreten oder ob es nicht an der Zeit wäre, sowohl aus' prinzipiellen wie' aus taktischen Gründen einmal wieder Äs eine selbständige Gruppe auf Grund eines orthodoxen Programmes um die Stimme der Wähler zu werben. Noch mehr aber als diese mehr technischen Momente sollte die Frage geprüft werden, ob es denn nicht möglich wäre, alle orthodoxen Gruppen und S ch a t t i e.= rungen zumindest in b e z u g a u f die Arbeit in der Ku lt u s ge me in de auf eine einheitliche Linie z u bringen. Es sind dies Fragen, auf die man gerne eine Antwort hören möchte. Leider ist es ungeheuer schwer, zu sagen, von wem diese Antwort erfolgen soll. Die orthodoxen Vertreter im Vorstände haben es in ganz unverantwortlicher Weife bisher nicht für nötig befunden, auch nur ein einziges Mal ihre Wählerschaft über ihre Arbeit, über ihre Kämpfe und Erfolge in der Kultusstube zu informieren. Sie haben es nicht für nötig gehalten, ihre Wähler und die jüdische Oeffentlichkeit über die Prinzipien aufzuklären, die sie bei ihrer Arbeit in der Wiener Kultusgemeinde vor Augen hatten, und welche praktischen Resultate sie dort zu erstreben hofften. Wenn diese Taktik schon für die Vergangenheit schädlich war, so muß es noch mehr wundern, daß knappe sechs Wochen vor der Wahl, noch immer von geheimen Konventikeln, Unterhandlungen und Konferenzen zu hören ist, und kein klares, offenes Wort, keine öffentliche Aufklärung und Befragung der Wählerschaft für notwendig empfunden wurde. Diese Taktik kann nur so verstanden werden, daß durch Unterhandeln und Konferieren Zeit verstreiche, so daß es zu spät wird, irgend einen freien Beschluß zu fassen. Mögen diese Fragen und Feststellungen nicht als Mißtrauen gegen die bisherigen Vertreter der Orthodoxie im Kultusvorstande aufgefaßt werden. Wenn wir aber auch das größte Vertrauen zu ihrem Können und Wollen hegen, so muß es doch ganz klar und deutlich gesagt werden, daß es ein schwerer Fehler ist, die Wähler, die orthodoxen Gruppen und hauptsächlich die orthodoxe Jugend zu bagatellisieren, die Klarheit der Prinzipien zu trüben und die organisatorischen Bestrebungen der Orthodoxie zu hemmen. Noch ist es Zeit, die größten Fehler gutzumachen. Hoffentlich haben die Führer der Wiener Orthodoxie nicht nur für die Notwendigkeiten der Kultusgemeinde, sondern auch für die Wünsche ihrer Wähler und für die Bedürfnisse der orthodoxen.Massen etwas Verständnis übrig. Palästina. Regen in Palästina. . Jerusalem, 16. Okt. Wenige Tage nach dem Sukkausfeste überzog sich der Himmel mit Wolken und es kam leichter Regen über die Stadt. Aus anderen Städten, besonders in Nordpalästina wird berichtet, daß dort erwünschte Regenmengen herabgekommen sind. In Tel-Awiw und den Kolonien ringsherum merkte man vom Regen wenig. Zwischen Jerusalem und, Jaffa war der Regen nicht genügend.! Die Araber verbauen die klagemauer. Je r u sa le m , 19. Okt. Die Araber fahren fort, die Klage mau er zu verbauen. Die Bauarbeiten, die sich bisher auf > die obersten Teile der Mauer beschränkten, '-werdenjetzt an der, linken. Planke der.Mauer fortgesetzt;; Der Waad Leumi (Nationalrat der Juden Palästinas) hielt eine zweite Sitzung ab,, in der über Maßnahmen zur Abwehr des arabischen Streiches beraten wurde. Die Versammlung verlief sehr stürmisch. N. M. U s si s ch k i n setzte sich für die Ergreifung radikaler Maßnahmen ein, um eine Einstellung der Bauarbeiten zu erwirken. Wladimir Iabotinsky, der zum ersten Male feit seiner Wahl zum Mitglied des Waad Leumi an einer Sitzung teilnahm, bestand darauf, daß der Waad Leumi unmittelbar mit der Londoner Regierung und dem Völkerbund in Genf in Verhandlungen treten solle, ohne sich der Zionistischen Exekutive als Mittler zu bedienen. Diese direkte politische Tätigkeit mit London und Genf soll eine permanente werden. (Die Arbeiten an der Mauer wurden inzwischen eingestellt.) Aus Petach Tikwah. Petach Tikwah, 15. Okt. Der Mutterkolonie Petach Tikwah ist keine Ruhe gegönnt. Die Obstruktionsstellung der Arbeiteroertreter im Gemeinderat dauert an und lähmt seine Arbeiten. Das geplante I u b i l ä u m s f e st wurde aus diesem Gründe bis zum Peffachfeste verschoben. Die kommenden Sitzungen werden hinter geschlossenen Türen vor sich gehen. Personalien. Iakob Drucker Hamburg, 16. Oktober. Am Mittwoch abend, mitten in den Sukkostagen, hat die Israelitische Gemeinde Hamburg einen ihrer besten Söhne verloren, dessen Persönlichkeit weit über Hamburgs Grenzen hinaus gekannt und geehrt wurde; Jakob Drucker ist nicht mehr. Mit Jakob Drucker ist ein Mann von besonderer Art dähingegangen, der als Mensch, wie als Jude ein charakteristifches Gepräge aufwies und in seiner Lebensauffassung, wie auch in seiner Berufsarbeit vorbildlich gewirkt hat. . Aus kleinen Anfängen verstand er es, sich bis zur achtunggebietenden Höhe herauszuarbeiten. In Bosnien, wo er zuerst sein Geschäft etablierte, hatte er sich besonders unter den fpaniolischen Juden viele treue Freunde erworben, die ihm bis an sein Lebensende ihre Freundschaft treu bewahrten. Als er dann später sein Geschäft in Hamburg begründete, gewann er auf seinen weiten Reisen im Norden wie im Süden Europas neue Freunde hinzu. Auf seinen Touren hatte er Wochen hindurch mit großen Entbehrungen zu kämpfen, da er v"'i-v2L> und die füdifchen Speisegesetze auch in diesen Einöden. befolgte und zu Pferde, im Schlitten und auf Maultieren reisen mußte. Es dürfte wenig Kaufleute geben, die ein solches umfassendes Wissen in Geschichte, Genealogie und Erdkunde aufweisen könnten, wie Jakob Drucker, durch das er selbst Universitätsprofessoren in Erstaunen setzte. Dabei kannte er sich in vielen Sprachen aus und war hierdurch auch in der Kultur dieser Völker zu Hause. Ein Zug seines Wesens war aber für feine Persönlichkeit charakteristisch, die innige Verbindung seiner feinen Weltbildung mit tiefer Religiosität, für die er jedes Opfer brachte. Vor dieser geschlossenen jüdischen Persönlichkeit empfanden seine jüdischen wie christlichen Freunde nur Hochachtung und höchste Anerkennung. Seine Auffassung des jüdischen Pflichtenlebens begnügte sich nicht mit der Pflege der übernommenen Ueberlieferung aus dem Elternhause, er wollte selbst Tag für Tag, soweit ihm seine große geschäftliche Tätigkeit Zeit ließ, die Quellen des Thorägefetzes studieren und „lernen", in die ihn große Talmudgelehrte einführten. Am bekanntesten aber war sein Name in der Welt der vom Leben Enterbten. Hier wirkte sich seine Herzensgüte und Frömmigkeit in jener echtjüdischen Zedokoh aus, die in jedem Armen den jüdischen Bruder sieht, dem zw helfen nicht nur Ausdruck der Wohltätigkeit, sondern ün Akt der Gerechtigkeit ist. In Galizien wußte man, daß. „Jäntel Drucker" in Hamburg zu finden sei, wenn es galt, „eine Tochter auszugeben". Für Erez Jisroel, für Jefchiwos, für Kranke und Hilflofe hat er in reichem Maße gegeben, fein Maaßer richtete sich nicht nach der Grenze der Zahl. Bei allem Erfolge ist er für sich tief bescheiden und anspruchslos geblieben, für sich selbst hat er vom Leben nichts verlangt. Mit „kleinen Leuten" hat er stets wahre Freundschaft gehalten, sie' mußten an seinen Familienfesten teilnehmen, und waren ihm wirkliche Hausfreunde. Alle feine Tatkraft aber wurde durch die schwere Krankheit lahmgelegt, die ihn in der Blüte seiner Jahre befiel. Trotz aller aufopfernden Pflege seiner Gattin — einer Tochter des unvergeßlichen Hirsch Grünebaum ^"xr aus Schlüchtern — und seiner Kinder, war dieses schwere Martyrium nicht auszuhalten, das er mit beispielloser Geduld ertrug. ' Am Mittwoch abend jvdd rrn ging er in eine bessere-' Welt ein und am Freitag Morgen trug man ihn zu Grabe. i Der Name und die Persönlichkeit von Jakob Drucker b"XT wird in der Geschichte der Juden Hamburgs einen Ehren ilatz einnehmen. Das Bild seiner jüdischen Treue und opferwilligen Hingabe wird unvergeßlich bleiben. rraxsrv. Binaü b. Mosbach (Baden), 20. Okt. In der Rächt zum rwtpin wurde im Alter von 82 Jahren Frau Minna Eifemann geb. Böttigheimer, in die Ewigkeit abberufen. Ausgewachsen in einer frommen Umgebung in Kleineichholzheim, war sie ihr Lebenlang erfüllt von jüdischem Fühlen und Denken . Besonders bedacht war sie auf die religiöse Einstellung der Kinder und Enkelkinder. Trotz Abratens ließ sie es sich nicht nehmen, am letzten 11W2 oi' noch zu fasten. Ihr Heimgang, bedeutet für die ohnehin kleine Gemeinde einen besonderen Verlust, gehörte die Verstorbene doch noch zu jenem alten Schlage der wirklich edlen, rechtschaffenen, echt jüdischen Frauen. Die nii2p fand am „Simchas Dauroh" statt und mußte daher jede Klage und jeder Nachruf unterbleiben. Alle, die sie kannten, werden aufrichtig sagen können, das An-- denken einer Gerechten ist zum Segen. v"2xw Berlin, 24. Oktober. Herr Kantor H. L e m k y begeht n"'« am Sabbat den 3. November seinen 7 5. G e b u r tst a g. Gleichzeitig beginnt fein 40. Amtsjahr bei der Synagogengemeinde Adaß Jisroel zu Berlin, Artilleriestr. 31. Kassel, 12. Okt. Die Korsettfabrik W. u. G. Reumann feierte gestern ihr 50jähriges Bestehen. Die Fabrik hat in Deutschland und im Ausland äußer 2 Fabriken über 350 Filialen und Verkaufsstellen.. - -

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