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Der Israelit · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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25- Oktober 1928___ Worte der Begrüßung. Der Reichsminister bestieg die Tribüne und gab'im Namen der deutschen Reichsregierung folgende Erklärung ab: „Die Reichsregierung, inderen Namen ich spreche, ist sich mit Ihnen einig in der Entrüstung über die Vorfälle, die hier vorgetragen wurden, und im Schmerze, daß Deutsche Deutschen Derartiges haben antun könnend Wir alle, die wir hier versammelt sind, wissen, daß deutsch ist: wer nach Sprache, Sitte, Kultur'und Schicksalsgemeinschaft dem deutschen Vaterlande angehört: wir sind uns einig in der Verurteilung der Ausschreitungen, die deutsche Staatsbürger gegen deutsche Staatsbürger begehen. Wenn sich aber Haß und Irrwahn sogar gegen Tote kehrt, so geht das weit über allen Antisemitismus hinaus. Das ist nicht mehr ein Gegensatz zwischen Deutschen jüdischer Konfession und Antisemiten, sondern ein Gegensatz zwischen Mensch und Unmensch. Seien Sei überzeugt, daß die Reichsregierung gegenüber solchen Ausschreitungen ihre Pflicht tun wird als Hüterin der Ordnung und des Friedens und im Interesse des deutschen Ansehens im Ausland«, weil sie sich selbst in ihrem Rechtsgefühl durch diese Ausschreitungen aus das Tiefste und Schmerzlichste beleidigt fühlt. Sie haben darum recht getan, Ihren Protest in die Welt zu schicken. Die Regierung schließt sichdiesem Protest in jeder Hinsicht an." Dr. Brodnitz dankte dem Minister und der Reichsregierung für diese Bekundung der Solidarität mit den Mitbürgern jüdischen Glaubens und betonte, daß dieser Kamps gekämpft' wird nicht nur im Interesse des Judentums, sondern in dem Bewußtsein, daß man damit dem ganzen deutschen Vaterlande dient. Man könne nicht aus dem Deutschtum das Judentum ausnehmen, ohne daß dem ganzen deutschen Daterlande ein Schaden zugefügt wird. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Berlin, Herr Kommerzienrat Gerson Simon, hielt eine Ansprache, in der er dem Central-Verein dafür dankte, daß er hier die geeignete Gelegenheit geschaffen hat, eine Sache, die jeden angeht, der Interesse an kultureller Entwicklung hat, in breiter Oeffentlichkeit zu behandeln. In welcher zweckmäßigen Weise der Kampf gegen Friedhossschänder und Zerstörer von Bethäufern geführt werden muß, mögen Berufenere entscheiden. Nur eins möchte er hervorheben, alle Maßnahmen, die getroffen werden, werden in ihrer Wirksamkeit so lange gehemmt sein, wie die allgemeine Rechtsprechung gegenüber den Uebeltäiern einen Grad der Milde walten läßt, der in keinem Verhältnis zu dem Grade der Niedrigkeit der Gesinnung stehr. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil erinnerte an die zahlreichen Dekrete, die in der Vergangenheit gegen Schänder jüdischer Friedhöfe erlassen, und in denen den Schändern sogar Todes- und Vermögenseinziehungsstrafen angedroht worden waren. Direktor Hugo Ostbe r g sprach von den Leiden der kleinen jüdischen Gemeinden, di-e die große Mehrheit der im Preußischen Landesverband zusammengeschlossenen 720 Gemeinden bilden. Von warmem Beifall begrüßt, ergriff nun der Präsident des P r e u hi s ch e n La n d ta g s, Bartels, das Wort. „Beschämend und niederdrückend sind diese Vorgänge, die so sehr dem deutschen Volksempfinden widersprechen. Wir stehen in gemeinsamer Front mit Ihnen und sind mit Ihnen einig in der Verurteilung und in der Verabscheuung dieser Taten. Alle ehrliebenden 'Bürger sind in dem Proteste auf Ihrer Seite." Staatssekretär Heltscher sprach im Namen des preußischen Justizministeriums und wies auf den kürzlich erschienenen Erlaß des Justizministers Schmidt hin. Polizeivizepräsident Dr. Weiß sagte, der Polizeipräsident von Berlin und der preußische Innenminister seien leider verhindert, kn dieser Versammlung zu erscheinen. In ihrem Namen aber rufe er den Versammelten zu: „Seid überzeugt, daß Euch in Eurem Kampfe die preußische Polizei und das preußische Ministerium des Innern ihren starken Arm leihen!" Als letzter Redner legte der Schriftsteller Julius Vab ein Bekenntnis zum Deutschtum ab. Die Versammlung nahm einmütig eine Entschließung an, in der u. a. gesagt wird: „Die Tatsache, daß Judengegner zur Durchsetzung ihrer Ziele an Stelle geistiger Waffen rohen Uebersall, verbunden mit schweren Körperverletzungen' und Sachbeschädigungen, insbesondere Schändung von Grabmälern, anwenden, ist in so bedrohlichem Maße durch die - Ereignisse der letzten Jahre bewiesen, daß das öffentliche Gewissen aller Teile des deutschen Volkes aufgerufen werden muß, um bei aller politischen Verschiedenheit aus innerstem Billigkeitsgefühl herausdie dem Der Israelit Denken und Tun der Täter zu Grunde liegende Gesinnung als eine Schmach für Deutschland und die deutsche Kultur zu empfinden. Die Versammelten rufen das gesamte Volk zur entrüsteten Ablehnung der Untaten und zur Schaffung eines Geistes auf, der bei aller Freiheit der Meinungen eine Austragung von politischen Fragen nach den Begriffen von Recht, Sitte und Anstand fordert." Beratungen der gesetzestreuen Synagogengemeinden Preußens und Deutschlands. Berlin, 17. Okt. Am 10. Oktober traten in Berlin der Vorstand und Ausschuß des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands und die des Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Syuagogengemeinden (Sitz Halberstadt) zu gemeinsamer Beratung zusammen. Der Vorsitzende. Rabbiner Dr. Auerbach -Halberstadt, erstattete den Tätigkeitsbericht und gab eine Uebersicht über die Verhandlungen mit Reichs- und Landesbehördsn und mit jüdischen Organisationen. Zur Finanzlage lag ein schriftliches Referat des persönlich behinderten Kassenwarts, Herrn S. S t r a u ß - Halberstadt, vor. Ueber den Inhalt eines Entwurfs zum preußischen Judengesetz berichtete ausführlich Rechtsanwalt Dr. Birnbaum-Berlin. Was die zwischen den beiden Landesverbänden (dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Sitz Berlin, und. dem Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden, Sitz Halberstadt) geführten Verhandlungen über den Gesetzentwurf betrifft, so sei eine Unterbrechung eingetreten. Infolge der unerwarteten Einreichung eines Entwurfs an die Regierung seitens des Berliner Verbandes fei die sofortige Uebergabe des eigenen Entwurfs für den Halberstädter Verband notwendig geworden. Die weitere Entwicklung sei abzuwarten. Die Versammlung beschloß in diesem Sinne. Gegenstand weiterer Verhandlungen waren Subventionen, Ausbildung von Volksschullehrern, Religionslehrern und' Schochtim. Jüdische Reichsbeamke und -Angestellte an den Feiertagen dienstfrei. Berlin, 20. Okt. Wie der Herr Reichsminister des Innern der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des deutschen Reiches mrtteilt, ist für die Reichsbehörden die Anordnung getroffen worden, daß Anträgen von Beamten, Angestellten und Arbeitern, sie zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse an den drei höchsten jüdischen Feiertagen (den beiden Tagen des Neujahrsfestes und dem Tag des Versöhnungsfestes) ganz vom Dienst zu befreien, stattzugeben ist, soweit die Dienstverhältnisse es irgend gestatten. Die große Poale Zion-Kundgebung mit Wedgwood. Berlin, 15. Okt. - Im Rahmen der sechsten Landeskonferenz der Poale Zion in Deutschland fand am Sonntag, den 14. Oktober, abends, im Haufe der Jüdischen Gemeinde, wie bereits kurz mitgeteilt, eine große Kundgebung statt, bei der der frühere englische Minister, Unterhausmitglied Colonel Wedgwood, eine Rede hielt. Das Mitglied der Weltzentrale der Poale Zion, Herr Salman R u b a f chow, führte ungefähr aus: „Vor zwei Wochen protestierte die Leitung der Achduch awodah gegen ein Vorkommnis, das uns alle tief erschüttert hat: Ein englischer Beamter brachte am Versöhnungstage in unserem freien Land den Mut auf, vor der Klagemauer alte, betende Juden mißhandeln zu lassen. Wir bedauern, daß diese Protestbewegung um eine Sache entstand, für di e die Verwirklichung d es Z i o n is m u s irrelevant i(t; uns w ä re eine P ro t e stbe we g u ng u m die Bodenverteilung oder gegen die Einw an derungseinschränkung lieb e r. Der Weg des jüdischen arbeitenden Palästina war immer ein Weg der Freundschaft mit den Arabern. Allmählich gestalten sich auch freundschaftliche Verhältnisse zwischen uns und der arabischen Bevölkerung. Es scheint aber, daß jemand immer Interesse hat, daß diese Freundschaft nicht zustandekommt. Wir wollen aufrichtig, daß der arabischen Bevölkerung ihr Recht wird; wir wollen aber keinesfalls, daß dies auf Kosten der Rechte und der Freiheit der Juden geschehe. Die Labour Party, die für die Freiheit der Völker kämpft, wird uns in un erem Kampf um Freiheit Verständnis entgegenbringen. _Nr. 43 Seite 7 Di« Rednertribüne betritt nach stürmischem, langanhaltenden Beifall Colonel Wedgwood. Er sagt u. a.: „Ich freue mich, in den ersten Stunden meines Berliner Aufenthalts in Eurer Mitte zu weilen. Ich überbringe Euch die Grüße der englischen Arbeiterpartei, die keine englische Regierung ist, aber doch hofft und glaubt, einmal eine englische Regierung zu werden. Wenn auch Ereignisse, wie die an der Klagemauer es nicht gestatten, viel Erfreuliches über die gegenwärtige Lage Palästinas zu berichten, so stehe ich doch unter dem Eindruck meines letzten Besuches in Palästina, wo nicht alle Juden an der Mauer klagen, wo viele Juden des zweitausendjährigen Klagens genug haben und produktiv an dem Werden ihres nationalen Heims arbeiten, das Ziel der Befreiung vor Augen haben. Es ist dabei selbstverständlich, daß die Labour-Party das Unrecht an der Klagemauer mißbilligt. Wir Engländer haben die Aufgabe übernommen, an der Verwirklichung der zionistischen Idee mitzuarbeiten. Es wird vielleicht lange dauern, bis eine jüdische Mehrheit in Palästina zustande kommt, und bis der jüdische Staat geschaffen wird. So lange aber die Juden in der Minderheit sind, müssen wir dafür sorgen, daß in Palästina kein Parlament entsteht. Ich glaube, daß keine englische Regierung zu einem Parlament ihre Zustimmung geben wird, das die Errichtung des National Home gefährden könnte. Ich habe den Eindruck, daß die Juden und die Araber freundschaftlich zusammen leben können. Die arabische Bevölkerung ist aber augenblicklich aus einer niedrigeren Zivilisationsstufe und kann von wenigen Intelligenzlern zu einem Kampf gegen das jüdische Siedlungswerk mißbraucht werden. Ich spreche hier unter Sozialisten. Im Rahmen der großen Aufgabe, die wir übernommen haben — die Verwirklichung des National Home — wollen wir dem jüdischen Volke verhelfen, einen jüdischen Staat zu bilden. Aber nicht einen Staat von Maklern und Händlern, sondern einen Staat mit einer produktiven arbeitenden Bevölkerung. Diese Idee kann verwirklicht werden, wenn der Zionistischen Organisation eine starke Arbeiterschaft angegliedert ist. Ich habe mich auf meinen Reisen, besonders in Amerika, überzeugen können, daß die Juden der Aufgabe eines solchen Standes gewachsen ist. Das Zentrale, bas ich an dem heutigen Abend zu sagen habe, ist dies, daß die Regierung in kürzester Zeit einen Kontrakt betreffend den Hafenbau in Haifa in Höhe von einer Million Pfund Sterling schließen wird, und daß es uns gelungen ist, fair wages (Minimallohn) durchzusetzen, so daß für die jüdischen Arbeiter gute Arbeitsaussichten bestehen. Bei der Frage der fair wages geht es darum, daß nicht der jüdische Arbeiter auf den Zivilisationsstand des Arabers heruntersinkt, sondern daß umgekehrt der Araber zum Zivilisationsstand des jüdischen Arbeiters emporsteigt." Präsident Dr. Oskar Cohn dankte Wedgwood für seine Ausführungen. Antisemitismus im Rheintande. Köln, 21. Okt. Nach einer Mitteilung! des Polizeipräsidiums sind die Nachforschungen nach den Urhebern der seinerzeit berichteten Zerstörungen auf dem Friedhof Bonnlor sowie auf dem Ehrenfelder Friedhof ergebnislos verlaufen. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft niedergeschlagen. Eine hier zirkulierende Nachricht, daß man behördlicherseits nicht mit der nötigen Objektivität oorgegangen sei, scheint unbegründet zu sein. Hoffentlich fiihren die seitens der preußischen Regierung gegen die Friedhofsfchändungen angeordneten Maßnahmen bald dazu, diesen Dunkelmännern das Handwerk zu legen. Ein recht unerquicklicher Zustand, der eine gewisse Beunruhigung in der Kölner Judenheit heroorgerufen hat, ist die neueste Erscheinung der völkischen Hetze. Auf dem Hohenzollernring, einem der verkehrreichsten Stadtteile, hat die nationalsozialistische Partei ein infolge eines jahrelang geführten Prozesses halbfertiges und verkommen ausschauendes Haus bezogen und für ihre Zwecke eingerichtet. Im Erdgeschoß ist eine „Großdeutsche Buchhandlung" eröffnet worden. Weithin leuchtet das Wahrzeichen, eine rote Fahne mit schwarzem Hakenkreuz auf weißem Felde, während die Fenster auf der ganzen Frontseite in gleicher Weise verziert sind. Ein hoch oben angebrachtes weißes Plakat mit der Inschrift: „Die Juden sind unser Unglück" ist jetzt mit Hilfe der Polizei gewaltsam entfernt worden, während man im übrigen diesem Treiben -gegenüber machtlos zu sein scheint. * * Am 15. Oktober hat die „Pressa" und damit auch die

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