Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 43__ allem sabbattreue Angestellte gehören und zwar aus der Basis gegenseitigen Vertrauens und der Würdigung der beiderseitigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten: das jüdische Publikum seinen Verpflichtungen gegenüber sabbattreuen Kaufteuten und Handwerkern sich bewußt bleibt, aber auch der schwerringende jüdische Konsument von ungerechtfertigter Belastung bewahrt bleibt. 3. Die zur Eröffnung neuer, der Sabbathut günstiger Erwerbszweige notwendige Umschichtung (Handwerk, Fabrik, Haus- und Landarbeit) darf nicht an irrigen 1122 -Begriffen unseres leingebürgerten jüdischen Gesellschaftslebens scheitern. Es ist elementarste jüdisch-moralische Pflicht oller, auf die gesellschaftliche Gleichordnung aller sabbattreuer Stände hinzuwirken. 4. Die Erziehung zur Sabbattveue im Berufsleben muß schon frühzeitig beim jüdischen Kind beginnen: a) vor der Gefahr des Besuches einer nicht einwandfreien jüdischen Schlllle kann nicht ernst genug gewamt werden; b) andererseits kann die — gesetzlich ermöglichte — Befreiung des jüdischen Kindes vom profanen Unterricht am Sabbat nicht hoch genug bewertet werden; c) der orthodoxe Rabbinerverband empfiehlt seinen Mitgliedern', dafür Sorge zu tragen, daß zum mindesten in den letzten Schuljahren aller jüdischen Schulen, auch der Religionsschul-en, die künftigen Absolventen und Absolventinnen neben der allgemeinen Berufsberatung in einem Spezialkurs mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Bedingungen der Saübathut im Wirtschaftsleben vertraut gemacht werden. 5. Die Generalversammlung des orthodoxen Rabbinerverbandes spricht dem Verband für Stellenvermittlung, Schomre Schabbos, ihre volle Sympathie aus. Sodann wurde an Hand von einer rabbinischen Kommission aufgestellter Richtlinien in die Besprechung! einer Reihe von Angelegenheiten, die mit on-w» mnt> Zusammenhängen, vor allem die Stellungnahme zu Eheschließung und Ehescheidung und Aufnahme von Proselyten, welche von liberalen Rabbinen vorgenommen werden, eingegangen. Die gefaßten Beschlüsse werden nochmals von einer dazu gewählten Kommission geprüft und dann einer weiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ebenso werden eine Reihe von Anregungen des Hamburger Speiseoereins, welche Herr Rabbiner Duck-efz-Altona vor-, trug, einer Kommission zur nochmaligen Durchberatung übergeben werden. Sehr starkes Interesse fand ein Bericht vom Büro für Schächtangslegenheiten über den gegenwärtigen Stand der Schechita-Frage. Auch hierüber fand eine sehr angeregte Diskussion statt. Im Anschluß daran begann die Nachmittagssitzung mit der Frage der Ausbildung der Sch 0 chtim, worüber Herr Prooinzialrabbiner Dr. C a h n-Fulda referierte. Die anwesenden Vertreter des gesetzestreuen Verbandes, der Freien Vereinigung, konnten im Anschluß an dieses Referat gemeinsam mit Herrn Rabbiner Dr. Joseph Breuer, dem Leiter der Frankfurter Jeschiwa, über die Verwirklichung der gefaßten Beschlüsse, bezüglich der Ausbildung der Schochtim an der Jeschiwa in Frankfurt a. M. referieren. Näheres wird hierüber noch bekannt gegeben. Anträge von Rabbiner I. H 0 r 0 o icz-Jerusalem bezüglich der Stellungnahme des orthodoxen. Rabbinerverbandes zum W a a d Harr A f ch k e n a f i in Jerusalem und zu dem dortigen Schul werk der Agudas Jisroel wurden angenommen. Ebenso wurde ein Beschluß gefaßt, durch Einsetzung >einer Spezial-Kommission die Frage der größeren Verbreitung palästinensischer Esrogim zu prüfen und entsprechende Maßnahmen oorzubereiten. Herr Dajan Posen referierte sodann über eine ganze Reihe höchst bedeutsamer praktischer religiöser Fragen, speziell auf dem Gebiet der Genußmittel und des Schabbos. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Probleme, die durch die Entwicklung der Technik akut geworden sind. In später Abendstunde wurde nach Erledigung einer Reihe organisatorischer Fragen dem Vorstand Entlastung gewährt und der bisherige Vorstand mit Kooptation von Herrn Rabbiner Dr. Wolf-Köln neu gewählt. Zum Ehrenmitglied des Vorstands wurde Herr Rabbiner Dr. C a h n - Wiesbaden einstimmig gewählt. Eine Reihe telegrafischer und brieflicher Begrüßungen wurde verlesen, u. a. eine von dem bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Dr. B 0 n d i - Mainz, sowie von Oberrabbiner Dr. Spitzer-Hamburg, Rabbiner .Der Israelit Dr. Biberseld - Berlin, Rabbiner Dr. Carl e b a ch«- Leipzig u. a. m. Mit einem Dankeswort des Leiters der Versammlung, Herrn Provinzialrabbiners Dr. Hirsch - s e l d - Gießen an die Teilnehmer der Dersammlnng, vor allem auch an die Israelitische Religionsgesellschaft für ihre vorbildliche Gastfreundschaft und an die Herren des vorbereitenden Komitees wurde die Generalversammlung geschlossen. Die Woche. Berlin. Die „Habima" feierte in Berlin ihr zehnjähriges Bestehen. Ansprachen hielten u. a. Arnold Zweig, Alfred K e r r und Generalintendant Leopold Jeßner. Zoppol. Der Zientralv e rband der deutschen Kurorte und Verkehrsbüros versandte ein Zirkular an die einzelnen Kurortleitun gen, in welchem diese ersucht werden, mit allen Mitteln danach zw streben, den Kurorten Rassenhaßpropaganda s e r n z u h a l t e n. Paris. In der Großen Synagoge „Victoire" zu. Paris wurde zum Gedächtnis der im Kriege gefallenen jüdischen Offiziere, Soldaten und Matrosen ein Gottesdienst abgehalten. Der Präsident der Republik hatte einen Vertreter entsandt, kischinew. Vor einiger Zeit drangen antisemitische Huligans in die Synagoge des beßarabischen Städtchens T s ch i t f ch m e l e, Kreis Ismail, während der Andacht ein, mißhandelten die Andächtigen und zerstörten die Inneneinrichtung. In der Nacht zum 8. Oktober veranstalteten dieselben Huliganseinen zweiten Ueberfall auf die Synagoge und steckten die Thora-Lade (Oraun Kaudefch) in Brand, 5 Thorarollen (Sifre-Thora) und viele andere Gegenstände verbrannten, der Gesamtfchaden betrifft mehr als eine Million Lei. Bukarest. Einbrecher suchten in der Nacht den reichen jüdischen Tempel Temeswars-, sowie die jüdische Synagoge in der Josephstadt heim und plünderten sie aus. Sämtliche Synagogenschätze, die in den Thoraschränken und in dem Almemor eingeschlossen waren, die Dalare der Rabbiner und die Spendenbüchsen wurden weggenommen. Der Gefamtfchaden beträgt mehr als eine Viertel Million Lei. Bukarest. In Gälatz verstarb heute im Alter von 86 Jahren Samuel Pineles, einer der ältesten Zionisten. An der Gründung der jüdischen Kolonien „Sichron Jaacob" und „Rosch Pinah" nahm er tätigen Anteil. Er gehörte zu den ersten Mitarbeitern! Theodor H e r z l s. Rom. Aus Livorno wird gemeldet, daß dort der Oberrabbiner von Pisa, Abraham Victor B en edetti, verstorben ist. Oberrabbiner Benedetti hat etwa 40 Jahre das Oberrabbmat in Pisa bekleidet. Jerusalem. In T e l - A w i w kam es zu einem großen Krawall, als in einer Vortragsversammlung der P 0 a >l e Zion Mitglieder des „Vereins zum Schutze der hebräischen Sprache" erschienen und das jiddische Referat verhöhnten und verhinderten, konmo. Der Innenminister hat auf administrativem Wege dem Stadt- und Kreischef, sowie dem Polizei chef von Wrlk 0 wischki einen scharfen Verweis erteilt und dem Gehilfen des Polizeichefs drei Tage Arrest zudiktiert, weil sie die bekannten antisemitischen Ausschreitungen geduldet haben. ' Die antisemitischen ' Rädelsführer befinden sich noch in Untersuchungshaft. London. Vom Zentralbüro der Zionistischen Organisation wird mitgeteilt, daß Dr. George Halpern am 1. November aus seinem Amte als Geschäfts führender Direktor der Jewish Colonial Trust scheidet. Newyork. Frau Nathan Miller; eine Jüdin, hat eine Stiftung in Höhe von 250.000 Dollar aus eigenen Mitteln zwecks Errichtung eines Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Literatur an der Columbia-Universität zu Newyork gemacht. — Die Erben des beim Untergang der „Titanic" ums Leben gekommenen Benjamin G u gg e n h e i m , ferne Enkel, der 14 Monate alte Benjamin Waldmann und der 4% Jahre alte Torence W a-l d m « n n, stürzten aus dem 13. Stock eines Hauses in Newyork und waren sofort tot. Ihre Mutter, Frau Wwldmann, ist die Tochter Guggenheims. Am Montag mittag gab die Synagogengemeinde Jsraelitifche Religionsgesellschaft den rabbinischen Gästen ein Festessen im Hotel Ulmann, das durch herrliche mm min gewürzt war. * * # __ 25. Oktober 1928 Frankfurt a. M., 23. Okt. Die auf der Generalversammlung des Orthodoxen Rabbinerverbandes gefaßte Resolution bezüglich der Kausel maarowi hat folgenden Wortlaut: „Der Orthodoxe Rabbinerverband in Deutschland hat mit tiefem Schmerz von den Vorkommnissen Kenntnis erhalten, die sich am vergangenen Jaum Kippur an der Kausel maarowi ereignet haben. Die Generalversammlung richtet an die gesamte g-esetzestveue jüdische Diaspora Zeinen flammenden Appell, nichts zu scheuen, um eine Wiederholung derarttger Vorkommnisse oder gar die Ausschließung jüdischer Beter von dieser heiligsten Stätte der Judenheit wirksam zu verhindern. Die Generalversammlung richtet an die Leitung der Agudas Jisroel die Aufforderung, mit höchstem- Nachdruck bei der palästinensischen Regierung, der Mandatarmacht und dem Völkerbund alle erforderlichen Schritte zu ergreifen, um das durch die Jahrhunderte gesicherte Recht des jüdischen Volkes ander Kaufe! maarowi unbeläftigt betenzu dürfen, Antastungen gegenüber zu verteidigen und zu erhalten und hierbei die rein religiösen Motive, die für die gesetzestreue Judenheit in dem Kampf um die Kaufe! maarowi ausschließlich maßgebend sind, in voller Klarheit zur Geltung zu bringen." Die Agudajugend zu den Vorgängen an der Kausel Maarowi. Frankfurt a. M., 23. Okt. Der Organisationsvorstand der Agudas Jisroel-Jugendorganisation hat sich in seiner letzten Sitzung auch mit den Vorgängen betreffend der Kausel maarowi befaßt, vor allem auch mit der Tatsache, daß es Aufgabe der agudistischeu Leitung fei, den Gefühlen, die die gesetzestreue Judenheit angesichts der dort sich! abspielenden Tatsachen bewegen, in der Oeffentlichkeit Ausdruck zu verleihen. Gerade die Agudas Jisroel als Vertretung des thoratreuen Judentums, sollte der ganzen Welt klar machen, wie tief die innersten religiösen Gefühle der ganzen Judenheit durch die Geschehnisse an der Kaufet Maarowi namentlich auch durch die neuen Bebauungspläne in deren Umgebung, verletzt werden. Die Jugend hofft, daß die Leitung der Agudas Jisroel schleunigst bei den maßgebendsn Instanzen vorstellig werde, um dahin zu wirken, daß die letzten Reste des Bes Hamikdofch und deren Umgebung, in einer Form erhalten bleiben, die dem Charakter ihrer Heiligkeit durchaus Rechnung trägt. (I. N.) Eine Kundgebung des Central-Vereins. Berlin, 19. Okt. Für Donnerstag den 18. Oktober, abends, hatte der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Sitzungssaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses zu einer Kundegbung geladen, deren Motto lautete: „Versündigung an der deutschen Kultur. Gegen Fri edhofsschändungen und rohe Gewalt". Der Einladung hatten viele Hunderte jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten Berlins Folge geleistet; Saal und Galerien waren dicht gefüllt. Der erste Vorsitzende des Eentral-Vereins, Hzrr Jüstizrat Dr. .Julius Brodnitz, begrüßte namens des Eentral-Vereins die Vertreter der Reichs- und der Staatsbehörden, sowVe den Präsidenten der Berliner Jüdischen Gemeinde und gab einen Rückblick auf die überhandnehmenden Schändungen jüdischer Friedhöfe, Devastierungen von Synagogen und rohen Angriffe gegen jüdische Bürger. Rabbiner Dr. L e 0 i - Mainz schilderte das Martyrium der Judenheit im Rheinland, das unter dem Terror eines rohen Hakenkreuzlertums steht. So lange die fremde Besatzung im Lande war, hatten sich diese Elemente feige verkrochen; unter der deutschen Verwaltung aber wagen es die Hitlerleute unter Kundgebung einer „Siegfriedgesinnung", die rheinische Judenschaft zu bedrohen, die nachweisbar seit Jahrtausenden auf dieser Scholle lebt und an allen Lasten, Leiden und Freuden des deutschen Volkes bis zu hundert Prozent teilgenommen hat. Macht nicht die Jugend krank, rief der Redner aus, die unsere Erlösung sein soll. Geheimrat Professor Dr. Blumenthal - Berlin sprach von den großen deutschen Kulturtaten, wie die Dr. Eckeners, die den Ruhm Deutschlands in alle Welt tragen. Taten, die durch Akte der Roheit und der Entmenschtheit verdunkelt werden könnten. Inzwischen war der Reichsjustizminister Dr. Koch im Saale erschienen. Der Vorsitzende Dr. Brodnitz richtete an ihn unter starkem Beifall der Versammlung herzliche