Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450537--75410-2532933- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Mohel 1× ep/1006163
OCR text
Der 8 * r « e li f 25. Oktober 1928 __ eben die Anschauung dieser Kreise als solche imd lasse den Misrachi damit in Ruhe. In Wirklichkeit liegen die Dinge viel tiefer. Ich verkenne absolut nicht die Gefahr dieser orthopraxen Einstellung; aber sie ist, richtig gesehen, eine Form der Kulturkrise innerhalb der gesamten gesetzestreuen Judenheit, eine Auswirkung des pK “jyt os; nnm-Problems, das eben doch -nicht so patentmäßig zu lösen ist, wie man bisher geglaubt hat, eine Krise, die dadurch herbeigeführt wurde, daß man zwei heterogene Kulturen miteinander verschmelzen wollte. Wer sich in den Kreisen der u n p o l i t i s ch e n gesetzestreuen Jugendbewegung etwas näher umsieht, der weih, wie geradezu erschütternd ernst man um diese Dinge rmgt. Darauf näher einzugehen, ist hier nicht der Raum. Daß es meiner Meinung nach gerade in akademischen Kreisen der Orthodoxie oft an der schöpferischen Kraft religiöser Gläubigkeit mangelt, die nun doch einmal zum Judentum gehört, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Das sind aber Fragen des höchst persönlichen, weltanschaulichen Weges und Ringens. Was hat das mit dem Misrachi zu tun? Glaubt man wirklich, daß diese religiöse Krise vor den Parteischranken der Aguda Halt mache? Man macht es sich doch gar zu bequem, wenn man aus den Misrachi als den ,/bösen Buben" hinweist, statt das- Problem an der Wurzel zu fasten, die Frage „Thora und Wissenschaft", „Glaube und Wissen", „Jüdische Kultur und Umweltskultur" von neuem aufzugreisen mit dem Ziel, de-nin Tat und Gesinnung auf dem Boden der Ueberlieferung stehenden Juden von innerer Harmonie und Geschlossenheit wieder zu schaffen. Das ist eine Aufgabe, die uns alle angeht,, die wir zur Fahne der Thora schwören, die aber mit der Frage Aguda—Misrachi nichts, auch nicht das Geringste zu tun hat. Wer diese Dinge vermengt, tut nicht nur dem Misrachi bitter unrecht, sondern er schädigt sich auch selbst, indem er W den Weg zur Erkenntnis der wahren Ursache HbengeNannter Krise versperrt und — was das Wichtigste ist — er schadet damit dem Ziele, das uns allen als Höchstes vorschwebt: der Wiederherstellung der Thora in ihrem alten Glanze. Wir geben den vorstehenden Ausführungen mit besonderer Freude Raum, weil es eine in den letzten Jahren höchst selten gewordene Erscheinung ist, daß ein Misrachist überhaupt noch den Mut und die Neigung hat, von einer weltanschaulichenGemeinsamkeitdes gesetzestreuen Judentums, die Misrachi und Aguda umfaßt, zu sprechen. Herr Dr. Grünfeld möge sich unter den führendm Geistern des Jung-Misrachi umsehen — er wird immer nur einer eifervollen Betonung innigster Solidarität mit den zionistischen Genossen unjüdischster Weltanschauung und einem schamhaften Verschweigen der religiös-dogmatischen Bindungen begegnen, die über alles Nationale hinqusgehen und Jahrtausende lang den tiefsten Einheitsgrund der Judenheit bildeten. Wir erzeugen keine Kluft, wir gewahren siemit trefslrnr Schmerze und kchrnen unsder Vogekftrauß-Politik, die Herr Dr. Grünfekd empfiehlt, nicht anschließen. Eben jetzt wird der Entwurf eines Programms der „Zeire Misrachi" veröffentlicht! Hand aufs Herz, Herr Dr. Grünfeld — ist es nicht erschütternd, daß in diesem Programm das spezifisch Religiöse fast gänzlich fehlt, daß ganz offensichtlich alles spezifisch Jugendliche, die WärmederBegeisterung zwar dem Sozialismus gilt, aber keineswegs der ganzen Thora, keineswegs dem Gottgedanken, keineswegs dem Thoralernen als höchster Lebensaufgabe des Juden! Nein-, wir können es — so schmerzlich uns der Gedanke ist — nicht für einen Zufall halten, daß es junge Misrachisten sind, die der „Orthopraxie" das Wort reden. Man zerreißt nicht ungestraft die Solidarität, ja, das Bruderband, das mit der „Orthodoxie strengster Observanz" verknüpft und man verleugnet nicht ungestraft das Primat der „Religion", um es durch den neuen Gä-nfefüßchen - Begriff „religiös - zionistisch" zu ersetzen. Wir behaupten keineswegs, daß der Agudismus die Probleme aus der Welt schaffe, mit denen jede ernste Jugend zu ringen hat; aber hier bleibt der Strom.von religiöser Innigkeit und von historischer Verbundenheit wirksam, der von brrmv' i*rra» von den rabb mischen Führern und von der Masse des m der v'vsn nnan verwurzelten Volkes ausgeht und es f e h l t dagegen die ungeheure Versuchung, die eigene „national-religiöse" Theorie sowohl dent' Bedürfnis der Einheit mit den gänzlich ungläubigen führenden Geistern des Zionismus als den nationalen und wirtschaftlichen Anforderungen, des jungzionistischen Palästina anzupassen. Wir wünschten, daß wir uns irrten und Herr Dr. Grünfeld recht hätte. Korrespondenzen « Hacbricimn. Deutsches Reich. Generalversammlung des Orthodoxen Rabbinerverbandes. Frankfurt a. M., 21. Oft. Nach über sechsjähriger Unterbrechung wurde , heute um 6.15 Uhr die Generalversammlung des Orthodoxen Rabbinerverbands im Hörfaale der Synagogengemeinde Israelitische Religionsgesellschaft eröffnet. Den Vorsitz führte in Vertretung des durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Rabbiners Dr. Bondi-Mainz Rabbiner Dr. Hirschfeld-Gießen. Er begrüßte die Anwesenden, betonte das straff geschlossene innere Prinzip, auf dem der Verband beruhe, und die schweren inneren Erschütterungen, die er in diesen 6 Jahren erfahren habe. In bewegten Worten gedachte er in erster Linie des Heimgegangenen Gründers und Leiters des Verbandes, des Manmes der eisernen Konsequenz, Rabbiner Dr. Salomon Breuer s. A. und dann der übrigen .Geschiedenen, Landrabb. Prof. Dr. Marx-Darmstadt, Dr. Meyer- Regsnsburg, Dr. E h r e n t r e u - München, Dr. Carleb a ch - Köln, Dr. Schiffer- Karlsruhe, Dr. R o j e n - b l ü t h - Fürth-Frankfurt a. M., Dr. Moses Marx- Darmstadt, Dr. Nathan Kahn- Darmstadt, Dr. Pa m - b er ge r-,Schönlanke. Die Versammlung hörte die Nach-' rufe stehend an. ■ , . >' Im Namen des Vorstandes und des Gemeinderats der Synggogengemeistde Israelitische Religionsaesellschaft hieß dann Herr■Älarcus Hirfch die Versä.mmhmg! trnlÜj kommen'und wimschte im Hinblick auf einen Cheschwan- Aufsatz von S. R. Hirsch ihrer Tagung guten Erfolg, f Aus dem Äanw «WiMest ReWWhaftsbericht ging 'hervor,daßan Stelle -der statutengemäßnach4 Salireri, also im Februar 1925 erforderlich gewesenen Neuwahlen, die durch Erkrankung des Vorsitzenden und andere hindernde Umstände unterbleiben mußten; der Vorstand sich durch Zuwahl von Rabb. Dr. Merz b a ch - Darmstadt und Rabb. Dr. Ansbacher -Wiesbaden kooptiert hatte: Innerhalb der Berichtsperiode wurde u. a. eine Resolution hinsichtlich des Frauenwahlrechts gefaßt, die in Palästina als willkommene Rückendeckung aus dem Westen begrüßt wurde, und wurden die Beschlüsse bezüglich der theoretischen Ausbildung der Schochtim durch Jeschiwah- Nr. 43 Seite 5 besuch in die Tat umgesetzt. Eine Reihe von Rabbinen und einige Jeschiwahdozenten sind dem Verband neu als Mitglieder beigetreten, ihre Gesamtzahl beläuft sich jetzt auf 5 0. Für Montag war ein Referat von Rabb. Dr. Manes- Schwabach über: „Religionswidrige Ehescheidungen, Eheschließungen und Proselytenaufnahme" vorgesehen. Verhinderung des Berichterstatters veranlaßte die Versammlung, eine aus den Herren Rabb. Du k e sz - Altona, K u n st a d t - Fulda, Dr. Wolf- Köln und Dr. Jacobsohn- Hamburg bestehende Kommission zur Erörterung dieser Fragen am Montag zu wählen. Ein Wunsch des als Gast anwesenden Herrn Hugo B o n d i, die Rabbinen möchten in ihrem Kreis für Nachwuchs an Mohelim durch Heranbildung geeigneter junger Leute sorgen, wurde freundlich ausgenommen. Zum Schluß wurde ein Brief von Dr. Moses Auerbach-Berlin verlesen, in dem die Anregung gegeben wird, der Verband möge den zuständigen Stellen gegenüber in einer Resolution' dte empörenden Vorgänge an der Küusek maarowi in Jerusalem bedauern und Forderungen ausstellen. Der Schriftführer des Verbands, Herr Dr. S. Ehrmann, machte dazu einige Mitteilungen. In Jerusalem überstürzten sich die Ereignisse derart, daß der'Moslemitische Oberste Rat jetzt beschlossen habe, den Zützling zur Kausel maarowi zu verbauen. Angesichts dieser Eröffnungen, angesichts der ferner erwähnten Tatsachen, daß die'amerikanisch-orthodoxen Rabbinen bereits Protest eingelegt haben und die Agudas Jisroel unmittelbar im Begriff fei, in London vorstellig zu werden, entspann sich über die Zweckmäßigkeit der vorgeschlagenen Resolution eine kurze Debatte, die damit schloß, daß zur Formulierung einer solchen für den nächsten Tag eine mehrgliedrige Kommission gebildet wurde Um 7.30 Uhr schloß die gut verlaufene Versammlung. * * * Nach der offiziellen Tagung fand am Sonntag abend eine geschlossene Sitzung statt, in welcher bis weit nach Mitternacht das Referat von Herrn Rabbiner Dr. A u e rb ach - Halberstadt über: „Die Lage der Orthodoxie in Deutschland" eingehend besprochen wurde. Der Referent selbst entwickelte in Ergänzung seines Referates eine Reche bedeutsamer Gesichtspunkte über die Beziehungen der beiden Gemeindeverbände. Die Rabbinen in den einzelnen Teilen Deutschlands legten die Verhältnisse in ihren Amtsgemeinden dar, auch, vor allem in Bayern und Hefs e n. Am Schlüsse der Aussprache wurde folgende Resolution einmütig beschlossen: „Der Verband orthodoxer Rabbiner Deutschlands fordert seine Mitglieder auf, für die Notwendigkeit der gesetzestreuen Gemeindeverbände in ihren Gemeinden aufklärend zu wirken und sie, soweit es noch nicht geschehen ist, zum Anschluß an diese Verbände zu führen." . Die Vormittagssitzung am Montag, den- 22. Oktober begann mit einer sehr eingehenden Aussprache über das Sabbat-Problem vor allem in wirtschaftlicher Hlstsicht. Herr Rabbiner Dr. Breslauer-Fürth gab noch einmal einen kurzen Auszug der von ihm bereits in! der öffentlichen Sitzung entwickelten, Gedankengänge. Nach mehr als zweistündiger Aussprache wurden eine Reihe von Resolutionen gefaßt, die sich teils an die Mitglieder des Verbandes selbst wenden, teils aber auch dazu bestimmt sind, der jüdischen Oeffentlichkeit bekanntgegeben zu werden. Von diesen Thesen seien vorläufig folgende. hervorgehoben: 1. Die Generälversammlung des orthodoxen Rabbinerverbände^ erkennt an, daß nur eine neue verständige seelische Einstellung des jüdischen Publikums zu den durch das. gegenwärtige Wirtschaftsleben für die unverbrüchliche Sabbathut gegebenen Probleme einen Erfolg verbürgen kann. 2. Die Generalversammlung ruft daher das soziale und moralische Gewissen aller jüdischen Menj:; schen auf, in Treue und Solidarität miteinander für die Hut des Sabbat ernzustehen und dafür einzutreten, daß in sabbattreue Geschäfte vor armelad