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Der Israelit · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 43 Der Aeraelit 25. Oktober 1928 gesunden hat? Unseres Wissens besteht in Hessen die Institution der Religionslehrerprüfung. Hat sich ein Lehrer dieser Prüfung unterzogen und hat er sie bestanden, dann frage man noch immerhin nach seinem Können, nach seiner Fähigkeit, nach seinem menschlichen und religiösen Charakter, aber nimmer nachdem Lande, wo seine Wiege gestanden hat. Die auf deutschen Schulen herangebildeten jüdischen Lehrer sollten sich diesen Kollegen nähern, und, sofern diese wirtlich das reiche Wissen besitzen, das man von einer östlichen Jeschiwo in der Regel mitbringt, etwas zu lernen suchen, um eigene Bildungslücken auszufüllen. Bei einem geistigen Austausch würden beide Teile profitieren. Auf keinen Fall sollten Lehrer, die auch das nin px oranxi* in Schule und Gemeinde zu lehren haben, s o von jüdischen Brüdern reden und schreiben. Wir glauben nicht ernstlich an die Konkurrenz, die vom Lehrer ostjüdischer Abstammung, — immer vorausgesetzt, daß er die volle Befähigung hat, — dem hessischen oder überhaupt deutschen Lehrer entstehen kann, eine Gefahr für das Judentum oder für die Gemeinde kann ein solcher Lehrer, der aus zwei Kulturen schöpft, ganz g e - w i ß nicht bedeuten. „Studenten und Pöbel" in Budapest. Diese hübsche Synthese leuchtet uns wieder in den Berichten der Tagespresse aus der ungarischen Hauptstadt entgegen. Dahinter stecken Krawalle, die, von der Universität ausgehend, sich auf die Straße erstrecken, von der Hochschule bis zur Gaste und Gosse; krankhafte Zuckungen, die vom Kopfe bis zu den Beinen sich über alle Glieder erstrecken und den ganzen Organismus erfassen. . „Es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend usw." Der Dämon Numerus clausus war in Ungarn leicht heraufzubeschwören, baninen können die Zauberlehrlinge im Kultusministerium die Geister, die sie gerufen haben, nicht. Nicht einmal ihr M e i st e r , der Bildungsminister Klebelsberg selber. Man erinnert sich, wie er seinerzeit in Genf den Numerus clausus für sein Land begründet, verteidigt und vertreten hat; wie er, da er damit in Genf kein Glück hatte, heimgekehrt, in Budapest die Prozentnorm in verschleierter Form zu erhalten wußte. Pöbel in Frack und Studentenwichs bekam Mut. Heute gehen dem Minister die chauvinistischen Jünglinge mit ihren anmaßenden Forderungen und dem Knotenstock, der diesen Forderungen die Nachachtung verschaffen soll, zu weit. Abre er ist hilflos. Er hatte aus eigener Machtbefugnis und eigenem Rechtsempfinden heraus dreizehn Juden über die unsichtbare Prozentnorm hinaus den Eintritt in die Lehrhallen verschafft, mit dem Resultate, daß sich die Welle von oben nach unten, von der Universitätsrampe auf die Gaste ergoß, bis zum Iudenviertel und zur orthodoxen Synagoge, wo am Freitagabend während des Gottesdienstes alle Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Die heilige Allianz zwischen Studenten und Pöbel wirkt sich aus und zeigt wieder einmal, daß wahre Bildung nicht unbedingt an höhere Schulweisheit gebunden ist. Die organisierte A r b e i te r s ch a f t in Ungarn, das sei zu ihrem Ruhme festgestellt, steht diesem Treiben fern und macht scharfe Front gegen die Roheiten und Pöbeleien von oben und unten. Die Juden selber werden nicht schwelgen. Und die Regierungs- und Polizeibehörden werden, wie immer und überall etwas spät, auf dem Posten sein. Aber kann Herr Klebelsberg sonderlich erstaunt sein, wenn sich eine Politik des latenten Ausschlusses einmal auf diese wenig rühmliche Weise offen auf der Straße auswirkt? Wird die Regierung endlich einsehen, daß man mit polizeilichen Maßnahmen keine Wunde heilen kann, die viel tiefer sitzt? Man proklamiere in aller Offenheit und Entschiedenheit das ungeschmälerte Recht des jüdischen Staatsbürgersauf die Hochschule, die ex mit seinen Steuern mit erhält, weiche in der Praxis nicht um ein Haar von dieser im kultivierten Europa selbstverständlichen Rechtsnorm ab. Dann hat man die Sumpfquellen zugestopft, aus den sich Fieberkrankheiten ergeben, wie sie heute den Organismus des ungarischen Staates vom Kopfe bis zu den Füßen erschüttern. Entwicklungen? (Eine Erwiderung und Mahnung.) Don Dr. I. Krünfeld in Mirzönrg. Es liegt mir eigentlich als überzeugtem Anhänger der jüdischen Jugendbewegung, als Esräer, gar nicht, in den politischen ^ageskamps der jüdischen. Presse einzugreifen. Aber als ebenso überzeugter Misrachist kann ich es nicht länger mit meinem Gewissen verantworten, in der folgenden Angelegenheit zu schweigen und ich glaube, damit vor allem denjenigen im Kreise des Misrachi aus dem Herzen zu sprechen, die es unter allen Umständen vermeiden möchten, daß der leider nun einmal vorhandene politische der politischen Arbeit fernzubleiben. Nun hatte sich aber kurz vor dem Amerikaflug das preußische Parlament auf einige Wochen vertagt; dadurch wurde es zu meiner Freude dem preußischen Minister des Innern, Grzesinsky, ermöglicht, persönlich als Vertreter des Reichsrats an dem Amerikaflug teilzunehmen. Gleichwohl, wollte Dr. Eckener, der mir noch vorige Woche bei einem Bankett zum Abschluß der ersten großen, über Holland und die englische Küste führenden 34 Stundensahrt des Luftschiffs, an der ich teilgenommen hatte, sagte, ich müßte unter allen Umständen mit nach Amerika kommen, diese Absicht noch verwirklichen. Er telegraphierte mir wenige Tage vor dem Start zur Amerikasahrt, ich solle aus alle Fälle nach Friedrichshafen kommen, freilich könne die Entscheidung über meine Teilnahme an der Fahrt erst im letzten Augenblick unmittelbar vor dem Ausstieg des Luftschiffes erfolgen. Die Gründe dafür setzte er mir in einem längeren Gespräch am Tage vor dem Start auseinander. Noch wenige Minuten vor dem Start am Donnerstag morgen, bei dem fast sommerliches Wetter herrschte, meinte Dr. Eckener zu mir, er gebe die Hoffnung noch nicht auf, mich mitnehmen zu können. Als sich aber nach dem Abwiegen des Luftschiffes herausstellte, daß in der Tat die Belastung des Luftschiffes die für den Aufstieg zulässige Grenze erreicht hatte, war Dr. Eckener aus diesen rein technischen Gründen nicht in der Lage, seine Absicht zu verwirklichen. Ich halte es für völlig ausgeschlossen, daß irgendwelche anderen Motive bei dieser Entscheidung auch nur in den Bereich der Erwägung gezogen worden sind." (Ein Baal Teschuba.) In Lodz erhielt am Rüstetag zum Jom Kippur der Inhaber des Manufakturwarengeschäfts Eckstein einen Einschreibebrief mit 50 Zloty. Der Inhalt des Schreibens lautete ungefähr: „Ich bekenne es, daß ich vor iy2 Jahren bei euch ein Stück Wollenstoff im Werte von 49 Zloty entwendet habe. Ich tat es aus großer Not, hatte aber bis jetzt Tag und Nacht keine Ruhe vor meinem Gewissen.- > Nun naht der Jom Kippur, so schicke ich euch hiermit die' 50 Zloty und bitte euch tausendmal um Verzeihung." Unterschrieben war der Brief mit dem Worte „Baal Teschuba". Der Brief machte in Lodzer Handelskreisen großes Aufsehen. Ein Symptom der Not, aber zugleich ein Beweis, daß man eine jüdische Seele nie verloren geben soll. fördert das Wohlbefinden. 1 Mä n weise Packüngsnachabmungen zurück-* Ouaiitäts- Moritz Wolf Zigarren Berantwortlich für den allgemeine« Teil und dar Feuilleton S. Schach noroitz» Frankfurt a. M.; Inserate 1.9?.: S.Schach« nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlar .Israelit", D.m.b.H., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Verlag»« Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. Riß innerhalb der Orthodoxie in -eine Kluft religiös-dogmatischer Art übergehe. ' \ Es ist nicht das erste Mal, daß der „Israelit" versucht, gewisse Tendenzen innerhalb der Orthodoxie, die darauf hinausgehen, dem jüdischen Ge-' setz eine einseitig nationale Fundierung zu Ungunsten des religiösen Elementes zu geben und die man mit dem wenig glücklichen Namen „Orthopraxie" belegt hat, in organischen Zusammenhang mit dem Misrachi, vor allem mit dem Jung-Misrachi zu bringen. Und der- „Israelit" fürchtet, daß diese Strömungen in den Reihen der Orthodoxie die Kluft zwischen den noch erweitern würde. Man fürchtet und führt selbst herbei, was man befürchtet. Man fürchtet die Kluft zwischen Agudisten und Misrachisten in religiös-dogmatischer Hinsicht und erzeugt diese Kluft erst durch die Behauptung ihrer Existenz. Es glauben es die Agudisten, es glaubens die Nichtagudisten und schließlich glauben es viele Misrachisten selbst und tun, als ob dieser Zwiespalt selbstverständlich wäre. Man baut Ideologien auf beiden Seiten, grübelt nach über die Idee des Agudismus, über die Idee des Misrachismus und weiß gar nicht, wie sehr man, oft aus reiner Opposition, sich weltanschaulich voneinander entfernt. ^ow:i np^na D’iia i^xi Es ist gewiß nichts dagegen einzuwenden, wenn Agudisten und Misrachisten zum Zwecke ideologischer Begründung ihres politischen Weges weltanschauliche Darstellungen des Judentums unter Zurückgehen auf seine Quellen geben. Man sollte aber dabei nicht den Eindruck erwecken, als ob es zwei gesetzestreue Juden tüm er gäbe, nämlich Agudismus und Misrachismus^ sondern umgekehrt gerade bei solchen Darstellungen besonders betonen, daß es das gesetzestreue Judentum ist, das uns weltanschaulich eint. Ich gebe zu, daß in diesem Punkt schon auf beiden Seiten gesündigt worden ist. Und nun zur Erscheinung der sogenannten „Orthopraxie". Mag sein, daß es Misrachisten gibt, die das Gesetz als rein national fundiert betrachten und die religiöse Fundierung, den göttlichen Ursprung der jüdischen Gesetze nicht betonen, oder gar bestreiten wollen. Aber was in aller. Welt haben diese einzelnen mit dem Misrachi als Grupp.enerscheinung zu tun? Und der Schreiber des Leitartikels „Entwicklungen" im Israelit (Nr. 41) will doch nirch feinen Einleitung „mehr oder, weniger organisierte Gruppen von einheitlicher Geisteshaltung beobachten". Gibt es denn nicht auch Agudisten, denen die Ueberzeugung von der Göttlichkeit der jüdischen Gesetze leider verloren ging und die nur noch „orthoprax" sind? Es ist mir aber nicht bekannt, daß irgend wann von Seiten der misrachistischen Presse etwa die Aguda oder die Agudajugend als Gruppenerscheinung für diese Strömungen bei einzelnen ihre'Anhänger verantwortlich gemacht worden wäre,' etwa in der Art, wie es der oben angeführte-Leitartikel im „Israelit" in Richtung gegen dem Misrachi tut. Und gibt es umgekehrt nicht auch viele Misrachisten, begeisterte Anhänger des Jung-Misrachi sogar, die wissen und nicht müde werden in ihrem Kreise .zu betonen, daß man mit n u r national fundiertem Gesetz vielleicht für sich selbst den Weg der Gesetzestreue gehen kann, aber damit am Ende der Traditionskette ist, daß man in der Erziehung zum Gesetz nur wirken kann, wenn man den Gesetzen ihre religiöse Glut und Inbrunst nicht raubt. Man schämt sich fast, solche Selbstverständlichkeiten auszusprechen. Daß es aber so weit gekommen ist, daß man es tun muß, ist das traurige Verdienst solcher Artikel wie der oben zitierte. Man wird mir erwidern, daß man wisse und immer auch betont habe, daß auch unter den Misrachisten sich befänden, die in Tat und Gesinnung sich auf dem Boden des überlieferten Judentums bewegten, aber die Tendenz führender Kreise im Misrachi ginge eben nach anderer Richtung.' Zunächst bestreite ich düs ganz entschieden; aber selbst w.enn dem so wäre, dann bekämpfe man

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