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Der Israelit · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der Jsraeltr Nr. 43 Seite 3 25. Oktober 1928 Wochenrundschau. n« Es geht Im gleichen Zone weiter. Man schreibt uns aus Mainz: In Nr. 40. des „Israelit" war die „Neutralität" des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens an Hand verschiedener Auslassungen seines Mitteilungsblattes kritisch beleuchtet worden, jetzt gibt die Oktobernummer dieser Monatsschrift wieder unliebsame Veranlassung, sich mit den hessischen Verbandsfraaen zu beschäftigen. —' Mußte man sich bei den unglaublichen Angriffen Dr. Dienemanns, deren offensichtliche Tendenz sich gegen diejenigen hessischen Gesetzestreuen wandte, die sich ihrem Gewissen folgend, dem Mainzer Verband nicht anschließen konnten, fragen, wie die vorb eh ältliche Aufnahme eines solchen „Jomkippur"-Artikels sich mit von maßgebenden Stellen des Verbandes geäußerter Verständigungsbereitschaft verträgt, so zwingt der Bericht über die G. V. des allgemeinen israelitischen' Landeslehrervereins zu besinnlichem Nachdenken darüber, wohin die Zusammenarbeit von Gesetzestreuen und Liberalen in einem einheitlichen Verbände unter Leitung von Männern wie Dr. Dienemann und Gesinnungsgenossen führt. — Wir sehen mit einigem Erstaunen, daß die Lehrer die von dem gesetzestreuen Verband angeregte Arbeitsgemeinschaft abgelehnt haben. Also diejenigen Oberratsmitglieder, von denen man doch immerhin einiges Verständnis für die Wesensart der Gesetzestreue hätte voraussetzen können, sind es, die von einer Arbeitsgemeinschaft nichts wissen wollen, die die Einheitlichkeit um jeden Preis fordern, die die Leitung des Mainzer Verbandes in seiner Forderung „Alles oder Nichts" stärken, ihnen ist es scheinbar nicht um die Arbeit, sondern mehr um die G e m e i n f ch a f t zu tun. — Aus dem Bericht entnehmen wir weiter, daß das Fehlen einer Einheitsfront der hessischen Lehrer miß den „besonders gearteten Verhältnissen Starkenburgs" begründet wird. — Worin und wodurch sind diese besonders geartet? Weil es in Starkenburg gesetzestreue Lehrer gibt, die der Führung und dem Worte ihres Raw folgen', in Oberhessen aber folgen die gesetzestreuen Lehrer nicht dem gesetzestreuen Rabbiner, sondern den liberalen Geistlichen des Mainzer Verbandes, sie haben sich nicht ihren gesetzestreuen Brüdern angeschlossen, Kleines Feuilleton. Das Kinderheim zu Wyk auf Föhr. Die Arbeit unserer jüdischen Frauen hat schon manches ruhmreiche Werk in unserer Mitte erstehen lassen. Auch ich kann heute von einer solchen schönen Leistung der Frauenliebe für unsere Kinder berichten, dem Kinderheim zu Wyk auf Föhr. Wyk ist eine von besonders mildem Klima begabte Insel im Wattenmeere, ein kleines Paradies, mit wundervollem Strande, mit einem ewigen Frühling, im Vergleich zu unseren wechselnden Witterungs- Verhältnissen. So ist es die richtige Stätte, um Kindern, die von -einer Lungenkrankheit bedroht sind, dasjenige Klima zu gewähren, wo sie zur vollen Kräftigung und Erstarkung ihrer inneren Organe gelangen können, und so erhebt sich eine Kinder-Heilstätte neben der anderen aus der Insel. Sommer und Winter können die Kinder hier am Strande und in Liegehallen die würzige, weiche Seelust einatmen, die so ganz anders ist als die scharfen Brisen der offenen Nordsee. Fetzt erhebt sich unfern des Südstrandes, des schönsten Teiles der Insel, das Kinderheim des jüdischen Frauenbundes mit herrlichen Liegehallen und Veranden, mit schlichten aber mit Sachkunde und Verständnis ausgestatteten Spiel- und Leseräumen, von einem Garten umgeben. Und ich kann nicht anders sagen, es ist eine rechte Heimat für jüdische Kinder. Mich führte der Weg dorthin, wett der Frauenbund von Anfang an es als seine Pflicht betrachtete, die Kinder des.Heimes in jeder Beziehung streng religiös zu führen, um SCHOKOLADE-PRALINEN^ sondern sind, ohne jede vorherige Fühlungnahme mit diesen zum Mainzer Verband übergegangen und sind damit unter Schwächung der gesetzestreuen Front dieser in den Rücken gefallen. — Das wird nun für alle, die es bisher vielleicht noch nicht gewußt oder nicht genügend beachtet haben, grell und blitzlichtartig durch die neueste Nummer des „Mitteilungsblattes" beleuchtet. — Wie ganz unglaublich aber die Verwirrung der Geister unter diesen Umständen schon geworden ist, das zeigt weiter dex Bericht des als orthodox bekannten Schriftführers des Landeslehrervereins, der in seinem Bericht von der „herrlichen" Synagoge in Offenbach spricht und wörtlich zu melden weiß: „Jn< gehobene (von uns gesperrt) Stimmung wurden die Teilnehmer versetzt, als die mächtige Orgel erbrauste. . ." Wir haben es wahrlich herrlich weit gebracht, wenn ein frommer Lehrer, der Erzieher unserer Kinder, eine Orgelsynagoge als „herrlich" empfindet und von Orgelklang in einer Synagoge in „gehobene Stimmung" versetzt wird. Jeder Jude, ob Lehrer oder nicht, der sich noch einen Funken normalen jüdischen Empfindens bewahrt hat, wird von Orgelklang in einer Synagoge a b gestoßen, aber der Berichterstatter der auf die Einheit um jeden Preis eingestellten 'gesetzestreuen hessischen Lehrer wird in gehobene Stimmung versetzt. Sie erreichen durch ihre Stellungnahme, daß der Abfall als eine dem überlieferten Judentum gleichberechtigte Richtung gewertet und das Judentum von Tauroh und Mizwaus zu einer dem Liberalismus gleichrangigen „Richtung" degradiert wird. — Wir fragen die Herren: •irutV dk nnK 12^.1 Allen, die nicht jedes Gefühl für die geschichtliche Wahrheit und für die Wahrheiten des überlieferten Judentums verloren haben, mögen sie sonst stehen, wo sie wollen, rufen wir zu: h1? ’ö Soweit die Zuschrift. W i r 'möchten bei dieser Gelegenheit auch nicht stillschweigend an einem anderen Punkte im Berichte über die „Generalversammlung des israelitischen Landeslehrerverbandes in Hessen" vorübergehen. In dem Geschäftsberichte heißt es nach Darlegung der wohlberechtigten Wünsche des Lehrerstandes u. a.: „Geschieht nichts und läßt man diese Dinge weiter so treiben, dann wird in absehbarer Zeit der Nachfolger des jüdischen, seminaristisch gebildeten Lehrers in Hessen der „ostjüdische Bochur" sein, der dann der geistige Führer und Kulturträger in den kleinen und Mittelgemeinden sein wird. Ob aber diese Herren, von welchen in letzter Zeit eine ganz erhebliche Anzahl zu uns nach Hessen gekommen ist, imstande sein werden, das Erbe unseres jüdischen Lehrerverbandes zu übernehmen, diese Frage bedarf in diesem Kreise keinerlei Beantwortung." Der Berichterstatter sieht darin „eine Gefahr für das ganze Judentum" und berichtet über einen Beschluß des Vorstandes, dem Oberrat einen Antrag zu unterbreiten, dieseFluteinzudämm en. Wir müssen schon sagen: Diese Sprache kälter Lieblosigkeit gegen Brüder und Standesgenossen klingt in Tönen und bestiegt sich in Ausdrücken und Wendungen, die fast an die Zeitschriften und Vortragssäle des bittersten Judenhasses erinnern. „Gefahr", „Ueberfremdung", „Ueberflutung", man kennt das. Sperrung der Grenze, Prozentn-orm oder Austreibung wären die natürlichen Konsequenzen. Es ist tief beschämend, daß Juden gegen Juden so schreiben, daß an sich berechtigte Standesinteressen> in solchem Maße in Dünkel und Engherzigkeit ausarten können. Kennt der Berichterstatter den „ostjüdischen Bochur", der mit einer Fülle von jüdischem Wissen einmal den Weg hierher und zur modernen Bildung, auch zur pädagogischen Ausbildung jeder Anforderung in dieser Hinsicht zu genügen. Aber ich habe noch, mehr gesehen als eine Küche, der man sich vom religiösen Standpunkt ohne Besorgnis anvertrauen kann. Ich traf hier einen Geist der Religiösttüt, der Liebe und der Freundlichkeit, ein kameradschaftliches Zusammenleben der Kinder untereinander und ein wohltuendes Verhältnis der leitenden Kräfte zu den ihnen anvertrauten Zöglingen, ein Haus voll fröhlichen Schaffens und von solcher jüdischen Atmosphäre, daß mir als altem Pädagogen das Herz aufging. Ohne daß irgendein Zwang geübt wird, ohne überhaupt erziehen zu wollen, hat dieser freundliche Geist, in dem sich echte jüdische Mütterlichkeit betätigt, die Kinder trotz der Verschiedenartigkeit des Milieus, aus dem sie stammen, zu einer einzigen Familie vereinigt, in der ebenso die ärztlichen Erfordernisse ihre gewissenhafte Erfüllung finden, wie das ganze Leben im Rhytmus eines jüdischen Hauses schwingt. Es ist ein Gesundbrunnen für Körper und Seele, wo die Kinder Kameradschaftlichkeit lernen, selbst mit Hand anlegen, um ein gemeinsames Leben sich zu zimmern, echt, wie es in einer Arbeitsschule sein soll, wo unter frohem Kinderlachen im Garten gearbeitet wird, die Burg am Strand von den architektonischen Fähigkeiten der Kinder Zeugnis ablegt, und wo ein prachtvoller Chor yon Kinderstimmen den Freitag Abend mit jüdischen Gesängen umgibt und die Kinder einen Gottesdienst stch selbst zu schaffen wiffen. Ich halte mich für verpflichtet, diese meine Eindrücke nicht nur für mich zu behalten, sondern der Oeffentlicbkeit mitzuteilen, um gleichzeitig meinen Dank und meine freudige Anerkennung der Leitung des jüdischen Frauenbundes auszusprechen für dieses Ruhmeswerk jüdischer Tätigkeit. Zu meiner Freude erfahre ich, daß zu dem Haus nvch ein Nachbarhaus hinzugekauft ist und dadurch die ganze Einrichtung einen breiteren und größeren Rahmen annehmen kann. Ich wünsche, daß es dem Frauenbund gelingen möge, seine Ziele erfolgreich durchzuführen und unserer Jugend zu ihrer körperlichen Ertüchtigung eine Stätte des Glückes und der Freude zu schaffen. C. (Warum Dr. Badt mit dem »Graf Zeppelin" nicht mitflog.) Ein Vertreter der ITA. hatte Gelegenheit. Herrn Ministerialdirektor Dr. Vadt über die Gründe seiner Nichtteilnahme an der Amerikafahrt des Luftschiffes „Graf Zeppelin" zu befragen. „Die Nachricht der „Voffifchen Zeitung", ich fei zum Start des Luftschiffes „zu spät" gekommen und hätte aus diesem Grunde Zurückbleiben müssen", erklärte Dr, Badt, „ist natürlich barer Unsinn. Sie hat es freilich verschuldet, daß ich mich in diesen Tagen der Telefonanrufe und der Zuschriften von Leuten, die alle das Bedürfnis empfanden, den „verschlafenen Amerikaflug" in mehr oder minder witziger Weise zu glossieren, kaum erwehren kann. Ebenso unrichtig ist die mir eben seitens einer meiner Freunde ausgesprochene Vermutung, es handle sich möglicherweise um eine auf antisemitische Motive zurückzuführende Aktion der Kreise um Dr. Eckener, die mich, den einzigen jüdischen Teilnehmer der Fahrt, im letzten Augenblick veranlaßt hätten, zurückzubleiben. Der wirkliche Sachverhalt liegt viel einfacher und harmloser. Als Dr. Eckener sich entschlossen hatte, einen Vertreter des Reichsrats als der Repräsentanz der 18 deutschen Länder zur Amerikafahrt einzuladen, konnte er annehmen, daß ich in meiner Eigenschaft als preußischer Reichsratsbevollmächtigter mit dieser Vertretung beauftragt werden würde. Man rechnete damals damit, daß die Herren «Staatsminister infolge ihrer starken parlamentarischen Inanspruchnahme keine Zeit finden würden, so lange

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