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Der Israelit · 1928-10-25 · Heft 43 (25.10.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 43 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 43 Der Israelit medaner geben, der eine Störung der heiligen Handlungen an diesem Tage nicht als Sakrileg empfände! Aber der Moslemi tische Oberrat hat — nach bekannten Mustern, von denen mir in diesem Zusammenhang nicht sprechen wollen —, mit Religion nichts zu tun, er repräsentiert die Vertretung her nationalen Interessen des arabischen Volkes. Diese nationalen Interessen müssen erst g ew e E t werden, die nationalen Leidenschaften a u f g e p e i t sch t werden, und der Roheitsakt an der Westmauer, für den man in englischen Beamten willige Instrumente fand, war mit ein Mittel zur Aufstachelung dieser nationalen Leidenschaften gegen die Juden. Diese Momente dürfen die Anwälte der jüdischen Sache, da sie sie vor dem Forum der Zentralregierung in London oder des Völkerbundes vertreten wollen, nicht außer Acht lassen. U n s e r S t a n d p u n, k t. Das Wort Bialiks scheint uns bezeichnend für die Situation und die grundfalschen Bahnen, die die Protestbewegung einschlug. Er spricht es nicht so kraß aus wie R u b a s ch o w, dem die ganze Maueraffäre irrelevant ist, aber auch ihn interessiert nicht so sehr das tiefverletzte religiöse Gefühl. Nicht dieses diktiere den Protest, sondern die Kränkung des N atio - n a l g e f ü h l s. Nationale Gefühle sind aber heute in Europa und im Orient sehr billig; eine Hochkonjunktur im Angebot. Im Sekretariat des Völkerbundes in Genf sammeln sich die Akten zuhauf, die in endlosen Schriftsätzen die nationalen Gefühle von zwei oder drei Dutzend kleiner Staaten, Völker und Minderheiten in Europa wiedergeben. Was würde es ausmachenwenn auch noch die Akten über „die verletzten nationalen Gefühle der palästinensischen Judenheit" zu den andern kämen? Sie sind dort gut aufgehoben. Sollte das Gewissen Europas geweckt, das H e r-z der derzeitigen Leiter der Völkergeschicke bewegt werden, so kann es nur dann sein, wenn die Stimme des verletzten religiösen Gefühls, der Notschrei eines Volkes, das in seiner Geschichte, in seinem Leben, in, seiner Hoffnung die Religion als einzigen Anker hat und es erleben muß, daß ein Religionsraub an eigenster und heiligster Stätte von Staatswegen an ihm vollzogen wird, ertönt. Nur solche Töne können heute noch Eindruck machen, weil sie echt und ehrlich sind. Gegen nationale Weheklagen sind die Ohren der Regierungsleiter bedenklich abgestumpft. Was Oberrabbiner Kuck, der Radziminer Rebbe u. a. gesagt haben, ist gut und wahr, rechte Der literarische Nachlaß eines schweizerischen Rabbiners. Reden und Aufsätze von Rabbiner Dr. A. Cohn, s. A. Von Lehrer Fröhlich in Baden (Schweiz). Im Verlag „Rimon" zu Basel ist dieser Tage ein Buch erschienen, das die Beachtung weitester jüdischer Kreise verdient. Es hat zum Verfasser den vor zwei Jahren verstorbenen Rabbiner Dr. Arthur Cohn >rrr in Basel, der das umfangreiche Buch noch auf dem Krankenbette redigiert und für die Drucklegung vorbereitet hat, das nun von seinem ältesten Sohn — Rabbiner Dr. Heinrich Cohn in Berlin — vollendet und in besonders vornehmer Ausstattung herausgegeben wurde.*) Gleich beim Oeffnen des Buches grüßt uns das Bild des Entschlafenen in lebendiger Vergegenwärtigung: Es ist, als ob die hellen klaren Augen, die so viel Gute ausstrahlten, einem ins Herz leuchten wollten, als ob der Mund, der so viel schöne heilige Thoraworte gesprochen hat, sich öffne, um sein Auditorium in hinreißender Rede für die jüdischen Ideale zu gewinnen. Es ist aber keine *) Von Israels Lehre und Leben, Reden und Aufsätze von Dr. A. Cohn s. A., Basel (493 Seiten, XVI) mit Porträt, in Ganzleinband gebunden. Preis Fr. 16.—. Verlag Rimon, Basel (Elisabethenstraße 11). Worte, aber am Unrechten Platz. Denn was im Rahmen des „Waad Leumi" in dieser Sache unternommen wird, trägt nationalen Charakter, und zu einer nationalen Sache darf die Protestbewegung aus oben angegebenen Gründen, schon unter rein praktischen Gesichtspunkten, nicht degradiert werden. Es war gewiß keine Eigenbrödelei von Rabbi Chajim Sonnenfeld, daß er der Einladung des Waad Leumi nicht gefolgt ist und sich seinem Proteste nicht angeschlossen hat. Er hat seiner Erbitterung und seinem Schmerze in einem eigenen Schreiben an die Regierung ergreifen dstenAusdruck verliehen, ynd in diesem Protestschreiben als einziger das tiefverletzte religiöse Gefühl zu Worte kommen lassen. Dieser Protestbewegung auf religiöser Grundlage sollten sich auch alle andern anschließen. Die Sache ist zu heilig und zu tragisch und trifft zu sehr das Gesamtjudentum in seiner.iQVi. als daß sie zu Parteizwecken ausgewertet werden dürfte. Was soll geschehen? Man hielt und hält noch in weiten Kreisen das Ganze für eine Geldfrage und man sagt: Wo bleiben unsere Großphilantropen, die Rothschllds, die Rosenwalds? Warum wird nicht eine V o l k s s p e n d e organisiert, um den letzten Rest unseres Heiligtums aus der Gefangenschaft zu befreien? Möglich, daß hier Erpresfungszwecke mitspielen und mit Geld einiges zu machen wäre. Aber auch dann ist die Lösung ohne politische und diplomatische Aktion nicht denkbar. Nach dem von England übernommenen Mandat hat die Palästina-Regierung die Verpflichtung, eine eigene Kommission zum Schutze der Heiligenst ä t t e n im Lande zu erhalten, und zu deren Obliegenheiten gehört es, Kompetenzstreitigkeiten zu verhindern. Eine solche Kommission ist da, und kleine Konflikte zwischen Islam und Kirche oder den einzelnen Kirchen werden in Güte oder unter Anwendung sanfter Gewalt geschlichtet, ohne daß die große Welt etwas davon erfährt. Was aber die Juden betrifft,' so machen die arabischen Chauvinisten aus jeder Bagatelle eine hochpolitische Sache, und die Regierung geht leider darauf ein. So bleibt eben nichts anderes übrig, als in London oder in G e n f den' Pflichten- Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Phenyldimethylp., II < An Acetylsai., Coff. Hl« I.lII in allen Apotheken Illusion, die das Porträt vortäuscht, denn das Buch selbst mit seiner tiefen Gedankenwelt, mit seiner wahrhaft klassischen Diktion, wird uns das Andenken des edlen Menschen, der in unwandelbarer Frömmigkeit und vorbildlicher Bcrufstreue seines Daseins Kreise vollendete, für immer wach erhalten. Gerade in den heiligen Tagen, die eben wieder mit einem Kranz weihevoller Mizwos unser Alltagsleben umwanden, hat das' Buch des Rabbiners Dr. Cohn unserem sehnsüchtigen Verlangen nach Erbauung und religiöser Belehrung eine wahrhafte Herzenslabung gewährt. Man lese diese herrlichen.Betrachtungen in dem Aufsatze „Der Tag ist kurz", in einem andern über Teschuwoh, über den heiligen Jom Kippur, über den Monat Elul. Wahrlich, solche von feuriger Begeisterung für das Judentum, für Gott und feine Lehre durchglühten Predigten, die in volkstümlicher Formmit Vermeidung jeder Phrase und doch voll edler Schönheit dargeboten werden, sie sprechen tröstend, lindernd, aber auch weckend und aufrüttelnd zu unserem Gemüte. Sie erfüllen uns mit Stolz für unser Judentum und werden manchem den Wunsch nahe legen, das Buch der Thora selbst, von dem der Verfasser Gedankenproben bietet, in die Hand zu nehmen, um in den materialistischen Strömungen des Tages den lichten Weg der Wahrheit zu finden. lieber alle unsere Jomim Towim weiß Dr. Cohn geistvoll zu reden. Besonders nachhaltiger Wirkung dürften die Predigten: „Das Chanukahlicht als Wahrzeichen" und „Wie wir unsere Kinder segnen" sicher sein. Auf diese Betrachtungen zu den Feierstunden des Jahres folgen im zweiten Teil des Buches „Beiträge zur jüdischen Kultur- und Literatur-Geschichte". Der erste, hem eingehende schöne Würdigung zuteil wird, ist Raschi, unsterbliche Meister der Thora-Erklärung, wir hören ferner über den Chassidismus, diese elementare Bewegung im Judentum, über Shylok; die viel umstrittene Gestalt des Shakespeare-Dramas erscheint in der Cohnschen Charakter!- Helen 25. Oktober 1928 und Kompetenzkreis der Regierung klar zu ziehen. Und bei dieser Gelegenheit beschränke man sich nicht allein auf, die Westmauer, sondern erstrebe eine befriedigende Lösung im Sinne unseres üktverbürgten religiösen Rechtes auch in der Frage der V ä t e r g?r'ä b i n Heb r o n, des Rahel - G r.a h e s und der anderen heiligen jüdischen Stätten, die noch m fremden Händen liegen, welche ein reines Geldgeschäft daraus gemacht haben. Sollte hier eine Ab fin - d u n g vonnöten seindann wäre erst -rr nach ’ der prinzipiellen Entscheidung und Klarstellung an höchster Stelle —, der Zeitpunkt gekommen, wo unsere Philantropen und die Volksspende einzusetzen hätten. Unsere Forderung, getrieben von der religiösen Schwungkraft der ganzen jüdischen Gemeinschaft — die marokkanischen Juden weisen ihr Eigentumsrecht auf die Mauer dokumentarisch nach — geht dahm, in den Wi ederb esitz unserer heiligen Eigentum e r in Erez Jisroel zu gelangen, vorerst und ungesäumt der heiligen W e st m a u e r. Die Palästina-Regierung selbst sollte auf Anordnung von London die seinerzeit geplante g r o ße Synagoge an der W e st m a u e r, streng nach den Weisungen der anerkannten rabbinischen Instanzen, Herrichten und alle Ausbesserungen an den Bauten ringsumher vornehmen, wie seinerzeit unter dem Regime von Herbert Samuel in einer Deklaration in Aussicht gestellt wurde. Die Regierung hat natürlich das Recht und auch die Machtmittel, die verausgabten Gelder auf dem Wege der Besteuerung von den Juden einzuziehen, und keiner in Jerusalem und Palästina wird den Steuerbeitrag für seine eigenste heilige Sache als ungerecht empfinden. Aber vorerst muß die Arbeit von der Regierung geleistet werden, dirigiert von London, und nötigenfalls von Genf aus. Nur Taten vermögen den wahren nationalen Frieden in Palästina herzustellen, nur Handlungen, die bei den uktrynationalen Arabern das Bewußtsein stärken, daß derJudenicht fremd und nicht rechtlos im Lande seiner Väter und seinerZukunft fei. Und noch einmal: Einzig und allein das religio f e Moment kann dem Prozesse, der jetzt in London oder in Genf geführt werden soll, den rechten Antrieb geben und ihm einen guten Ausgang sichern. fierung in ganz neuem Lichte. Es folgen in der dritten Abteilung des Buches unter der Ueberschrift „Aus bewegter Zeit" Abhandlungen' politisch-jüdischen Inhalts, die sich für die Geschichte der jüdischen Gegenwart als eine Quelle reicher Belehrung erweisen werden. Dann folgen in einem letzten Abschnitt „In treuem Gedenken" eine Reihe von Gedenkreden und Aufsätzen, aus denen pietätvolle Gesinnung für die Lehre sowie die treue Hingabe an die Basler Gemeinde spricht. Was Dr. Cohn fel. von seinen Lehrern, von Rabbi Israel Hildesheimer, dem großen Meister, von Prof. David Hoffmann, dem jüdischen Gelehrten von Weltruf, erzählt, ist nicht nur ein herzlicher Dankestribut an die Männer, denen er sein jüdisches Wissen verdankt, es ist dazu angetan, uns tiefe Blicke zu eröffnen in die Herzens^ und Gemütswelt dieser prominenten Führer des Judentums, die wir bisher nur als Pioniere der Wissenschaft schätzen gelernt haben. Und wer fühlte sich nicht im innersten Herzen berührt, wenn Dr. Cohn das wahrheitsgetreue Lebensbild des unvergeßlichen Sennheimer Raw, dieses heiligen Mannes, uns in liebevoller Verehrung enttollt. Das Buch „Von Israels Lehre und Leben" von Rabbiner Dr. Cohn ist eine so bedeutsame Neuerscheinung, daß es in keinem jüdischen Hause fehlen sollte. Greifen wir nach diesem Korb voll edler geistiger Früchte, sie sind von einer großen Seele am Ewigkeitsbaume der heiligen Thora gepflückt und werden ihre Süßigkeit und labende Kraft keinem versagen, der noch einen Funken vom Sinai in sich verspürt.

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