Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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25. Oktober 1928 Nr. 43 d. bCH 11. Marcheschwan 5689 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar ISA: Deutschland 1 Goldmart monatlich; Ausland: Merteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifba»td-Berfandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; abl. Juli Frankreich 38 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5: Holland 8 fl.; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Jugoslawien 88 Din.; Litauen 7.80 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 27. ISO Lei; Polen 4 deutsche Goldmark -um Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowakei 88 Kronen; Ungarn Pengö 8 ab 1.Juli 1927; Dänemark 3.60 Krön.; Norwegen3.80 Krön.; Schweden 8.60 Krön. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuche» und Familienanzeigen nur 30 Pf. Die 78 mm breite Reklamezeile: letzte Tertseite 160 Mk., vorletzte Tertseite 3.— Mk.; Chiffregebühr in Höbe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnferataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch de» Verlag des Israelit G. m. b. H.. Frankfurt a. M.» Rechnetgrabenstraße 7, Tel. Hansa 6842 sow. durch sämtl. Annoncen-Erved. des In- und Auslands. Alleinige JnseratenanN. für Franks. Geschäfts«»-.: Ink. Schmidt, Langestr. 7, II, Tel. Hansa 4641. Platzvorschr. ohneBerbindltchk. direkt an den Berlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19803. — Außerdem an: Posts. rarschau Nr. 190767. —Postscheckamt Zürich Nr. Vlll 7254 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam? Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder rat es geschah, der sich auf alte Rechte berufe, Die Vorgänge an der klagemauer in ihren Nach- und Auswirkungen. Erst jetzt gelangen die palästinensischen., Zeitungen von Tischri-Ende zu uns, und man gewinnt ein klares Bild über die Vorgänge an der Klagemauer, wie über die Stimmung der Bevölkerung im ganzen Lande, auch über die Art, wie die Erbitterung spontan und in offiziellen Versammlungen zum Ausdruck kam und noch kommt. Wir find es der Sache und unserer Lesergemeinde schuldig, daß wir ihnen auf Grund dieser authentischen Berichte noch einmal die Vorgänge im einzelnen schildern. Der Eingriff. Mitten im Mussaphgebete am Jom Kippur erschien an der heiligen Mauer eine aus englischen und arabischen Beamten bestehende Polizeiabteilung unter Führung eines englischen Polizeikommissars, der schon von früher her bei der jüdischen Bevölkerung als ausgemachter Feind der jüdischen Sache bekannt ist, und forderte die sofortige Entfernung der Wand, die am heiligen Platze die Frauen von den Männern trennt. Im ersten Entsetzen, das sich der Betenden mitten in der stillen Andacht bemächtigte, reagierte man kaum auf diesen befremdenden Befehl. Da machten sich aber die Polizisten gleich unter Schimpfen und Schreien selbst an die Arbeit und rissen,, unter Kommandorufen des besagten englischen Oberkommissars, die Wand ein. Juden, die dazwischentraten, um zu intervenieren, wurden brutal zurückgedrängt. Zwei Frauen — eine ist Amerikanerin —, die dicht an der Wand in ihr Gebet vertieft waren und nicht weichen wollten, wurden zu Boden geworfen und ernstlich verletzt. Der Gottesdienst war gestört, da nach jüdischem Brauch die Frauen an ihm nicht mehr teilnehmen konnten, und die Erregung bei den Männern war so groß, daß es lange Stunden dauerte, bis sich die Andachtsstimmung wieder einstellen konnte. Viele warfen sich in ihrer namenlosen Bestürzung zu Boden und weinten in die alten Quadern das neu erfahrene Golusleid, an der heiligen Stätte, unter dem Protektorat eines Landes, das ihnen, wie man glaubte, einen Weg aus dem Golus ins eigene Heim öffnete.. Eine Delegation aus der Reihe der Betenden, die sich sofort ins Regierungsgebäude begab, erfuhr, daß der Eingriff auf Veranlassung des Moslemitischen Oberdie die Palästina-Regierung, ohne sie ernstlich zu prüfen, für den Augenblick gelten ließ. Proteste. Als der skandalöse Vorgang in der Stadt und in den vollgefüllten Synagogen bekannt wurde, bemächtigte sich der Leute eine unbeschreibliche Aufregung. Jüngere Leute, Arbeiter und Chaluzim demonstrierten auf der Straße. Die Alten, und es war dies das Gros der Jerusalemer Judenheit, schrieen - in ihren Bethäusern ihren Schmerz zu Gott empor, der ihnen an diesem heiligsten der Tage so nahe war. Zur richtigen Auswirkung kam erst die Proieststimmung in den ersten Tagen nach Jom Kippur. Die Arbeiter proklamierten einen Proteststreik von einer Stunde. Aus allen Städten und Kolonien kamen Kunden von Demonstrationen und Protestversammlungen. In Jerusalem selbst versammelte sich der W a a d Haleumi zu einer feierlichen Sitzung, an der alles teilnahm, was im öffentlichen Leben und in der zionistischen Organisation irgend eine Rolle spielt. Die Sitzung eröffnete Dr. Thon mit Worten der Entrüstung über die Beleidigung der jüdischen - Gemeinschaft und mit sachlichen Mitteilungen über die ersten Schritte bei der Palästina- Regierung und in London. Alle Schuld, sagte er, trifft die Palästina-Regierung. Der Gouverneur habe sich damit entschuldigt, daß mit der Entfernung der Scheidewand Schlimmeres verhütet werden sollte, nämlich ein Ueberfall von arabischer Seite. Ob die Regierung nicht stark .genug sei, die betenden Juden vor einem solchen zu schützen? fragt der Vorsitzende. Es ergreift dann das Wort unter lautloser Stille Oberrabbiner Kuck. Er sagt, er sowohl, wie Rabbi Jakob Meir, hätten von der Sache erst nach Jom Kippur erfahren. Wäre rechtzeitig die Kunde zu ihnen gedrungen, sie hätten ihr Gebet unterbrochen und wären sofort an die Westmauer hinausgegangen, 'um die Lage zu retten. Schuld sei die Regierung, aber solange ein Gesetz da ist, auf die sich diese beruft, müsse sich der Kampf gegen das Gesetz konzentrieren. Unser Eigentumsrecht auf die Westtnauer müssen wir bei der Regierungin London, wie in Genf vertreten. Er erinnert an die Verhandlungen, die man seinerzeit zur Erwerbung des heiligen Platzes geführt hatte. Diese müßten ausgenommen und nun zum endgültigen Ende geführt werden. Rach einer geharnischten Rede eines Vertreters von T e l - A w i w , wo sich 10 000 Menschen an einer Protestversammlung beteiligt hatten, kommen noch viele Redner zu Wort und wird ein Schreiben des „R a d z i m i n e r R e b b e" verlesen. Dann spricht Rabbi Meir Berlin im Rainen des M i s r a ch i, der die Organisierung der Protestbewegung im Lande wünscht und von einem Telegramm des Misrachi an Chiefrabbi Herz in London Mitteilung macht. Auch der Dichter Chajm Rachman B i a l i k spricht ein kurzes Wort. Er warnt vor Straßendemonstrationen, dagegen wünscht er einen Trauerzug nach der Mauer und Versammlungen in Synagogen und Lehrhäusern. Er sagt merkwürdigerweise: „Handelte es sich nur um eine Verletzung des religiösen Gefühles, die Sache wäre nicht so tragisch. Man wollte uns aber damit unsere ganze Ohnmacht im eigenen Lande vor Augen führen." Die ganze Balfourdeklaration werde durch diese Tat außer Kraft gesetzt. Was wollen die Araber? Was wollen die Araber, die doch ihre große Omarmoschee besitzen und sich ansonst der weitgehendsten Rechte im Lande erfreuen, was wollen sie bei unseren heiligen Ruinen, in die die jüdischen Tränen von zwei Jahrtausenden eingeweint sind? Sind es überhaupt die Araber, die uns das Recht auf diese letzten heiligen Reste bestreiten wollen? Es scheint dies nicht der Fall. In den Kreisen der wahrhaft frommen Mohammedaner, so wird versichert, herrscht tiefe Empörung über diesen unerhörten Uebergriff. Sie wissen, daß Mohammed sie l b st den Versöhnungstag unter Fasten und Beten gehalten hatte und auch seinen ersten Gläubigen die Heilighallung des „Afsur", des Tages der Sündenvergebung, anbefohlen Hatte. Er hatte, nach Ueberlieferung des Koran, wie er von Medina nach Mekka flüchtete in letzterer Stadt am Versöhnungstage einem Gottesdienste in der Synagoge beigewohnt und er sagte: „Sind nicht auch wir ihre Brüder noch von den Zeiten des Vaters Abraham her? So wollen auch wir teilhaben an der Heiligkeit dieses Tages." Erst in späteren Jahrhunderten unter den vielen Wandlungen des Islam kam das Fest in Wegfall, aber heute noch gibt es Millionen frommer Moslims, die das Fasten des zehnten Tischri genau einhalten. Kaum aber dürfte es einen echten Moham- 1