Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1928)
- Date
- 1928-10-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Oskar Lehmann V'x?* Mit der Freude am Feste der Thora im Herzen, hauchte Oskar L e h m a n n in Mainz in der Nacht zu Dienstag, 71 Jahre alt, seine reine Seele aus. Die Trauerkunde, die uns am Dienstag früh übermittelt wurde, traf zunächst uns selbst, uns, die wir in Oskar Lehmann den treuen Siegelbewahrer des Vaters sahen und verehrten, von dessen geistigem Erbe ein Teil uns zugefallen ist. Wir sahen in dem alternden Gelehrten und jüdischen Publizisten im besten Sinne einen stillen Mitarbeiter, einen Mitdenker und Mitschaffenden, der an der Entwicklung des Blattes die Freude des vornehmen Menschen empfand, dem die heilige Sache über allen persönlichen Ambitionen steht. Der Mann, der fast ein Vierteljahrhundert, erst an der Seite des Vaters und dann allein in Fortsetzung dessen Werkes, an der Leitung des Blattes stand, er blieb uns im Geiste nahe bis zuletzt. Ein Sendbote Gottes, um Thauro und- Jiroh zu verbreiten — diese Sendung spiegelte sich auch schon in seinem Drange, zu lehren, und dann' sich als im zu betätigen, welches Llmt er, besonders an den hohen Feiertagen, bis zu den letzten Jahren mit vollendeter Kunst ausübte. Stets hatte er eine schöne Thoraerklärung, ein kluges Wort aus Welt und Leben im Munde, wenn er dem Freunde die Hand drückte. Und wie warm konnte er einem die Hand drücken, ein Menschenherz sprach aus diesem Händedruck, aus den guten Augen, die immer, auch in Tagen der Sorgen und körperlicher Leiden, in Liebe und Freundschaft und Gottergebenheit lachten. Im Tamus dieses Jahres feierten wir Oskar Lehmanns 70. Geburtstag. Damals sagten wir es an dieser Stelle, was Lehmann uns, seiner Vaterstadt Mainz, der Stadt Frankfurt, mit welcher ihnviele und enge Beziehungen verknüpften, der jüdischen Welt und der jüdischen Literatur bedeutete. Daß wir es schon nach wenigen Monaten wehklagend an seiner Bahre wiederholen müssen, erfüllt uns mit namenlosem Schmerz. Ein Kapitel aus Deutschlands jüdischer Geschichte des letzten Jahrhunderts rollt sich unserm Auge auf, wenn wir heute Oskar Lehmann den letzten Gruß entbieten. Wer denkt nicht dabei an den Zeitgenossen, treuen Freund und Mitarbeiter von S. R. Hirsch, Rabbiner Dr. Marcus Lehmann Vst in Mainz! Früh hatte dieser den- Wertder Presse erkanntals Dolmetsch der jüdischen Gedanken und Ideale, die über politische Grenzen hinaus die jüdische Welt verbinden sollten. Nachschaffend und nacheifernd sicherte der kongeniale Söhn dem Werke des Vaters die reale und technische Grundlage mit dem. Erwerb einer Druck er e i. und {teilte sich nach,' dem Todedes Mainzer Rawausgerüstet msti ychhomr jüdischem undprofanem WMm und mitz einem: Herzen-voller Liebe und? Begeisterung füN die.- Emunm, an? seiner statt an? die- Spitze des Blattes. Am vom? Vater hinterlasiene Segen sollte Mm nvch?m anderem? und weiterem - Sinne zum? MoW dm Gesamtheit? und zun Förderung der jüdischen Sache ausgewertet werden. So ging Oskar Lehmann, unterstützt von Freunden und Mitarbeitern, gleich daran, auserlesene Werke aus dem Nachlaß Dr. Lehmanns herauszugeben, wie „Rabbi Joselmann", „Akiba", „Die Sprüche der Väter" und dann die „Hagada", die heute allbekannte und allbeliebte „Lehmannsche Hagada". Nicht in allem abgeschlossen und vollendet waren die einzelnen Werte im Nachlaß, der Herausgeber mußte manches nachschaffend aus eigenem dazu geben, und er, in der geistigen Werkstätte, des großen Vaters großgezogen, konnte und durfte es, wie kaum ein anderer. Von seinen eigenen Werken, in denen sich der Geist der Geschichte in bunten poetischen Farben Oskar Lehman« b"*ispiegelt, nennen wir die Romane „Samuel Hanagid" und „Die Leiden des jungen Moses". Im letzteren Werke erkennen wir Oskar Lehmann als Meister in der Gestaltung agadischer und midraschistischer Motive. Kleinere Arbeiten aus seiner Feder sind in verschiedenen Jahrgängen des „Israelit" verstreut. Und seiner Liebe für die Tagesschriststellerei blieb er treu, bis ihm Leiden der Krankheit die Feder aus der Hand rissen. Oskar. Lehmann blieb Mittler jüdischer Gedanken) erfolgreicher Interpret der jüdischen Lehre, auchvals er vor über zwei Jahrzehnten die Pressetätigkeit als Hauptberuf. unter dem Wandel: 8er Verhältnisse niederlegte. Seinen religiösen Vorträgen am Sabbat lauschten stets eine große Hörerscharr und sie genoß, mit Freude die geistvollen Erklärungen und lebendigen Darstellungen. Bonmot, Gleichnis und Anekdote hatte er stets zur Hand, um schwierige Gedankengänge zu popularisieren. In den schweren Jahren des Krieges übte er in Mainz, in der Festungsstadt, die Sammelplatz auch unzähliger jüdischer Soldaten war, eine geistige Kriegssürsorge in dem Sinne aus, daß er im „Jüdischen Soldatenheime" regelmäßig Schiurim und Vorträge abhielt. Manch einer der damaligen Etappen- und Frontmänner denkt heute noch voller Dankbarkeit an jene Stunden, wie an ein Licht, das in der Finsternis erstrahlte. Vor 2lÄ Jahren hatte ihm der Tod die Frau geraubt, die treue und verständnisvolle Mitfolgerin seines Lebens, die in einem offenen, von jüdischer Gastlichkeit durchwehten Hause ihm ermöglichte, seinem in Liebe für alle Mitmenschen warm schlagenden Herzen ganz folgen zu können. Gäste sah er an seinem Tisch täglich und besonders am Sabbat und Feiertagen, die den gesegneten Familienkreis vergrößerten, da in der Pflege edler Geistigkeit sie sich bald selber zur Familie zählten. Hilfsbedürftige bekamen Rat und Unterstützung, und, was noch mehr zählt, stets ein freundliches Gesicht und ein liebes Wort. Das von ihm im Sinne des Vaters erklärte Perekwort niv' c>'w ivvv öian jik 'in war für ihn nicht Wort, sondern Lebensgrundsatz. Viele Wohltätigkeitsvereine wählten ihn in den Vorstand, Staats- und Stadtbehörden kannten und schätzten den vornehmen, klugen Mann, und sein Wort, zugunsten eines Glaubensgenossen eingelegt, hatte stets Gewicht, war nie fehl am Ort. Bruderliebe über das Grab hinaus übte er mit Aufopferung ohne gleichen in der Chewra Kadischa, die in ihm lange. Jahre den eifrigsten Mitarbeiter hatte. Ein.guter, echter Mainzer, konnte er natürlich auch dem sozialen und gesellschaftlichen Leben der S t a d t nicht untätig gegenüberstehen. Er war Vorsitzender des „Vereins Mainzer Buchdruckereibesitzer" und als solcher Mitbegründer der G u t e n b e r g - G e s e l l s ch a f t und des G u t e n b e r g - M u s e u m s. Bei der Gute nbergfeier im Jahre 1900 stand er als Organisator mit in vorderster Reihe. Wie er in allen Dingen der Graphik als hervorragender Fachmann galt, fo genoß er auch als Kunstkenner weit über Mainz hinaus großen Ruf. ÄuS seinen Altmainzer Sammlungen hat manche Megilloh und mancher Ritualgegenstand von hohem' historischem und Kunstwerke den -Weg in die Welt gefunden. Jede dieser Wertsachen hatte für ihn lebendiges Lebenführte ihre eigene Sprache, erzählte aus alten ruhmreichen Zeiten. Und wie wußte er dem Beschauer diese Sprache blutwavM und innig zu vermitteln. Ein guter Mensch, ein warmer Jehudij ein treuer Hüter heiliger Traditionen^ erfolgreicher Mittler öer heiligen-.Lehre, ZeUgel eitter heroischen jüdischen Zeit d'tztz Kampfes'und des: GlaNzes, ist mir Oskar Lehmann von' uNs gegangen! Söhne, Töchter und Enkelkinder, tf\k' alle im Geiste' des' Vaters und Großvaters leben, werden seines Werkes' tteue Sachwalter fein. Er wird' in unserer Erinnerung' fürtleben. rrr&slrv