Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1928)
- Date
- 1928-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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II. Oktober 1928 Der Israelit Nr. 41 Sette 3 Hessen. Im Folgenden sei einiges aus diesen Feststellungen wiedergegeben: In Deutschland hat die jüdische Bevölkerung mit dem Wachstum der Gesamtbevölkerung nicht Schritt gehalten, so daß trotz absoluter Zunahme in der Zeit von 1871—1925 ein Rückgang ihres Anteils von 1,25 auf 0,90 Prozent eingetreten ist. Die Zahl der jüdischen Ehen bewegte sich in der Vorkriegszeit in dem der Beobachtung zugänglichen Zeiträume von 1901 ab ziemlich gleühmäßig, während des Krieges gingen sie stark zurück, erreichten in den Jahren 1919—1922 eine außerordentliche Höhe und liegen als Folge der großen Wohnungsnot und der für den Mittelstand ungünstigen wirtschaftlichen Situation seit dem Jahre 1925 unter dem Vorkriegsniveau. Während nun die jüdischen Ehen in der Zeit von 1901—1925 von 3878. auf 2904 gefallen sind, stiegen die Mischehen von 650 auf 1413. Auf hundert jüdische Ehen kamen 1901: 16, 1925: 44 Mischehen. Den 93 661 jüdischen Ehen dieses Zeitraumes stehen 29 904 Mischehen (32,3 Prozent) gegenüber. An ihnen sind überwiegend jüdische Männer beteiligt. In den Jahren 1919 bis 1925 gingen 7839 jüdische Männer und nur 4997 jüdische Frauen eine Mischehe ein. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden, 71 Prozent, wohnt in P r e u ß e n. Seit Jahrzehnten nimmt ihre Zahl ab. Nachdem sie im Jahre 1855 im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung 'ihren Höchststand erreicht hatte, stagnierte einige Jahre ihre Zahl, und seit dem Jahre 1867 datiert ein unaufhörlicher Rückgang. Bis zum Jahre 1880 waren die meisten preußischen Juden in der Provinz Posen beheimatet. Fünf Jahre später nahm die Stadt Berlin, das spätere Groß-Berlin, die erste Stelle ein und hat sie bisher behauptet. Die Zunahme der Juden in den Provinzen (fünf zeigen einen Rückgang) resultiert allein aus einem Wachstum der Ziffer in den Städten, wie wir an Städten wie Berlin, Esten, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Gelsenkirchen usw. beobachten können. Von den 404 000 Juden in Preußen hatten im Jahre 1925 294 000 ihre Wohnstätte in Gemeinden mit 100 000 und mehr Einwohnern, das sind 72 Prozent, in Groß-Berlin allein 42 Prozent. So ist es nicht verwunderlich, daß die sozialen Verhältnisse der Großstadt ihr besonderes Kennzeichen den Juden aufdrücken: Geburten? rückgang und Mischehe. Ueberhaupt können wir wahrnehmen, daß die jüdische Geburtenrate eine geringere ist als die der Gesamtbevölkerung, dagegen die Sterblichkeit ein günstigeres Bild aufweist. Im Durchschnitt der Jahre 1821—1823 Land jenseits der Wüste; die Nettesten verbieten es. Er erzählte noch, daß die'Juden dort in siebzig Städten lebten — dann brachte er den Palästinenser auf den Weg nach Sasa und schickte ihn zurück. Es war dies der letzte Versuch, in ihr Land zu reisen. Wohl aber kommen die Juden öfters nach dem Jemen, um hier Waffen zu kaufen. Sie geben sich, wurde mir erzählt, gewöhnlich nicht als Juden zu erkennen — sie sind ja Feinde des Imam Pahya, und haben Angst, gefangen genommen zu werden. Auch verachten sie die Juden des Jemen, die unkriegerisch sind, und sich den Arabern.unterwerfen. „Sind die freien Juden fromm?" fragte ich. — Einstimmig entgegnete man: „Sie sind die wahren Juden! Viel frömmer als wir und viel gelehrter!" Sie beobachten Sabbat und Speisegesetze, sie tragen die Schläfenlocken wie die Jemeniten, sie sprechen dasselbe Hebräisch, das man in Jemen spricht, und das mehr der Aussprache ähnelt, die in Deutschland üblich ist, als der Palästinas — aber sie betrachten sich als die einzigen wirklichen Juden; alle anderen Juden feien entartet, nur sie allein hätten die reine Lehre bewahrt — feit dem Untergang des Reiches Israel. Eindringlich bemühte ich mich, Näheres über die Möglichkeit zu erfahren, in das Reich dieser sagenhaften Hebräer vorzudringen. Man war darüber nur soweit einig, daß der Weg über Sada in die Wüste führe; Sada aber liegt 10 Tagreisen nördlich von Sana und Sana 6 Tagreisen (wenigstens) nördlich von Aden . . . 15 Tagmärsche durch den Jemen und dann beginnt erst der Weg nach dem Osten, in die Wüste zu den 70 Oasenstädten. Ich wiederhole, daß ich vor zwei Jahren davon gehört habe und nicht daran glaubte, daß ich jetzt neuerlich von diesem geheimnisvollen Staat der verlorenen Stämme Israels hörte, und der Meinung bin, daß ernste Tatsachen diesen Gerüchten zugrunde liegen. Ich gebe trafen aus 1000 Lebende bei der Gesamtheit 43,7 Geburten, bei den Juden nur 37,7, die Mortalität betrug im gleichen Zeitraum 26,6 und 20,3. Infolge der sehr günstigen Sterblichkeit war der Geburtenüberschuß bei den Juden in der Zeit von 1822—1866 relativ größer als bei der übrigen Bevölkerung, doch seit 1867 fiel er und erfuhr bis zum Jahre 1925, der letzten' Zählung, noch keinen Tendenzumschwung. Während noch im Jahre 1910 auf 1000 Juden 17 Geburten trafen, sank die Zahl auf 13 im Jahre 1925, die Sterblichkeit fiel zwar noch weiter, von 15 auf 13, doch nicht so stark, daß ein Bevölkerungsüberschuß besteht. In den Jahren 1922-23 standen durchschnittlich 6247 und 6240 jüdischen Geburten 5949 und 5717 Sterbefälle gegenüber, in den zwei folgenden Jahren 5683 und 5285 Geburten 5685 und 5554 Sterbefälle. Die Mortalität übertrifft also um einige Hundert die Ratalität. Bei einer Betrachtung der Heiratsziffern nehmen wir wahr, daß im Verlauf des ganzen 19. Jahrhunderts die christlichen Ziffern im Verhältnis größer sind als die der Juden. In der Zeit von 1822—1840 kamen auf 1000 Christen 9,02, auf 1000 Juden 7,19 Eheschließungen, 1900 8,51 und 7,10, 1910 dagegen 6,98 und 7,31. Obgleich also bei den Christen die Heiratsziffer gefallen ist, bei den Juden dagegen gestiegen, lag die jüdische Geburtenrate um 50 Prozent tiefer. Wie verhält sich nun die Ehefrequenz der Nachkriegszeit? Die Ehen übertreffen in den Jahren 1919 bis 1923 bei weitem die Vorkriegszahlen: im Jahre 1920 war mit 5022 die Höchstzahl erreicht, die jemals in Preußen festgestellt wurded. Seit 1924 tritt ein rapider Sturz ein, der sich nunmehr sogar unter dem Vorkriegsniveau hält. Bayern. Die Zahl der Juden in Südeutschland ist in allen vier Ländern zurückgegangen, von 117 000 auf 104 000 insgesamt: und zwar ist in B a y - ern die Abnahme von 55 000 auf 49 000, in X ULRICH & MÜLLER KOHLEN . KOKS « BRIKETTS « HOLZ iiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimmiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiimiiiiiii FRANKFURT AM MAIN BLEICHSTRASSE 66 . TEL. HANSA 1193 sie wieder, wie ich sie nach vielen Fragen in ihrer nüchternsten Form notiert habe: ohne jeden Versuch, sie zu erklären oder mit anderen Tatsachen der arabischen Geographie, die sie bestätigen oder widerlegen könnten, in Verbindung zu setzen. Ich bin der Meinung, daß diese Frage eines der interessantesten Gebliete des unbekannten Arabiens betrifft, und ich wäre meinem Schicksal dankbar, wenn mir vergönnt würde, der Aufklärung dieses Problems näherzutreten, sobald die Lage im Jemen es gestatten wird. Brief aus Alarienbad. Dem Kurgast, der zum ersten Mal nach Marienbad kommt, mögen wohl die Ohren schwirren, wenn er sein Mittagsmahl im Koscher-Restaurant in der Gesellschaft von 200 bis 300 Menschen einnimmk Wenigstens mir ging es so. ich blickte mich ratlos um, wie dieses Durcheinander von Stimmen nur möglich fei. Die bekannte Variante fiel mir ein: Man hört sie essen und steht sie reden. Aber man hört sie auch reden, ich kanns bezeugen. Man hört sie reden in allen Mundarten. Hier in Marienbad. diesem wunderschönen Schatzkästlein der Natur, treffen sich Deutsche und Tschechen, Engländer und Polen. Franzosen und Russen, auch Amerika ist nicht schlecht vertreten, und die nicht einzeln genannt sind, mögen mirs verzeihen. Wie ein buntes Kaleidoskop zieht dieses Völkergemisch täglich vorüber, zum Bad, vom Bad. zum Frühstück, vom Frühstück. Za. dieses Frühstück im Freien; man ziehl die mitgebrachte Butter, die Milchflasche aus der Tasche, die Brötchen, läßt sich den obligaten Kaffee dazu servieren, und kein Kellner findet das etwa auffällig oder nicht angebracht. Man bekommt überall hier Baden von 26 000 auf 24 000, in Hessen von 24 000 auf 20 000 und schließlich in Württemberg von 12 000 auf 11000 registriert. In Groß- Berlin wohnen mehr als eineinhalb mal soviel Juden, als in ganz Süddeutschland zusammen. Im Gegensatz zur Gesamtbevölkerung, zu den Katholiken .und Protestanten, offenbaren die Juden in Bayern absolut und relativ eine bemerkenswerte Abnahme ihres zahlenmäßigen Bestandes. Er fiel von 60 000 im Jahre 1833, ihrer Höchstzahl, auf 49 000 im Jahre 1925, der niedrigsten Zahl, die während des oben angegebenen Zeitraumes überhaupt festgestellt wurde. Ein Rückgang um 10 862 Seelen oder um 18 Prozent! Diese Verminderung trifft nicht gleicherweise auf ganz Bayern zu, sondern ist allein auf Kosten des platten Landes vor sich gegangen. Für das Jahr 1925 fehlen noch, mit Ausnahme von München und sonstigen Städten über 100 000 Einwohnern, die beweisenden Zahlen. Der Rückgang in den Ortsgrößenklassen unter 5000 ist ganz besonders auffallend. So ist es erklärlich, daß die bayrischen Städte an jüdischer Seelenzahl trotz Abnahme der Gesamtjudenheit zugenommen haben. Es lebten in München im Jahre 1897: 2884, 1900: 8739 und 1925:10 068, in Nürnberg in den gleichen Jahren 1831, 5956, 8603, in Augsburg 660, 1171, 1208 und schließlich in Fürth im Jahre 1840: 2535, 1900: 3017 und 1925: 2504 Juden. Bis zum Jahre 1867 war Fürth die größte jüdische Siedlung, wurde dann von München und Nürnberg verdrängt. Teilweise sind die Bevölkerungsverluste der bayerischen Juden auf Abwanderung nach außerbayerischen Gebieten, teilweise auf. die unaufhörliche Senkung der jüdischen Geburtenrate zurückzuführen. Im Jahre 1879 belief sich die Geburtenziffer der Juden auf 30 pro Tausend (Gesamtbevölkerung 40 pro Tausend), 1925 kamen auf 1000 Juden nur noch 11,3 Geburten. Bayern gehört zu denjenigen Ländern, in denen mehr Juden sterben als geboren Qerden. Bei der sehr ungünstigen Bilanz obiger Aufstellung spielen die Mischehen keine unwesentliche Rolle. Denn durch die Zunahme der Mischehen werden natürlich immer weniger rein jüdische Ehen geschlossen und ihr Nachwuchs muß sinken, da die den Mischehen entstammenden Kinder nur selten dem Judentum zugeführt werden. An Mischehen zählte man im Jahrfünft 1876 bi- 1880 durchschnittlich jährlich 15, 1896 bis 1900 bereits 50, 1906 bis 1910: 56, 1922: 116, 1923: 108, 1924: 93, 1925: 79. (Schluß folgt.) seinen Kaffee am Schabbos ohne Zögern, auch ohne Bezahlung, nur auf sein ehrliches Gesicht hin, denn natürlich kennt der Wirt weder Levy, noch Cohn, aber wie er sagt .kennt er das" und ist dabei noch nie um etwas gekommen. Und dieses uneingeschränkte, wohl für uns doppelt angenehme laisser faire kennzeichnet hier dys ganze Leben. Als ich bas erste Mal hierher kam und gerade in einem Laden einkaufte, zog mich der nichtjüdische Besitzer rasch vor die Tür mit den ehrfurchtsvollen Worten: ..Der Wunderrabbi kommt*. Ein .Chasstdimrebbe" zog mit seinem Gefolge vorbei. Ein Abend im jüdischen Variete. Ergreifend singt der junge Künstler jenes Lied, das vom Grabe der Mutter gilt; „Stein, teurer Stein!" Da bringt jemand die Nachricht: „Eben kommt der Gerer Rebbe". Der „Gerer" kommt? Aus ist's mit dem Zntereffe, alles eilt hinaus, ein Lastauto wird gratis zur Verfügung gestellt, wer klettern kann, klettert hinauf, fort gehts zum Bahnhof, und dort? Ueber die Geleise weg eilt alles, den verehrten Großen in Empfang zu nehmen, die Posten an der Perronsperre stehen machtlos und laffen's geschehen' — Wie schnell verbrüdert sich hier Ost und West. Ich stehe im kleinen Lädchen, wo es Koscherwaren aller Art im beängstigenden Nebeneinander gibt. Aber der junge Inhaber mit den Schläfenlöckchen versichert mich, daß trotzdem alles koscher zugeht. Nicht zu sagen, was alles gleichzeitig auf ihn einstürmt, was alles von ihm, und möglichst rasch, verlangt wird. Monoton sagt er immer dabei: »Noch immer schneller, noch immer schneller!* Dabei immer höflich und freundlich: »Ihr wünscht, Frau Rebbezin?* Das ist seine höchste Titulation. und sie ist angebrachter hier als etwa: gnädige Frau. Noch stehe ich, eingefangen von all diesem Neuen, Fremdartigen und