Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1928)
- Date
- 1928-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 4i Der Israelit die schlichten Wahrheiten anwenden, die uns die Gotteslehre als Grundlagen unserer Erkenntnis und als Vorbedingungen unseres Jude-Sems darreicht, aber daß diese Grundlagen unversehrt bleiben müssen, soll nicht der ganze Bau unsrer geistigen Existenz und damit das Zukunftsheil der irrenden Menschheit in Frage gestellt werden, darüber wenigstens sollte Klarheit und Einheit im Kreise der Schlome Emune Jsroel bestehn. Wir haben wenig gewonnen, wenn auf der einen Seite der „Liberalismus" sich in der Richtung des „Nationalismus" fortentwickelt, gleichzeitig aber dieser samt dem misrachistischen Flügel die Annäherungsbewegung nach links fortsetzt. Wochenrundschau. W/J'/ Am die klagemauer. In das Echo, das der englisch-arabische Gewaltstreich an der heiligen Mauer am Tage der Versöhnung in der Welt gesunden, klingen noch einige Töne hinein, die in unserer Betrachtung vom Montag nicht die ihnen gebührende Beachtung fanden. Zunächst die Haltung der Araber, die den Spieß umdrehen, sich zu Massenprotesten sammeln und sogar mit Unruhen drohen. Verständlich, wenn sie von den Vorgängen ermutigt werden, in der englischen Polizei ein williges Instrument für all ihre Wünsche auf Kosten der Juden zu sehen. Darin könnten sie sich freilich doch stark täuschen. Nicht übersehen werden darf die Aktion der Zionistischen Exekutive beim Völkerbund, über die die I. T. A. zu berichten weiß. Vorerst besteht diese „Aktion" nur in der fetten Ueberschrift. In der Mitteilung selbst liest man nur von einem an die Londoner zionistische Weltexekutive von der Jerusalemer. Exekutive ergangenen Wunsche, erstere möge erreichen, daß „der Völkerbund eine radikale Lösung des Problems der Klagemauer in einer Weise vornimmt, daß eine Wiederholung der Zwischenfälle an der Klagemauer in jeder Form unmöglich sein soll." In der Kundgebung der palästinensischen Exekutive wird dringend gefordert, daß hierbei die P r o - P a l ä st i n a - K om i t e e s in,allen Ländern, sowie die zionistischen Landesverbände nachdrücklichst mitwirkten. Es wäre wirklich jetzt eine gegebene Gelegenheit, die in der Welt mit so großem Aplomb geschaffenen Pro - Palästina - Komitees auf ihren inneren und praktischen Wert auszuproben. Aber bei all dem sei es gesagt: Wo auch die Intervention einsetzt, in Jerusalem selbst, in London oder in Genf, wirksam und erfolgverheißend wird sie nur dann sein, wenn sie von denen ausgeht, oder wenigstens mitausgeht, denen das Betenanheiligster Stätte nicht Angelegenheit des Prestiges, sondern heilige Sache des Herzens ist und die somit die Nächst betroffenen sind. Für unser religiöses Recht im Lande unseres heiligen Rechtes und Gesetzes wird die Welt Verständnis haben und sich auch einsetzen. Wird aber die Aktion als rein nationale Sache einzig von der Zionistischen Exekutive geleitet, dann steht zu befürchten, daß sie im wirren Knäule all der nationalen Fragen, die heute Europa und den Orient bewegen, noch recht lange der Lösung harren müßte. Es ist daher auch, ja sogar in erster Reihe unsere Sache, zu protestieren und zu intervenieren. Oie Abwehr. In weiten Kreisen herrscht noch Unklarheit über Charakter und Aufgabenkreis des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, insbesondere über das, was ihn vom in der Hauptsache ebenfalls Abwehrzwecken dienenden Centralverein scheidet und wiederum mit diesem verbindet. Es sei daher einiges aus dem Tätigkeitsberichte, den der Vorsitzende auf der von uns gemeldeten Berliner Mitgliederversammlung des Abwehrvereins erstattet hat, wiedergegeben: Im Vordergrund der Arbeit stehe die Aufklärung über die Irrigkeit, Unrichtigkeit und die nicht seltene Verlogenheit der antisemitischen Behauptungen; die Aufklärung darüber, daß der Antisemitismus als politische, religiöse und gesellschaftliche Erscheinung nicht vereinbar sei mit den Tugenden, auf denen gesunde Politik, echte Religion, wahre Gemeinschaft aufgebaut sein muß; die Aufklärung darüber, daß der Antisemitismus eine doppelte Gefahr darstellt: für unser nationales Leben wegen der innenpolitischen Zersleischung und der außenpolitischen schädlichen Wirkung, eine Gefahr aber auch für die Moral des Einzelnen, da Ueberheblichkeit, Verrohung, .Haß und Oberflächlichkeit gezüchtet werde. Gefährlich fei auch jene bequeme Methode, alle Schuld an unerfreulichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zuständen und Vorkommnissen kurzerhand 11. Oktober 1928 den Juden zuzuschieben, anstatt bei sich selbst die Schuld zu suchen und aus der Selbsterkenntnis die Kräfte zur Arbeit an der besseren Gestaltung der Dinge zu schöpfen. Hand in Hand mit dieser Aufklärung gehe, zum Teil aus ihr von selbst erwachsend, der Appell an das Wahrheits-, Gerechtigkeits- und Sittlichkeitsgefühl unserer Mitbürger. Der Abwehrkamps sei ein schwerer Kampf, da die Vielgestaltigkeit und Schwierigkeit des Problems mit oft unzureichenden finanziellen Mitteln angepackt werden müsse, der Kampf sei gar maychmal auch niederdrückend angesichts der Roheit und Verbohrtheit und der unlauteren Mittel, mit denen die Gegenseite kämpft, so daß man oft das Gefühl habe, Schmutz anzufassen. Aber immer wieder erwachse neuer und starker Impuls zur Weiterarbeit aus dem Gefühl, daß der Kampf nicht nur äußerlich nötig, sondern innerlich berechtigt ist, daß es ein Kampf ist für Wahrheit und Gerechtigkeit, für Sittlichkeit und Religion, daß es gilt, unser Volk von etwas Krankhaftem zu befreien, den Einzelnen zu erlösen von der Verkrampftheit des Antisemitismus, von der Besessenheit der eigenen Art, daß es ein Kampf sei, getragen von einer Idee, die einem Ideal dient. Soweit der Berichterstatter. Die Eigenart des Abwehrvereins liegt darin, daß dieser in der Hauptsache von N i ch t j u d e n , die, wie hier deutlich ausgesprochen, den Antisemitismus als Schmach d e s d e u t sch e n Vaterlandes empfinden, geleitet wird. Nach dem talmudischen Grundsatz laxs? riK nm» man prr wiegt ein Wahrwort aus nichtjüdischem Munde schwerer, als die Verteidigungen und Abwehrmaßnahmen, die von der angegriffenen jüdischen Seite ausgehen. Damit soll noch nicht gesagt sein, daß sich die Abwehrtätigkeit des Centralvereins erübrigt. Diesem fallen noch eine Reihe anderer Aufgaben des jüdischen A u ß e n d i e n st e s zu, die vom Abwehrverein seiner Struktur nach nicht gelöst werden können. Was wird aas Deufchlands Juden? Veredle Ziffern über Geburten, Mischehen und Bevölkerungsbewegung. . Im „Archiv für Soziale Hygiene und Demographie" bietet Herbert Philippsthal hochinteressante Zahlen und Daten über Stand und Bewegung der Juden in Deutschland. Seine Ausführungen umfassen Deutschland insgesamt,' sodann P r e u ß e n, B a y e r n, Sachsen, Württemberg, Baden und Kraft und Licht. Eine Ttachfestbetrachtung. Mit dem Gesänge von der Thora, die uns Kraft und Licht ist, miKi m, hat uns das Schlußfeft ins nüchterne, herbstliche und winterliche Leben entlassen. Mögen diese Worte in unfern Ohren und Herzen nachhallen in diesem um -einen Monat verlängerten Winter. Denn es bedarf nicht der besonderen Feste, um uns den Kraft- und Lichtcharakter der Thora vor dis Seele zu führen, jede Mizwotat am Morgen und am Abend tut es, jede Lernstunde im Vereins- und Familienhause zeigt uns die Kraft und das Licht der Lehre, jeder jüdische Freitagabend bei Kerzenschein und Smirausgesang und Kinderbelehrung ist eine Huldigung der Quellen, aus denen wir — und doppelt für den Winter unserer Geschichte, den Winker unseres Lebens — Kraft und Licht schöpfen. Kraft und Licht. Fordert die Thora und fordern ihre Gebote von uns Kraft, Opfer, Anspannung, Selbste Verleugnung und Ueberwindung, so bieten sie uns so viel Lichr und Freude, daß die Kraftanstrengung in diesem milden Scheine gleichsam selbst zu einer Freude, zrr einem Genüsse wird. Der wahrhaft Fromme denkt nicht an den „Gewinnausfall", sondern an die Fülle von paradiesischen Genüssen, die ihm der Sabbat bringt: ihn schmerzt nicht die „Lücke", die die fromme Spende seinem Säckel geschlagen hat, er sieht die leuchtenden Augen des Menschenbruders, dem er die Hilfe gereicht und er hat für totes Metall Glück, eigenes und fremdes, eingstaufcht. Was ist der Weg zum Gotteshause gegen die beseligende Wirkung des gemeinsamen Gebetes; was bedeutet die dem G e - schäfte abgerungene Stunde im Vergleich zu der g e i st i g e n Wonne, die die Stunde des Lernens uns gebracht? Es ist die Eigenart der jüdischen Religion, daß sie jedes Atom an Kraft, das sie von ihren Bekennern fordert, mit Fluten goldenen Lichtes bezahlt. Wer über schwere, opferreiche Anforderungen des Judentums klagt, der hat das Judentum in feinen Tiefen, das Judentum in feinem Glanze nicht erkannt. ’3 r\w '2 2j?s' naip vix «i>i Wie geistvoll erklärt ein älterer Kommentar diesen Vers (Jesajas 43) mit folgendem Gleichnis: Es hatte jemand in einem Juwelierladen kostbare Steine eing'ekauft und den Auftraggegeben, daß ihm die Kleinodien ins Haus geschafft werden. Nach einigen Stunden hört er, wie ein Mann mit schweren Schritten sich zu ihm die Treppe hinaufarbeitet. Er öffnet die Türe. Draußen steht ein Mann schwitzen- und keuchend mit einem schweren Packen, in der Hand. - Er hätte hier die Ware abzuliefern, sagte er und wischte sich den Schweiß oon der Stirn. „Nein", sprach der Käufer, „das kann nicht sein. Die Ware, die ich gekauft habe, ist überaus kostbar, aber schwer ist sie nicht. Was mit Mühe und Schweiß erst hinaufgefchafst werden muß, gehört nicht mir, es ist eine Verwechslung." So auch der Prophet: apjp ninp wx xH nicht mich hast du, Jakob, angerufen, nicht mich hast du gesucht und gefunden, ’a rsr v, wenn du von Mühe und Anstrengung sprichtst, wenn du mein Gebot als Last ansiehst. So bleibe unsere geistige Arbeit, unser Leben in Haus und Familie im langen Winter umraufcht von des Festes Schlußgesang mixi m x*>n ■>d. Kleines Feuilleton. Geheimnisse des unbekannten Arabiens?) Von Dr. Wolfgang v. Weist. Von Sa da nach Osten zu liegt eine große Wüste; sieben Tagereifen weit ist sie, und der Weg führt -durch Felsland zuerst und dann durch Sandwüste. Jenseits dieser Wüste wohnen die freien Juden — die letzten Juden, die keinen Herrn haben außer Gott. Vor fünfzig oder sechzig Jahren, so erzählte der Vater des einen Händlers seinem Sohn, kam ein Jude aus Palästina nach Jemen, um zu sehen, wie die Juden dort leben. Er hörte von den Juden jenseits der Wüste von Sada, und machte sich auf, um zu ihnen zu ziehen, obwohl man ihn warnte, daß die Juden jeden erschlügen, der zu ihnen komme. Er ritt mit einem Rasig, einem Führer, kam aber vom Wege ab und rastete unter einem Felsen. Dort traf ihn ein Jude und griff ihn an; der Palästinenser in seiner Angst schrie „Schma Jisroel" — das Glaubensbekenntnis, das man in der Todesstunde zu sprechen hat. Da hielt der Angreifer an; als er hörte, daß der Fremde ein Jude sei, sagte er ihm, er müsse heimkehren nach Sada; auch Juden dürfen nicht in das *) Aus einem Aufsätze in der „Bofsischen Zeitung".