Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1928)
- Date
- 1928-09-27
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450533--75352-2532870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27. September 1828 Der Israelit Nr. 39 Seite 3 Amderecke. Hagebutten und Sukkausblumeu. Dyn KköerL Weu. Im Herzen Deutschlands liegt das Landstädtchen N., Umgeben von sanft ansteigenden Höhen, auf denen die edle Rebe gedeiht, umrahmt von saftigen Wiesen und fruchtbaren Feldern. Die Gemeinde besteht aus kaum 18 Baale-Batttm, die zum Teil der liberalen Richtung angehören. Der streng konservative Lehrer hat aber ein wachsames Auge auf alle religiösen Einrichtungen der Gemeinde und die Führung derselben in altjüdischem Sinne. So ists kein Wunder, daß alljährlich auch eine ansehnliche Zahl von Sukkaus gebaut werden, wofür insbesondere die Schuljugend reges Interesse bekundet. Es setzt jedes Jahr ein Wetteifer ein unter. den Kleinen: jeder möchte sich rühmen, daß die Eltern die schönste Sukkoh haben, und neidisch werden schon Wochen vorher die Hecken gemustert nach den dicksten und rötesten „Hirsen" (Hagebutten) und die Gärten nach Georginen, Astern, Malven und andern Herbstblumen. Vereitsein heißt auch hier alles. Wiederum war Sukkaus in der Nähe. Die Hiefen waren heuer nicht in großer Menge zu finden. Um so sorgsamer bemühten sich die Kleinen, sich „ihren" Vorrat zu sichern behufs Anfertigung der Hagebuttenketten, ohne den sich ein rechter Sukkaus nicht leicht denken läßt. „Weißt du was," sagte. Ella zu ihrem Bruder Max, „wir holen heute schon unfern Bedarf an Hiefen, obwohl es erst einen Tag nach Zaum-Gedaljä ist. Sie halten sich schon, bis Sukkaus kommt. Du kannst gut klettern,; du gehst nach Brück zu an dem Rinnenbach hinauf, ich auf den Sperber, dann'bringen wir heuer doch ziemlich viel zusammen, denn auf unfern Nuno — so lautete der Kosename ihres Bruders Benjamin — kann man sich nicht verlassen. Du weißt, er ist etwas träumerisch. Bis er kommt, hat Edmund Steinberger schon alles leer gepflückt, obwohl die Steinbergers sonst nicht zu den flinksten gehören." Max war es zufrieden, machte aber noch einen weiteren Vorschlag. „Wir geben dem Waldhüter Burkhard Auftrag, uns Hiefen mitzubringen, wenn er seinen Dienstgang in den. Wald macht. Er kennt die günstigsten Stellen dort und bringt uns für eine Mark die schönsten Früchte. Was ist dabei, wenn jeder von uns fünfzig Pfennig aus seiner Sparkasse für den heiligen Zweck opfert?" „Hast recht, Schlaumeierchen," sagte Ella. „Wird gemacht .Nuno soll sofort zu. Burkhard eilen, damit niemand zuvorkommt. In einer halben Stunde geht ex den Wald hinausi So kommen wir heute noch zum Ziele." Nuno stellte sich in der „Anlage" auf Posten. Pünktlich erschien der Waldhüter, der im Volksmund nur der Ofenputzer Burkhard genannt wurde in Erinnerung an seine ehemalige winterliche Arbeit. Schmunzelnd nahm er das Pfeifchen aus dem Mund, strich sich den, roten Bart, steckte die Mark ein und versprach, am Abend sein Schnupftuch voll Hagebutten zu bringen. Und wirklich, am Abend lieferte der Ofenputzer ein - vollgepfropftes Tuch Hagebutten ab, ja, die Rocktaschen konnte er noch entleeren von diesen „edlen Früchten". Wer war glücklicher als Fromms Kinder. Wie einen Schatz verwahrtem sie die Hiefen in ihrem Schlafgemach, um gleich nach Jomkippur mit dem „Einfädeln" zu beginnen. ... Am andern Tage sah man einen Mann bedenklich durch die Straßen des Städtchens schwanken zum Ergötzen der Schuljugend. Es war der Waldhüter . Er hatte die Mark pünktlich in Sechzigprozentigen umgesetzt, wie das seine Gewohnheit war ... Es war der erste Sukkausabend. Nach Beendigung des Gottesdienstes und eingenommenem Jomtowmahl besuchte man sich auf kurze Zeit gegenseitig in der Nachbarschaft, die „Sukkoh sehen". Das Wetter war auch diesmal ausnahmsweise mild, fast wie im Mai. Fromms Kinder hatten Jüdische Früchteverkaufer und Wasserträger in Tunis. Fifchverköufer tu der Amsterdamer Judeugaffe. es etwas eilig, Steinbergers Sukkoh zu inspizieren. Trugen sie doch das stolze Bewußtsein in sich, keiner im ganzen Städtchen habe solch hübsche Hagebuttenketten angebracht, keiner in gleicher Menge. Wie sie vom grünen Laubdach herunterleuchten, fast wie glühende Guirlanden,. Und wie das weiße Papierblättchen davon absticht, das Ganze hervorhebt! Sicher können sich in dieser Hinsicht Steinbergers nicht mitihnen messen! — Ella, Nuno und Max machten sich auf den Weg zur Nachbarschaft. Von Ferne hörten sie schon den vielstimmigen Schir-Hamaalaus erklingen; denn auf Singen hielt man dort immer etwas, besonders nach einer guten Sudoh. Und Söhne und Töchter beteiligten sich am „Stufenlied". Stimmführer war natürlich der Vater, seit Jahrzehnten gern gehörten Jomim-Nauroim-Chason im Städtchen. Durch den Gesang hatte man das Anpochen der drei kaum gehört; sie traten fast überraschend ein. „Gut Jomtof" und den Blick zur Decke lenken war das Werk eines Augenblicks. Der Totaleindruck mußte gewonnen werden und der musternde Blick verschlang förmlich das bunte Allerlei, das jüdische Herzen und Hände hinaufgezaubert hatten. Nach der Begrüßung mit „Gut Jomtof" und liebevoller Bewillkommnung nahmen die Kinder auf dem breiten Sofa Platz, einem pietätvollen Erbstück des „alten Offenbacher". — ,Nun, wie gefällt euch unsere Sukkoh?" fragte Gustav lachend? „Sie ist sehr schön, wirklich schön," beteuerte man. Es lag aber in der ganzen Antwort ein gedämpfter Ton, wie nach einer überraschend eingetretenen Enttäuschung. Eine Art Verlegenheitspause trat ein. „Eure ist sicher noch viel schöner," meinte der Hausherr und knüpfte so den Faden der Unterhaltung' wieder neu an. „Ja, sie ist schön," entgegnete Ella etwas befangen. „Wir haben Hiefenketten wie seit langen Jahren nicht," warf Max Fromm dazwischen, „diese hier sind sehr klein und nicht rot genug." — „Seht aber einmal unsere Blumen!" ließ sich Edmund vernehmen, der bis jetzt geschwiegen hatte» „sie heben das Ganze heraus; ja, man kann sägen, sie bilden den Hauptschmuck unserer Sukko; nicht wahr?". — „Wir haben es gleich gedacht," nahm Nuno das Wort für feine Geschwister, „bei der späten Jahreszeit soviele Blumen zusammenzukriegen. Wir haben ganz wenige erhalten."- — „Wir waren bei Schlereths, bei Thens, im Spitalgarten," ergänzte Ella, „kurz, überall. Immer hieß es, es sei nichts da, sie seien schon fortgegeben usw, Da habt ihr mehr Glück gehabt. Soviel Blumen!" — „Wir hätten diese auch nicht bekommen," meinte Edmund mit schlauem Lächeln. „Man muß es nur verstehen." — „Wieso," wie meinst du das?" fragte hastig Max Fromm dazwischen. — „Nun, das will ich euch sagen. Die vorige Woche — ich glaube, es war am Dienstag — begegnete mir der Ofenputzer Paulus Burkhard. Ich sagte ihm, wenn er mir Blumen besorge, bekomme er eine Mark. Es. müssen aber allerlei sein und schöne. Und vor gestern Morgen dürfe er sie nicht bringen, damit sie hübsch frisch bleiben. Da brachte er mir wirklich einen großen Korb voll; fast konnte ich sie nicht unterbringen. Da glaube ich euch gerne, daß ihr nur wenige Ueberreste zusammenstuppein Tonntet. Es tut mir ja einesteils leid. Doch auch beim Sukkoschmuck sorgt schließlich jeder für sich." — Atemlos hatten die Kinder zugehört und von ihrer inneren Verärgerung nichts merken lassen. Dann aber machten sie dem Gefühle der Genugtuung Luft und gaben ihrer Freude Ausdruck, daß ihnen mit demselben Mittel das Gleiche oder Aehnliches gelungen war. Es löste sich die kleine Verstimmung in ein allgemeines Gelächter auf. Und dieses steigerte sich noch, als Edmund Stemberger erzählte, der Ofenputzer habe am andern Tage einen Kanonenrausch gehabt, so daß seine Frau ihn aus dem „Scharfen Eck", durch einen handfesten Maurer heimführen ließ. In animiertester Stimmung verbrachte man noch fast zwei Stunden in der Sukkoh. Im ganzen Städtchen sprach sich die Geschichte von dem verschwiegenen Ofenputzer herum und dieser selbst gab es noch oft während des Winters auf der Bierbank zum besten. Die Eltern gaben aber den Kindern den wohlmeinenden Rat, künftighin „zu-