Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1928)
- Date
- 1928-09-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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LD-G, Seligmann Bär Vamberger zum 50. Todestag. Dem Förderer jüdischen Schulwesens, dem Verbreiter jüdischer Volksbildung ein Gedenkblatt zur SO. Wiederkehr seines Todestages in Ehrfurcht gewidmet. Es ist mir eins liebgewordene Ferientradition geworden, allsommerlich ins Land der Franken zu fahren, ausgesprochen zu dem Zwecke, die einzige noch lebende Tochter des Thorafürsten zu besuchen, dessen Todestag am Suckausfeste zum 50. Male sich jährt. So bin ich auch dieses Jahr in das am Fuße des Steigerwaldes, von Rebhügeln und fruchtbaren Gefilden umgebene Städtchen am Main mit feinem schiefen, mostseligen Falterturm gekommen. Wie alljährlich saß ich in dem mir vertrauten schlichten Lernzimmer vor dem gebeugten, zarten Frauchen mit seinen 92 Jahren, und mit bewundernswerter geistiger Frische berichtete es mir aus alter Zeit. Wie nun aus dem Munde der ehrwürdigen Greisin — von heiliger: Elternverehrung durchglüht — in ungetrübter Klarheit die Worte sprudeln, Züge aus dem Leben ihres großen Vaters umreihend, da steigen in mir Erinnerungsbilder aus meiner frühesten Kindheit auf. Freitagabend im Elternhause. Ich sitze auf den Knieen meines Vaters f. A., und er erzählt mir auf meinen Wunsch, was ich so oft schon von ihm gehört habe, von seiner Militärzeit. Er hat den Feldzug 1870/71 beim 2. bayerischen Feldartillerieregiment mitgemacht. Mit gespannter Aufmerksamkeit lausche ich dem Vater, wie sein Regiment die erste Feuertaufe bei Weißenburg erhalten, wie seine Batterie zur Umzingelung Sedans aufgefahren ist, wie von den Höhen von Jffy die Kanonen ihre feurigen Grüße in das belagerte Paris gesandt haben. Möglich, daß ich solchen Schilderungen meine Vorliebe für geschichtliche und erdkundliche Dinge zu verdanken habe; sicher ist aber dabei das Gefühl für ain ypd in mir erweckt worden, indem mir mein Vater aus feiner Würzburger Garnisonszeit von dem dortigen 21 erzählte, wie die, Soldaten vor ihm, wie vor einem Vorgesetzten, ihre Ehrenbezeugungen machten, wie abgesehen er bei den höchsten Offizieren war/ wie es ihm dadurch möglich, war, für rituelle Verpflegung, für Befreiung vom Dienst an Sabbat und Feiertagen zu sorgen. Zum ersten, Male ahnte ich, die Größe eines Mannes, der in der Geschichte/ des Judentums seinen Platz einnimmt. , Als vor einigen Jahren ein', geistvoller Rabbiner Nordöeutschlands Seligmann Bar Bamberg^r, einen naiv gläubigen Juden''nannte, hat mast, ihm das!!in manchen Kreisen übel genommen. Ich ' finde diese Bezeichnung außerordentlich treffend. Er war tatsächlich naiv gläubig, fromm aus Selbstverständlichkeit, „wirklich fromm, ruhig und heiter, heilig und schön, voll Kraft des Glaubens und fern von Uebereilung und ihrem ' eitlen Gefolge, den Frieden liebend und Gott liebend". Auf Liehe war feine Welk'gebaut, Liebe war der natürliche Adel seiner Seele. Sein Leben war eine Totalität, von einem Zentrum aus geformt, gestaltet. Er war ein großer Mensch, eine Persönlichkeit. In dem Besonderen dieser Persönlichkeit ist die Tiefe seines Wirkens begründet. , Seligmann Bär. Bamberger war ein Kind der mainfränkischen Landschaft. Seine Wiege stand in. dem, Dörfchen Wiesenbronn, 2% Wegstunden von Kitzingen entfernt, nach dem Steigerwald-zu gelegen. Hier wurde-er am 5. MarcheschwaN 5568'(6. November 1807) gehören. Seine. Eltern-, in-, sehr bescheidenen Verhältnissen lebend, hattest in, bezug auf/ ihren Sohn nur das eine Streben, ihnstem Thorastudium zu weihen. Sie brachten dafür die größten Opfer,, legten sich, ohne daß es der' Sohn merken durfte, die größten Entbehrungen auf/ Um diesen beileibe nicht der geringsten materiellen Unterstützung Mn^yemder Seit«.benötigen.zu lgssey,. Nach. Mer grürM liHest'Vorbildung^ ist den jüdischen' Fächern durch den gelehrten Ortsradbiner Gerfon Levi bezog der noch-nicht fünfzehnjährige. hochbegabte- -, JüWlingdie/.Mrther DM mud-Hochfchule und, zog bald die Aufmerksamkeit des Leiters der Fürther Jeschiwah, des berühmten Rabbi Wolf Hamburger, auf sich. Nach fünf Jahren verließ er die Talmudschule, ausgezeichnet durch die Hatoras Horooh seines großen Lehrers. In fein Heimatdörfchen zurückgekehrt, übernahm er das elterliche Geschäft, jeden freien Augenblick dem Thorastudium widmend. Wenn er nach dem nahen Würzburg kam, um geschäftliche Einkäufe zu machen, führte ihn sein erster Weg zu dem dortigen Rabbiner — Abraham Bing —, um geistige Ware einzutauschen. Mit 22 Jahren gründete er sein Haus mit der Tochter des Fuldaer Rabbiners Seckel Wormser. Als der Bruder seiner Frau vor der Heirat sich in Wiesenbronn nach der materiellen Grundlage des neu zu schließenden Bundes umgesehen hatte, war die Bilanz recht dürftig ausgefallen. Das Warenlager bestand aus einem Füßchen Oel, aus einem Zuckerhut und anderen gleichwertigen Schätzen.' Aber die junge Frau, von zu Hause nicht an geschäftliche Dinge gewöhnt, ging mit einem heiligen Optimismus daran, dafür zu sorgen, daß ihr Mann nicht durch geschäftliche Tätigkeit abgelenkt werde von dem, wozu sie ihn berufen glaubte, vom Lernen und Lehren. Zu den Schiurim, die der gelehrte Kaufmann ohne irgend ein Entgelt gab, kamen schon nach dem kleinen Dörfchen Jünger aus weiter Ferne, für deren Unterhalt er oft auch sorgte, obgleich das geringe Kapital, das er als Heiratsgut erhalten hatte, in gleichem Maßstabe abnahm, als die Familie sich vergrößerte. Sein Werk über „Chalizoh" hatte die Zustimmung und das uneingeschränkte Lob talmudischer Autoritäten gefunden, und an den junger. S. B. B. ergingen schon damals aus aller Herren Länder Anfragen über schwierige Probleme der jüdischen Praxis, wie über schwer zu erklärende Stellendes Talmuds und seiner Codizes. Wohl selten war eine Epoche für das Judentum in Deutschland so gefahrdrohend wie die damalige Zeit. Das Schifflein des Judentums war auf hoher See von den schrecklichsten Stürmen bedroht. Auf einer im Jahre 1836 vom Ministerium emberufenen Synode von jüdischen Nochbeln zur Regelung jüdischer Angelegenheiten war S. B.iB. als Vertreter seiner Heimatgemeinde zugegen. Durch seinen Scharfsinn- und seine Gelehrsamkeit/ durch seine Begeisterung und seinen glühenden Eifer für!die Wische Sache erwies er sich bald als mutiger Verfechter der gesetzsstreuen.-Belange. Die Reformer Machart Verstöße gegen das'-Gottesgefetz, suchten einen Teil der religiösen Vorschriften: als veraltet außer Kraft zü setzest Ms unerschrockener Kämpfer'für die heilige Sache trat S.' B. B. sn die Bahn und vereitelte durch seine Energie die Pläne der reformistischen Stürmer. :l ' Oberrabbiner Bing hatte seines leidenden- Zustandes wegen die Gemeinden seines Bezirkes bei religiösen Anfragen an S. B. B. ist Anerkennung seines Wissens und seiner Befähigung verwiesen. Als die Gemeinde Würzburg bei der Regierung infolge der zunehmenden Altersschwäche ihres Rabbiners die Neuwahl eines geistigen Führers beantragte, wurde -im Frühjahr 1840 der Wiesenbronner „Kaufmann" aus seinem Kramlädchen heraus zum Distriktsrabbiner gewählt. Es hatte vielen Zuredens seitens der Führer der frommen Richtung in Bayern, eines Mendel Rosienbaum in Zell, bedurft- bis sich S. B. B. gemeldet chatte. Cr hatte sich geweigert, weil er kein Studierter sei. Aber das Ministerium Nahm keinen Anstoß an der Vorbildung von S. B. B., und int-April -1840 siedelte der 23jährige Rabbiner nach Würzbürg über, um. sein Amt änzutreten. j Mit seiner überragenden Gelehrsamkeit--gepastsit mit seltener Bescheidenheit, die nicht die Spur eines Eigendünkels kannte, mit.einer-Wahrheitsliebe, die stveder nach rechts oder links abbog, galt er bald äld/Pabbinische Autorität.u iJn j jener Zeit,'.MÄ«das Talmudstudium in DeutschlandNüfzuhSöen '.schien-l!äls' die Strudel desj geschichtlichen Strömen das Alte!- ^u zerbrechen Sröhken! als neue Anschauungen hervortraten, als alles.sich im Werden, Entwickeln und Entstehen befand/überall Frggen ochste befriedigende -Lösung gestelltrvurden.-'stlrgends Gewißheit, Sicherheit, Festigkeit zu finden war, da wagte es S. B. B. im Eifer für die heilige Sache, eine Stätte in Würzburg zu gründen, an welcher Hunderte ihr talmudisches Wissen erlangten, ihren CchSrakter festigten und sich das Rüstzeug holten 'für ihre segenbringende Wirksamkeit. Bambergers I e s ch i w a h, zu der eine zahlreiche Schar von Schülern herbeiströmte, wurde bald ein festes Bollwerk in den Stürmen der Zeit. Seine Lehrweise war dem Pilpul abgeneigt. naW nupsVi war der Zweck und das Ziel seines Strebens und seines Lehrens. Diesen Geist atmen auch seine Werke, die nichts anderes sind als eine Manifestation des insni» pi, hinter die er, dem jeder Gedanke, zu glänzen, abging, in Bescheidenheit zurücktritt. Durch seine Schriften wurde er ein Bildner und Lehrer des jüdischen Volkes. Sein M'leches Schomajim bringt in leicht faßlicher Sprache, in übersichtlicher Darstellung, in gründlicher Genauigkeit, alle Vorschriften über die Herstellung von ,-Thora, Tesillin und Mesusaus". Amiro l'bes Jaakauw belehrt die jüdischen Frauen über die ihnen obliegenden heiligen Pflichten, durch deren gewissenhafte Erfüllung sie die Erhalterinnen des jüdischen Hauses werden. Die Bewunderung erregende Gelehrsamkeit Bambergers bekundet fein drittes Werk, Schaare Simcho, in dem er als Erklärer auftritt.. Maure l'sofschim mit seinen minutiösen Vorschriften über das Schächten ist ein wahrhafter Führer für die dieses heilige Amt ausübenden Glaubensbrüder geworden. Aus Nachale D'wasch strömt talmudische Weisheit, die den Inhalt des schwierigen- Chaliza-Gesetz-es in gangbare Münze für die Praxis umwertet. Vonseinem letzten Werke, die „Al tikri" des Talmud deutend, schreibt ein gelehrter Rezensent, es.sollte nicht Kaure beemes, sondern Dauwer beemes heißen, da es zu allem Guten und Edlen anspornt und begeistert. Außer mit diesen in hebräischer Sprache erschienenen Werken war er auch auf weltlichem Gebiete schriftstellerisch hervorgetreten, besonders wenn es galt, die jüdische Ehre, die bedrohten Rechte der Bekenner des Judentums zu verteidigen. „Einige Worte des Aufschlusses im Betreffe der Emanzipation der Juden" ist eine heute noch -lesens- und bemerkenswerte Kampf- und Verteidigungsschrift gegen die Feinde der Emanzipation der Juden in Bayern. Sie verfehlte denn auch nicht ihre Wirkung auf die bayerische Abgeordnetenkammer und insbesondere auf die Staatsregierüng, die schließlich die Bekenner jüdischen Glaubens mit allen anderen Staatsbürgern gleichstellte. Bei den Staatsbehörden — von seinem Ansehen bei hohen Miiltärstellen war bereits die Rede — genoß S. B. B., der bei' all seinem Mut und seiner Unerschrockenheit stets die Distanz zu wahren wußte, unbegrenztes Vertrauen. Als er einmal bittstellend einen hohen Regierungsbeamten aufsuchte, empfing ihn dieser leutselig entgegenkommend. „Aber Herr Rabbiner, behalten Sie vor allem doch ihren Hut auf!" Seine bisher , geschilderte Tätigkeit . hätte schon allein eine Manneskraft in Anspruch genommen. Aber der Würzburger Raw, an den man sich aus den entferntesten Weltgegenden in den schwierigsten ' rituellen Fragen wandte, war bei alledem auch der Führer und Betreuer selbst der kleinsten der ihm zahlreich unterstellten Gemeinden. Niemals hat er bei seinem weltumspannenden Wirkungskreis es nur eine Gemeinde seines großen Distriktes fühlen lassen, 'daß er von seinen Zeitgenossen als kibo fcnanerkannt wurde. 'Die größeren und die kleinen Gemeindestsie. wurden jährlich besucht, dabei die religiösiest Einrichtungen die Gxmeindeangelegenheitestubesprochev. W. W'-eist. Mißstand zeigte//churde dem ÄMyö.Wsi^JnsbesötldeiAwärest: es die schulen, dMnchFörd«ilntz' stickHestung S.' B. B. Herzenssache waren. Mit dem Gefühle tiefer und beglückender Andacht hjelt er iw den Volks-' und Religio,ys^pltzn chje Meligions. Prüfungen Äb, ' fctro Berater,