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Der Israelit · 1928-09-27 · Heft 39 (27.9.1928) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 39 (27.9.1928)
Date
1928-09-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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27. September 1928 _ Übernahme der Verantwortung durch die Gesamtheit des lebenden Volkes setzt freilich die Erkenntnis voraus: daß ein Volk nicht nur aus den Vielen besteht, die zu gleicher Zeit leben, sondern auch denen, die vor ihnen und nach ihnen sind. Es gibt nicht nur eine horizontale, sondern auch eine vertikale Gemeinschaft. Die Verantwortung unserer Gemeinschaft für die Ermöglichung der Frühehe ist eine zweifache: sie ist eine geistige und eine wirtschaftliche. Die geistige Verantwortung verlangt, daß wenn Frühehen geschlossen werden sollen, und wenn die Gesamtheit hierfür eintritt, dann auch die besten und geeignetsten Partner für einander gefunden werdett. Frühehe darf also nicht wie Spätehe ein Spiel des Zufalls oder ein Werk des Schadchen (im üblichen Sinne) sein. Und auch nicht, wie entsprechend der jugendlichen Natur der Partner manchmal der Fall ist, nur ein Schritt aus einer momentanen Aufwallung heraus. Es muh vielmehr bei unserer Heranwachsenden Jugend und erst recht bei ihren Eltern und Beratern bewußt und nie vergessen werden, daß der Segen und das Glück der Ehegemeinschaft und der Erziehung von der Kenntnis einer großen Zahl seelischer und persönlicher Bedingungen abhängt, die nur der Erfahrene vorher überschauen und berechnen kann. Es muß darum unsere Gemeinschaft verlangen, daß der Rat dieser Erfahrenen aufgesucht wird, und es muß von unserer Gemeinschaft verlangt werden, daß sie Gelegenheit schafft, sich dieses Rates zu bedienen. In einem Worte: Jede Frühehe muß ihren Weg über die Eheberatungsstelle gehen und in dieser Eheberatungsstelle haben Psychologen, Aerzte und Wirtschaftler zu sitzen. Dann und nur dann, wenn die Gemeinschaft die geistige Verantwortung für die Frühehe durch ihre Eheberatung übernehmen kann und durch einen Ehekonsens übernommen hat, soll sie auch an der wirtschaftlichen Verantwortung mittragen. Erreicht werden soll, daß die Besten unserer Jugend in Freude ein Haus gründen können, schon dann, wenn aus eigenen Mitteln dies nicht erlaubt wäre. Die Uebernahme der wirtschaftlichen Mitverantwortung durch die Gesamtheit geschähe zuerst in der Weise, daß innerhalb der Gemeinden und ihrer übergeordneten Instanzen auf zwei Wegen Geldmittel bereit gestellt werden: erstens sind durch eine besondere Umlage diejenigen Mitglieder der Gemeinden, welche sich ihrer heiligsten Pflicht gegenüber der Gemeinschaft bisher entzogen haben, stärker zu erfassen: es muß eine Junggesellensteuer und eine Steuer kinderloser gutsituierter Ehepaare erhoben werden. Zweitens sind durch freiwillige Verpflichtung innerhalb der wirtschaftlich besser gestellten Kreise, wenn nicht bare Geldmittel, so doch Garantien für den Frühehefonds zu schaffen. Die also zusammenzubringenden Mittel fließen den Paaren, die sich zur Frühehe entschließen, natürlich nicht als Dauerunterstützung, sondern als Beihilfen zu besonderen Anlässen zu. Dieser Anlässe sind zwei aufzuzählen: nach altem schönen Brauche müßte auf diese moderne Weise ohne Gefahr einer Beschämung eine Brautunterstützungskasse (n^2 noa2n), in der sich von jeher unser freudigstes Bekenntnis als verantwortliche Mitträger neuer Hausesgründungen wiederspiegelte, neu aufleben. Ferner sind bei Geburten besondere Kinderprämien an die Paare zu verteilen, die im Sinne unserer Gesamtheit leben; sie würden zugleich mithelfen, der unheilvollen Kinderbeschränkung in der Gegenwart ein Gegengewicht zu bieten. Die wirtschaftliche Verantwortung der Gesamtheit für -die Frühehe der Einzelnen erschöpft sich aber nicht in dieser mehr philantropisch aussehenden Betätigung. Hand in Hand mit ihr muß eine vernünftige Beeinflussung der Berufswahl gehen. Schon in den Schulen, erst recht mit dem Eintritt ins Leben muß dahin gedrängt werden, daß nicht aus ehrgeizigen oder sonstigen Motiven Berufe ergriffen paerden, die erst spät oder nur unsicher zum Verdienst führen. ' Der Berufsberater wird aber auch auf die Arbeitgeber einzuwirken haben, daß dort, wo Ar- Der - Israelit beits- und Verdienstmöglichkeit vorhanden, auch die jungen Bewerber, die ihre Pflicht gegenüber der Gesamtheit zu erfüllen im Begriffe stehen, bevorzugt werden und ausreichende Entlohnung finden. Der Gedanke der wirtschaftlichen Gesundung um der Frühehe willen muß endlich systematisch in die Häuser selbst hineingetragen werden. Die Gesamtheit muß durch ihre Organe dahin wirken, daß der übliche Lebensstandard, mit seinen gerade in städtischen Kreisen gesteigerten repräsentativen Verpflichtungen auf das möglichste Mindestmaß herabgedrückt wird, damit alle etwa vorhandenen Mittel auch wirklich der Zukunft zugute kommen. Es darf auch von den Eltern im Einzelfalle einmal die Opferbereitschaft verlangt werden, daß sie gern noch einige Jahre um ihrer Kinder willen weiter arbeiten, so daß,ein Elternpaar dem neu gegründeten Hause für einige Zeit wenigstens noch die Kosten beisteuern kann, die ihr unverheiratetes Kind in ihrem Hause kosten würde. Dieser Plan ist sicherlich durchführbar, wenn sich unsere Agudas Jisroel in Gemeinschaft mit anderen an sozialer Umgestaltung interessierten Verbänden, so mit dem Esra, seiner für die Praxis annimmt und wenn unsere Gesellschaft seinen gedanklichen Unterbau anerkennt. Die Verantwortung hierfür wäre sicherlich nicht zu groß, denn wir sind ja nicht so verstiegen, wie Uebelwollende gern behaupten, um jeden Preis, um den Preis der Gesundheit der Kinder, um den Preis der Entwicklungsmöglichkeit der Ehe selbst jedem achtzehnjährigen jungen Manne ohne Wohnung, ohne Beruf, ohne Geld, ohne Ansichten den Sprung in die Ehe als aemeinschaftsfördernde Tat raten zu wollen. Wir wissen ja alle, daß schon die Thora den Riegel vorschiebt: zuerst steht n’i rm’ ra geschrieben und dann erst folgt '2 nizw xtt'. Aber wir wollen doch auch verhindern, daß dieser Riegel zu einer Barrikade ausgebaut wird, hinter der jeder Junggeselle seine Ehelosigkeit und seine Berufstätigkeit als sittliche Tat proklamiert. Wenn aber, wie es leider jedem Vorhaben beschieden ist, das neue Verpflichtungen und neue Lasten bedeutet, dieser unser Plan von unserer Gemeinschaft nicht angenommen wird, nicht einmal durchdacht, sondern zu den vielen, vielen übrigen ad acta gelegt wird — so bleibt uns doch noch ein Rest von Wirkungsmöglichkeit übrig: Wir können erreichen, daß die geistige Verpflichtung zur Frühehe wenigstens dort anerkannt wird, «jo für Jahre hinaus im vorhandenen Vermögen Existenzmöglichkeiten schlummern. Diese Kräfte können wir frei machen, unabhängig von jeder Organisation, unabhängig auch von der unseren. Das gesprochene Wort, die überzeugte und überzeugende Begeisterung muß diese Kräfte wecken. Hilf Du in Deinen Kreisen, Du wirst nicht allein stehen! Roch Ungeborene werden es Dir einst danken. Die Namen der Tischrifeste. Von A. ^Mannheimer in Dettelbach. (Schluß.) c) Das Laubhüttenfest. Klar und deutlich wird der Name ni2iv im 3. B. M. gedeutet. Die Hütten mögen an. das Wohnen in Hütten zur Zeit des Auszuges aus Aegypten erinnern. Und nebenbei soll bedacht werden, daß auch Kleidung und Nahrung den Israeliten m der Wüste ward, nicht nur Schutz. Im Gebete wird es als bxi erwähnt und jat larmatt genannt, im Gegensatz zu den „ehrfurchtgebietenden Tagen" denB'xiia B’B'»» Waren schon sämtliche Wallfahrtsfeste mit ihren rauschenden Volksversammlungen im Tempelheiligtum Freudentage, so wird für ni2io die Freude ausdrücklich zur Pflicht gemacht: natt *]X rv»m Die verstärkte Ausdrucksform will sagen, die Freude soll uns quasi zur Eigenschaft werden. (5. B. M. 16, Nr. 39 Seite 7 THEISSINOER Briefpapiere Feine Lederwaren Neues Kunstgewerbe sind erlesene Erzeugnisse von Qualität und Geschmack SCMLLERSTRASSE 3 ___J 15. Hirschs Pentateuchkomm.) Dazu kommt, daß ni2id auch q'vxn an heißt, das Fest des Einsammelns (der Feldfrüchte). Diese Zeit wird uns anläßlich der Bikkurimgaben, die jeder vom Wochenfeste an zu bringen hatte, als die Freudenzeit saus plirase bezeichnet. „Welches ist die Freudengeit?" Von nisnair an bis nad) rvoiO' da der Mensch die Feldsrüchte einheimst." (Traktat Vikkurim).-) Bedenkt man, daß unser Pesachfest als 2'2XN am Fest der Aehrenreife bezeichnet wird, das Wochenfest als i'Lpn am als Erntefest, so kann man sagen: Unsere Wallfahrtsfeste geben sich zugleich als Naturfeste. Zur Natur hin.führt uns auch die Tradition, welche lehrt, daß am ni2iv Gott die Welt richtet wegen der Niederschläge. Darum fand im Tmpel die überaus freudige Zeremonie des Wassergußopfers statt. Man goß in die Schale auf dem Altar Wasser, wobei Gesang, Trompetenklang, ja Illumination und künstlerische Prüduzierungen die Festesfreude erhöhten, lannatt jarl Durch den Feststrauß, der in aller Hände prangte, trat das Fest zugleich im^Gewande der Schönheit dem Volke entgegen. Mischna und Talmud nennen das Laübhüttenfeft kurz: an* das „Fest" par excellence. Eine ganz eigenartige Dämpfung fand die Festesfreude aber durch die „Hosianna". Mitten in den Festesjubel mischt sich der Ruf «xa nspttirr' o, hilf doch! Hosianna! Der Altar war mit elf Ellen hohen Weidenzweigen umstellt, man umkreiste ihn täglich einmal unter 'Hosiannarufen, bis am siebenten die große Hosianna stattfand, dieX2i xa^ttinbei der man den Altar siebenmal umzog. In der Mischung inniger Festesfreude mit heiligem Ernst zeigt sich das wahre Bild der jüdischen Volksseele, offenbart sich jüdisches Wesen in strahlender Schönheit. Der Grundgedanke der Hoschaanot ist außer Büßfertigkeit die Bitte um segensreiche Spende der Niederschläge. Auch über Menschenschicksal wird, ähnlich wie am nv> noch entschieden. Nächtliche Andachten, das sogenannte „Lernen", weiße^ Dekorierung des Gotteshauses, Anklänge an den Versöhnungstag beim Gebete geben dem „Weidentage" einigermaßen die Weihe und... Würde des iis2 dv>* In der kabbalistischen Zeit (14. Jahrhundert) fasteten manche sogar amtrnio bi*» am Weidentag. Bei den Ostjuden dauern heute noch die Umzüge bis gegen Mittag.fl) Der Mergengottesdienst beginnt möglichst frühe, wie am Versöhnungstage. d) S ch e m i n i A z e r e s. (Beschlußfest.) Der rmy ’aatt wird als besonderer Feiertag betrachtet, obgleich er sich unmittelbar an ni2iv anschließt. Der Talmud zählt sechs Punkte auf, in denen die Besonderheit dieses Tages sich s) Während des ganzen Sommers bis nach dem Laub, hüttenfeste zogen Karawanen jüdischer Bauern nach Jerusalem und brachten unter Trompetenschall und Jubelhymnen ihre Erstlingsfrüchte zum Tempel. «) Im frühen Mittelalter scheint man die Umzüge auch zu Mincha vorgenommen zu haben. Aus dem X. Jahrhundert besitzen wir die gut verbürgte Nachricht, daß am Hoschaanotage Umzüge um den Oelberg stattfanden. Es beteiligten sich daran Pilger, teils aus weiter Ferne . Dabei wurden auch die Bestimmungen über den Kalender des folgenden Jahres bekannt gegeben.

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