Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1928)
- Date
- 1928-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450532--75320-2532837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i L i ■Sff? Seite 4 Nr. 38_; _ am Hochzeitstage erfreut werden müsse und darum einen jeden, der diese Pflicht erfüllt, mit einem Manne vergleicht, der einen Riß in der Ruine Jerusalem heilt. Vielfach pflegt bei Beschneidungen der „Sandek" einen Kittel anguziehen (soll vielleicht das Kind an den Tod erinnert werden?!) . . . Wir alle kennen den Kittel am „Seder"-Abend und wissen doch, daß dieser ganz und gar der Freude und dem Danke geweiht ist. Wie aber konnte es kommen, daß' das Tragen des Kittels am Jom Kippur ein Zeichen der Trauer wurde? Leicht verständlich! Heutzutage ist der Versöhnungstag kein Fest- und Freudentag mehr. Vergangene Jahrhunderte, ja noch die Gegenwart in manchen Ländern, haben den Juden zu Sorgen und Entbehrungen verurteilt, nur mühsam fand er und findet er auch nur dürftigen Lebensunterhalt . . .; und diese Not und dieser von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbende Trübsinn hat auch die Natur des Versöhnungstages verändert. Wieviele Tränen werden an diesem Tage vergossen, wie viel Elend und Kümmernis steigt aus der Erinnerung, und aus dem Gotteshaus das Wort der Klage zum Himmel auf! Man sieht die Wunden, die das vergangene Jahr geschlagen, man fürchtet die Sorgen, die das neue Jahr bringen wird und fühlt die Schwere des Gerichtes, das an diesem Tage gehalten wird. Nach dem Willen Gottes aber, der inmitten seines Volkes lebt, ist er ein Tag der Aussöhnung, auch mit — dem Schicksal, ist er ein Tag der Freude und der weiße, reine Kittel ist das Festgewand des Lebens. „Zum Leben und nicht zum Tode!" war die Losung, des Lebens für den Juden in der Prophetenzeit. „Gottes Allmacht ruht nicht an Orten der Trauer" sprach der Jude in talmudischer Zeit. Die Seele des Juden ist hoffnungsfroh, sie kennt nicht niederschmetternde Trübsal; das jüdische^Volk denkt nicht an Tod! Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutsches Reich. Hamburger Brief. Hamb urg, 14. Sept. Frieden herrscht in der Hamburger Kehillo. Sollte der Mahnruf des Hamburger Raws am vorjährigen Schabbos Schuwo in die Herzen der Bale Vattim geglaube ich, für alle klar fein, die sich für meine Weltanschauung interessiert haben; - Mein Verhältnis zu den Juden .kann kein anderes als das zu Brüdern sein, die ich liebe; iund zwar nicht deshalb, weil sie Juden sind, sons.dern.cheil wir und sie, wie .alle Menschen, Söhne eines Vaters und Gottes sind, und diese Liebe fordert keine Anstrengungen meinerseits, weil ich vorzüglichen Judenmenschen begegnet bin und sie kenne. Mein Verhältnis zu dem Kifchrnewer Verbrechen wird auch durch meine religiöse Weltanschauung von selbst bestimmt. Noch bevor ich alle Einzelheiten, die nachher publiziert wurden, kannte, bald nach dem ersten Zeitungsbericht, begriff ich all das Entsetzen des Geschehenen und empfand ein schweres, und ungemischtes Gefühl des Mitleids gegenüber den schuldlosen Opfern der Bestialität der Masse, der Verwunderung über die Bertierthei't dieser Leute, dieser Scheinchristen, ein Gefühl des Abscheus und des tiefsten Ekels vor denjenigen, den sogenannten „gebildeten" Leuten, die di« Masse aufhetzten und sie in ihren Gewalttaten unterstützten, und hauptsächlich vor dem eigentlichen Anstifter des Blutbades, vor unserer Regierung mit ihrer die Leute betörenden und fanatisierenden Geistlichkeit und ihrer raubsüchtigen Bande der Tschinowniki. Die Kischinewer Gewalttat ist eine direkte Folge der Lüge und Vergewaltigung, die mit solcher Spannkraft und Beharrlichkeit von der russischen Regierung geübt wird. Das Verhältnis der Regierung zu diesem Ereignis ist nur ein neuer Beweis ihres groben Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, wenn es sich um die Unterdrückung einer ihr gefährlich scheinenden Bewegung handelt und ihrer völligen Gleichgültigkeit (ähnlich! der Gleichgültigkeit der türkischen Regierung gegenüber den armenischen Metzeleien) gegenüber den schrecklichen Greueltaten; fasts. hisse..ichre, Interessen nicht berühren. Das ist alles/ was ich anläWch des Kischinewer Mas- _Der BitaelH_ ■ drangen sein? Bedeutet die Ruhe wirklich Frieden, oder ist sie nur die Ruhe vor dem Sturm? Man sieht wettergebräunte, erholte Gesichter. Sind die Bale Battim zur Erholung gefahren, um mit . neuen Kräften der Erhältung des Friedens zu dienen oder wollen sie jetzt mit noch größerer Kraft die Minorität im Synagogenverband in ihren Rechten beschränken? . Wenn ich an die Antwort dieser Fragen denke, ist mir bang, denn ich glaube, es ist nur die Ruhe vor dein Sturm. ' Trotz langer Verhandlungen hat sich die Gemeinde noch nicht bereit erklärt, die Mädchenschule Bieb e r ft r a ß e, gegründet von dem Hamburger Oberrabbiner Hirsch s. A., geleitet vom jetzigen Hamburger Raw, zu subventionieren. Ein Notschrei an den Vorstand der Gemeinde, unterschrieben von weit über 1000 Gemeindemitgliedern, blieb unbeachtet. Er wurde noch nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Trotzdem wir alle-Gemeindesteuern zahlen, versagt die Gemeinde der Schule eine Subvention resp. stellt unannehmbare, mit dem Religionsgesetz nicht in Einklang zu bringende Bedingungen. Die Schule wird von einigen wenigen privat unterhalten, wie lange noch? Wann wird sie ihre Pforten schließen müssen? Was verlangen wir von der Gemeinde? Bei einem Gemeindebudget von über 1 Million Mark, verlangen wir für die orthodoxe Erziehung unserer Kinder — M. 20.000 — sie werden verweigert! Der Kampf um den R eligi o n s Unte rri ch t a n den Staatsschulen ist entbrannt. Während wir verlangen^ daß die orthodoxen Kinder von orthodoxen Lehrern,; die liberalen Kinder von liberalen Lehrern un-- terrichtet werden, verlangt die Gemeinde einen paritätischen Unterricht, d. h. eine Schule erhält einen orth od o x e n, eine einen libera I e n Lehrer. Auf unsere Frage: wie können wir zugeben, daß unsere orthodoxen Kinder von einem liberalen Lehrer unterrichtet werden? erhalten wir die Antwort aus dem Munde eines Achduthrepräsentanten: D i e liberalen Lehrer sind tolerant!!! Und im S y na gogenverband, wie sieht es dort aus? Die Majorität des Delegiertenkollegiums (die Achduthpartei) unterdrückt die Minorität, lehnt sämtliche Anträge ab, auch wenn es sich um Dinge handelt, die sie selbst vor den Wahlen verlangt hat. G. s. D. haben wir noch einen Vorstand, der fest und treu zu den alten Hamburger Gemeindetraditionen hält. Aber bald naht die Stunde der Wiederwahl des Vorstandes. Was wird dann werden? Wie lange wird man dann noch in der ganzen jüdischen Welt auf die ausgezeichnete und vorbildliche Konstruktion der Hamburger Gemeindeverhältnisse Hinweisen können? So ist die Lage in der Gemeinde. Traurig, aber wahr. Aber auch frohe Stunden verleben wir, wenn wir uns nach des Tages Arbeit im Agudaheim zusammen finden. Die Hamburger Jugendu.nd Mädchengruppe darf sich zeigen. Das Winterprogramm, das der rühsakres sagen könnte, aber dies alles habe ich schon längst gesagt! i: , - :ir < Jassanaja Poljana, 27. April,1903.. . , . Ihr Leo Tolstoi". 1 (Senator Romanin Ja cur und Bismarck.) Im Alten von 82 Jahren verstarb in 'Padua Senator Romanin Jacur, der 40 Jahre lang dem italienischen Parlamente, angehörte und nach dem Kriege zum Senator gewählt' worden war. Senator Jacur war zweimal in verschiedenen Perioden 'Unterstaatssekretär für öffentliche Arbeiten und auch Stellvertreter des Innenministers. Senator Jacur war ein tief religiöser, traditionstreuer Jude. Es wird von ihm erzählt, daß er, als er vor mehr als 30 Jahren in Berlin im Namen'-der italienischen Regierung' Verhandlungen mit Bismarck gepflogen hat, am Freitag-Vorabend die Besprechungen unterbrach und erklärte, er müsse in die Synagoge, um den SabbateiNgang zu feiern. Dieses mutigeBekenntnis Jacurs zu feiner Religion soll auf Bismarck großen- Eindruck gemacht haben. (Neue Kalender.) Der W a i s e n f o n d s d e r A g u'-' das Jisroel in der Schweiz legt seinen schon seit Jahren gut eingeführten Abreißkalender wiederum auf den Roschhaschono-Tisch . Der Kalender ist für jeden, der sich mit jüdischen Angelegenheiten befaßt und über alle kalendarischen Daten! genau informiert. sein rvill, ein angenehmes Handwerkzeug. Es bleibt.nur zü hofften, daß die zahlreich wie die Tage des Jahres in-den Kälender eingefügten Einzahlungsscheine an den'Waisenfonds der Agudas Jisroel in, der, Schweiz, Postscheckkonto -Zürich VIII 5044, mit großen Ziffern bedeckt, ausnahmslos zu ihrem Ursprung zurückkehren werden. mm FM 20. September 1928 ■" 1'1 1 . . p"1 ... ", ritze Vorstand verschickt hat, sieht neben Arbeitsgemeinschäften auf jedem Gebiete, jeden Montag abend einen Vortrag vor. Vergessen möchte' ich nicht die neu ^geführten Scholausch-Sudaus-Abende. / Wie werden wir in die Ferne des Ostens versetzt, wenn wir die;schönen chassidischen Melodien hören. Im Sommer Haben-fast wöchentlich Ausflüge stattgefunden, bei denen wir Ägudisten uns besser als bei Diskussionsabenden kennen lernten. Wenn ich einige Wochen zurückdenke an die machtvolle Kundgebung der Ortsgruppe anläßlich, der Anwesenheit unseres Führers Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, an die bescheidene aber feierliche Einweihungsfeier unseres- Agüdaheimes, dann vergesse ich die Sorgen um die Kehillo, dann weiß ich, daß wir nicht Wenige sind. Wie haben wir gearbeitet, Geld gesammelt,-bis wir unser Agudaheim wieder hatten. Run haben wir es, nun freuen wir uns, denn dort finden wir jeden Abend Gleichgesinnte, Gleichstrebende. : . Und wenn wir in dem Hause des Agudaheims ein Stockwerk höher gehen, da finden wir Unseren jugendlichen Führer mit feinen Sorgen für den Keren Hatorah, für die Erhaltung der Jeschiwaus. Dort arbeitet er, umgeben von seinen Freunden und jugendlichen Helfern. Dort pulsiert jüdisches Leben. Wir stehen vor Jomkippur. Was wird das neue Jahr bringen? Wird die Majorität im "Synagogenverband einlenken, oder wird sie das stolze.Gebäude des Hamburger Synagogenoerbandes auseinanderschikagett? Wird der, Schofarruf das Herz aufrütteln und ihnen, sagen, daß wir ja nichts für uns wollen, sondern nur für die Erhaltung des Friedens, der durch ihr Vorgehen in Gefahr ist, arbeiten und für ihn«, den Frieden, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen werden. Mit ernsten Gedankenfür die Zukunft schauen wir in das neue Jahr, aber wir verzagen nicht, denn wir wissen uns eins mit dem Hamburger Oberrabbiner. Er ist uns ein Vorbild, er schaut weder rechts noch links, nicht auf Freund oder Gegner, er geht den geraden Weg des Rechts, des Din. Keine Schmeicheleien, keine Ehrenbezeugungen können ihn von seinem Weg abbringen. So steht er vor uns, dieser Godaul bjisroel mit seinem geraden Wesen, mit seinem unbeugsamen Willen die unverfälschte Tauroh zu erhalten. v Wochenkalender. v. 2£!. - 29. Sept. 1928 D. 8. - 15. Tischri 5889. Samstag 22 »iwn 8 n je N31V 712V Sonntag 23 9 1182 81' 315 Montag 24 10 1183 81' Dienstag Q- 25 11 Mittwoch rs 26 12 Donnerstag 27 13 Freitag 28 14 111310 317 Samstag 29 15 'R DT 711318 .!:> : . ' jBjeyorzugt von der anspruchsvollen Hausfrau Außergewöhnliche Vorzüge, trotzdem niedriger Preis. Im Eseftenheimertor 3 (Stadt garten) 2^!itäls- Moritz Wölf Zigarren / p fio tn-Fest-Geschenke Lgll llnifhnlrl Schillerpl.7(Hauptwaclie) ■ ft ItL NüllllUlll und ZEIL 65 (KonstablerwJ