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Der Israelit · 1928-09-20 · Heft 38 (20.9.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 38 (20.9.1928)
Date
1928-09-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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20. September 1928 Der 8 » raelit Nr. 38 Seite 3 an maßgebenden Stellen durch die Art, wie jüdischer Dinge dort vertreten werden, Verwirrung angerichtet wird. Das ist kein rumänischer Fall, es hat sich schon Aehnliches einmal auch in Berlin ereignet, wo ein Minister dem jüdischen „Sendboten" (es war gerade Sabbat), zurief: „Warum setzen Sie sich denn so für die Sabbatinteressen ein, nachdem Sie doch selber im Wagen hier vorgesahren find?" Doppelt belehrend ist dieser Fall für die ^Ostl ä n d e r, wo bis zu den letzten Jahren die Vertretung der jüdischen Interessen ausschließlich in Händen von Männern lag, die für ihre eigene Person vollkommen religiös desinteressiert waren. ' Den rumänischen Rabbiner wird die Bemerkung belehrt haben, wie recht er daran tat, daß er die Aktion in eigene Hand nahm und sie nicht Deputierten und Senatoren, Rechtsanwälten und Bankdirektoren überließ, denen so leicht krasser Gegensatz zwischen Rede und eigenem Tun nachgewiesen werden kann. Wenn die vitale Notwendigkeit einer Organisierung der G e s e tz e s t r e u e n und einer Politisierung iHrhr führenden Männer, in dem Sinne, daß sie ihre heiligsten Belange selbst vertreten und erledigen, noch eines Beweises bedürfte, düs Bukarester Vorkommnis würde ihn in überzeugendster Weise erbracht haben. Der Sittel (Sargenes) am Zorn-Kippur. Von Ing. Aöraham ZSenenfoyn in Ghemnitz. Rur noch wenige Tage, und wieder sehen wir ihn in seiner vollen Schönheit, ihn, den großen und heiligen Tag, gewaltig für jeden, in dem eine jüdische Seele lebt, ihn, den herrlichsten unter allen Festtagen, unseren Jom Kippur. Und wieder ersteht jenes wundersame Bild, vor dem jedes Herz erbebt: die ganze Gemeinde weiß gekleidet, in das Totengewand. Darum dürfte eine kurze Darstellung des Ursprunges und der Geschichte des „Kittels" angebracht erscheinen, zumal da selbst bedeutende Thoragelehrte nur wenig überzeugende, durch nichts belegte Gründe angeben. Im Handbuch des thoratreuen Juden,- dem Kizzur Schulchan Aruch, lesen wir, daß es ein Totengewand sei, durch dessen Anblick das Herz des Menschen demütig wird. Aber der Kittel war am Jom Kippur üblich, bevor noch der Brauch der Totenbestattung in Kitteln bekannt war, in einer Zeit, wo die weiße Hülle nicht Furcht, sondern Freude verbreitete. Im Altetrum, als Israel noch ein selbständiges Volk war, wurden am Jom Kippur keine Tränen vergossen, sondern der in Freude und Frohsinn vorübergegangene Tag gab dem Juden die Zuversicht der Vergebung seiner Sünden, und er hatte gar keinen Anlaß zum Schmerze. Nun ist bekannt, daß früher, als der Mensch der Natur näher war, die Farben, die er in Welt und Natur sah, ihm Symbole waren. Die rote Farbe wird als ein Symbol der Sünden angesehen. Esau, der durch sein ganzes Leben hindurch Blutgierige, wurde rot geboren; Jesaja ruftH: „Wenn eure Sünden wie Purpur sind, werden sie weiß werden," und den gleichen Gedanken spricht auch der Talmud an vielen Stellen aus. Die s ch w a r z e Farbe dient zur Bezeichnung von jeder Art Unglück; sie ist Zeichen der Trauer, der Betrübnis, der Zerknirschung. Der mit dem Bann belegte Rabbi I o s u er) legte schwarze Kleidung an und bedeckte sich mit schwarzem Tuche. Der hochgelehrte Rabbi ,]ptn 'xvvrr leljrt3): „Wenn jemand sieht, daß sein böser Trieb ihn übermannt, so gehe er an einen Ort, an dem man ihn nicht kennt, ziehe schwarze Kleider an und bedecke sich mit schwarzem Tuche." Umgekehrt war die weiße Farbe, als die ursprüngliche, von Menschenhand nicht berührte, Symbol körperlicher und geistiger Reinheit. „Die Engel sind weiß", wozu Rabbi Nachman lehrt?), daß auch der Mensch sich am Sabbath in ein mit Schaufäden versehenes linnenes Gewand hülle, damit er wenigstens in seiner Erscheinung den Engeln gleiche. Auch der Hohepriester entfernte am Versöhnungstage allen Schmuck und Zierrat von sich und behielt nur sein weißes Gewand. „Zu jeder Zeit sei dein Gewand weiß", ruft Kohelet aus. Symbol des Reichtums und Gelingens ist die weiße Farbe (im Lichte erkannte Gott, daß es gut war). N"' 'X IN'NV (' -v"2 Ky’xn •'» rtzmj? (-' •n"D mt? C* Lassen Sie Ihre UHREN bei Neeser-LAPP, Altpgasse L reparieren. Sie Preise sind billig. gehen gut und die Alles unter Garantie. Freude erweckt das weiße Gewand, und darum wählte man dieses in prophetischer und talmudischer Zeit an Festtagen zum Feiertagskleide. So sehr war es im Laufe der Zeit zur Nationaltracht geworden, daß Talmud JeruschalmiH lehren durfte: „Wer einen Prozeß hat. zieht schwarze Gewänder an und umhülle das Haupt mit schwarzem Tuche; wir indes ziehen am Roschhaschono weiße Gewänder an, bedecken uns mit weißen Tüchern und freuen uns". Den Gipfel der Freude aber brachte Jom Kippur. Rabbi Simon b. Jochai lehrt"): „Israel kannte keine größeren Feiertage als den 15. Ab und den Jom Kippur; an ihnen gingen die jüdischen Jungfrauen hinaus in die Weinberge und tanzten dort, in weiße Gewänder gehüllt".. Wann begann man nun den Kittel für Begräbnisse zu benutzen? Das geschah erst verhältnismäßig spät und war die Folge nüchterner Erwägung und nur darum, weil diese Bekleidung die — billigste und auch dem Armen erreichbare war. Im Zeitalter der Mischna hatte die Prunksucht bei Beerdigungen, wo die Toten in kostbare Gewänder gehüllt wurden, derart überhand genommen, daß die Armen ihre Toten im Stich ließen, ja sogar sich durch die Flucht der Bestattung entzogen. Da verordnet^ Rabban (Bamüel7), daß alle Toten, ob reich ob arm gleichmäßig in linnenem Gewände (das ist der „Kitte l") beigesetzt werden müssen, und dieser anfänglich mit Strenge eingeführte Brauch bürgerte sich ein. Ursprünglich also war der Kittel ein Gewand der Lebenden, ein Freudengewand an Fest- und Frohsinnstagen, man trug^ihn am Jom Kippur, weil man sich an ihm freute, keineswegs weil man niedergedrückt war und „sein Herz demütigen wollte". Sogar heute noch pflegt in vielen Ländern, die altjüdische Uebertieferungen liebevoll konservieren, der Bräutigam am Hochzeitstage einen Kittel anzuziehen, ein Brauch, der zweifellos seinen Ursprung in einem Gebot des Talmuds hat, der verlangt, daß der Bräutigam •i"3 rv’isrn (,: -1"3 INI» (' KOHLEN KOKS BRIKETTS HOLZ Winschermann Neue Mainzerstrasse 16 Telefon: Hansa 8068-8069 rr Gegründet 18 4 8 Dm bezieht sich auf die mm» 'n, denn das erste Wort der Frage ist zeitlich zu nehmen und will besagen, bevor Gott kommt, um euch durch Strafen zu reinigen und zur Buße zu veranlassen, so daßdie Rückkehr zu Gott aus freiem Antriebe und ohne Nebenabsichten erfolgt: noch geschieht, während ihr -im Vollbesitz irdischen Glückes seid, Diese mwn wandelt alle bisherigen Sünden in verdienstliche Werke und nach dem Prophetenwort mpin erfolgt die Entsühnung durch Gott allein und ohne Schmerzen. Die zweite Frage, asm inv» '», bezieht sich auf eine rni'» 'T). „Wer ist es, der euch reinigt und durch welche Mittel?" Aus dem Wortlaut der Frage entnehmen wir, daß bereits etwas geschehen, das Veranlassung zur Rückkehr geworden ist. Krankheit!, Armut, Not und Ungemach mögen es gewesen sein, Umstände, von dem ihr wünscht, daß sie nie wiederkehren. Ihr erwartet also für die Teschuba eine Gegenleistung. Eure Hoffnung soll nicht getäuscht werden, wenn auch nur eure mn-n in rmrv gewandelt werden. Darum als Beweis 'n w mp» -mp» in der Doppelbedeutung: Reinigungsquell und Hoffnung. Ohne weiteres werden nun auch die Worte des Propheten Hofea verständlich. mw Kehre zurück (aus freien Stücken), i'p^rr 'n iv,ehe der Ewige, dein Gott, seine Vorboten sendet. Dann — im Falle &ermm»'Ji bedarf es' keiner Opfer zur werteren Entsühnung; dein Wort,- deine feste Entschließung und Durchführung genügen und bewirken aiv npi- Das andere Wort desselben Propheten ist auf die rum» mi»n gemünzt, 'fi brr miiwi Kommt, wir wollen zu Gott zurückkehren, weil er uns gestraft hat. Die Folge auch dieser mwn wird sein: i'wb rrrm- 'sit?’ QD-ntm Seid ihr nicht wirklich glücklich zu preisen, ihr Mitglieder des Hauses Israel, wolltet ihr diesen Worten aus der schriftlichen und mündlichen Lehre nur ein wenig Beachtung schenken! Welche herrlichen Aussichten eröffnen sich hiernach z. B. dem Sabbatschänder, mag er nun mm» oder mag er nrri'v zurückkehren! Was bedeutet die Erwerbung des leidigen Geldes gegen die Aussichten rtpi oder des i'3sb mmi! Darum noch einmal:! i'pbrr 'n *w brriv' rnie? Kleines Feuilleton. Tolstoi über kischinew. Im Anschluß an die Greuel von Kischinew hatte der hervorragende russische Gelehrte, Professor Nikolai Jljitsch Staraschenko, in Petersburg die Absendung einer Adresse an das Komitee zur Unterstützung der Juden in Kischibew angeregt. Auch Tolstoi wurde aufgefordert, seine Unterschrift für diese Kundgebung, die bereits von etwa 350 Gelehrten, Künstlern und sonstigen, im öffentlichen Leben stehenden Personen unterzeichnet war, zu geben. Darauf erhielt Professor Staraschenko einen Brief, in dem es heißt: „Bon ganzem Herzen stimme ich Ihren Ausführungen bei. Nur die Worte: „Es ist eine brennende Schmach für die ganze Christenheit", erregen bei mir Bedenken. Sie können vielleicht wegbleiben oder durch folgende ersetzt werden: Durch die in den letzten Tagen in Kischinew verübten Greuel aufs tiefste erschüttert, drückenwir unter großem Schmerz den schuldlosen Opfern, die durch die in den unteren Volksmassen erregte Bestie gefallen sind, unsere Teilnahme aus und nicht minder unsere Bestürzung über die von Russen verübten Bestialitäten. Unauslöschliche Schmach und Schande über jene, die solches verursacht, indem sie das Volk gegen die Juden aufgehetzt haben, über alle, die daran mitschuldig sind. Jedenfalls, wenn nur jene Worte weggelassen werden, unterschreibe ich alles recht gern, und ich fühle mich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet, daß Sie sich an mich in dieser Angelegenheit gewandt haben . . Außerdem schreibt Tolstoi einen Brief an einen Herrn in Petersburg, der folgendermaßen lautet: „Lieber I. N.! Ihren Brief habe ich erhalten. Ich habe schon einige ähnliche Briefe zugeschickt bekommen. Alle Korrespondenten, ebenso wie Sie, verlangen von mir, daß ich meine Meinung über die Kifchinewer Vorgänge äußern soll. Mir. scheint, daß in diesen Aufforderungen ein Mißverständnis enthalten ist. Es wird vorausgesetzt, daß meine Stimme Gewicht besitzt und deshalb wird von mir verlangt/ ich möge meiner Meinung über einen solchen wichtigen und nach seinen Ursachen so komplizierten Vorfall, wie die Kischinewer Greueltat es ist, abgeben. Das Mißverständnis besteht darin, daß von mir die Tätigkeit eines Publizisten verlangt wird, während ich ein Mensch bin, der sich mit einer ganz bestimmten Frage, die nichts Gemeinsames mit den gegenwärtigen Vorfällen hat, beschäftigt: nämlich mit der religiösen Frage und ihrer Anwendung auf das Leben. Von mir eine öffentliche Aeußerung meiner Meinung über gegenwärtige Geschehnisse zu verlangen, ist ebenso grundlos wie wenn man dies von irgendeinem.Spezialisten verlangen wollte, der ein gegenwärtiges Ereignis zur Illustration des von mir unterstützten Gedankens gebraucht; aber über alle gegenwärtigen, wenn auch sehr wichtigen Vorkommnisse ein Urteil abzugeben, wie dies die Publizisten tun, ist mir durchaus unmöglich, wenn ich es auch für noch so notwendig hielte. Wenn ich so handeln würde, hätte ich längst von anderen Gesagtes wiederholen müssen, und dann würde wahrscheinlich auch jene „Bedeutung" meiner Meinung nicht existieren, auf Grund deren man von mir ihren Ausdruck verlangt. Was mein Verhältnis zu den Juden und zu den schrecklichen Vorfällen in Kischinew betrifft, so müßte es.

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