Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37 Seite 21 13. September 1928 ____ Aber Samt verstand mit ihnen zu reden. Sie begriffen endlich, daß es einen solchen Befehl nicht geben kann und sie gingen nach Hause. Und Sami wußte, daß er jetzt ruhig schlafen kann, daß seine Bauern keinen Juden anrühren werden. Und wenn fremde Bauern kommen sollten, dann werden schon seine Bauern denen heimleuchten. Und seine Bauern kamen wieder zu ihm, er möge doch einmal in der Zeitung nachschauen, was schon wieder im heiligen Rußland vorgeht; man redet von irgendeiner Konstitution und daß die Bauern Boden beokmmen werden. Und wieder mußte Sami erklären, was es mit der Konstitution an sich hat und wieviel Boden jeder Bauer zugeteilt bekommen wird. Die Bauern waren ihm dankbar und sein Ansehen wuchs. „Ja, wenn wir Sami nicht hätten!" Da kam plötzlich ein „Vorsteher" aus der Stadt ins Dorf und mit ihm ein „Unteroffizier". Er brachte mit sich das Manifest vom 17. Oktober. Der Unteroffizier trieb die Bauern aus deni fünfzehn Dörfern zusammen und las ihnen das Manifest vor. Die Bauern horchten, was da vorgehen wird, dann ließen sie Sami kommen, damit er ihnen erkläre, was der da vorliest. Als ex kam, stellten sie ihn auf ein Faß und baten ihn, er selbst möge ihnen das Papier vorlesen und es ihnen erklären, denn sie glauben niemandem, nur ihm. Der Unteroffizier war beleidigt und er machte eine Anzeige bei feiner Vorgesetzten Behörde. Es dauerte nicht lange, kamen aus der Stadt zwei Gendarmen und sie forderten die Herausgabe dieses jüdischen Aufwieglers. Als das die Bauern hörten, benachrichtigten sie hiervon Sami, sie zogen ihm rasch Bauernkleider an und gangen mit ihm von Haus zu Haus, den jüdischen Aufwiegler zu suchen. Und seit dieser Zeit kommt jeden Montag ein Befehl aus dex Stadt, man möge nicht aufhören, den jüdischen Aufwiegler Samt zu suchen, manchmal kommen auch Geheimagenten und Kosaken, und man sucht bis heute Sami, Sami, den Aufwiegler. Und alle helfen mit und sie finden ihn nicht. Denn was solltendie fünfzehn Dörfer ohne Sami? (Deutsch von Grete Neufeld.) Guk Schatzes! Von K. Ebmo. Freitag nachmittag auf dem Lemberger Markt. Alles schiebt, stößt, drängt, schreit. . Ein hastendes- Hin und Her. Nicht einzelne, ganze Massen wögen durcheinander. Ein Haufen scheint immer den anderen lärmend zu verschlingen, um dann mit doppeltem Lärm zwei neue zu bilden. Und über diesem ganzen schreienden Getriebe immer wieder mit wunderbarer Deutlichkeit das: „Wie'ch bin « jiedische Tochter", „bei man Emuneß (bei meinem Glauben)", ,,'ch sola soi leben", „soll a soi Pilsudski leben, wie Chaje Hot billiger", „Wobei (junge Frau), hat ihr schon auf Schaleschides?" Nur wer schon einmal in einem Maschinenraum eine Unterhaltung zu führen versucht hat, wird diese Leistung voll zu würdigen wissen. Noch ein letztes, Gefeilsche, noch schnell einige Rettige, ein paar Zwiebeln, einen Hering zum v-nivo Alle übrigen Gerichte sind ja schon bereitet. Die goldgelbe Schabbessuppe („die Jauch") steht schon fertig da. Aus dem Fensterbrett wartet neben pfeffer-gewürztem gefülltem Hecht der fette Karpfen in seinem Gelee. Abgekocht ist auch schon Rosinenwein zum Kiddusch und verbreitet weithin seinen angenehm-würzigen Duft. Allmählich beginnt auch auf dem Markt das Gewoge abzuschwellen. Denn schon bedenklich weit hat sich die Sonne dem Westen zugeneigt. Mit gefüllter Markttasche — aber mit um so leererem Geldbeutel, denn kaum hat man bei Chaje eine „Mezie" (etwas sehr billiges) erhandelt, eilt die Hausfrau heim. In den schmalen. Gassen erscheinen auch schon die roten, erhitzten Gesichter der aus den niKip» und Schwitzbädern heim tastenden Juden — denn spätestens in einer halben Stunde.'werden siesich versammeln, um im 1'v ihre S.eelen sich erheben zu lassen und sich zu bereiten für den Empfang .ihrer Königin, der Königin Sabbath. Aber doch sind , noch viele Uebereistige auf dem Markt, die noch hier eine Kleinigkeit und da noch etwas besonders Günstiges einkaufen müssen. Der Israelit Plötzlich jedoch horcht alles auf: andauernd vernimmt man ein kurzes Pop — Pop. Von Tor zu Tor hinkt der lahme, einäugige Schammes, und mit zwei „Pop — Pop"-Schlägen seines Holzhammers ruft der „Popperl" zum gemeinsamen näv „Oj wei, der Schammes kloppt schoin in Schiel aran", schnell stürzen die Hausfrauen davon, eilig packen die Maktfrauen ihre Siebensachen in ihre Körbe und hasten — so weit es eben ihr Leibesumfang gestattet — nach Hause und im Nu ist der große Marktplatz leer. Da — noch vereinzelt — erscheinen die ersten Juden im langen Kaftan und breiten Stramel (mit Zobel besetzte Hüte). Die innere Ruhe, die ihren Zügen eine höhere Weihe gibt, ihr schönes Selbstbewußtsein gepaart mit wahrer Demut, das ihnen mit dem Schabbos kommt, dazu die ernsten, feierlichen Gewänder lassen ihr Gehen schon wie ein würdiges Schreiten erscheinen. Bald aber folgen große Mengen von allen Seiten, die alle zu der einen Marktecke ziehen, wo hoch, alle Häuser überragend die Schul steht. Würdig, doch voller Demut betreten sie das Gotteshaus, in dem große Lampen ihr ruhiges, weißes Licht verbreiten. Der Raum ist gefüllt. Und aus ihrem tiefsten Innern, aus vollen Herzen steigt ihr Gebet empor zu ihrem König, dem König aller Völker, dem Herrn aller Nationen, zum Schöpfer des Himmels und Erbauer der Erde, zu Gott, dem Herrscher der Welt. Nach dem Beten. Langsam strömen die Mengen wieder hrnaus. Alle, die alten Juden mit den langen grauen Bärten, wahre Patriarchen, die jungen Männer mit den schön. zurechtgestutzten schwarzen und blonden Bärten, die geputzten Jünglinge, sie alle haben die ganze Woche hindurch gearbeitet, schwer gearbeitet, abgerackert haben sie sich für ein paar Pfennige; jetzt aber, am heiligen Schabbos. jetzt sind sie frei, sind Menschen unter Menschen, nein mehr, sie sind unabhängige Könige. Unbemerkt aber, von niemandem beachtet, steht im großen Gedränge ein junger Mann. Trotz seiner großen, breiten Gestalt, trotz seiner modischen Kleidung verliert er sich in der schwarzen Menge. Trauer, einsame Zurückgezogenheit, schon beinahe Furcht spricht aus seinen Augen. Ruhelos wandert sein Blick von Gestalt zu Gestalt, von Gesicht zu Gesicht. Er fühlt sich fremd in dieser glücklichen Schar. Nicht wie das dieser Juden ist sein Aeußeres. Kein Bart ziert sein scharfgeschnittenes, schon ein wenig faltiges Gesicht. Ein Trenchcoat verdeckt. feinen Hellen Reiseanzug. Eine Sportmütze trägt er auf dem Kopf und ein schmaler Ring mit einem glitzernden Brillant ziert seinen Finger. Und er hört die Begrüßung des heiligen Tages, er hört das schlichte „Gut Schabes", das über seinen Kopf hinwegschwirrt, das von rechts ausgeht und nach lins geht, das von einem Juden vor . ihm einem Juden hinter ihm zugerufen wird. Und seine Augen zeigen schon mehr als einsame Trauer, mehr als Zurückgezogenheit kann man nun erkennen, eine tiefe, große Sehnsucht offenbart sich in ihnen. „Gut Schabes" sagt der greise Raw zum Wasserträger beim Verlassen des Gotteshauses, „Gut Schabes" antwortet der jüdische Wasserträger dem Raw. In allen Gassen, allen Gäßchen vernimmt man dies Wort, wo nur der jüdische Puls schlägt: „Gut Schabes". Nicht hilft bei so viel Wärme ringsum ein festeres Sicheinhüllen in einen Trenchcoat. Das innere Frösteln weicht doch nicht einem Gefühl warmen Geborgenseins. Und wie im Traum geht der Fremde weiter. Auch er hätte jetzt heimkommen können mit einem „Gut Schabbes". Ja, auch er hatte einst ein „Heim". Auch er kam einst aus dieser Schul. Einst sagte auch er „Gut Schabes". Aber vorbei! Heute ist er hier ein Fremder. Er hätte sich gesehnt in die weite Welt. Wollte nichts wissen vom „altmodischen Getue". Wollte los von den „engstirnigen Ansichten", frei sein von allen Banden. , Er folgte seinem Herzen. Er entlief. Er kam nach Deutschland. .Kam nach Frankreich. Wanderte aus nach Amerika. Müßte schwer arbeiten. Tag und Nacht mühte er sich.ab. Hatte.Erfolg, wurde Fabrikant. Nichts erfuhren von ' ihm seine alten Eltern. Nichts verband ihn mehr mif seiner Heimat. Jetzt aber ist er zurückgekehrt. Niemand jedoch erwartet ihn mehr. Schon lange ist die Mutter tot; auch der Vater vor zwei Jahren gestorben. Einen Sohn haben sie hinterlassen, der Kadisch sagen sollte nach ihnen. Nichts aber hat ihr Sohn geahnt. O, wie er ihn jetzt haßt, diesen amerikanischen Anzug, wie er sich sehnt nach einem jüdischen Heim! Pfui, wie ihn jetzt anwidert sein Zimmer im großen Hotel! Ja, als wollten sie noch höhnen, dringen nun die freudigen Gesänge, die Semiraus, zu ihm. Er muß sich endlich Luft machen. Nein! er kann es nicht mehr ertragen! „Weg mit diesem Leben! Wieder Jude sein, unter Juden! Nur das ist Leben! Herunter mit diesem Trenchcoat! Weg dieser „Mr. Jackson", ich heiße wieder Jankel!" Und ein grausiger Aufschrei, ein furchtbares „Gut Schabes" zerreißt die Stille der Nacht. Himmlische Wallung. Blütenschwer und lichtumwoben, Uebervoll geheimer Kräfte, Steht Natur im Brautgewand. Lustdurchschauert, sannumworben, Trinkt sie aus des Lebens Kelchen, Ueberschäumend bis zum Rand. Ist es wahr, dem Rausch der Blüten Ist so kurzer Wahn beschießen? Das ist aller Schönheit Los? Noch ein Tag und eine Nacht — Und am Morgen decken sacht Tausend Blüten Kies und Moos. Wenn Natur die prächtigen Schleier Von sich wirft, die sie verhüllt. Und zerbricht die zarte Leier, Die so wundersam gespielt. Dann wisse, daß in sicherer Hut Geborgen ihr Geheimnis ruht! — Langsam ist es Herbst geworden. Von den Zweigen fällt es schwer. Wieder liegt's auf Moos und Matten, Doch diesmal bückt man sich und sucht Wie vorher das Blütenmeer: Eifrig, froh, nach jeder Frucht. Raphael Levi. Das Wunder. Nach einer chasstdischen Legende. Ein trüber Herbstnachmittag, feuchtkalter Wind. Gelangweilt steht das kleine ukrainische Städtchen mit seinen graubraunen Holzhäuschen inmitten eines öden, verwahrlosten Flachlandes. Kein Mestsch auf dem Marktplatz. Nur Scharen von Vögeln wühlen gierig im Pferdemist, Ueberbleibsel des gestrigen Marktes. Gestern war hier ein Stoßen und Drängen, ein Feilschen und Anpreisen, Fluchen und Schreien, Schelten, und Zetern, so daß Pawel, der bärtige Marktgendarm mit der übergroßen Pelzmütze, mehrmals schlichtend und strafend eingreifen mußte. Aber heute — erstarrt und tot liegen die krummen Plastersteine durcheinander. Der Verkehr im Städtchen ist ausgestorben; kein Wagen, kein Reiter. Große verrostete Riegel liegen quer über den Türen der Läden und Lädchen. Wie ein drohendes Unwetter lastet die Schwermut auf dem Städtchen. „Ein verhexter Tag", brummen die Bauernin den Schenken und spülen den leise aufsteigenden Schrecken mit einigen kräftigen Schnäpsen und derben Scherzen hinunter. Sie wissen es alle. Pawel hat es gestern von Jojne gehört, dem unförmigen Wasserträger, den Pawel — je nach Bedarf — zeitweilig mittels einiger Kopeken zu seinem Vertrauten macht. In allen Schenken hat man sichs schon zugeflüstert, daß der fremde Judenrabbi, den man erst vor ein paar Tagen mit frommer Feierlichkeit empfangen hat, daß dieser Wundertäter am Versöhnungstag zum erstenmale in der Synagoge vorbete, und das bevorstehende Gebet des Rabbi, der von ihnen abergläubisch verehrt wird, weil er mit seinen Wunderkuren auch vielen Christen beigestanden haben soll, wirkt lähmend auf sie. Reuegefühle werden wach, Vorahnung des Jüngsten Gerichts. Man ist in Erwartung von etwas Geheimnisvollem, Uebernatürlichem. Unfaßbarem. . . Einige schleichen sich zum Bethaus, das baufällig und bucklig wie ein jüdischer Bettler in einem der Seitengäßchen gelegen ist. „Der leibhaftige Böse hat es dorthin gestellt", hatten sie zwar beim Popen gelernt, „allen frommen Christenmenschen zur Schande und Verführung". Doch das dunkle Verlangen nach dem Wunder, nach dem Mysterium des Zaddik zieht sie unwiderstehlich an, hinein zu den,, fastenden Juden mit den weißen Sterbegewändern. Hier stehen sie alle dicht nebeneinandergedrängt in dem kahlen Raume mit den vielen flackernden Talglichtern. Seit dem frühen Morgen unaufhörlich betend, singend und schluchzend, indem sie ihre Körper in rhythmischem Takte unaufhörlich hin und her bewegen. Sie beten — Reue im Herzen — um Frieden und glückliches Leben, um Ehr und Wohlstand, um die „Tilgung ihrer Sündenfchuld"^ Ein Gewoge von weißen Betern:; unharmonischer Rhythmus des Gottesdienstes. Doch plötzlich — Wie gebannt halten sie inne. Aller Blick ist nach vorn gerichtet, nach der Ostwand. Der Zaddik schickt sich an, zum Vorbeterpult zu treten